Digitalisierung verändert den Pflegealltag – jedoch höchst unterschiedlich für Pflegende, Bewohnende und Angehörige. Eine qualitative Pilotstudie der Medizinischen Hochschule Hannover in Pflegeeinrichtungen zeigt, wo digitale Prozesse bereits entlasten, wo Unsicherheiten bestehen, welche Kompetenzen künftig entscheidend sein werden, um digitale Gesundheitsinformationen sicher nutzen zu können – und welche Rolle Pflegende dabei spielen.
Digitalisierung ist längst im Pflegealltag angekommen (1) – ob bei der Dokumentation, in der Kommunikation oder in ersten digitalen Versorgungsangeboten. Doch wie erleben Pflegende, Bewohnende und Angehörige diesen Wandel? Und welche Kompetenzen benötigen alle Beteiligten, um sicher und selbstbestimmt mit digitalen Gesundheitsinformationen umgehen zu können? Eine qualitative Pilotstudie der Medizinischen Hochschule Hannover in Kooperation mit der Barmer hat untersucht, wie Pflegende, Bewohnende und Angehörige Digitalisierung im Pflegealltag erleben und welche Kompetenzen künftig besonders wichtig werden.
Methode. Die Untersuchung basiert auf sieben Fokusgruppen in drei Pflegeeinrichtungen – drei Gruppen mit Pflegenden, drei mit Bewohnenden und Angehörigen sowie eine Gruppe aus dem betreuten Wohnen. In moderierten, rund 90-minütigen Gesprächen diskutierten die Teilnehmenden ihre Wahrnehmungen der Digitalisierung, Erfahrungen mit digitalen Gesundheitsinformationen, Barrieren, Unterstützungsbedarfe sowie Erwartungen an digitale Angebote. Die Gespräche wurden transkribiert und inhaltlich ausgewertet (2; 3).
Insgesamt nahmen 40 Personen an sieben Fokusgruppen teil: 17 Pflegende, 16 Bewohnende oder Angehörige sowie 7 Bewohnende des betreuten Wohnens.
Die Gruppe der Pflegenden war mehrheitlich weiblich und im Durchschnitt 47 Jahre alt. Sie setzte sich aus unterschiedlichen beruflichen Funktionen zusammen: Alten‑ und Krankenpflege, Leitungspositionen, Praxisanleitung und Sozialdienst. Das Bildungsniveau war heterogen. Alle Pflegenden hatten Zugang zu digitalen Endgeräten, vor allem Tablets und Laptops.
Auch in der Gruppe der Bewohnenden und Angehörigen überwogen Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 71 Jahren. Die Gruppe bestand aus sieben Bewohnenden, acht Angehörigen und einer Person aus der Alltagsbegleitung. Der häufigste Schulabschluss war Volks‑ oder Hauptschule. Vier Personen nutzten keine digitalen Endgeräte, die meisten verfügten aber zumindest über ein Smartphone.
Die Gruppe "Bewohnende des betreuten Wohnens" war ausschließlich weiblich und mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren die älteste. Der Bildungsstand entsprach überwiegend dem Volks‑ oder Hauptschulabschluss. Drei der sieben Personen nutzten keine digitalen Endgeräte.
Die Stichprobe zeigte eine alters- und bildungsbezogene Heterogenität mit einem hohen Frauenanteil. Während Pflegende breit digital ausgestattet waren, war der Zugang zu digitalen Geräten bei älteren Bewohnenden – besonders im betreuten Wohnen – deutlich eingeschränkt.
Digitale Dokumentation erleichtert den Pflegealltag
Ergebnisse. Pflegende berichten, dass digitale Dokumentationssysteme ihren Alltag deutlich erleichtern. Sie ermöglichen eine schnellere Informationsverfügbarkeit, reduzieren doppelte Arbeit und sorgen für mehr Transparenz im Team. Gleichzeitig wird Digitalisierung als ambivalent erlebt: Datenschutz, Systemausfälle oder unklare rechtliche Vorgaben führen zu Unsicherheiten. Auch fehlt es vielen an vertiefenden Schulungen, die über eine reine Softwareeinweisung hinausgehen. Der Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen, etwa das Einschätzen der Verlässlichkeit medizinischer Websites, wird von Pflegenden als herausfordernd beschrieben. Viele wünschen sich kompakte, praxisnahe Fortbildungsangebote, die ihnen mehr Sicherheit geben und sie befähigen, Bewohnende aktiv zu unterstützen.
Bewohnende kämpfen mit digitaler Gesundheitskompetenz
Für Bewohnende und Angehörige zeigt sich ein deutlich heterogeneres Bild. Viele stehen der Digitalisierung grundsätzlich offen gegenüber und nutzen digitale Angebote im Alltag, etwa Messenger-Dienste oder Online-Banking. Im Gesundheitskontext hingegen fühlen sich viele überfordert: Die technische Ausstattung fehlt, Bedienoberflächen sind komplex und die Bewertung von Gesundheitsinformationen bereitet Schwierigkeiten. Die elektronische Patientenakte ist den meisten unbekannt. Wird sie erklärt, reagieren Bewohnende und Angehörige grundsätzlich positiv – sofern Datenschutz, Transparenz und einfache Nutzung gewährleistet sind. Digitale Gesundheitsangebote wie Videosprechstunden oder Apps werden kaum genutzt, obwohl Interesse besteht. Ausschlaggebend hierfür sind fehlende Geräte, mangelnde Unterstützung und Unsicherheiten im Umgang.
Besonders deutlich wird, dass viele Bewohnende, insbesondere hochaltrige Menschen, über eine problematische digitale Gesundheitskompetenz verfügen. Sie wissen nicht, wo sie vertrauenswürdige Informationen finden oder wie sie digitale Gesundheitsangebote sinnvoll nutzen können. Gleichzeitig äußern viele den Wunsch, dies zu lernen. Damit wird klar, dass digitale Angebote nur dann ihr Potenzial entfalten können, wenn Einrichtungen aktive Unterstützung bieten.
Warum Pflegeeinrichtungen digitale Lernkulturen brauchen
Diskussion. Die Studie zeigt, dass digitale Transformation in der stationären Pflege als komplexes Zusammenspiel verschiedener struktureller, organisatorischer und individueller Faktoren verstanden werden muss. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Pflegende einerseits von digitalen Dokumentationssystemen profitieren, gleichzeitig aber vor Herausforderungen wie unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen, Unsicherheiten im Datenschutz sowie fehlenden vertiefenden Schulungen stehen. Diese Ambivalenz entspricht Erkenntnissen der aktuellen Forschung, die betont, dass technische Innovationen in der Pflege erst dann wirksam werden, wenn sie in stabile organisatorische Strukturen eingebettet und durch kontinuierliche Qualifizierungsmaßnahmen begleitet werden (1).
Besonders bedeutsam ist die Rolle der Pflegenden als zentrale Multiplikator:innen digitaler Gesundheitskompetenz. Studien zeigen, dass ihre professionelle Gesundheitskompetenz maßgeblich dafür ist, ob digitale Angebote im Pflegealltag sinnvoll eingesetzt werden können (4; 5). Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen diese Perspektive. Pflegende äußern einen klaren Bedarf an praxisnahen Fortbildungen, die über Softwareeinweisungen hinausgehen und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen, deren Bewertung und Vermittlung stärken. Dies unterstreicht, dass digitale Transformation nicht nur technologisch, sondern insbesondere bildungsbezogen gestaltet werden muss.
Für Bewohnende wird deutlich, dass digitale Teilhabe stark von infrastrukturellen Voraussetzungen abhängt. Fehlende Endgeräte, komplexe Bedienoberflächen und Unsicherheiten bei der Bewertung von Gesundheitsinformationen führen dazu, dass digitale Angebote trotz grundsätzlicher Offenheit kaum genutzt werden. Diese Problematik findet in der Forschung breite Bestätigung. Besonders hochaltrige Menschen weisen häufig eine problematische digitale Gesundheitskompetenz auf, was die Nutzung digitaler Angebote erheblich erschwert (6; 7). Die Ergebnisse machen zudem deutlich, dass sich viele Bewohnende Unterstützung wünschen – ein Hinweis darauf, dass digitale Förderung wirksam sein kann, wenn sie niedrigschwellig, alltagsnah und ressourcenorientiert gestaltet wird.
Für Pflegeeinrichtungen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Digitalisierung als langfristige Organisationsaufgabe zu begreifen. Dies umfasst sowohl die Bereitstellung technischer Infrastruktur als auch die Entwicklung einer Lernkultur, die Erprobung, Austausch und Weiterentwicklung ermöglicht. Organisationsbezogene Perspektiven betonen, dass nachhaltige Digitalisierung nur gelingen kann, wenn technische, personelle und strukturelle Maßnahmen integriert gedacht werden (8). Die Ergebnisse der Studie fügen sich stimmig in diese Erkenntnisse ein und verdeutlichen, dass digitale Gesundheitskompetenz ein wesentlicher Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit stationärer Pflege ist – sowohl für Pflegende als auch für Bewohnende.
Ausblick. Diese Studie bildet eine wichtige Grundlage für die bedarfsgerechte Weiterentwicklung von Angeboten zur digitalen Gesundheitskompetenz. Ein zentrales Element sollte dabei der präventive Ansatz sein. Digitale Gesundheitskompetenz soll möglichst schon vor dem Eintritt eines Pflegebedarfs oder vor einem Umzug in eine stationäre Einrichtung gefördert werden. Wenn die systemischen und organisationalen Rahmenbedingungen frühzeitig und partizipativ geschaffen werden, können Maßnahmen zur Entwicklung der Gesundheitskompetenz ihre Wirkung besser entfalten.
Langfristiges Ziel sollte es sein, bestehende Lücken in der Förderung digitaler Gesundheitskompetenz zu schließen, nachhaltige und strukturierte Unterstützungs- und Schulungsangebote aufzubauen sowie erprobte Konzepte übertragbar zu machen.
Literatur:
(1) Sachverständigenrat Gesundheit & Pflege. Digitalisierung für Gesundheit. Bonn; 2021.
(2) Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse. 12. Aufl. Weinheim: Beltz; 2015.
(3) Bohnsack R. Gruppendiskussionsverfahren. Wiesbaden: VS Verlag; 1999.
(4) Schaeffer D, Hurrelmann K et al. Professionelle Gesundheitskompetenz bei Pflegenden. Pflege 2024.
(5) HLS-PROF-GER. Ergebnisbericht professionelle Gesundheitskompetenz. Berlin; 2023
(6) Schaeffer D, Berens E-M et al. Digitale Gesundheitskompetenz in Deutschland – HLS-GER 2. Gesundheitswesen 2021.
(7) BAGSO. Bedienoberflächen im Fokus. Bonn; 2025.
(8) Kubek V, Velten S, Eierdanz F, Blaudszun-Lahm A (Hrsg.). Digitalisierung in der Pflege. Heidelberg: Springer; 2020.