Das Interprofessionelle Curriculum Frühmobilisierung ist die erste nach definierten Qualitätskriterien zertifizierte Qualifizierungsmaßnahme von Pflegefachpersonen für die Mobilisierung von Patienten auf Intensivstationen.
Frühmobilisierung ist seit geraumer Zeit ein elementarer Bestandteil der Intensivpflege und nimmt einen breiten Raum in der Versorgung der Patientinnen und Patienten ein [1]. Eine frühe Mobilisierung hat einen nachhaltigen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf von Intensivpatienten [2].
Mittlerweile liegt eine Vielzahl von Belegen für die vielfältigen positiven Effekte der Frühmobilisierung vor: unter anderem die Verkürzung der Beatmungsdauer und der Liegezeiten, die Reduzierung von begleitenden Komplikationen und Erkrankungen, die Erhaltung funktioneller Unabhängigkeit und von Lebensqualität bis hin zu einem verbesserten Outcome insgesamt. Speziell die positiven Effekte im Rahmen der Prophylaxe und Behandlung des Delirs sind mittlerweile gut belegt [2–12].
Vor diesem Hintergrund erfolgte 2011 die Gründung des Deutschen Netzwerks zur Frühmobilisierung beatmeter Intensivpatienten, das im Sinne der Verbreitung und Weiterentwicklung der Thematik regelmäßige Konferenzen zur Frühmobilisierung veranstaltete. Das Netzwerk ist mittlerweile in die Sektion „Intensivmedizinische Frührehabilitation“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) überführt.
Zielführend nimmt Frühmobilisierung auch in der S3-Leitlinie „Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen“ einen breiten Raum ein. Neben der Definition als Beginn der Mobilisation von Patienten innerhalb von 72 Stunden nach der Aufnahme auf der Intensivstation, unterstreicht eine Reihe von weiteren Empfehlungen die Bedeutung von Frühmobilisierung. Einen wichtigen Paradigmenwechsel markiert insbesondere die Empfehlung, eine medizinisch notwendige Immobilisation explizit anzuordnen [13], und unterstreicht damit den Stellenwert der (Früh-)Mobilisierung und Aktivitätserhaltung sowie die Verantwortlichkeit der Gesundheitsfachberufe, sich dieses Konzepts anzunehmen und vor allem stationsinterne Standards und Stufenkonzepte zu etablieren.
In diesem Kontext unterstützen die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) sowie die DIVI mittels der vorgeschlagenen Tätigkeitskataloge im Zusammenhang mit vorbehaltlichen Aufgaben für die Fachkrankenpflege einerseits und interprofessioneller Handlungsfelder andererseits die herausgehobene Bedeutung der Frühmobilisierung in der Intensivversorgung [14, 15].
Fortbildungskonzept
Im Jahr 2022 hat die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin (DGIIN) in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Netzwerk zur Frühmobilisierung beatmeter Intensivpatienten ein Curriculum für die Frühmobilisierung erarbeitet und dieses 2023 veröffentlicht [16]. Die Konzeption soll einheitliche Qualitätsstandards für eine Fortbildung setzen.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Entwicklung von Konzepten zur Umsetzung, ein Abbau möglicher Barrieren sowie die Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit. Das Curriculum bietet damit eine strukturelle Grundlage für die Fortbildung von Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzten, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Psychologinnen und Psychologen sowie weiteren Mitgliedern therapeutischer Berufsgruppen.
Darüber hinaus stellt das Interprofessionelle Curriculum Frühmobilisierung einen ergänzenden Baustein sowohl zum Curriculum Internistische Intensivmedizin [17] als auch für die Weiterbildungslehrgänge in der Intensivpflege und Anästhesie, Notfallpflege und Intensivüberwachungspflege (IMC-Pflege, Intermediate Care) sowie für entsprechende Studiengänge und weitere Bildungskonzepte der therapeutischen Gesundheitsfachberufe dar.
Ziel des Curriculums ist, den Teilnehmenden das notwendige Wissen und die Fertigkeiten zu vermitteln, um mit diesem Wissen als Multiplikatoren für die Umsetzung der Konzepte zur Frühmobilisierung in ihrer Einrichtung zu fungieren.
Maßnahmen zur Frühmobilisierung können passive, assistierte oder aktive Bewegungsübungen und -unterstützungen sein [13] und es wird empfohlen, die Frühmobilisierung im interprofessionellen Therapieteam vorzunehmen [5, 9, 18, 19].
Kursinhalte
Das interprofessionell entwickelte und angebotene Curriculum Frühmobilisierung zielt auf diese Kernelemente ab und schafft eine Grundlage, um interprofessionellen Behandlungsteams relevante Inhalte der Frühmobilisierung zu vermitteln.
Dazu ist ein Zwei-Tages-Kurs mit kurzen theoretischen Sequenzen und abwechslungsreichem Methodenmix vorgesehen. In diesem reflektieren und überprüfen die Teilnehmenden interprofessionelles Handeln in kollegialer Diskussion. Frühmobilisierung wird dabei als elementare Grundlage interprofessioneller intensivmedizinischer Betreuung und pflegerischen, therapeutischen Handelns verstanden. Alle Beteiligten sollen sie zu jeder Zeit in Planung und Behandlung integrieren.
Theorie. Im Kurs erarbeiten die Teilnehmenden Umsetzungsstrategien, Veränderungen, Anpassungen sowie Umsetzungsmöglichkeiten und bahnen im interprofessionellen, abgestimmten Handeln das Umgehen von Barrieren an. Sie sollen in allen Phasen der Patientenbetreuung in der Lage sein, geeignete Maßnahmen zur Frühmobilisierung zu entwickeln, sicher umzusetzen und an jeweilige Situationen anzupassen. Dabei sollen sie Grenzen der Frühmobilisierung und die Ressourcen der Patienten im Blick behalten. Die theoretischen Inhalte des Kurses umfassen die Themenkomplexe:
- Definition und therapeutischer Ansatz
- Grundlagen und Leitlinien
- Begrifflichkeiten, Vor- und Nachteile, Folgen, Zahlen
- Auswirkungen von Immobilität
- Multiprofessionelle und interdisziplinäre Visite
- ABCDEF-Bundle (siehe Textkasten: ABCDEF-Maßnahmenbündel)
- Effekte von Frühmobilisierung
- Stufen der Mobilisation, Mobilisationsgrade
- Stufenplan
- Qualitätsmanagement, Entwicklung eines Stufenplans
- Ressourcen und Teamwork
- Sicherheit, Abbruchkriterien und Kontraindikationen
Praxis. Im Wechsel mit den theoretischen Inhalten sind abgestimmte praktische Einheiten vorgesehen. Die Praxisphasen folgen dabei einem kontinuierlichen Aufbau, beginnend mit Selbsterfahrung und ersten Bewegungsanbahnungen bis hin zu komplexen Mobilisierungssituationen unter Einsatz modernster technischer Hilfsmittel. Im gemeinsamen Austausch und unter Anleitung sollen die Teilnehmenden Konzepte zur Modifizierung von Strategien der Frühmobilisierung und zur Umsetzung neuer Ansätze erarbeiten, erproben und vertiefen.
Rahmenbedingungen. Eine Zertifizierung des Kurses erfolgt durch Expertinnen und Experten der DGIIN. Die zu erfüllenden strukturellen Rahmenbedingungen betreffen unter anderem die Qualifikation der Kursleitung sowie der Referentinnen und Referenten, allgemeine Rahmenbedingungen und die verbindliche Vermittlung der im Curriculum festgelegten Inhalte. Die ideale Gruppengröße liegt bei zwölf bis 16 Teilnehmenden, wobei eine interprofessionelle Teilnahme und Ausrichtung des Kurses anzustreben ist.
Der Kurs sollte idealerweise an zwei zusammenhängenden Tagen, kann jedoch auch an zwei einzelnen Tagen oder vier halben Tagen erfolgen. Das Curriculum lässt sich im Übrigen auch in bestehende Weiterbildungsformate wie die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie integrieren.
Weitere Auskünfte zur Umsetzbarkeit erteilt die Expertengruppe Pflege der DGIIN. Auch alle zu erfüllenden Rahmenbedingungen für eine Zertifizierung sind über die DGIIN zu erfragen oder abzurufen (Textkasten: Weitere Informationen).
Evaluation
Die ersten Pilotkurse sind im August 2024 am Universitätsklinikum Marburg und im Januar 2025 an der „Universitätsmedizin“ in Rostock sowie an der Medizinischen Hochschule Hannover mit sehr positiver Resonanz abgelaufen. Die Evaluation dieser beiden Kurse seitens der Teilnehmenden ergab eine hohe Zufriedenheit. Sie schätzten die Relevanz für die Patientenversorgung zudem als sehr hoch ein. Die Möglichkeit zur praktischen Umsetzung und die unmittelbaren Bezüge der theoretischen Blöcke zur Praxis stießen unter den Teilnehmenden auf besondere Zustimmung.
ABCDEF-Maßnahmenbündel
- A: Erfassung, Prävention und Management von Schmerzen
- B: Spontanes Erwachen und Atmung
- C: Wahl adäquater Analgesie und Sedierung
- D: Erfassung, Prävention und Management von Delirien
- E: Frühzeitige Mobilisation und Bewegung
- F: Engagement und Empowerment der Familie
Der Hauptkritikpunkt betraf die gleichmäßige zeitliche Verteilung von Theorie und Praxis. Die Teilnehmenden regten an, die theoretischen Inhalte zugunsten der praktischen Übungssequenzen zu verkürzen und realistischere Szenarien zur praktischen Übung mit Zugängen und Drainagen zu entwickeln.
Weitere Kurse sind derzeit in den Weiterbildungslehrgängen Intensivpflege und Anästhesie zum Beispiel dem Universitätsklinikum in Gießen (März 2025) und im Klinikum Traunstein (Juli 2025) geplant. Sie nehmen ebenfalls an der Evaluation teil. In allen genannten Kursen sind aus diesem Grund Mitglieder des Autorenteams involviert oder an der jeweiligen Durchführung beteiligt. Weitere potenzielle Bildungseinrichtungen haben Kurse bereits angefragt.
Nach einer entsprechenden Evaluation der Pilotphase soll eine Umsetzung der Kurse auf der Grundlage der Zertifizierung und ohne zwingende Beteiligung des Autorenteams möglich sein.
Reges Interesse
Das Interprofessionelle Curriculum Frühmobilisierung fokussiert sich auf einen zentralen Ansatz moderner Intensivversorgung. Mit ihm liegt erstmals eine nach definierten Qualitätskriterien zertifizierte Qualifizierungsmaßnahme für die Frühmobilisierung vor, die Aufbau und Erweiterung von entsprechenden Kompetenzen zum Ziel hat.
Diese Maßnahme kann sowohl isoliert als eigenständige Fortbildung als auch im Rahmen interdisziplinärer Fortbildungen erfolgen.
Eine Integration in weitere Bildungsformate wie die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie oder die Ausbildung zur Fachärztin/zum Facharzt ist ebenfalls möglich und wünschenswert. Das Curriculum erweitert – ähnlich wie das Curriculum Delirmanagement der DIVI [20] – elementar das Portfolio verfügbarer zertifizierter spezifischer Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich der Intensiv- und Notfallmedizin.
Die ersten Kurse fanden das rege Interesse der Teilnehmenden, die den großen Wert für die Patientenversorgung betonten. Eine weitere Überarbeitung wird voraussichtlich keine wesentlichen inhaltlichen Veränderungen, jedoch geringe Anpassungen der zeitlichen Abläufe betreffen. Ebenso ist eine Erweiterung des Kurskonzepts mit unterstützenden eLearning-Elementen angedacht.
Die DGIIN arbeitet derzeit am Aufbau einer digitalen Infrastruktur, um das Zertifizierungsverfahren für interessierte Anbieterinnen und Anbieter transparenter und niedrigschwelliger zu gestalten. Dies sollte dazu beitragen, das bisher schon große Interesse am Kurs weiter zu steigern und dessen Umsetzung zu ermöglichen. Informationen dazu sind über die DGIIN erhältlich (Textkasten: Weitere Informationen).
- zu den Kursinhalten sind erhältlich bei der DGIIN: Sabine.Wingen@dgiin.de
- zum Curriculum und zur Zertifizierung bei der DIVI: https://akademie.divi.de/fuer-veranstalter/delirmanagement-veranstalter
Die Autorinnen und Autoren geben an, dass es keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Manuskript gibt.
[1] Nydahl P, Hermes C, Schuchhardt D et al. Frühmobilisierung in Deutschland. intensiv 6|2014. Stuttgart: Thieme
[2] Schweickert WD, Pohlman MC, Pohlman AS et al. Early physical and occupational therapy in mechanically ventilated, critically ill patients: a randomised controlled trial. The Lancet 2009; 373 (9678): 1874–1882. doi: 10.1016/S0140–6736(09)60658–9
[3] Devlin JW, Skrobik Y, Gélinas C et al. Clinical Practice Guidelines for the Prevention and Management of Pain, Agitation/Sedation, Delirium, Immobility, and Sleep Disruption in Adult Patients in the ICU. Critical Care Medicine 2018; 46 (9): e825. doi: 10.1097/CCM.0000000000003299
[4] Morris PE, Goad A, Thompson C et al. Early intensive care unit mobility therapy in the treatment of acute respiratory failure. Critical Care Medicine 2018; 36 (8): 2238–2243. doi: 10.1097/CCM.0b013e318180b90e
[5] Needham DM, Korupolu R, Zanni JM et al. Early Physical Medicine and Rehabilitation for Patients With Acute Respiratory Failure: A Quality Improvement Project. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation 2010; 91 (4): 536–542. doi: 10.1016/j.apmr.2010.01.002
[6] Nessizius S, Nydahl P. Frühmobilisierung und Delirmanagement zusammen denken. PflegenIntensiv 4|2020. Melsungen: Bibliomed
[7] Nydahl P, Sricharoenchai T, Chandra S. Safety of Patient Mobilization and Rehabilitation in the Intensive Care Unit. Systematic Review with Meta-Analysis. Annals ATS 2017; 14 (5): 766–777. doi: 10.1513/AnnalsATS.201611–843SR
[8] Patel BK, Wolfe KS, Patel SB et al. Effect of early mobilisation on long-term cognitive impairment in critical illness in the USA: a randomised controlled trial. The Lancet Respiratory Medicine 2023; 160: 50. doi: 10.1016/S2213–2600(22)00489–1
[9] Schaller SJ, Anstey M, Blobner M. Early, goal-directed mobilisation in the surgical intensive care unit: a randomised controlled trial. The Lancet 2016; 388 (10052): 1377–1388. doi: 10.1016/S0140–6736(16)31637–3
[10] Schaller SJ, Scheffenbichler FT, Bose S et al. Influence of the initial level of consciousness on early, goal-directed mobilization: a post hoc analysis. Intensive Care Med 2019; 45 (2): 201–210. doi: 10.1007/s00134–019–05528-x
[11] van Lieshout C, Schuit E, Hermes C et al. Hospitalisation costs and health related quality of life in delirious patients: a scoping review. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen 2022; 169 (6): 28–38. doi: 10.1016/j.zefq.2022.02.001
[12] Waldauf P, Jiroutková K, Krajčová A et al. Effects of Rehabilitation Interventions on Clinical Outcomes in Critically Ill Patients. Critical Care Medicine Publish Ahead of Print 2020: 849. doi: 10.1097/CCM.0000000000004382
[13] Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). S3-Leitlinie Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen. Im Internet: register.awmf.org/assets/guidelines/001-015l_S3_Lagerungstherapie-Mobilisation-von-kritisch-Erkrankten-auf-Intensivstationen_2023-07.pdf
[14] Pelz S, Wilpsbäumer S, Dubb R et al. Vorbehaltsaufgaben für die Fachkrankenpflege. intensiv 2023; 31: 18–20. Stuttgart: Thieme
[15] Waydhas C, Deininger M, Dubb R et al. Interprofessionelle Handlungsfelder in der Intensivmedizin – Empfehlungen der DIVI. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2024; 149: 400–406. Stuttgart: Thieme
[16] Eggers D, Hermes C, Esteve H et al. Interprofessionelles Curriculum Frühmobilisierung. Medizinische Klinik Intensivmedizin Notfallmedizin 2023. doi: 10.1007/s00063-023-01035-6
[17] John S, Riessen R, Karagiannidis C et al. Curriculum Internistische Intensivmedizin. Med Klin Intensivmed Notfmed 2021; 116 (S1): 1–45. doi: 10.1007/s00063-020-00765-1
[18] Fuest K, Schaller SJ. Recent evidence on early mobilization in critical-Ill patients. Current Opinion in Anaesthesiology 2018; 31 (2): 144–150. doi: 10.1097/ACO.0000000000000568
[19] Nessizius S. Maßgeschneiderte Frühmobilisation. Med Klin Intensivmed Notfmed 2017; 112 (4): 308–313. doi: 10.1007/s00063-017-0280-2
[20] Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). DIVI-Kurs Delirmanagement, Berlin; 2022