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  • 22.06.2018
  • Praxis

Pflege-Start-up

"Die App schließt eine Kommunikationslücke"

Zwei junge Unternehmer haben eine App entwickelt, die die Kommunikation zwischen Angehörigen von Heimbewohnern und Pflegenden verbessern soll. Wir sprachen mit einem der beiden Start-up-Gründer, Jasper Böckel, über die Idee hinter der App.

Herr Böckel, Sie sind Gründer der Myosotis GmbH, einem im vergangenen Jahr gegründeten Start-up. Was bieten Sie an? 

Der Name Myosotis leitet sich von der Pflanze Vergissmeinnicht ab – und genau darum geht es: Pflegende können die Angehörigen via App-to-App oder App-to-Mail über Ausflüge, Veranstaltungen oder andere Ereignisse mit Fotos, Textnachrichten oder auch Videos informieren. Die Kenntnis über solche Aktivitäten ist für die Familien außerordentlich wichtig, weil sie ihre betagten Verwandten in guten Händen wissen wollen − in einer Einrichtung, deren Versorgungsqualität im Alltag nachvollziehbar gelebt wird. Die App verbessert auch die Kommunikation zwischen den Angehörigen und dem Bewohner selbst.

Inwiefern?

Häufig vergessen Senioren, ihren Kindern oder Enkeln positive Ereignisse aus ihrem Alltag zu berichten. Durch die regelmäßigen App-Updates haben die Familien nun ein interessantes Gesprächsthema – etwa: "Wie war es im Museum oder beim Ausflug?". Ein weiteres Feature: Die Mitarbeitenden können den Angehörigen mitteilen, ob der Bewohner beispielsweise eine neue Zahnpasta benötigt oder für den anstehenden Besuch einen anderen Wunsch hat. Der Austausch über die App erlaubt es Pflegenden ihre Arbeit transparenter zu präsentieren und dadurch auch mit mehr Selbstbewusstsein auszuführen. Ein wichtiger Teil ist dabei die Anerkennung, die die Pflegenden von den Angehörigen erhalten. Wir haben festgestellt, dass vor allem die kurzen Nachrichten der Angehörigen als Reaktion auf etwa ein versendetes Foto enorm motivierend für die Pflegenden sind und ihnen ein gutes Gefühl geben. Dieser effiziente und strukturierte Austausch spart den Pflegenden Zeit – diese können sie wieder für ihre eigentliche Aufgabe, den Umgang mit den Senioren, verwenden.

Was ist das Besondere an der App?

Insgesamt machen die App drei Punkte aus. Zunächst ist die Idee das Besondere. Die Lücke in der Kommunikation zwischen Pflegepersonal und Angehörigen ist ein Problem, für das es bisher keine Lösung gab. Mit unserer App wollen wir eben diese Lücke schließen. Da es keine vergleichbare App auf dem deutschen Pflegemarkt gibt, genießen wir in diesem Gebiet ein Alleinstellungsmerkmal. Der zweite besondere Punkt an unserer App ist die Datensicherheit.

Erklären Sie das bitte.

Da wir uns als Kommunikations-App im Gesundheitswesen mit vertraulichen Daten auseinandersetzen, hat Datenschutz für uns höchste Priorität und unterscheidet uns wesentlich von anderen Messenger-Diensten wie WhatsApp. myo erfüllt den neuesten Stand der europäischen Datenschutzverordnung, alle Daten von myo befinden sich auf deutschem Boden, die Beiträge sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt und myo hat keinen Zugriff auf die versendeten Informationen. Uns ist es besonders wichtig zu betonen, dass wir kein Interesse an den Daten haben und sie nicht an Dritte weiterleiten. Unser Ziel ist es, einen Service anzubieten, über den sensible Daten sicher und geschützt versendet werden können.

Und was macht den dritten Aspekt aus?

Der dritte Punkt, der uns auszeichnet, ist die praxisorientierte Entwicklung der myo-App. Wir wollen mit der App ein Problem lösen, das in der Praxis besteht und als solches auch nur mit Kenntnissen aus der Praxis gelöst werden kann. Nur wer versteht, wie der Gesundheitsmarkt und die individuellen Einrichtungen funktionieren und aufgebaut sind, kann eine realistische Lösung finden, die wirklich hilft. Aus diesem Grund haben wir sehr viel Wert auf eine enge Kooperation mit Pflegeheimen und Pflegenden gelegt. Der Pflegeheimbetreiber Agaplesion ist als Kooperationspartner seit der ersten Stunde eine wichtige Unterstützung für uns. Pflegende von Agaplesion haben uns maßgeblich darin unterstützt, die App so zu gestalten, dass sie bestmöglich auf die Anforderungen und Bedürfnisse im Alltag von Pflegenden abgestimmt ist.

Wie ist die Idee für diese App entstanden? Haben Sie einen besonderen Bezug zur Altenpflege?

Die Idee der myo-App ist tatsächlich eher durch einen Zufall entstanden. Ursprünglich hatten wir einen ganz anderen Plan. Mitbegründer Felix Kuna kommt aus der Immobilienbranche und ich aus der Unternehmensberatung. Im vergangenen Jahr hat sich die Möglichkeit und Idee ergeben, ein Immobilienprojekt in Form von modernen Pflegeheimen zu gründen. Da wir aber beide über keinerlei Expertise in der Pflege verfügten, entschieden wir uns gemeinsam dazu, ein viermonatiges Pflegepraktikum zu absolvieren. Das Pflegepraktikum haben wir 2017 in einer Agaplesion-Einrichtung in Steglitz gemacht. Während dieser Zeit wurden wir auf die Lücke in der Kommunikation zwischen Pflegeheimen und Angehörigen der Bewohner aufmerksam. Vor allem ein Erlebnis war in dieser Hinsicht sehr prägend.

Welches?

Im Rahmen unseres Praktikums haben wir im Februar 2017 ein Museumsausflug mit einigen Bewohnern des Pflegeheims organisiert, was mit viel Aufwand verbunden war. Mit dem Bus hin, Museumsbesuch mit Kaffee und Kuchen, mit dem Bus zurück und anschließend Mittagessen. Es war ein sehr schöner Ausflug und wir haben gemerkt, dass es den Bewohnern sehr gut tat, mal aus dem Pflegeheim rauszukommen. Nach dem Mittagessen kam die Tochter einer Bewohnerin zu Besuch und fragte ihre Mutter, was sie am Tag erlebt habe. Daraufhin antwortete die Mutter, dass sie weder irgendetwas erlebt, noch gegessen habe. Die Tochter reagierte verständlicherweise empört und wir waren überrascht, wie wenig die Tochter vom Alltag ihrer Mutter mitbekam. Wir haben daraufhin mit einigen Pflegenden gesprochen, die uns bestätigt haben, dass dies durchaus ein weitverbreitetes und bestehendes Problem sei. Viele Angehörige wissen nicht, oftmals unverschuldet, welche wichtige und liebevolle Arbeit Pflegende verrichten. Das Bild, das durch die Medien gezeichnet wird, entspricht größtenteils keineswegs der Wahrheit. Die eigentlich tolle Arbeit und die Außenwahrnehmung weichen enorm voneinander ab. Dafür wollten wir eine Lösung finden und so ist die Idee der myo-App entstanden.

Seit Frühjahr beteiligt sich Agaplesion am Unternehmen und hält acht Prozent der Anteile. Was bedeutet das für Sie?

Agaplesion ist ein sehr wichtiger Partner für uns. Der Konzern ist schon mehrfach zum Innovator des Jahres ernannt worden und ist immer daran interessiert, neue und innovative Prozesse einzuführen. Ein besonderer Punkt ist hier vor allem die Offenheit gegenüber neuen Ideen. Das Management von Agaplesion hat uns vom ersten Moment an bei unserer Idee unterstützt. Sie waren bei der Konzeptphase kritischer Diskussionspartner. Sie haben uns immer wieder daran erinnert, dass Datenschutz und Pflege im Vordergrund stehen und unser Produkt nur dann angewendet wird, wenn es sicher ist und Pflegenden Zeit für ihre eigentliche Arbeit spart. In der Testphase haben sie uns ermöglicht, die Anwendung unter echten Bedingungen zu erproben. Durch einen engen Austausch mit dem Management und den Pflegenden vor Ort haben wir es geschafft, die App so praxisnah wie möglich zu gestalten. Nicht nur pflegerisch, sondern auch ebenenübergreifend haben sie uns einen wertvollen Einblick in die Struktur einer Pflegeeinrichtung gewährt. Wir und auch unsere App haben dabei von der Bereitstellung verschiedenster Ressourcen und dem engen Kontakt zu diesem starken Unternehmen maßgeblich profitiert. Der Konzern-Vorstandsvorsitzende Dr. Markus Horneber weiß: Digitale Plattformen wie die Sozialen Medien sind in allen Altersgruppen beliebt und sorgen für eine zeitnahe Kommunikation. Diese Vorteile nutzt myo und passt das Angebot auf die Bedürfnisse im Bereich Wohnen und Pflegen an. Die App baut Service und Transparenz aus, und kann perspektivisch auch ein hilfreiches Instrument bei der Pflegedokumentation sein.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten Monaten als Unternehmer gemacht und welche nächsten Schritte stehen bei Ihnen an?

Als Unternehmer haben wir vor allem in den ersten Monaten die Erfahrung gemacht, dass eine Gründung von vielen Fluktuationen geprägt ist. Auf ein Hoch folgte schnell ein Tief und umgekehrt. Wichtig ist es, bei diesem ständigen Auf und Ab das Wesentliche im Blick zu behalten und sich nicht von fremden und eigenen Ideen ablenken zu lassen – auch wenn ein Umdenken manchmal sehr attraktiv erscheint. Ein Zitat von Steve Jobs trifft es hier ziemlich gut: “I'm actually as proud of the things we haven't done as the things I have done. Innovation is saying no to 1,000 things.” Das vergangene Jahr war sehr ereignisreich für uns: im Frühjahr 2017 haben wir zunächst die Myosotis GmbH gegründet. Nach der erfolgreichen Teilnahme am Axel Springer Plug & Play Accelerator – einer Art Trainingscamp für junge Start-up-Gründer – konnte sich Myo Ende 2017 erste Investments von verschiedenen Investoren und strategischen Partnern, darunter Agaplesion, sichern. Anfang des Jahres 2018 haben wir erfolgreich unsere Pilotphase mit der myo-App gestartet, die mit viel Erfolg läuft. Unser nächster großer Schritt wird der Markteintritt mit unserem Produkt sein, auf den wir uns schon sehr freuen.

Dafür suchen Sie auch noch nach tatkräftiger Unterstützung.

Genau. Wir suchen einen Head of Operations. Das klingt zunächst vielleicht etwas abstrakt, aber dafür brauchen wir jemanden mit pflegerischer oder betreuerischer Berufserfahrung. Denn unsere neue Kollegin oder unser neue Kollege soll uns bei der Vermittlung von Fachwissen, Koordinierung und Einführung der App innerhalb von Pflegeheimen unterstützen. Dazu zählen auch Kommunikationsmanagement und Vertrieb. Wir brauchen eine kommunikative Person, die aber auch ein Händchen für Technik hat und flexibel mit den vielseitigen Aufgaben umgehen kann. Wir sind ein kleines Team mit flachen Hierarchien. Intensive Einblicke in alle Prozesse und eigenverantwortliches Arbeiten sind vom ersten Tag an garantiert.

Weiterhin viel Erfolg für Ihr Unternehmen und vielen Dank für das Gespräch.

 

Gesucht: Head of Operations mit pflegerischer Erfahrung

Myosotis GmbH

c/o Fullberry Foundation

Rykestraße 2

10405 Berlin

Telefon: 0151 52 74 1336

E-Mail: info@myo.de

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