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  • 11.10.2017
  • Praxis

Qualifizierung

Begehrte Mangelware

Pflegende benötigen in ihrem Berufsalltag immer mehr spezielles Wissen. Für viele Pflegende kein Problem, sie wollen sich weiterqualifizieren. Doch vor allem in der Intensivpflege fehlt es an angebotenen Fachweiterbildungen. Ein Manko ist außerdem die fehlende Kombination von fachlicher und akademischer Qualifizierung. Was muss sich ändern? 

Bundesweit sind derzeit mehr als 3.000 Stellen in der Intensivpflege nicht besetzt. Das zeigt ein Gutachten des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), dass die Spitze der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) Ende Juli 2017 präsentiert hat. Demnach hatten im Herbst 2016 53 Prozent der Kliniken Probleme, Pflegestellen in ihren Intensivbereichen zu besetzen. „Die Stellenbesetzungsprobleme nehmen seit 2009 deutlich zu“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum. 

Die von der Fachgesellschaft Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfohlene Fachkraftquote von mindestens 30 Prozent auf Intensivstationen verfehlen laut DKG 25 Prozent der Häuser. Durchschnittlich liege die Quote aber sogar bei 44 Prozent. Die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste geht sogar noch Schritt weiter. Bereits 2007 forderte sie eine Quote von mindestens 70 Prozent. 

Auch das „Branchenmonitoring Gesundheitsfachberufe Rheinland-Pfalz“ aus März 2017 zeigt, dass sich für einige Fachweiterbildungen das Defizit in dem untersuchten Zeitraum von 2010 bis 2015 verdoppelt hat. Die Weiterbildung mit dem größten Engpass ist auch hier die Intensivpflege. 

"Das Angebot muss erhöht werden"

Dabei liege es nicht an den Pflegenden, die sich nicht weiterbilden wollten. Diese seien hochmotiviert und wollten sich weiterqualifizieren, viele akzeptierten sogar eine Wartezeit für einen Platz in einer Fachweiterbildung. Vielmehr seien die Einrichtungsträger selbst in der Verantwortung, betont Lothar Ullrich, Leiter der Weiterbildungsstätte für Intensivpflege und Anästhesie und Pflege in der Onkologie am Universitätsklinikum Münster. Nicht jede Klinik müsse Fachweiterbildungen anbieten, gebündelte Ausbildungsstätten dafür seien durchaus sinnvoll. „Aber grundsätzlich muss das Angebot erhöht werden“, betont Ullrich. Dies nicht zuletzt wegen der vom Gesetzgeber geforderten Fachkraftquote. 

Erst Anfang 2017 sind Qualitätsrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit entsprechenden Quoten in Kraft getreten: zum Bauchaortenaneurysma mit einer Fachkraftquote von 50 Prozent und zur minimalinvasiven Herzklappeninterventionen mit einer Quote von 25 Prozent. Hier forderte die DKG flexiblere Personaluntergrenzen sowie die Möglichkeit, auch Pflegepersonal ohne Fachweiterbildung mit entsprechender Berufserfahrung in die Quote hineinrechnen zu können. Im Mai 2017 wurde die bereits bestehende Quote in der „Qualitätssicherungs-Richtlinie Früh- und Reifgeborene“ sogar abgesenkt. Grund: Selbst der G-BA musste zugeben, dass es schwierig sei, die vorgeschriebenen Mindestanforderungen an das pflegerische Personal in diesem Bereich zu erfüllen. 

„Die Einrichtungen befinden sich einem Spannungsfeld aus Quoten und Personaluntergrenzen auf der einen, sowie nicht vorhandenem oder verfügbaren Personal auf der anderen Seite“, so Ullrich. Was daraus resultiere sei ein Verdrängungswettbewerb, in welchem die besseren Konditionen punkteten. So müssten Fachweiterbildungen zu attraktiveren Bedingungen und zeitlich flexibel angeboten werden – besonders für die zahlreichen Frauen, die aus der Elternzeit kämen. Da man tarifgebunden sei, könne man das Gehalt nicht ändern, aber die Rahmenbedingungen. In Münster etwa habe die Uniklinik Appartements angemietet und überlege sogar, neue zu bauen, um überhaupt Wohnraum für die Zeit der Fachweiterbildung sicherstellen zu können. 

In Münster finden fortlaufend drei Weiterbildungskurse mit 90 Teilnehmern in Intensivpflege und Anästhesie statt, außerdem Weiterbildungen in Onkologie, Palliative Care und in der ambulanten Intensivpflege. „Damit stehen wir verhältnismäßig gut da. Letztlich werden die Kliniken einen Wettbewerbsvorteil bei der Gewinnung von Personal haben, die die besten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten bieten“, ist sich Ullrich sicher. 

Weiterbildungen sind nicht Pflicht

Auf ein anderes Problem in Sachen Qualifizierung weist die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS), Christine Vogler, hin. Zwar klagten viele Kliniken über einen Mangel an weitergebildeten Pflegenden. Eine Pflicht für Pflegende, sich fort- oder weiterzubilden, gebe es aber nicht. Die Fortbildungen ergäben sich eher aus den Fachkraftquoten. Zudem erlebe sie als Leiterin einer großen Bildungseinrichtung mit angeschlossener Fort- und Weiterbildung, dass angebotene Weiterbildungen abgesagt werden müssen, weil die Einrichtungen aufgrund der hohen Ausfallzeiten keine Personen entsenden. Hier greife, wie in der Marktwirtschaft, das Prinzip von Angebot und Nachfrage. „Wenn niemand Personal in die Bildungsstätten sendet, gibt es auch kein Angebot. Die Miesere der wenigen Fachweitergebildeten heute ist der Kurzsichtigkeit und kostenreduzierenden Personalpolitik der Einrichtungen geschuldet“, betont Vogler. 

„Fachweiterbildungen gehören an die Hochschulen – wenn auch nicht ausschließlich“, appelliert Dr. Patrick Jahn von der Stabsstelle Pflegewissenschaft des Universitätsklinikums Halle (Saale). Der Fehler, der derzeit gemacht werde, sei, dass man Pflegende zu einer Entscheidung dränge, sich entweder fachlich oder akademisch zu qualifizieren. „Das ist unnötig, denn eigentlich gehören beide Bereiche zusammen.“ Praktisches Fachwissen und kritisch-reflexive Kompetenzen müssten viel stärker miteinander verzahnt werden. Problem dabei allerdings: Pflege kann in Deutschland zwar grundständig studiert werden. In dieser Systematik gehörten fachliche Spezialisierungen wie Fachweiterbildungen eigentlich inhaltlich in den Masterbereich. Die Nachfrage für Fachweiterbildungen sei aber wesentlich größer aus der Gruppe der Pflegenden mit klassischer Ausbildung, für welche die Qualifikation somit eigentlich auf Bachelorniveau angesiedelt werden müsste. „Hier besteht innerhalb der aktuellen Regelungen erhebliche Unklarheit“, betont Jahn. Die Pflegefachpersonen mit grundständiger Ausbildung auf Bachelorniveau seien jedoch noch zahlenmäßig gering. Gleichwohl beschäftigten sich Hochschulen wie die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zunehmend mit der Konzeption von entsprechenden Studienangeboten und suchten auch nach Lösungen für einen Einstieg ohne akademische Vorqualifikation. „Zudem fehlt uns wissenschaftliches Personal, das in diesem Bereich auch die nötige Fachpraxis vermitteln kann; genauso fehlen Rollenbilder in der Praxis“, verdeutlicht Jahn weiter. 

Dennoch seien Fachweiterbildungen wichtig: „Sie sind die am besten vorgeformten beruflichen Bahnen, auf denen eine höhere Qualifizierung tatsächlich auch wieder hin zum Patientenbett führt.“ Bislang führe eine akademische Qualifizierung leider oftmals weg von der Arbeit am Patienten. 

Entwicklungsland Deutschland

Im Ausland klappe die Kombination von fachlicher und akademischer Qualifizierung meist besser. In den USA oder Großbritannien etwa werde Pflege als grundständig akademische Qualifikation auf Bachelorebene durchgeführt. Die fachliche Tiefe erlangen Pflegende über ein anschließendes Masterstudium. Auch in den Niederlanden beispielsweise erfolge die Pflegeausbildung entweder auf Bachelorebene oder als berufliche Ausbildung mit der Möglichkeit, erweiterte klinische Kompetenzen in beiden Fällen über das Masterstudium zu erlangen. „In dieser Hinsicht sind wir noch ein echtes Entwicklungsland. Die Karrierewege und Entwicklungspfade sind im Ausland stringent aufeinander aufgebaut. Bei uns ist das indifferent, teilweise fehlen ja sogar noch die konkreten Jobs“, kritisiert Jahn. Manchmal seien die Regularien hierzulande auch „einfach absurd“. So könne die Leitung einer Intensivstation Pflegemanagement auf Bachelor- oder Masterebene studiert haben und müsse dennoch einen Stationsleitungskurs zusätzlich absolvieren, weil die Kompetenzen aus dem Studium – etwa innerhalb der G-BA-Richtlinie zum Bauchaortenaneurysma – nicht anerkannt würden. 

Für eine verbindliche und einheitliche Weiterbildungsordnung will sich die Pflegekammer in Rheinland-Pfalz einsetzen – künftig vermutlich mit Unterstützung der Bundespflegekammer. Derzeit erstelle die erste Pflegekammer Deutschlands eine entsprechende Weiterbildungsordnung, um den rechtlichen Rahmen für pflegebezogenen Weiterbildungen im Land zu regeln, sagt Kammerpräsident Dr. Markus Mai. Ziel sei, dass die Vertreterversammlung noch in diesem Jahr die Direktive verabschiede, sodass sie zum 1. Januar 2018 in Kraft treten könne. Ab diesem Datum übergebe dann das Land Rheinland-Pfalz die komplette Weiterbildungszuständigkeit für Pflegefachberufe an die Kammer. Arbeitsgruppen des Weiterbildungsausschusses befassten sich derzeit bereits mit der Konzeption von Weiterbildungen wie Intensivpflege, psychiatrische Pflege und Praxisanleitung. „Wir wollen unseren Mitgliedern wirklich moderne und zukunftsorientierte Weiterbildungskonzepte an die Hand geben“, so Mai. Diese würden auch im Sinne einer hochwertigen pflegeberufsbezogenen pädagogischen Art und Weise umgesetzt, verspricht der Kammerpräsident. An den in der Weiterbildungsordnung geregelten Aspekten könnten sich auch Hochschulen bei der Gestaltung ihrer Masterprogramme orientieren, um von der Kammer anerkannte wissenschaftliche Weiterbildungsprogramme anzubieten. Eventuelle, in einer Fortbildungsordnung geregelte Mindestanforderungen trügen künftig dann auch dazu bei, dass sich Pflegende kontinuierlich fortbildeten. Mitarbeiterorientierte Arbeitgeber würden ein hohes Interesse haben, die Kammermitglieder bei ihrer Qualifizierung zu unterstützen und würden dies als Wettbewerbsvorteil einsetzen, um Pflegende zu gewinnen und so an ihre Einrichtung zu binden, ist Mai überzeugt.

Spezialisierung gewünscht, Generalisierung gesetzt

„Spezialisierung ist gewünscht, Generalisierung aber gesetzt“, bringt es Volker Pape auf den Punkt. Dieser Widerspruch lasse sich nur auflösen, wenn entsprechende, vor allem finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt würden, fordert der Leiter des Bildungszentrums der Gesundheit Nordhessen Holding AG in Kassel. Spätestens wenn die generalistische Ausbildung ab 2020 gelte, hält er einen Weiterbildungsfonds für erforderlich. Denn: „Die Berufereform führt zu einer Verflachung, da brauchen wir uns nichts vormachen“, so Pape. Die spezifischen Fachkenntnisse könnten künftig erst nach der Ausbildung erworben werden. Kliniken und Pflegeeinrichtungen dürften dann nicht „mit halbfertigen Mitarbeitern“ alleingelassen werden, sagt er.

Aktuell könne Pape jedem Mitarbeiter, der sich am Klinikum fachweiterbilden wolle, zusichern, dass er diese innerhalb von zwei Jahren absolvieren könne. „Damit haben wir momentan einen klaren Wettbewerbsvorteil.“ Denn die Motivation der Pflegenden sei groß, das könne auch er bestätigen. Und zwar nicht aus monetären Gründen, sondern um Sicherheit in pflegefachlichen Fragen zu erhalten. 

Die hohen Ausfallzeiten, die durch die Fachweiterbildung für eine Station entstehen, seien allerdings mit rund 800 Stunden enorm. Damit habe auch das Klinikum in Kassel zu kämpfen. „Im gesamten Fort- und Weiterbildungsbereich haben wir Anmeldungen von bis zu 6.000 Teilnehmern im Jahr. Gleichzeitig aber eine deutlich steigende kurzfristige Ausfallquote, weil sich Teilnehmer nicht aus dem Stationsalltag lösen können“, bemängelt Pape. Dieses Problem zeige, dass die derzeitige Form der Fort- und Fachweiterbildung weiterentwickelt werden muss. 

Am Klinikum Kassel setze man daher – dort wo sinnvoll – verstärkt auf E-Learning-Module von Bibliomed Campus. Aber Pape gibt auch zu: „Anfangs war das ein ziemlicher Kampf.“ Ein Fachbuch für eine Station zu bestellen, sei kein Problem. Wolle man ein Tablet haben, würde unterstellt, die Mitarbeiter wollten nur spielen. Dabei sei der große Vorteil von E-Learning, flexibel und ortsunabhängig einzelne Module absolvieren zu können. Der Königsweg sei ein Blended-Learning-Ansatz. Dabei werde die Theorie vorab individuell erarbeitet und in der Präsenzschulung etwa im Basis Life Support um praktische Lerneinheiten an einer Puppe ergänzt. Kliniken müssten aber auch bereit sein, in neue Medien zu investieren. „Es ist unglaublich, wie viele Häuser immer noch nicht über eine W-Lan-Abdeckung verfügen“, ist Pape verwundert. „Hier ist ein Paradigmenwechsel nötig, damit der Umgang mit neuen Medien entspannter wird und deren Vorteile auch Pflegenden in der Fachweiterbildung zugute kommen.“ 

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