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  • 07.07.2017
  • Praxis

Patientenmorde

"Lebensbeendende Maßnahmen kommen auf Intensivstationen häufiger vor als anderswo"

Wie kann es geschehen, dass ein Krankenpfleger Patienten umbringt, wie im Fall Niels Högel? Warum hat den Intensivpfleger aus Niedersachsen jahrelang niemand gestoppt? Sind Patientenmorde drastische Einzelfälle oder kommen sie häufiger vor als gedacht? Wie lässt sich vorbeugen? Ein Gespräch mit Professor Karl H. Beine, der sich seit 25 Jahren mit dem Thema beschäftigt.

Herr Professor Beine, in Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, dass Krankenhäuser der ideale Ort seien, um Menschen zu töten. Inwiefern?

Krankenhäuser und Heime sind Orte, an den auch unter normalen Umständen häufig gestorben wird. Wenn Sterben zum Alltag gehört, ist der Tod an sich nichts Besonderes mehr - außer für den Betroffenen selbst und die Angehörigen. Insofern kommt kein Verdacht auf, wenn ein Mensch im Krankenhaus oder Heim verstirbt. Hinzu kommt, dass Patiententötungen meist aussehen wie medizinische Verrichtungen, etwa beim Setzen einer Spritze. Die Täter gehören darüber hinaus Berufsgruppen an, von denen solche Taten am wenigsten erwarten werden. Ärzte und Pflegende haben ihre Berufe ergriffen, um kranken und schwachen Menschen zu helfen. Patienten begeben sich mit der Hoffnung in Krankenhäuser, dass sie dort professionell versorgt werden. Sie können sich nicht vorstellen, dass sie an einem solchen Ort Opfer einer Straftat werden können. Dies führt zu einer gewissen Arglosigkeit. All das sind Faktoren, die Krankenhäuser und Heime zu Tatorten machen, an denen man diese Art von Verbrechen schwer erkennt.

Sind Patienten auf Intensivstation dann besonders gefährdet, Tötungsopfer zu werden?

Unsere Studie aus dem Herbst 2015, in deren Rahmen 5.055 Krankenpfleger, Altenpfleger und Ärzte befragt wurden, hat ergeben, dass lebensbeendende Maßnahmen auf Intensivstationen häufiger vorkommen als in anderen Bereichen von Krankenhäusern und Heimen. Insofern ist Ihre Frage mit Ja zu beantworten.

Sie sprechen in Ihrer Studie von „möglicherweise 21.000 getöteten Kranken in Krankenhäusern und Heimen“. In Fachkreisen wurden Zweifel an der Seriosität der zugrundeliegenden Studie laut. Halten Sie die Zahl weiter für zutreffend?

In der Tat hat die Studie viel Wirbel verursacht. Aus der Politik haben meine Kollegen und ich viel Gegenwind erfahren, aus der Fachwelt gab es aber auch viel Zustimmung und Bestätigung, dass die Studienergebnisse zutreffend sind. Die von Ihnen angesprochene Zahl von 21.000 getöteten Patienten muss im Kontext der gesamten Studie betrachtet werden, um sie zu verstehen. Zunächst: Die Untersuchung richtete sich an Ärzte, Krankenpfleger und Altenpfleger. Unter anderem beinhaltete sie Fragen zur Lebensbeendigung von Patienten. Eine Frage lautete beispielsweise: Ist an Sie schon einmal der Wunsch herangetragen worden, aktive Sterbehilfe zu leisten? Das haben 34 Prozent der Befragten bejaht. Eine weitere Frage war: Haben Sie selbst schon einmal das Leiden von Patienten aktiv beendet? 3,4 Prozent der Ärzte und 1,8 Prozent der Pflegenden haben dies eingeräumt. Unter diesen Lebensbeendigungen befinden sich natürlich auch legale Formen von Sterbehilfe oder gewollte Behandlungsabbrüche, zum Beispiel aufgrund von Patientenverfügungen. Wenn man diese Art von Lebensbeendigung zugrundelegt, kommt man auf eine geschätzte Zahl von 21.000. Darunter befinden sich jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Tötungen ohne Zustimmungen der Betroffenen. Denn: Mehr als ein Drittel - knapp 40 Prozent - der Personen, die angegeben haben, selbst schon einmal das Leiden von Patienten aktiv beendet zu haben, sind an anderer Stelle gefragt worden, ob sie schon einmal um aktive Sterbehilfe gebeten worden sind - und sie waren nie darum gebeten worden. Will sagen: Die Studienergebnisse legen neben der Tatsache, dass sie erstmalig Zahlen zum Dunkelfeld liefern, auch den Schluss nahe, dass neben Ärzten auch Pflegende Formen von aktiver Sterbehilfe praktizieren, die in Deutschland illegal und strafbar sind.

Sind die strafbaren Fälle quantifizierbar?

Nein. Ich kann nur definitiv sagen, dass in unserer Studie eine nicht unerhebliche Zahl der Befragten geantwortet hat, das Leiden von Patienten aktiv beendet zu haben, ohne jemals darum gebeten worden zu sein. Die Dunkelziffer insgesamt daraus ableiten zu wollen, ist jedoch wissenschaftlich seriös nicht möglich. Allerdings sind wahrscheinlich Tötungen nicht so selten, wie bisher angenommen. 

Das sind alarmierende Ergebnisse. Halten Sie eine Serie an Patiententötungen wie im Fall Niels Högel dennoch für einen drastischen Einzelfall?

Das wollen wir mal hoffen.

Sie haben sich eingehend mit dem Fall befasst. Wie lässt es sich erklären, dass ein Krankenpfleger jahrelang ungehindert auf Intensivstationen Patienten umbringen konnte?

Högel hat knapp sechs Jahre als Krankenpfleger auf Intensivstationen gearbeitet - in Oldenburg von 1999 bis Ende 2002 und in Delmenhorst von Dezember 2002 bis zu seiner Verhaftung im Juli 2005. Er hatte mit einem Antiarrythmikum reanimationspflichtige Notfälle provoziert, um sich anschließend als Notfallspezialist feiern zu lassen. Das hat ihm einen Kick gegeben und ihm Anerkennung sowie Bewunderung eingebracht. Aber es sind auch viele Patienten dabei gestorben. Högel ist inzwischen rechtskräftig verurteilt worden wegen zweier Morde, 2003 und 2004 begangen auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst. Inzwischen hat er weitere Taten eingeräumt. Nach dem Stand der Ermittlungen ist es wahrscheinlich, dass er allein in Delmenhorst mindestens 27 weitere Menschen umgebracht hat. Heute ist zudem bekannt, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in Oldenburg getötet hat. Fast alle Indizien deuten darauf hin, dass sein verdächtiges Verhalten schon in Oldenburg bemerkt worden war. Das haben mehrere Mitarbeiter bestätigt und es sind mittlerweile Dokumente aus dem Jahr 2001 aufgetaucht, die es mehr als nahelegen, dass es in Oldenburg konkrete Verdächtigungen gab.

Welche Konsequenzen haben diese Verdächtigungen gehabt?

Er wurde bei fortlaufenden Bezügen freigestellt, er erhielt ein gutes Arbeitszeugnis und wurde weggelobt. Das bedeutet: Hätten die Verantwortlichen damals nicht weggeschaut und sich ihrer Verantwortung entzogen, hätte Högel keine Chance gehabt, in Delmenhorst weiter zu töten.

Wie lässt es sich erklären, dass die Verantwortlichen nichts unternommen haben?

Hier sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an, der das eigentlich Gefährliche darstellt: Wir leben in einem Gesundheitssystem, in dem der offene Umgang mit Fehlern dadurch erschwert ist, dass es fast schon ein Wettbewerbsnachteil ist, wenn eine Klinik eine offene Fehlerkultur betreibt. Leider sieht die Realität häufig so aus, dass die Verantwortlichen mehr darum bemüht sind, Schaden vom eigenen Haus abzuwenden als von den Patienten. Denn natürlich ist es für jede Klinik ein GAU, wenn ein solch schwerwiegender Vorfall in den eigenen Gemäuern vorkommt. Doch der Schaden ist noch größer, wenn die Verantwortlichen nicht die innere Kraft haben, diesen Verdächtigungen nachzugehen und sie aufzuklären, um womöglich weitere Straftaten zu verhindern. Ein solcher Mechanismus lässt sich leider an vielen Orten finden.

Haben Sie Högel persönlich kennengelernt?

Nein, ich habe ihn nur im Gerichtssaal in Oldenburg bei mehreren Terminen erlebt.

Welchen Eindruck machte er auf Sie?

Auf mich wirkte er distanziert und innerlich wenig berührt. Ich möchte mit meinen Äußerungen vorsichtig sein, denn ich habe ihn nicht gesprochen. Er saß im Gerichtssaal einer Angehörigen eines der Tötungsopfer gegenüber, und angesichts dieser Konstellation machte Högel auf mich einen außerordentlich beherrschten sowie erstaunlich konzentrierten und kontrollierten Eindruck.

Was können wir aus dem Fall Högel und Ihren Studienergebnissen lernen?

Zuerst einmal müssen es Pflegende und Ärzte für grundsätzlich möglich halten, dass solche Taten an ihrem Arbeitsplatz geschehen. Und sie müssen aufmerken, wenn sich Menschen in ihrem Arbeitsumfeld verändern, zynisch werden und über Patienten abfällige Bemerkungen machen. Es darf sich keine Atmosphäre einschleichen, in der Fehlverhalten nicht angesprochen wird. Natürlich ist Irren menschlich und es werden immer Fehler vorkommen. Aber sie müssen thematisiert werden. Werden Fehler nicht angesprochen und nicht bekämpft, nimmt die Fehlerhäufigkeit zu. Wir müssen die Kraft aufbringen, allen Hemmungen zum Trotz Fehlverhalten anzusprechen, wenn wir es bemerken. Das ist das Wichtigste. Zudem ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen solchen Taten und der Struktur des Systems zu begreifen. Wenn wir ökonomische Zwänge zulassen, die zu einer solchen Arbeitsverdichtung führen, dass Pflegende und Ärzte scharenweise aus ihren Berufen abwandern, oder wenn wir zulassen, dass Hygieneverordnungen aus Kostengründen nicht eingehalten werden, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn schlimme Sachen passieren. Zudem möchte ich die Heuchelei vieler Verantwortlicher geißeln, die nicht anerkennen wollen, dass Personalmangel zu einer höheren Mortalität führt. Wir wissen seit langem, dass das so ist. 

In Ihrem Buch ist von einem „kaputten“ und „gefährlich kranken“ System die Rede, das „Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“. Was müsste am System geändert werden, damit sich Taten wie im Fall Högel nicht wiederholen?

Eine Systemkorrektur müsste mindestens so aussehen, dass nicht mehr die schwarze Null das Maß aller Dinge ist. Vielmehr müsste es ein ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen medizinisch-pflegerisch und wirtschaftlichen Anforderungen geben. Ein vernünftiges Gesundheitssystem würde sicherlich nicht diese Vielzahl von Kliniken auf engem Raum, etwa in Ballungszentren, vorhalten und damit einen lokalen Konkurrenzkampf entfachen, der am Ende dazu führt, dass gut bezahlte Operationen oder gut bezahlte diagnostische Maßnahmen exorbitante Steigerungsraten haben bei gleichzeitigem Personalabbau. Es kann nicht wahr sein, dass die schwarze Null jedes einzelnen Hauses in einer dicht besiedelten Region darüber entscheidet, wie viel Pflege- und Ärztepersonal einem Patienten zur Verfügung steht. Hier ist ordnungspolitische Debatte und Vorgabe gefordert, die es aktuell in wünschenswertem Umfang nicht gibt. Kurzum: Es ist ein Unding, dass sich medizinische und pflegerische Entscheidungen dem betriebswirtschaftlichen Nutzen unterzuordnen haben. Das darf nicht sein!

Herr Professor Beine, vielen Dank für dieses Gespräch.

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