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  • 27.03.2018
  • Management

Interview mit dem neuen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung

"Der Zuspruch aus der Pflege ist mein Antrieb"

Das Bundeskabinett ist am 21. März 2018 dem Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefolgt und hat Andreas Westerfellhaus zum neuen Bevollmächtigten der Bundesregierung für Pflege bestellt. Wir sprachen mit dem 61-Jährigen über seine Ziele in diesem neuen Amt.

Herr Westerfellhaus, zunächst noch herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Waren Sie überrascht, als Jens Spahn Sie fragte, ob Sie der neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung werden wollen?

Vielen Dank. Der Anruf des neuen Gesundheitsministers kam in der Tat überraschend für mich. Aber ich habe nicht lange überlegen müssen, um voller Überzeugung "ja" zu sagen. Die Gespräche fanden natürlich absolut vertraulich statt. Erst am Morgen vor dem Deutschen Pflegetag war die Sache klar. Dort wurde die Personalie dann auch erstmals publik gemacht.

Das Publikum in Berlin feierte Sie mit langanhaltenden Standing Ovations.

Ja, das war schon ein besonderer Moment. Der Rückhalt, den ich dort und auch im Nachgang aus der Pflegeszene erhalten habe, war überwältigend und stärkt mich in meiner Entscheidung. Der Zuspruch aus der Pflege ist mein Antrieb und gibt mir erheblichen Rückenwind, besonders, wenn es um Auseinandersetzungen mit Kritikern geht. Ich weiß, die Pflegenden stehen hinter mir. Das macht mich stolz. Auf diese Unterstützung bin ich auch angewiesen, um gute Arbeit leisten zu können. Denn nur die Pflegenden selbst – und dazu zähle ich jetzt auch die pflegenden Angehörigen – wissen, welche Entscheidungen sinnig sind und welche nicht. Gleichzeitig bitte ich aber auch um Einsicht, dass der Weg, der vor mir liegt, nicht einfach sein wird. Nach sechs Wochen sollte man nicht gleich mit verbalen faulen Eiern auf mich zielen, weil die Pflegenden vor Ort noch keine Verbesserungen spüren. Ohne eine gewisse Vorbereitungs- und Diskussionszeit wird das nicht gehen. Auch werde ich sicherlich den einen oder anderen Rückschlag einstecken müssen. Aber ich will diesen Weg unbedingt gehen und die Leistungen von Pflegenden im ambulanten sowie stationären Sektor, in Kliniken und Pflegeeinrichtungen gleichermaßen, stärken.

Wie wollen Sie das konkret erreichen? Worin sehen Sie Ihre wichtigsten Aufgaben in Ihrem neuen Amt?

Pflegende müssen ihre Arbeit qualifiziert erbringen können. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist das nicht möglich. Vor allem die derzeitige Personalsituation ist äußerst kritisch. Es ist nicht mehr hinnehmbar, dass täglich Menschen aus dem Pflegeberuf aussteigen, in eine Teilzeitbeschäftigung wechseln, in Nachbarländer abwandern oder letztlich selbst krank werden. Hier müssen sich die Rahmenbedingungen dringend ändern – und zwar sofort und spürbar.

Wie sollen Sie das schaffen? Der Arbeitsmarkt ist leergefegt und die Pflegenden kehren nicht ohne Grund ihrem Beruf den Rücken.

Im Grunde ist das nicht ganz so schwierig. Zunächst einmal muss man genau hinschauen, warum Pflegende aus ihrem Beruf aussteigen. In den vergangenen Jahren haben wir rund 50.000 Pflegende verloren. Diese Menschen sind ja jetzt irgendwo. Dass sie alle glücklich sind, nicht mehr in der Pflege zu arbeiten, wage ich zu bezweifeln. Ich höre immer wieder, dass es Pflegenden leid tut, aus ihrem Job aussteigen zu müssen, weil einfach die Rahmenbedingungen nicht stimmen und zu wenige Pflegende für zu viele Patienten sorgen müssen.

Vor dieser Herausforderung standen auch schon andere Personen vor Ihnen. Wie wollen Sie das Dilemma konkret lösen?

Im Prinzip ist es paradox: Pflegende gehen aus ihrem Job, weil sie zu wenig Kollegen haben. Dadurch werden es aber immer weniger Kollegen. Wir brauchen also einen Deal. Gemeinsam mit dem Gesundheitsminister will ich überlegen, wie wir jene, die die Pflege einst verlassen haben, wieder motiviert in den Beruf bekommen. Ich bin da gar nicht so pessimistisch und denke, dass die im Koalitionsvertrag vorgesehenen 8.000 neuen Stellen beispielsweise über genau diese Personen generiert werden können. Aber ich muss diesen Pflegenden natürlich etwas an die Hand geben, warum sie wieder in die Pflege gehen sollten. Außerdem wollen diese Pflegenden zu Recht Sicherheit, dass man es ernst mit ihnen meint und ihnen nicht ein Placebo im Rahmen einer gesundheitspolitischen Maßnahme vorsetzt. Es wird also nicht reichen, diese Pflegenden zurückzuholen. Sie müssen mehr Geld verdienen, sie müssen autonom im Handeln sein. Das Pflegeberufereformgesetz ist dafür genau das Richtige.

Wie meinen Sie das?

Nur wer qualifiziert ausbildet, hat auch genügend Nachwuchs. Das weiß man in der Wirtschaft ganz genau. In der Pflege muss dafür jetzt der Entwurf für die Ausbildungsprüfungsverordnung so schnell wie möglich veröffentlicht werden, damit sie in die Anhörungsphase gehen und noch vor der Sommerpause beschlossen werden kann. Schließlich sollen die Schulen 2020 mit der generalistischen Pflegeausbildung starten können. Die Ausbildung hat für mich einen hohen Stellenwert. Wichtig ist mir, dass wir einerseits in Deutschland all jenen, die sich zur Pflegefachkraft ausbilden lassen wollen und die der Ausbildung gewachsen sind, diese Ausbildung ermöglichen. Andererseits müssen sich die Ausbildungsträger darauf verlassen können, dass die Ausbildung vernünftig finanziert wird und dass wir keine Begrenzungssysteme haben, die in der derzeitigen Fachkräftesituation auf genehmigte Ausbildungszahlen zurückgreifen. Wir müssen den Auszubildenden eine Perspektive geben und die Ausbildung besonders in der Praxis stärken, damit nicht der Eindruck entsteht, alles sei nur in Hetze möglich. Denn dann bleiben sie nämlich nicht im Beruf.

Aber dieses Ziel ist nicht ohne zusätzliches Geld möglich.

Eines muss klar sein, eine qualifizierte Ausbildung kostet Geld und kann nicht als Sparstrumpf irgendwo im Versicherungswesen dafür dienen, andere Löcher zu stopfen. Wir brauchen für die Pflegeausbildung definitiv mehr Geld und eine sichere Ausbildungsfinanzierung. Denn nur dann lassen sich auch die Träger flächendeckend darauf ein – wenn sie wissen, dass sie die Ausbildungskosten nicht aus eigener Tasche zahlen müssen. Vorschläge, Ausbildungskosten etwa in der Altenpflege auf die Bewohner zu verteilen, finde ich falsch. Im Krankenhaus muss auch niemand eine Ausbildungsabgabe leisten, wenn er wegen einer OP für zwei Wochen im Krankenhaus ist. Ausbildung ist Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens und der Solidargemeinschaft – ganz einfach.

Wie schätzen Sie dabei die Unterstützung der Bundesregierung und auch von Jens Spahn ein?

Die Bundesregierung hat für mich sehr glaubhaft versichert, dass in dieser Legislatur Pflege ein Schwerpunktthema ist. Letztlich haben dafür auch die Berufsorganisationen und die Gesellschaft gesorgt. Wenn man das erkannt hat, muss man auch bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen und sich auch unkonventionellen Maßnahmen nicht verweigern, die ich mir vorstelle. Sondern die Regierung sollte offen dafür sein. Dass etwas passieren muss, wissen wir alle. Ein "weiter so" geht nicht mehr. Jens Spahn und ich kennen uns nicht zuletzt auch durch meine CDU-Parteizugehörigkeit seit vielen Jahren sehr gut und tauschen uns immer offen aus. Er weiß sicherlich, auf was er sich eingelassen hat, als er mich für die Position des Pflegebevollmächtigten vorgeschlagen hat.

Was sind denn solche unkonventionellen Maßnahmen, die Sie angesprochen haben?

Wenn Sie das vor dem Gesundheitsminister wüssten, liefe etwas schief (lacht). Seien Sie sicher, dass ich seit meiner Ernennung zum Pflegebevollmächtigten an nichts anderes denke, als wie ich die Pflege aufwerten kann. Kurzfristig ist jetzt wichtig, den Pflegenden glaubhaft zu machen, dass sie in die mittel- und langfristigen Ziele vertrauen können. Nur dann werden Veränderungen möglich sein. Diese Ziele werden wir aber nicht im Rahmen der vorhandenen Strukturen erreichen können. Sondern mit einem umfänglichen Maßnahmenpaket müssen wir an berufsrechtliche Strukturen, an Aufgabenverteilungen, Qualifikationswegen und vielem mehr drehen. Meine Botschaft soll jedoch nicht sein, dass erst in drei oder vier Jahren Verbesserungen greifen. Die Kollegen vor Ort erwarten zu Recht, dass zeitnah etwas passiert. Und dafür setze ich mich ein. Ich will von der Regierung künftig nicht erklärt bekommen, dieses oder jenes können wir nicht ändern. Solch eine Begründung brauche ich nicht, sondern ich möchte wissen, wie ich etwas ändern kann. Denn wir sind angesichts der angespannten Lage sozusagen zum Erfolg gezwungen. In der Position eines Staatssekretärs bin ich hier in einer starken Position, in der ich sicherlich in den kommenden vier Jahren viel erreichen kann und auch will.

Dafür gutes Gelingen und herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Westerfellhaus.

Das Amt des Pflegebevollmächtigten

Das Amt des Pflegebevollmächtigten ist mit Kabinettbeschluss vom 8. Januar 2014 neu geschaffen worden. Der Pflegebevollmächtigte soll nicht nur die Belange der Pflegebedürftigen, sondern auch ihrer Angehörigen, der Pflegenden sowie aller in der Pflege Beschäftigten wahren. Er setzt sich dabei unter anderem für die Umsetzung der Qualitätssicherung in der Pflege ein, für verbesserte Arbeitsbedingungen sowie die Teilhabe Pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger. Die Amtszeit beträgt vier Jahre. 

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