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  • 11.05.2018
  • Bildung

Ausbildung

"Für Veränderungen braucht es uns"

Eine Konferenz von Auszubildenden für Auszubildende – diese Idee setzten engagierte Azubis der Berliner Wannsee-Schule Ende April in die Tat um, um über die derzeitige Situation der Pflege zu diskutieren. "Es reicht nicht, auf eine Erlösung zu warten, wir müssen die Sachen selbst in die Hand nehmen", so eine Erkenntnis der Azubis. Über weitere Ergebnisse und Hintergründe sprachen wir mit Valentin Herfurth, einem der Organisatoren.

Herr Herfurth, warum haben Sie die Pflegekonferenz organisiert?

Wir sind Auszubildende in der Pflege und stolz auf unseren schönen und vielseitigen Beruf. Er macht Spaß, er ist anspruchsvoll, er ist sinnvoll und wir lernen dabei sehr viel über menschliche Schicksale und Verhaltensweisen. Doch der Beruf findet zum großen Teil unter Bedingungen statt, die wir für untragbar halten. Wir werden unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht – eine unglaublich frustrierende Situation – und viele von uns verlassen den Beruf frühzeitig. Das ist natürlich doppelt traurig – weil wir mehr Pflegende brauchen und natürlich auch weil wir tolle Kollegen haben möchten, wenn wir selbst einmal im Beruf bleiben wollen. Die Pflegekonferenz soll aufzeigen, dass Veränderungen nicht von alleine kommen. Sie soll die Azubis anregen, sich verstärkt für ihre eigenen Belange einzusetzen. Denn wir sind die Zukunft und für Veränderungen braucht es uns.

Sie sprechen von "wir". Wer gehörte neben Ihnen noch zum Organisationsteam?

Ja, natürlich habe ich die Veranstaltung nicht alleine organisiert, sondern wir waren eine Gruppe von sechs Leuten aus unterschiedlichen Semestern.

Was treibt Pflegeazubis derzeit um? Welche Themen wurden diskutiert?

Was wir wahrnehmen ist, dass die Azubis recht unzufrieden sind, besonders mit der Situation der praktischen Ausbildung. Schon mit Beginn der Ausbildung stehen wir während der praktischen Einsätze unter Zeitdruck und sehen uns mit einem hohen Stresslevel konfrontiert. Während unserer Arbeit können wir oft den eigenen Ansprüchen nicht genügen und das ist eine zutiefst frustrierende Situation. Zugleich erleben wir insbesondere die Krankenhäuser als sehr starre Systeme. Es ist sehr schwer, neue Ideen zu verwirklichen oder neue Impulse zu setzten. Junge Menschen wollen sich häufig kreativ betätigen und ihre eigenen Ideen verwirklichen. Häufig sehen wir uns aber mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit konfrontiert. "Da ändert sich eh nichts" und "das war schon immer so" sind sinngemäße Äußerungen, denen wir oft begegnen. Außerdem fehlt es quantitativ und qualitativ an Praxisanleitung. Viel zu häufig sind wir ohne geschulte Anleiter im Einsatz oder die Anleitung läuft "nebenbei", während eines normalen Arbeitstags. Da können die Praxisanleiter natürlich häufig keine gute Ausbildung gewährleisten. Es ist selbstverständlich nicht die Schuld der Anleiter, aber es gibt viele Azubis, die sich nur unzureichend auf ihre berufliche Praxis vorbereitet fühlen. Die Wannsee-Schule kooperiert mit vielen verschiedenen Berliner Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Daher wissen wir, dass diese Probleme nicht nur bei einzelnen Häusern auftreten, sondern mehr oder weniger stark überall präsent sind. Wir erleben viel Frust in der Pflege, aber nur wenig Bereitschaft für Veränderung.

Wie ist die Idee für die Konferenz entstanden?

Die Idee der Pflegekonferenzen stammt von den Azubis der DRK-Kliniken, die bereits zwei erfolgreiche Konferenzen veranstaltet haben. Das Motto ihrer ersten Konferenz lautete "Meckern war gestern, machen ist heute". Hier setzt auch unsere Konferenz an und wir hoffen, dass die Pflegekonferenzen bald berlinweit und darüber hinaus stattfinden. Wir wollen damit vermeiden, dass die Azubis mit der Zeit ebenfalls hoffnungsloser werden, gleichzeitig wollen wir Veränderung voranbringen. Wir sind die Zukunft der Pflege und deshalb ist es wichtig, dass wir diese Zukunft aktiv gestalten. Ziel unserer Konferenz war es deshalb, zu diskutieren, weshalb die Situation in der Pflege so ist wie sie ist und welche Handlungsmöglichkeiten wir haben. Dafür hatten wir zwölf Workshops zu verschiedenen pflegefachlichen und pflegepolitischen Themen organisiert. Denn wir vom Organisationsteam glauben, dass es zum einen strukturelle Veränderungen auf politischer Ebene braucht. Zum anderen bedarf es aber auch Veränderungen auf betrieblicher und pflegekultureller Ebene. So resultieren Zeitdruck und Stress natürlich häufig primär aus einer schlechten Personalsituation und dafür braucht es eine politische Lösung. Die mangelnde Bereitschaft für Veränderungen und für neue Ideen ist aber ein ganz anderes Problem.

Wie viele Teilnehmer waren vor Ort?

Es waren etwa 200 Besucher. Die meisten Teilnehmer waren natürlich Auszubildende der Wannsee-Schule aus sämtlichen Semestern. Aber es waren auch Besucher von den umliegenden Einrichtungen dabei, wie den DRK-Kliniken, der Charité und des Herzzentrums. Dies geschieht dank der Vernetzung von vielen Pflegenden und Azubis, die in Berlin seit etwa eineinhalb Jahren intensiv stattfindet. Für die Auszubildenden der Wannsee-Schule, die am 30. April – dem Tag der Veranstaltung – Theorie hatten, war die Veranstaltung allerdings auch verpflichtend. Aber es haben sich auch sehr viele Auszubildenden in den Praxiseinsätzen freistellen lassen, sodass unsere Workshops fast überfüllt waren.

Welches Fazit ziehen Sie nun aus der Konferenz? Was hat sie gebracht?

Die Konferenz hat den Azubis die Möglichkeit gegeben, sich zu treffen, auszutauschen und zu vernetzen. Außerdem wurden in den Workshops Probleme und Lösungsansätze thematisiert. Im Anschluss an die Workshops hatten die Azubis die Möglichkeit, ihre Fragen an Vertreter aus Politik, Gewerkschaft, Berufsverbänden und Schulleitung zu stellen. Dafür gab es eine Podiumsdiskussion mit der Staatssekretärin für Pflege in der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Barbara König, mit der Vorsitzenden des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Nordost, Professorin Margarete Reinhart, dem Gewerkschaftssekretär bei Verdi im Fachbereich 3 und Mitglied im Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus, Kalle Kunkel, der Schulleiterin der Gesundheits- und Krankenpflegeschule in der Wannsee-Schule, Christine Vogler, Katharina Kutzer als Vertreterin der Auszubildenden. Die Azubis haben dabei gemerkt, wie komplex viele Themen sind. Besonders bei der Podiumsdiskussion hat sich gezeigt, dass selbst die berufspolitisch sehr erfahrenen Teilnehmer, keine abschließenden Lösungen parat hatten. Daher reicht es ganz eindeutig nicht, auf eine Erlösung zu warten, wir müssen die Sachen selbst in die Hand nehmen. Diese Botschaft kam bei allen Azubis sehr deutlich an. Außerdem ist die Senatsverwaltung an den Ergebnissen der Workshops und einem weiteren Austausch interessiert. Das ist ein starkes Signal für die Auszubildenden, denn es zeigt, dass mit Engagement Kontakt zu „der Politik“ hergestellt werden kann und Veränderungen möglich sind. Dieses starke Gefühl der Selbstwirksamkeit haben viele Azubis an diesem Tag gespürt. Das ist ein gutes Gefühl und wir bekommen viele starke Rückmeldungen von begeisterten Azubis, die sich nun auch verstärkt für die Pflege engagieren möchten.

Wird es eine zweite Pflegekonferenz geben? Wenn ja, wann?

Ja, die nächste Pflegekonferenz ist in einem Jahr geplant. Es wird wahrscheinlich nicht exakt der gleiche Tag werden, aber die Idee bleibt fortbestehen.

Dafür gutes Gelingen und herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Herfurth.

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