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  • 06.09.2017

Modellprojekt "Schulgesundheitsfachkräfte"

Aufklären, kümmern, da sein

In Hessen und Brandenburg sind seit kurzem die deutschlandweit ersten Gesundheitsfachkräfte an öffentlichen Schulen im Einsatz. An Grund- und Oberschulen leisten sie nicht nur Erste Hilfe. Vielmehr sollen sie primär auch das Gesundheitsverhalten von Schülern verbessern. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin evaluiert das Modellprojekt.

Astrid Fisch hat an diesem Dienstag ihre Arbeit gerade erst begonnen, als ein zwölfjähriges Mädchen mit Knieschmerzen vor ihrem Krankenzimmer steht. Die junge Siebtklässlerin der Georg Büchner Schule im hessischen Rodgau ist in den vergangenen Tagen schon öfter bei der Schulgesundheitsfachkraft wegen ihres Knies gewesen. Heute berichtet sie stolz von ihrem baldigen Termin beim Orthopäden, während Astrid Fisch ihr ein Kühlpad gegen die Schmerzen auf das Knie legt. „Wir dürfen keine Medikamente verabreichen, außer die Eltern haben eine entsprechende Genehmigung hinterlegt, Erste Hilfe ist bei einem Notfall selbstverständlich immer zu leisten. Aber mit Kälte- und Wärmeanwendungen, Entspannungsübungen oder einem Verband bei Verstauchungen kann ich den meisten Kindern helfen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester. Bei einigen ihrer Schützlinge stecke auch etwas anderes hinter dem Grund, weshalb sie zu ihr kommen würden. Schüler erzählten dann von ihren Sorgen und bekämen die Aufmerksamkeit, die sie benötigten. „Zuwendung brauchen einige Kinder mehr als andere“, so die 54-Jährige.

"Zuwendung brauchen einige Kinder mehr als andere"

Seit 1. Juni 2017 ist sie von montags bis donnerstags von 7.30 Uhr bis 16 Uhr Ansprechpartnerin für die kleineren und größeren Wehwehchen der Schüler. Freitags ist noch bis Ende März 2018 für Weiterbildungskurse geblockt. Darin geht es dann etwa um Erste Hilfe, Zahn- und Mundgesundheit oder Kommunikation und Beratung. Aber auch rechtliche Grundlagen werden vermittelt oder was zu tun ist, wenn das Kindeswohl gefährdet scheint. Vorausgegangen ist ihrem neuen Job außerdem eine zweimonatige Vollzeitweiterbildung, in der sie fit gemacht wurde für ihren Einsatz in der Schule. Dabei ging es unter anderem um Pädagogik, Entwicklungspsychologie oder Konfliktmanagement. 

Ihre Aufgabe liege nicht ausschließlich darin, Verletzungen zu versorgen, sondern auch in der Gesundheitsförderung und Prävention, betont Fisch, die auch viele Jahre als Schulsekretärin gearbeitet hat. Dazu zählten etwa Tipps für eine gesunde Ernährung, Aufklärung über die Folgen des Rauchens oder der Umgang mit Stress. Derzeit stellt sich die 54-Jährige noch in den einzelnen Klassen vor, um sich und ihre Arbeit bekannt zu machen. 

Ziel sei es, das Gesundheitsverhalten von Schülern zu verbessern, Entwicklungsstörungen früh zu erkennen oder sich um chronisch kranke Kinder zu kümmern. Denn: „Nur wer gesund ist, kann auch gut lernen“, weiß die Kinderkrankenschwester. 

Parallel studiert die gebürtige Bremerin derzeit Pflege- und Gesundheitsförderung. Dabei war sie auch auf das Modellprojekt aufmerksam geworden und bewarb sich direkt dafür. Eine Bedingung war, eine abgeschlossene Ausbildung absolviert zu haben – egal, ob als Gesundheits- und Krankenpflegerin oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. 

In Hessen haben zusammen mit Fisch noch neun weitere examinierte Pflegende eine Stelle als Schulgesundheitsfachkraft angefangen. Alle sind an unterschiedlichen Schulen im Land tätig, aber direkt über das jeweilige Schulamt angestellt. In Brandenburg, dem zweiten Projektort, sind die ebenfalls zehn Gesundheitsfachkräfte über den AWO Bezirksverband Potsdam e.V. beschäftigt. 

Kinder frühzeitig fit machen in Sachen Gesundheit

Den Grund für das Modellprojekt beschreibt Oliver Janiczek, Referent für Gesundheitsförderung und stellvertretender Geschäftsführer der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung in Frankfurt, dem der Träger des Projekts in Hessen: „In den Schulen bietet sich die Chance, Kindern frühzeitig Gesundheitskompetenz zu vermitteln.“ Dem Einsatz der Schulgesundheitsfachkräfte liege der durch Studien vielfach belegte Gedanke zugrunde, dass es einen Zusammenhang gebe zwischen dem gesunden Aufwachsen von Kindern und ihrem Bildungserfolg. Da bisher für den aus dem Ausland bekannten Ansatz hierzulande keine rechtliche Grundlage oder Erfahrungswerte vorlägen, wolle man genau das jetzt mit dem Projekt nachholen. Die entsprechende Evaluation sei Ende August mit einer Bestandsanalyse gestartet. Zum Projektende 2018 werde dann wieder eine Analyse erfolgen. Dazu würden allein in Hessen rund 9.000 Schüler, ihre Eltern und Lehrer befragt, so Janiczek. 

In Rodgau sind bereits nach wenigen Wochen Lehrer und Eltern dankbar für die Schulgesundheitsfachkraft. „Die Schulsekretärin ist oft die erste Anlaufstelle, wenn es um die Erstversorgung von Verletzungen ging“, weiß Fisch noch aus ihrer Zeit als sie auf einer solchen Stelle gearbeitet hat. „Und das, obwohl die Sekretärinnen in der Regel nicht entsprechend dafür ausgebildet sind.“ Das entfällt jetzt. Stattdessen seien die Lehrer froh, sie in Gesundheitsfragen um Rat bitten zu können. 

Auch von den Eltern erhalte sie bislang nur positive Rückmeldungen. Denn immer öfter litten Kinder an chronischen Krankheiten wie Allergien. „Zu wissen, dass im Notfall eine ausgebildete Pflegerin helfen kann, beruhigt die Eltern und gibt ihnen auch ein gewisses Sicherheitsgefühl.“

Der Arbeitsvertrag von Astrid Fisch läuft bis Projektende im Dezember 2018. Bedenken, dass sie dann arbeitslos werden könnte, hat sie keine. Denn: „Bei unseren europäischen Nachbarn gehören Schulgesundheitsfachkräfte teilweise bereits seit Jahrzehnten zum Standard. Ihr Einsatz hat sich bewährt. Ich hoffe, dass die Evaluation auch hierzulande bestätigt, wie sinnvoll unsere Arbeit ist. Pflegende gehören an die Schulen.“ 

Wer steckt hinter dem Projekt? 

In Hessen ist die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung Projektträger. Kooperationspartner sind das Hessische Ministerium für Soziales und Integration sowie das Hessische Kultusministerium. Für die Umsetzung der Weiterbildung ist die Evangelische Hochschule in Darmstadt zuständig. Die AOK Hessen unterstützt das Modellprojekt finanziell. 

Der AWO Bezirksverband Potsdam e.V. ist Projektträger in Brandenburg. Kooperationspartner sind hier die Brandenburger Ministerien für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie sowie Bildung, Jugend und Sport, die AOK Nordost – die Gesundheitskasse sowie die Unfallkasse Brandenburg. In Brandenburg sind die zehn Schulgesundheitsfachkräfte bereits seit Februar 2017 an den insgesamt 20 Modellschulen im Einsatz. 

Die Evaluation des Modellprojekts in beiden Bundesländern übernimmt das Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Evaluation des Curriculums erfolgt über die Gesellschaft zur Förderung sozialer Innovationen in Berlin. Schließlich werden in Brandenburg in einer weiteren Evaluation die Auswirkungen auf die Bildungschancen der Kinder durch die Leuphana-Universität Lüneburg untersucht.

 

 

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