Die Einführung eines strukturierten Demenzkonzepts in Pflegeheimen kann die Arbeitsbelastung von Pflegekräften verringern und die Versorgung verbessern. Das geht aus dem Abschlussbericht zur modellhaften Implementierung der Selbsterhaltungstherapie (SET) in fünf stationären Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz hervor. Demnach sank insbesondere die empfundene Hilflosigkeit im Umgang mit Menschen mit Demenz deutlich, ebenso die Belastung durch Arbeitsanforderungen und konflikthafte Situationen.
Mehr Struktur, bessere Informationen
Ein zentrales Element des Konzepts ist die strukturierte Bewohnerbesprechung. Sie wurde bei rund drei Viertel der Betroffenen etabliert.
Zugleich verbesserte sich die Dokumentation deutlich: Angaben zum Demenzschweregrad lagen nach der Einführung bei 72,5 Prozent vor – zuvor waren es kaum erfasste Einzelfälle.
Auch biografische Informationen wurden häufiger dokumentiert, etwa zu früheren Interessen oder prägenden Erfahrungen. Diese Daten gelten als Grundlage für eine stärker individualisierte Pflege.
Pflegende berichten, sie könnten dadurch Bedürfnisse besser erkennen und Bewohner gezielter unterstützen.
Entlastung ohne mehr Pflegeaufwand
Trotz zusätzlicher Strukturarbeit führte das Konzept laut Bericht nicht zu einer höheren Belastung. Im Gegenteil: In mehreren Bereichen zeigten sich signifikante Entlastungseffekte.
So nahm etwa die Belastung durch das "Ruhigstellen" von Bewohnenden spürbar ab.
Der Aufwand verschob sich vor allem in die Dokumentation, während der direkte Pflegeaufwand unverändert blieb oder geringer wahrgenommen wurde.
Teamarbeit verbessert sich
In Fokusgruppen berichten Mitarbeitende zudem von besserer Zusammenarbeit:
- "Wir tauschen uns mehr aus, auch zwischen den Berufsgruppen"
- "Wir sind mehr zusammengewachsen"
- "Man sieht den Bewohner als Ganzes und für alle ist es sichtbar"
Auch die Dokumentation sei transparenter: "Es wird viel klarer dokumentiert."
Umsetzung bleibt abhängig von Rahmenbedingungen
Trotz positiver Effekte nennen die befragten Pflegekräfte strukturelle Hürden. Dazu zählen Personalmangel und begrenzte Zeit für regelmäßige Fallbesprechungen.
Die Ergebnisse zeigen damit ein differenziertes Bild: Verbesserungen in Pflegequalität und Arbeitsbelastung sind möglich, hängen aber stark von den organisatorischen Bedingungen ab.
Das SET-Konzept im Überblick
Die Selbsterhaltungstherapie (SET) ist ein (neuro)psychologisch fundiertes Konzept für die Betreuung von Menschen mit Demenz. Im Mittelpunkt steht eine ressourcen- und bedürfnisorientierte Pflege, die auf individuelle Fähigkeiten, Biografie und aktuelle Bedürfnisse abstellt.
Zentrale Prinzipien sind:
- Anpassung von Kommunikation, Aktivitäten und Umgebung
- Förderung sozialer Teilhabe und Selbstständigkeit
- Vermeidung belastender Verhaltenssymptome
Empfehlungen für die Pflegepraxis
Das Konzept sieht konkrete Maßnahmen vor:
- regelmäßige strukturierte Bewohnerbesprechungen im Team
- systematische Erfassung von Ressourcen und Biografie
- mindestens mehrere individuell passende Aktivitätsangebote pro Woche
- angepasste Kommunikation (zum Beispiel bestätigend statt korrigierend)
- interdisziplinäre Zusammenarbeit und Einbindung von Angehörigen
Abgrenzung zu anderen Ansätzen
SET versteht sich als breit angelegtes Gesamtkonzept, das verschiedene bekannte Methoden integrieren kann. Im Unterschied zu einzelnen Ansätzen wie Validation oder MAKS® (motorisch, alltagspraktisch, kognitiv, sozial) richtet es sich nicht nur auf Teilbereiche (etwa Kommunikation oder Aktivierung), sondern auf alle relevanten Lebensbereiche von Menschen mit Demenz.
Zugleich berücksichtigt SET – stärker als einige andere Konzepte – auch medizinische Informationen wie Diagnose und Schweregrad der Demenz für die Pflegeplanung.