• 12.02.2024
  • PflegenIntensiv
Patientendatenmanagementsysteme

Schneller, sicherer, genauer

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2024

Seite 32

 

Die digitale Erfassung und Weiterverarbeitung von Patientendaten gewährleisten eine lückenlose Dokumentation, Leistungserfassung und Abrechnung. Sie verbessert die Patientensicherheit und hilft, Behandlungsprozesse zu optimieren.

Ein Patientendatenmanagementsystem (PDMS) ist ein klinisches Informationssystem, das im Intensivbereich die klassische papiergebundene Dokumentation ersetzt. Es kann dazu beitragen, die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zu verbessern. Die Dokumentation in einem PDMS vollzieht sich größtenteils automatisiert und kann damit die Vorgaben für eine lückenlose, nachvollziehbare und gut lesbare Dokumentation erbringen. PDMS können auch in der Anästhesie, im OP und auf Normalstation zum Einsatz kommen.

Ziel sollte sein, die intensivmedizinische Patientenkurve möglichst vollständig digital abzubilden. Nach Schätzung einer früheren Erhebung entstehen an einem Behandlungstag für einen einzigen kritisch kranken Patienten mehr als 2.000 einzelne Parameter und rund 1.000 davon abzuleitende Daten [1].

Aufgrund dieser großen Zahl generierter Para­meter ist eine papiergebundene Dokumentation auf einer Intensivstation beinahe unmöglich geworden. Bis zu 30 Prozent aller erhobenen Daten gehen im Rahmen einer handschriftlichen Dokumentation verloren [2, 3]. Ein weiterer Anteil der verfügbaren Daten lässt sich mit konventionellen Mitteln nicht dokumentieren [4]. Diese Daten stehen damit auch nicht für therapeutische oder pflegerische Entscheidungsfindungen, Abrechnungen sowie Statistiken zur Verfügung. Laut Literatur liegt der Aufwand einer Papierdokumentation für das Gesundheitspersonal bei vier bis acht Stunden am Tag [5]. Genaue Angaben zum Vorhandensein einer digitalen Patientenakte auf deutschen Intensivstationen finden sich nicht. Die Zahl der Softwareanbieter und deren Absatzsteigerung ist allerdings im zurück­liegenden Jahrzehnt zunehmend größer geworden.

Funktionalität

Grundsätzlich sollte ein PDMS über drei wesentliche Funktionalitäten verfügen (Tab.):

  • Dokumentation
  • Schnittstellen zu Geräten und Krankenhaus­informationssystemen (KIS), Labor, Radiologie
  • Management


Technisch sind zwei Varianten der Anbindung von Geräten an das PDMS, die auch in Kombination möglich sind, verfügbar:

  • Zentrale Lösung: Daten zentral über das eigenständige Netzwerk der Medizinprodukte in das PDMS einspeisen. – Vorteil: Da weniger Datenverbindungen nötig sind, lassen sich Kosten einsparen.

– Nachteil: Eine Unterbrechung der zentralen Verbindungen führt an allen Arbeitsplätzen zu einem Ausfall der Datenübertragung.

  • Dezentrale Lösung: Datenübertragung erfolgt an jedem Arbeitsplatz separat, das heißt, alle medizinischen Geräte werden an jedem Arbeitsplatz einzeln angebunden. – Vorteil: Bei Ausfall des Netzwerks stehen lokal weiterhin alle Daten elektronisch zur Verfügung.

– Nachteil: Für die notwendigen Kabel existiert weder für die Stecker noch für die Pin-Belegung ein Standard, sodass die einzelnen Gerätetypen individuelle Kabel erfordern. Häufig müssen diese erst hergestellt werden.


Bei beiden Varianten werden die Daten exakt, detailliert, fehlerfrei und in der systemseitig hinterlegten Frequenz dokumentiert. Übertragungsfehler, wie sie im Zuge der manuellen Dokumentation entstehen können, entfallen weitgehend und der Arbeitsaufwand für das Personal sinkt.

Mehrere Ereignisse in den vergangenen Jahren (Hackerangriffe oder Naturkatastrophen) haben gezeigt, dass eine Netzwerkstruktur unangekündigt zum Erliegen kommen kann. Daher ist eine Back-up-Strategie wichtig.

Nutzen

Der einfachste und direkte Nutzen des PDMS ist die vollständige Verfügbarkeit der aktuellen Patientendaten. Die automatisch von den Medizingeräten übernommenen Daten erlauben eine präzise Darstellung des medizinischen Verlaufs. Die Daten sind numerisch und/oder grafisch darstellbar. Zentraler Bestandteil des PDMS ist die Intensivkurve. Diese ist in ihrer Ansicht anwenderorientiert skalierbar.

Auf der Intensivkurve werden nicht nur die Vitalparameter dokumentiert, sondern auch Maßnahmen, Verordnungen, deren Durchführung und Ereignisse. Dies kann helfen, Informationsverluste – etwa beim Schichtwechsel – zu vermeiden [6]. Informationen wie ausstehende Pflege- oder Therapiemaßnahmen, aber auch Hinweise zum MRE-Status eines Patienten stehen einmal dokumentiert allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dienstübergreifend zur Verfügung. Die Intensivkurve bietet damit einen vollständigen Überblick und ermöglicht Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegekräften, frühzeitige Veränderungen zu erkennen und differenzierte Entscheidungen zu treffen.

Aufseiten der Patientensicherheit ist die Medikationsverordnung von großem Vorteil. Aufgrund der Lesbarkeit elektronischer Anordnungen und hinterlegter Medikamentendosierungen [7] lassen sich Therapiefehler vermeiden. Im PDMS dokumentierte Anordnungen sind an allen Arbeitsplätzen mit Aufrufen der Patientenakte sofort einsehbar. So lassen sich Anordnungen zeitnah ausführen und im System quit­tieren.

Einige PDMS bieten auch zusätzliche Module, die Hinweise auf Kontraindikationen oder Inkompatibilitäten verordneter Medikamente geben. Möglich sind auch Anordnungen für maximale Dosen, bevor eine ärztliche Rücksprache erfolgen muss. Dies erhöht die Autonomie der Berufsgruppe der Pflegenden im Behandlungsprozess.

Eine weitere Option, die Patientensicherheit bei der Medikation zu erhöhen, sind sogenannte geschlossene digitale Medikationsprozesse. Diese schließen – von der Verordnung bis zur Aushändigung der Medikamente – Übertragungs- und Kommunikationsfehler oder Abgabefehler am Bett nahezu aus. Laut zweier Studien reduziert der elektronische Medikationsprozess den Anteil der Abweichungen im Rahmen der Arzneimittelverordnung gegenüber einer papier­basierten Verordnung um die Hälfte [8, 9].

In PDMS lassen sich Behandlungsprozesse implementieren. Dies können Beatmungs- und Sedierungsprotokolle mit daraus resultierenden Pflegemaßnahmen, Unterstützungen bei der Initialtherapie von Antiinfektiva oder eine Indikationsprüfung bei Verordnungen von Blutprodukten sein. Einige PDMS-Anbieter ermöglichen die Implementierung intelligenter Frühwarnsysteme. Dazu gehören zum Beispiel die automatische Kontrolle der SIRS-Kriterien (systemisches inflammatorisches Response-Syndrom) oder die Kriterien für eine lungenprotektive Beatmung.

In einem PDMS steht der intensivmedizinischen Pflegekraft eine strukturierte Dokumentation zur Verfügung, die sich am Zustand des Patienten orientiert. Speziell für die Berufsgruppe der Pflegenden lässt sich so die Qualität und Aussagekraft der geleisteten Maßnahmen aufzeigen [10]. Es entstehen ein Nachweis und die Transparenz für professionelles und patientenbezogenes Handeln auf dem Stand aktueller pflegerischer und medizinischer Erkenntnisse.

Ein PDMS bietet die Möglichkeit eines einheit­lichen Kommunikations- und Informationsstatus aller am Behandlungsprozess Beteiligter. Sie haben bereits im Moment der Datenerhebung Zugriff auf diese Daten, und zwar aus allen Bereichen des Kranken­hauses. Das Warten oder Suchen nach Akten entfällt vollständig.

Wirtschaftlichkeit

Gerade für die kostenintensive Intensivstation ist die vollständige Abrechnung aller erbrachten Leistungen wesentlich. Mit einem PDMS sind alle abrechnungsrelevanten Informationen vollständig erfassbar und die Entgeltermittlung somit deutlich erleichtert. Jede erbrachte ärztliche und pflegerische Maßnahme wird abgerechnet. Beatmungsstunden können zeitgenau erfasst werden, auch die Beatmungs- und Weaningphasen von Langzeitliegern lassen sich korrekt ermitteln und abrechnen. Mehrere Studien aus unterschiedlichen Ländern haben gezeigt, dass die Nutzung eines PDMS positiven Einfluss auf das wirtschaftliche Ergebnis eines Krankenhauses hat [11, 12].



[1] Price DJ. The use of computers in neurosurgical intensive care. Baillière‘s Clinical Anaesthesiology 1987; 1: 553–556

[2] Groom DA, Harris JW. Evaluation and selection of systems for automating clinical operations. Biomed Instrum Technol 1990; 24 (3): 173–185

[3] Kalli S, Ambroso C, Gregory R et al. Inform: conceptual modelling of intensive care information systems. Int J Clin Monit Comput 1992; 9 (2): 85–94

[4] Imhoff M. Datenverarbeitung in der Intensivmedizin – Gegenwärtiger Zustand und zukünftige Entwicklungen. intensiv 2004; 12: 25–29

[5] Mann S, Wiedmann S, Mann U, Zirngibl H. General automated documentation and performance data on the surgical intensive care unit – the theoretical concept of the Regensburg Surgical University Clinic. Langenbecks Arch Chir Suppl Kongressbd 1996; 113: 314–317

[6] Menke JA, Broner CW, Campbell DY et al. Computerized clinical documentation system in the pediatric intensive care unit. BMC Med Inform Decis Mak 2001; 1: 3

[7] Ali J, Barrow L, Vuylsteke A. The impact of computerised physician order entry on prescribing practices in a cardiothoracic intensive care unit. Anaesthesia 2010; 65: 119–123

[8] Groth-Tonberge C, Häckh G, Strehl E, Hug M. Führt elektronische Verordnung zu einer höheren Arzneimitteltherapiesicherheit? Krankenhauspharmazie 2012; 33: 476–479

[9] Baehr M, van der Linde A, König R. Kopplung von elektronischer Verordnung und patientenorientierter Logistik – Signifikante Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Krankenhauspharmazie 2014; 35: 110–117

[10] Mahler C, Ammenwerth E, Tautz A et al. Die Auswirkungen eines rechnergestützten Pflegedokumentationssystems auf die Quantität und Qualität von Pflegedokumentationen. Pflege 2003; 16: 144–152

[11] Wang SJ, Middleton B, Bardon CG et al. A Cost-benefit analysis of electronic medical records in primary care. Am J Med 2003; 114 (5): 397–403

[12] Zhang WP, Yamauchi K, Mizuno S et al. Analysis of cost and assessment of computerized patient record systems in Japan based on ques­tionnaire survey. Informatics for Health and Social Care 2004; 29 (3–4): 229–238

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