• Praxis
Genderspezifische Demenzbetreuung

Männersache!

Zweimal wöchentlich bietet der Caritasverband Düsseldorf Gruppennachmittage speziell für Männer mit Demenz an. Mit Erfolg: Die Plätze sind begehrt, die Männer danach ausgeglichener und zufriedener. 
Veronika, der Lenz ist da / Die Mädchen singen tralala – voller Inbrunst singt der 76-jährige Harald S.* den Volksliedklassiker – und das, obwohl er unter Aphasie leidet. Gemeinsam mit acht weiteren Männern trifft er sich jeden Donnerstag von 14 bis 17 Uhr in der Gruppe „Halbzeit“. Heute hat Harald einen Guten Tag, manchmal blättert er aber lieber in seinem Lieblingsbuch über Oldtimer anstatt mitzusingen. Dann ist er so vertieft, dass seine Frau Emmi Mühe hat, ihn wieder mit nach Hause zu nehmen. 
Die Männer fühlen sich wohl in ihrem "Männerclub". Aber oft braucht es drei bis vier Besuche, bevor sie wirklich gerne zu den Männernachmittagen des Caritasverbandes Düsseldorf im Stadtteil Bilk kommen. Dann aber werden die genderspezifischen Angebote von den Männern mit Demenz besser angenommen als wenn sie eine gemischte Gruppe besuchen, so die Erfahrungen in Düsseldorf. 

"Das ist doch alles Weiberkram"

Ausschlaggebend für die Gründung der Gruppe war, dass sich ein Teilnehmer weigerte, an geselligen Nachmittagen mit Frauen teilzunehmen. Die Versuche, besonders auf ihn einzugehen, schlugen fehl. Mit den Worten "Das ist doch alles Weiberkram! Da geh´ ich nicht mehr hin!" beendete er schließlich seine Teilnahme an dem Betreuungsprogramm. In einem anschließenden Gespräch offenbarte sich, wie es dazu gekommen war. Er sah sich und seine Bedürfnisse in der gemischten Gruppe nicht berücksichtigt, und als meistens einziger Mann fühlte er sich dort schlicht fehl am Platz. 
Wie sich herausstellte, ging es vielen an Demenz erkrankten Männern so. Eine Ehefrau berichtete etwa: "Mein Mann kommt nur, wenn da auch andere Männer sind." So entstand 2012 schließlich die Idee, eine Gruppe speziell für Männer mit Demenz zu gründen. Die Gruppe richtet sich an Männer mit einer leichten Demenz, die noch zu Hause betreut werden. Für 25 Euro pro Nachmittag können sich pflegende Angehörige selbst eine Pause von der Betreuung ihres Ehemannes oder Vaters gönnen und ihn in die Obhut der Halbzeit-Gruppe geben. 

Strenge Erziehung und prägende Nachkriegszeit

Die Männer, die an den Nachmittagen teilnehmen, haben in der Regel Krieg und Nachkriegszeit erlebt, ihre Erziehung war oft streng. Getreu dem Motto "ein Junge weint nicht" haben sie gelernt, dass ein Mann tapfer ist und nicht über seine Gefühle spricht. Werte wie Stärke, Leistung und Unabhängigkeit sind entscheidend für ihr Selbstverständnis als Mann. Und egal, ob im Büro oder in der Werkstatt, in der Eckkneipe, in Vereinen oder im Fußballstadion –  Männer dieser Generation waren in Beruf und Freizeit meistens unter sich. 
Vor diesem Hintergrund erscheint es also nur folgerichtig, dass Männer mit Demenz sich in der Gesellschaft von anderen Männern besser aufgehoben fühlen und genderspezifische Angebote besser annehmen. Auch die Männergruppe "Halbzeit" soll eine Atmosphäre vermitteln, in der die Teilnehmer sich als Männer akzeptiert fühlen.
So ist schon der Start in die Gruppennachmittage von eher männlichen Begrüßungsritualen bestimmt. Harald und die anderen Teilnehmer werden mit festem Handschlag oder einem kumpelhaften Schulterklopfen begrüßt. Auch die Dekoration im Raum ist auf männliche Interessen abgestimmt: So zieren etwa Bierdeckel lokaler Brauereien oder Fußballfotos Wände und Tische. Dadurch erinnern sich einige an gesellige Abende in der Altstadt oder im Partykeller und ein erstes Gesprächsthema ist gefunden. 

In Erinnerungen schwelgen

Wenn alle Platz genommen haben, werden bei Kaffee und Kuchen Neuigkeiten aus der Gruppe und aktuelle Ereignisse besprochen. Das können Geburts- und Hochzeitstage sein oder aktuelle politische und sportliche Ereignisse. Die Männer sollen sich als akzeptierte Gesprächspartner und Experten erleben, die von Themen berichten, in denen sie sich auskennen. Sie erinnern sich dadurch nicht nur an schöne oder bessere Zeiten, auch ihr Wohlbefinden steigt. Mit Gedächtnisankern wie Bildern oder Tonaufnahmen wird versucht, das Altgedächtnis der Männer zu aktivieren. Dabei ist es wichtig, dass die Anker mit persönlich bedeutsamen Episoden verbunden werden. So weiß Harald noch genau, wie er die Zeit des Wiederaufbaus unter Bundeskanzler Konrad Adenauer erlebt hat. 
Ein beliebtes Thema innerhalb der Gruppe sind Motorroller und Motorräder. Für Einige waren sie das erste eigene Fortbewegungsmittel. Da ist es immer spannend, sich zu erinnern, wie es angeschafft wurde und was man damit unternommen hat. Harald etwa denkt gerne an die Zeit zurück, als er auf seinem DKW-Motorrad mit seiner Frau immer zum Tanz gefahren ist. Auch bei Fotos von Autos aus den 1950er-Jahren schwelgt er in Erinnerungen. An Traumautos wie die Borgward Isabella oder Kuriositäten wie die Isetta kann er sich natürlich erinnern. Wünsche und Sehnsüchte aus seiner Jugendzeit sind dann wieder zum Greifen nah.
Auch sportlich und handwerklich geht es innerhalb der Truppe zu. Während der Sitzgymnastik etwa sollen vor allem die Koordination, beispielsweise von Auge und Hand, und die Reaktionsfähigkeit gefördert werden. Bei Sitzfußball oder Wurfübungen mit Bällen machen alle aktiv mit – unabhängig von ihren kognitiven und körperlichen Einschränkungen. 

Gestärktes Selbstbewusstsein

Auch vom Handwerken profitieren die Teilnehmer und erhalten persönliche Bestätigung durch ein greifbares Ergebnis. Harald etwa kann trotz seiner Apraxie mit einem Schraubenzieher hantieren. Dann entstehen Momente, in denen Frustrationen und Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit zurücktreten und einem Gefühl von Glück und Zufriedenheit weichen. 
Damit sich jeder unabhängig von seinen handwerklichen Fähigkeiten in die Gruppe integriert fühlt, reicht manchmal schon reines Fachsimpeln. "Ich würde erst markieren, an welche Stelle die Schraube eingedreht werden soll. Sonst passt es hinterher nicht", geben sich die Männer Tipps untereinander. Hier zeigen sich typische männliche Verhaltensmuster, durch die sich die Männer in ihrer Rolle bestätigt und letztlich als Mann akzeptiert fühlen. Haralds Frau Emmi ist jedenfalls sehr dankbar, dass ihr Mann einen der begehrten Plätze in der Männergruppe ergattern konnte: "Er ist dann immer viel ausgeglichener und zufriedener, manchmal sogar wieder richtig selbstbewusst." 
*Name von der Redaktion geändert

Ausgezeichnetes Konzept

Die Gruppe Halbzeit existiert seit 2012 im Düsseldorfer Stadtteil Bilk. Zwei Jahre später ist aufgrund des großen Zuspruchs „Anpfiff“ hinzugekommen. Auch diese Gruppe im Süden der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt widmet sich Männern mit Demenz, die noch ambulant zu Hause versorgt werden. Beide Gruppen sind anerkannte Betreuungsgruppen für Menschen mit Demenz und können mit der Pflegekasse abgerechnet werden.
2014 ist „Halbzeit“ mit dem Rudi-Assauer-Preis ausgezeichnet worden. 

Einen Einblick in die Männernachmittage gibt der Film über die "Halbzeit"-Gruppe.

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