Christa Olbrich hat als Professorin und Dekanin neue Konzepte und Studiengänge für die Pflege entwickelt. In diesem Beitrag erinnert sie sich an die Anfänge der Intensivpflege in den 1970er-Jahren und die ersten intensivmedizinisch geprägten Weiterbildungsangebote für das Pflegepersonal.
Anfang der 1970er-Jahre arbeitete ich voller Begeisterung auf der ersten Intensivstation am Universitätsklinikum Erlangen. Damals nannte sich die Station „Chirurgischer Wachsaal“. Es war eine aufregende Zeit, in der die Narkosetechniken stetig verbessert und die ersten Herzoperationen möglich wurden. Prof. Dr. Gerd Hegemann war Ordinarius der Universitätskliniken, Prof. Dr. Erich Rügheimer war der leitende Chefarzt der Anästhesie. Beide prägten maßgeblich die medizinische Entwicklung der Herzchirurgie in Deutschland.
Die Medizintechnik war faszinierend. Täglich erfolgten ein bis zwei Operationen am offenen Herzen, diese dauerten viele Stunden. Die Patientinnen und Patienten lagen dann im Wachsaal, einem großen Raum, in dem jeder Patient kontinuierlich gesehen und überwacht werden konnte. Der Patient war als Mensch kaum zu erkennen, denn er war vollständig mit Geräten und Kabeln umgeben. Erst nach einigen Stunden erwachte er aus der Narkose und war dann oft lange bewusstlos. Die Todesrate war in diesen Anfangszeiten der Herzchirurgie hoch und das machte uns sehr betroffen.
Ich erinnere mich, dass täglich mehrmals wegen Herzstillständen der Alarm klingelte. Innerhalb weniger Sekunden stürzten wir an das Bett. Wir waren ein eingeübtes Team, die Reanimation war sofort eingeleitet. Jede und jeder von uns – Ärztinnen und Ärzte sowie Schwestern – beherrschte die erforderlichen Maßnahmen, und die perfekten Handgriffe liefen routiniert. Meistens mit Erfolg: Die Herztöne kamen im richtigen Rhythmus wieder. Der Patient war gerettet. Leider war jedoch trotz unserer größten Anstrengungen manchmal nur noch der Tod festzustellen. Das belastete uns jedes Mal sehr. Die Ernsthaftigkeit und die Verantwortung waren in jedem Gesicht zu sehen. Das schmiedete uns alle auf der Intensivstation Arbeitenden mit Vertrauen und gegenseitigem Respekt eng zusammen.
Vorlesungen im Hörsaal
Wir Krankenschwestern erhielten von den Oberärzten die ersten Einweisungen in die Intensivmedizin. Einmal pro Woche fand im Hörsaal eine einstündige Vorlesung statt. Auch die Medizinstudierenden konnten daran teilnehmen. Es war der Beginn der Intensivpflege, allerdings damals noch rein medizinisch ausgerichtet. In den Folgejahren entwickelte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die erste Weiterbildung zur Fachpflege für Intensivmedizin. Die Ärzte legten Inhalte, Prüfung und Struktur für die Intensiv-Krankenschwestern fest.
In dieser Tradition etablierten sich die nachfolgenden Weiterbildungen in der Pflege für den Operationsdienst und für die Psychiatrie. Auch pflegerische Weiterbildungen, wie professionelle Pflege, Pflegeexpertise (Christel Bienstein), Pflegeberatung (Christa Olbrich), psychosomatisch-onkologische Pflege (Klinikum Nürnberg) und weitere Fachpflegekurse, orientierten sich an den Richtlinien der DKG. Jedoch beinhalteten sie zunehmend originäre pflegerische Inhalte. Heute beruhen die Fort- und Weiterbildungen durch die Akademisierung und Pflegeforschung auf einer guten pflegerischen Grundlage.
Die Universitätsklinik war auch Ausbildungsstätte für Medizinstudierende, so konnten wir Krankenschwestern zusätzlich an anderen Veranstaltungen teilnehmen. Da ich immer wissbegierig war, besuchte ich einmal das anatomische Institut. Ich sehe das Bild heute noch vor meinen Augen: Ein großer schwarzer Hund lag narkotisiert auf einem Sektionstisch. Einige Studenten präparierten die Venen frei. Ich war betroffen und betrat niemals wieder diesen Raum.
Faszinierend, aber auch belastend
Die Arbeit als angehende Intensivschwester fand ich faszinierend. Die Atmosphäre im Wachsaal erlebte ich als konzentriert, achtsam und verantwortungsvoll. Es herrschte Stille, die einzigen Geräusche kamen von den Überwachungsgeräten – in den ständigen, regelmäßigen Tönen der Herzfrequenzen aller Patienten. Alle unsere Sinne waren sensibilisiert für diesen Rhythmus des Herzens.
Wir hatten, was damals noch nicht üblich war, Schichtdienst, jeweils zwei Wochen durchgehend Früh-, Nachmittags- und Nachtschicht. Das war sehr anstrengend. Ich erinnere mich, dass bei der Einführung in die Intensivtätigkeit die leitende Krankenschwester gesagt hatte, wir sollten nach zwei Jahren wieder auf eine normale Station wechseln.
Da ich als junge Krankenschwester alles spannend und aufregend fand, war mir diese Belastung nicht bewusst. Erst eines Abends, als ich mich für die Nachtschicht in meinen blauen Kittel und die blaue Haube umzog, musste ich mich im Umkleideraum auf die Bank setzen. Ich spürte plötzlich eine immense Erschöpfung und konnte nicht mehr aufstehen. Was war mit mir los? Der Kopf fing leicht zu dröhnen an und ich war wie gelähmt. Nach etwa 20 Minuten, mein Dienst hatte bereits begonnen, dachte ich, ich kann nicht einfach nach Hause gehen und ich kann aber auch so nicht arbeiten. Also betrat ich wie in Trance den Wachsaal und steuerte auf die Schichtleitung zu. Sie sah mich an und sagte: „Geh nach Hause.“ Zu Hause schlief ich zwei Tage lang durch. Es war, als würden mein Geist und mein Körper eine Pause brauchen. Dann war alles wieder gut. Heute würde man das wohl Burn-out nennen.
Die Geschichte der Herzchirurgie und der Intensivpflege hat sich seit damals enorm weiterentwickelt. Die Technologie hat sich verbessert, die Überlebensraten wurden erhöht. Und die Intensivpflege hat sich zu einer hoch spezialisierten und unverzichtbaren Disziplin entwickelt. Es war eine Zeit voller Herausforderungen, Entwicklungen und Veränderungen, und ich bin dankbar, dass ich einen Teil dieser aufregenden Geschichte miterleben durfte.