Atmungstherapeuten sind gefragt. Doch bislang gab es diese Funktion nicht als eigenständigen Gesundheitsberuf. Ein neuer Studiengang soll Abhilfe schaffen. Über dessen berufspolitische Bedeutung, Inhalte und die Zulassungsvoraussetzungen sprach PflegenIntensiv mit den verantwortlichen Entwicklern des akademischen Bildungsangebots, Prof. Dr. Wolfram Schottler und Dr. Frank Bonin.
Herr Professor Schottler, Herr Dr. Bonin, in Deutschland gibt es die fachgesellschaftliche Ausbildung zum Atmungstherapeuten. Warum braucht es für dieses Berufsbild ein Studium in Deutschland?
Bonin: In den USA und in Kanada gibt es die Bachelor- und die Masterausbildung. In Deutschland war die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, kurz DGP, ab dem Jahr 2005 Vorreiter für eine Ausbildung zum Atmungstherapeuten. Die bisherige fachgesellschaftlichen Variante bildet allerdings Fachkräfte aus, die nicht eigenständig arbeiten; sie haben entweder eine Zusatzqualifizierung in der Pflege oder kommen über den Status eines Arztassistenten nicht hinaus. Es braucht daher eine Ausbildung, die Atmungstherapeuten zu eigenständig und eigenverantwortlich Tätigen macht. Mit der SRH University und der BaWiG haben sich Partner gefunden, um einen Studiengang zu etablieren – zunächst auf Bachelorebene. Der nächste Schritt wäre dann die Einführung eines Masterabschlusses. Es wurde kürzlich in einer Studie in der „Pneumologie“ veröffentlicht, was sich Atmungstherapeuten, die die bisherige Weiterbildung erhielten, wünschen: Danach sollte die Ausbildung zum Atmungstherapeuten eine eigenständige Ausbildung und ein dualer Studiengang werden.
Schottler: Genau das bietet nun unser Studiengang. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass es den Atmungstherapeuten, den Respiratory Therapist, in anderen Ländern schon seit vielen Jahren gibt. In Deutschland nimmt bislang die fachgesellschaftliche Weiterbildung innerhalb des Gesundheitswesens noch nicht diesen Stellenwert als eigenständigen Gesundheitsberuf auf Augenhöhe mit Ärzten ein. Dazu fehlt uns eine entsprechende Ausbildungs- und Weiterbildungsordnung, die dann folglich auch in Kompetenzzuschreibungen für das Berufsfeld in Krankenhäusern, Weaning-Zentren, Praxen oder außerklinischer Intensivpflege mündet.
Aber der Atmungstherapeut wird in Leitlinien und in den Bundesrahmenempfehlungen als eine qualifizierte Fachkraft mit spezifischer Ausbildung und Expertise in Atmungstherapie und Beatmung aufgeführt. Ist er also doch schon als eigenständiger Gesundheitsberuf anerkannt?
Schottler: Ja, der Atmungstherapeut wird dort erstaunlicherweise immer aufgeführt, als gäbe es einen offiziellen Bildungsplan. Es gibt ihn jedoch nur in der Form der fachgesellschaftlichen Weiterbildung, die per se gut ist, aber nicht den eigenständigen Beruf, wie etwa in den USA und Kanada, begründet. Diese Lücke schließen wir mit einem Studiengang, einer Qualifizierung auf akademischem Niveau, der Pflegefachpersonen eine neue Berufsperspektive bietet.
Bonin: Die Berufsbezeichnung Atmungstherapeut ist bisher nicht geschützt. Wir haben unterschiedliche Anbieter auf dem Markt. Die einen möchten eher eine Vertiefung im Beruf der Pflege, die anderen eher einen neuen Assistenzberuf. Auch die beruflichen Voraussetzungen sind unterschiedlich. Einige Anbieter setzen voraus, dass Teilnehmende aus der Pflege kommen, andere nehmen auch Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit auf, wieder andere sind auch für Logopädinnen und Logopäden offen. Wir haben stattdessen den Studiengang auf Pflegefachpersonen konzentriert. Dadurch bringen alle Teilnehmenden eine vergleichbare Vorausbildung mit. Für unseren Studiengang setzen wir zudem zwei Jahre Berufserfahrung voraus.
Warum gab es dieses Studium bisher hierzulande nicht?
Bonin: Die Frage ist, ob es sein kann, dass Nichtärzte ärztliche Tätigkeiten übernehmen dürfen, also Tätigkeiten, für die ein anderer jahrelang studiert hat. Lautet die Antwort Ja, so sind die nächsten Fragen zu stellen: Welche definierten Aufgaben sind dies genau und wer trägt die Verantwortung?
Schottler: Generell ist die Akademisierung in Pflege und Gesundheitsberufen in Deutschland eine schwerfällige Diskussion. Und in der Berufspraxis hängt es oft an der Haftungsfrage: Der Arzt ist für sein Handeln versichert. Die Pflege zog sich in den 1990er- und 2000er-Jahren aus vielen Tätigkeiten zurück. Da hat es Gott sei Dank zwischenzeitlich eine Weiterentwicklung gegeben hin zu mehr Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme. Nun bietet unser Studiengang eine neue Zukunftsperspektive, einen Gesundheitsberuf, der mit definiert eigenständigem Aufgabenfeld zwischen Pflegepersonal und Arzt angesiedelt ist.
Woran haben Sie sich für die Erarbeitung des Curriculums orientiert?
Bonin: Der Studiengang Atmungstherapeut umfasst die klassischen Inhalte der fachgesellschaftlichen Weiterbildung, Grundlage war zunächst das Curriculum der DGP. Diese Inhalte erweitern und vertiefen wir mit wissenschaftlichen Inhalten.
Schottler: Dabei haben wir uns an den Studiengängen zum Respiratory Therapist in den USA und Kanada orientiert.
Bonin: Wenngleich wir die Inhalte aus Nordamerika natürlich für deutsche Praxisbedingungen modifizieren mussten. Denn die Tätigkeitstruktur der dort praktizierenden Atmungstherapeuten entspricht noch nicht unserer in Deutschland.
Inwieweit unterschiedet sich der Studiengang von dem der fachgesellschaftlichen Weiterbildung?
Bonin: Im Laufe der vier Semester müssen die Studierenden immer wieder Qualitätsprüfungen bestehen – Klausuren, Testate, Projektarbeiten. Das Erlernte wird während des Studiums so immer wieder kontrolliert und stufenweise entwickelt. Am Ende des Studiums erstellen sie eigenständig eine Bachelorarbeit. Sie zeigen damit, inwieweit sie ein aus dem praktischen Arbeitsfeld des Atmungstherapeuten gestelltes Thema bearbeiten und unter wissenschaftlicher Betrachtung darstellen können. Deswegen ist eine Bachelorarbeit wesentlich höherwertiger als eine kleinere Facharbeit, wie sie etwa in anderen Kursen vorgesehen ist.
Schottler: Die Studierenden erhalten eine theoretisch-reflektierte, höhere akademische Ausbildung mit dem wichtigen Praxisbezug, sodass sie nicht als Theoretiker abgetan werden können. Unser Anspruch ist, dass das Studium über die bisher vermittelten Inhalte hinausgeht und entsprechende Reflexionsfähigkeit und Vertiefung oder einfach einen höheren Level anstrebt. Nach Europäischem und Deutschem Qualitätsrahmen, EQR und DQR, ist die klassische Ausbildung bei Level 4 angesiedelt, der Bachelor ist Level 6. An dieser Stufenkategorisierung lässt sich der Unterschied somit schon formal ablesen.
Welche Qualifikationen beinhaltet das Studium?
Schottler: Mit dem Studiengang verbinden wir drei Abschlüsse: High-Level-Pflege mit dem Bachelor of Science – also eine akademische Vertiefung in Pflege –, die Spezialisierung im atmungstherapeutischen Gesundheitsfachberuf und – weil diese Personen zwischen der klassischen Pflegeperson und dem Arzt eine Führungsperson sein müssen – auch die Ausbildung als Praxisanleiter, die inbegriffen ist. Krankenhäuser wie Pflegedienste sind gesetzlich angehalten, eine bestimmte Zahl Praxisanleitender vorzuhalten. Mit unserem Studiengang bieten wir eine gute Grundlage für solche Führungspersonen.
Und welche Kompetenzen erwerben die Studierenden?
Schottler: Zu den Schlüsselkompetenzen gehören Führungs-, Kommunikations- und soziale Kompetenz im medizinisch-pflegerischen Setting. Die fachlichen Kompetenzen bestehen in der Fähigkeit, mit dem Arzt die Therapie zu begleiten, zu diagnostizieren, zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen.
Bonin: Die Studierenden vertiefen medizinische Schwerpunkte in Grundlagenfächern wie Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie oder auch Krankheitslehre. Wir geben ihnen das Handwerkszeug mit, um die jeweiligen Krankheitsbilder zu verstehen und entsprechende Behandlungsformen einzusetzen. Ferner erlangen sie technische Fähigkeiten für die Anleitung von Patienten und deren Angehörigen im Umgang mit Geräten. Und schließlich erlernen die Studierenden ein problemorientiertes Handeln. Dazu gehört, selbstständig Lösungen zu suchen und diese nach wissenschaftlichen Kriterien zu hinterfragen. Dieses problemorientierte Handeln unterscheidet die Tätigkeit als Atmungstherapeut deutlich von der pflegeberuflichen, patientenorientierten Tätigkeit, bei der die Pflegefachpersonen mehrere Patienten parallel zu betreuen hatten. Aufgabe des Atmungstherapeuten ist es, fokussiert Probleme eines Patienten zu lösen, statt mehreren Patienten gleichzeitig Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Diese Möglichkeit ist sicherlich für viele Pflegefachpersonen eine neue Perspektive, die sich auch für ihre Berufsperspektive auszahlen wird.
Pflege, Medizin und Berufe entwickeln sich stetig weiter. Wie evaluieren Sie die Inhalte des Studiengangs?
Schottler: Gemeinsam mit der SRH werden wir sicher eine Alumni-Community bilden und die Zusammenarbeit mit den Verbänden suchen, um daraus wiederum Erfahrungen zu sammeln für die Weiterentwicklung des Curriculums. Das heißt, wir werden die Absolventen im Nachgang fragen, welche Elemente des Studiums sie für ihre berufliche Tätigkeit als besonders wertvoll erachten und wo sie gegebenenfalls noch Bedarf sehen. Das dient uns der Reflexion und stetigen Aktualisierung. Schon mit Beginn des Studiums stehen wir in engem Dialog mit vielen Arbeitgebern und erhalten von ihnen Informationen dazu, welches Berufsprofil gewünscht ist, welche Bedarfe existieren und auch welche berufspolitischen Wünsche an das Studium gestellt werden.
Bonin: Wir müssen schauen, welche Zusatzkurse sinnvoll sind und Neuerungen abdecken. Das entspricht dem klassischen akademischen Anspruch. Aber noch stehen wir am Anfang. Zunächst einmal gilt es, das Studium mit der ersten Kohorte durchzuexerzieren. Später könnten Jahrestreffen mit einem vierstündigen Refresher-Kurs durchaus denkbar sein.
Über die Inhalte haben wir nun gesprochen. Wie ist der Studiengang organisatorisch aufgebaut?
Schottler: Ein wesentlicher Aspekt – und das ist uns wichtig – ist, dass der Studiengang berufsbegleitend aufgebaut ist. Pflegefachpersonen mit dreijähriger Ausbildung und mehrjähriger Berufserfahrung, die sich akademisch weiterbilden wollen, müssen Beruf, Familie und das Studium in Einklang bringen können. Das macht die Konzeption des Studiengangs gemeinsam mit der SRH möglich. Es handelt sich um Blockseminare, teilweise online. Praktische Übungen in Präsenzlehre erfolgen aber an Beatmungsgeräten und Puppen im Skills Lab. Das erfolgt alles in schon jetzt feststehenden Kompaktwochen, sodass sich die Einschreibenden frühzeitig mit dem Arbeitgeber und der Familie abstimmen können, indem sie den Dienstplan entsprechend organisieren, sich freistellen lassen oder Urlaub dafür nutzen.
Bonin: Die Studierenden kommen jeweils für die Dauer einer Woche an einem Standort zusammen. Dafür müssen sie eine Übernachtung organisieren, sich einrichten und versorgen. Alle Studierenden wissen also genau, wann und wo sie Kurse absolvieren, und können alles verbindlich frühzeitig planen.
An welchen Standorten sehen Sie die Präsenzlehre vor?
Schottler: In Fürth und in Essen. Die propädeutischen und pflegewissenschaftlichen Kurse der SRH finden in Fürth an der SRH-Hochschule Wilhelm Löhe statt. In Essen, unserem atmungstherapeutischen Seminarzentrum, laufen die Spezialisierungskurse, weil dort ein Skills Lab angesiedelt ist.
Ein klassisches Studium setzt normalerweise Hochschulreife oder Fachhochschulreife voraus. Bawig und SRH bieten das Studium auch ohne Abitur an. Wie kommt das?
Schottler: Über den Aspekt der Studierfähigkeit haben wir mit der SRH lange diskutiert, weil Pflegende oftmals über andere Wege in den Beruf gekommen sind, sich weiterentwickelt haben, aber über kein Abitur verfügen. Eine Zugangsmöglichkeit bietet der sogenannte Meisterparagraf, der Personen mit erfolgreich abgelegten beruflichen Weiterbildungsprüfungen vergleichbar einer Meisterprüfung einen Zugang zu Studiengängen an Hochschulen erlaubt. Eine andere Möglichkeit ist, dass Bewerbende eine kleine Studierfähigkeitsprüfung absolvieren: Wer sich so qualifizieren will, bekommt einen Text zugestellt und soll sich dazu auf zwei, drei Seiten entsprechend äußern. An der Artikulations- und Formulierungsgabe sowie dem Verständnisgrad können wir dann erkennen, ob jemand für ein wissenschaftliches Studium den sprachlich-inhaltlichen Umgang beherrscht. Aber generell gilt: Die Grundqualifikation und die Berufserfahrung als Pflegefachpersonen sind die wesentlichen Voraussetzungen für das Studium. Damit bekommen sie die ersten beiden Semester des Bachelorstudiums anerkannt und steigen sozusagen gleich in Semester drei ein.
Bonin: Die Möglichkeit, auch ohne Abitur zu studieren, ist akkreditiert und von der SRH schon seit Jahren in Deutschland etabliert und damit sehr gute Erfahrungen gemacht.
Wie können sich Interessenten für den Studiengang bewerben?
Schottler: Dazu schreiben sie sich auf dem Bewerbungsportal der SRH ein. Dort müssen sie bestimmte Qualifikationsnachweise hochladen. Ein Zulassungsausschuss prüft, ob die oder der jeweilige Bewerbende die Grundqualifikation für die Immatrikulation erfüllt, und danach wird ihr oder ihm der Studienvertrag zugestellt.
Wie viele Teilnehmende sind für das Studium maximal vorgesehen?
Schottler: Vonseiten der BaWiG ist wegen der berufspraktischen Lehranteile die gewünschte Kohortengröße auf zwanzig Studierende begrenzt. Sollte sich die Zahl der Bewerbenden deutlich darüber hinaus entwickeln, dann wäre es auch denkbar, eine zweite Klasse aufzumachen oder neue Kohorten schon im Halbjahrestakt vorzusehen. Bis jetzt haben wir schon die Hälfte der für den ersten Studiengang angedachten Kohortengröße erreicht.
Bislang ist die Zahl der Atmungstherapeuten in Deutschland überschaubar. Wie schätzen Sie den Bedarf ein?
Schottler: Sehr hoch, denn Atmungstherapeuten sind auf dem Markt gefragt. Mit ihrer Qualifikation durch unser Studium sind sie somit für den Gesundheitsmarkt in einer Pole Position. Sie haben sehr gute Perspektiven auf Jobs und Tätigkeiten mit höheren Einkommen.