• 11.05.2023
  • Praxis
Thoraxsaugdrainagen – Historie und aktueller Einsatz

To Bülau or not to Bülau

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2023

Seite 42

Eine Thoraxdrainage leitet meist mithilfe von Unterdruck Luft, Blut und andere Flüssigkeiten aus dem Pleuraspalt nach außen ab, sodass sich die Lungenphysiologie wieder einstellen kann. Die Autoren erläutern die Anlage einer Pleurasaugdrainage, zu beachtende intensiv- und notfallpflegerische Aspekte im Umgang mit dieser und die technische Entwicklung solcher Drainagesysteme.

Schon Hippokrates beschrieb in der Antike die Behandlung eines Pleuraempyems durch Einbringen eines Röhrchens zur Drainage. Einen entscheidenden Fortschritt erfuhr die Behandlung erst im 19. Jahrhundert, zunächst durch die Entwicklung eines Nadelsystems, dann durch die Einführung eines Wasserschlosses. Gotthard Bülau (1835–1900), Internist und Chefarzt am Hamburgischen St. Georg Krankenhaus, entwickelte ein geschlossenes System zur Saugdrainage Tuberkulosekranker, das – in einem Holzkästchen fertig montiert – sich schnell zum Einsatz bringen und später wiederverwenden ließ. Dies prägt den Gattungsbegriff „Bülau-Drainage“ bis heute. Auch wenn heutige Systeme komplexer sind und insbesondere mittlerweile zahlreiche Überwachungssysteme die Sicherheit weiter verbessert haben, folgen sie nach wie vor den damals etablierten Grundprinzipien.

Anatomie und Physiologie von Lunge und Pleura

Die Einteilung der Lungenflügel erfolgt in Lappen, die Atemluft vom jeweiligen Hauptbronchus in die verzweigenden Lappenbronchien verteilen. Über die Segmentbronchien, die Bronchiolen und schließlich die Alveolargänge enden die immer feiner werdenden Verzweigungen des Atmungstrakts schließlich in den Alveolen, die den Gasaustausch mit den pulmonal­arteriellen und -venösen Gefäßen gewährleisten [1].

Im knöchernen Thorax umschließen seröse Häute die Lungenflügel. Die Pleura visceralis (Innere, auch „Lungenfell“) und die Pleura parietalis (Äußere, auch „Rippenfell“) kleiden die Innenwand aus – zusammenfassend als „Pleura“ bezeichnet. Zwischen diesen Geweben befindet sich der Pleuraspalt. Dieser ist mit einer serösen Flüssigkeit durchzogen, die die Deckzellen beider Pleurablätter absondern und die Lymph­gefäße im Rippenfell resorbieren. Eine Herabsetzung der Resorptionsfähigkeit führt zu einer Ansammlung von Pleuraflüssigkeit im Spalt (Pleuraerguss).

Die Pleuraflüssigkeit dient einerseits als Gleitmittel, um während der Atmung das Verschieben der Pleurablätter gegeneinander zu ermöglichen. Andererseits dient sie aber auch der Haftung des Lungenfells am Rippenfell, wenn dieses während der Einatmung den Brustraum ausdehnt, und überträgt diese Ausdehnung somit an die Lunge selbst. Dies bewirkt die Entfaltung der Lunge. Die Ausatmung vollzieht sich anhand elastischer Rückstellkräfte als passiver Vorgang. Mit ursächlich ist dabei der im Pleuraspalt herrschende Unterdruck – -8 Zentimeter Wassersäule (cmH2O) während der Inspiration und -4 cmH2O während der Exspiration im Vergleich zur Atmosphäre der Außenwelt –, dessen Ausprägung im Zuge der Atmungsaktivität variiert, der aber für Kontakterhalt und Kraftübertragung unerlässlich ist [1].

Thoraxdrainage: Indikation, Anlage und Entfernen

Je nach Lage ist eine Thoraxdrainage grundsätzlich in Pleura-, Mediastinal- und Perikarddrainage unterteilt. Dieser Beitrag widmet sich der am häufigsten notwendigen und praktizierten Form der Thoraxdrainage, der Pleurasaugdrainage.

Indikationen. Indiziert ist diese insbesondere bei verschiedenen Formen des Pneumothorax (unter anderem Spontanpneumothorax, traumatischer Pneumothorax, Spannungspneumothorax), bei Hämatopneumothorax und Hämatothorax, bei Pleuraerguss und Pleuraempyem, bei Chylothorax (Verletzung eines Lymphgefäßes, insbesondere der Ductus Thoracicus) sowie nach kardio- oder thoraxchirurgischen Eingriffen. Problematisch kann die Pleuradrainage im Falle von Gerinnungsstörungen, Lungenemphysem oder Adhäsion der Lunge mit der Thoraxwand sein, allerdings sind die Indikationen häufig akute Notfälle, die gar keine Alternative zulassen [2].

Anlage. Sofern kein akuter Notfall vorliegt und eine Einwilligungsfähigkeit besteht, sind Patientinnen und Patienten über die Anlage einer Pleuradrainage, das Vorgehen sowie die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären. Für die Anlage ist das notwendige Material vorzubereiten und auf seine Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Hierzu gehören:

  • Desinfektionsmittel
  • Abdecktücher
  • steriler Kittel, sterile Handschuhe, Mundschutz, Haube
  • Kompressen
  • Lokalanästhesie mit langer Kanüle
  • Skalpell
  • Präparierschere
  • Materialschere
  • Kornzange
  • Thoraxkatheter der gewünschten Größe
  • Nahtmaterial und gegebenenfalls Nadelhalter
  • Thoraxdrainagesystem
  • Verbandsmaterial

Während der Anlage der Drainage ist das Monitoring von EKG, Blutdruck und Pulsoxymetrie mit eingeschaltetem QRS-Ton ebenso sinnvoll wie eine suffiziente Analgesie. Der QRS-Ton stellt ein akustisches Hilfsmittel dar. Bei eingeschaltetem Ton wird dieser tiefer, wenn die Sauerstoffsättigung im Blut (SpO2) absinkt, zudem sind Rhythmusstörungen akustisch wahrnehmbar. Je nach eingeschalteter Quelle wird der Ton vom EKG oder der SpO2 abgeleitet, Letzteres ist bei der Anlage zu bevorzugen. Im Wesentlichen gibt es zwei Positionsmöglichkeiten (Abb. 1):

  • nach Monaldi – 2. Interkostalraum (ICR) in der Medioclavicularlinie,
  • nach Bülau – 3. bis 5. ICR zwischen der vorderen und mittleren Axillarlinie im sogenannten „Triangle of Safety“, das vom M. latissimus dorsi, dem lateralen Rand des M. pectoralis major und dem 5. ICR auf Mamillenhöhe begrenzt ist [3].

Die Wahl der Position beruht – neben der Präferenz der behandelnden Person – auch auf der Anatomie der Patienten, der Indikation und der Drainagelage [4].

Das Punktionsgebiet ist zunächst zu desinfizieren und mit sterilen Tüchern abzudecken. Dabei sollte die Anatomie der Region erkennbar bleiben, um die Identifizierung der korrekten Position zu erleichtern. Nach Aufsuchen dieser Position erfolgt die lokale Anästhesie mit der langen Nadel. Wirkt diese, folgt darauf eine drei Zentimeter lange Inzision. Anschließend wird stumpf – mit dem Finger oder einer Klemme – in Richtung Rippe präpariert. Kommt eine Klemme zum Einsatz, so ist diese geschlossen einzuführen, in der Wunde zu spreizen und zurückzu­ziehen. Die Klemmenhebel dürfen in der Wunde niemals geschlossen werden. Um die subcostal liegenden Gefäße nicht zu verletzen, ist das Rippenfell oberhalb der Rippe zu perforieren. Des Weiteren ist die Öffnung in der Pleura dergestalt zu dehnen, dass die Klemme langsam so weit zu öffnen ist, bis ein Finger hindurchpasst. Zum Ausschluss von Verwachsungen erfolgt danach eine digitale zirkuläre Palpation der Pleurahöhle.

Die Pleuradrainage ist aber nicht mit den teilweise mitgelieferten Trokaren vorzunehmen, da diese leicht die Lunge verletzen können. Vielmehr sollte – gegebenenfalls unter Zuhilfenahme einer Kornzange – der zuvor mit einer Klemme verschlossene Drainagekatheter direkt eingeführt werden. Handelt es sich um einen Pneumothorax, ist eine ventroapikale Platzierung des Katheters optimal, im Falle von Flüssigkeiten im Pleuraspalt ist die Drainage in dorsobasaler Position besser. Eine Annaht der Drainage ist mit der sogenannten Tabaksbeutelnaht zu realisieren. Dabei ist ausreichend Faden vorzuhalten, um diesen beim Ziehen des Katheters noch gut knoten zu können und somit die Einstichstelle zu verschließen. Abschließend lässt sich neben dem Katheter noch mit Einzelknopfnähten die Wunde verschließen. Das Drainagesystem ist anzuschließen und der Sog einzustellen. Die Inzisionsstelle ist mit einem sterilen Wundverband abzudecken [5].

Eine schwerwiegende Komplikation nach der Anlage einer Thoraxdrainage stellt das Reexpansionsödem dar. Grund hierfür kann die zu schnelle Entlastung eines länger bestehenden (> 24 h) (Spontan-)Pneumothorax sein. Ein Reexpansionsödem kann zu einem fulminanten Lungenversagen führen und tödlich enden. Besteht ein Pneumothorax bereits längere Zeit, kann eine langsame Entlastung – mit niedrigem oder gar keinem Sog – diese Komplikation verhindern [6, 7].

Entfernen. Die Drainage sollte nicht länger als nötig belassen und rechtzeitig entfernt werden, wenn zum Beispiel die Sekretion auf ein physiologisches Maß (ca. 12 bis max. 240 ml/Tag) zurückgeht [8]. Ein Abklemmen des Katheters vor dem Entfernen ist nicht zwingend notwendig, kann aber im Einzelfall indiziert sein. Für das Ziehen eines Drainagekatheters sind zwei Personen einzusetzen: Eine Person zieht die vorliegende Tabaksbeutelnaht zu, während die andere den Katheter entfernt. Die Wunde ist unter aseptischer Verbandstechnik mit einem möglichst luftdichten Verband abzudecken. Hierzu ist zum Beispiel ein Folienverband geeignet. Anschließend sind die Vitalfunktionen zu überprüfen und ist eine radiologische Kontrolle vorzunehmen [5].

Technologische Entwicklung

Ursprüngliche Einkammersysteme setzen eine einzige Flasche als Wasserschloss und Sekretsammelbehälter ein. Dabei wird die Ableitung des Katheters zwei Zentimeter tief in ein gewisses Wasservolumen in der Flasche eingeführt. Der Volumenausgleich erfolgt über eine zweite Öffnung in der Flasche. Das Wasser kann hierbei zum einen Luftleckagen aufdecken und dient zum anderen als Rückschlagventil, das das Eindringen von Pathogenen von außen verhindert. Problematisch ist, dass mit ausfließendem Sekret der Flüssigkeitsspiegel steigt, womit der Abfluss gegen einen immer höher werdenden Flüssigkeitsdruck arbeitet. Verhindern lässt sich dies nur über ein regelmäßiges Nachjustieren der Einführtiefe der Ableitung.

Eine Weiterentwicklung war das Zweikammersystem, in dem die Ableitung des Katheters zunächst frei in einer ersten Flasche endet, in der Sekret zu Boden tropfen kann und sich dort ansammelt, während sich der Volumenausgleich über ein Wasserschloss in einer separaten Flasche vollzieht.

Im Zuge der Entwicklung zur aktiven Thoraxdrainage, bei der ein externer Unterdruck die Wiederherstellung physiologischer Bedingungen im Pleuraspalt erleichtern soll, kam schließlich ein Dreikammersystem auf den Markt, in dem eine dritte Flasche mittels eines einstellbaren Wasserfüllvolumens den Unterdruck reguliert („nasses“ System). Eine dritte Kammer dient der Begrenzung eines unreguliert anliegenden Sogs.

Dazu sind wiederum „nass-trockene“ Systeme mit Wasserschloss und mechanischer Sogregulierung von „trockenen“ Systemen mit Trockendichtung und mechanischer Sogregulierung zu unterscheiden. Das Wasserschloss ist vorzugsweise immer nach Herstellerangaben zu befüllen – für den Einsatz in der Pädiatrie ist hier häufig eine Ein-Zentimeter-Markierung zu finden und eine Zwei-Zentimeter-Markierung für den Einsatz an Erwachsenen. Allerdings ist anzumerken, dass ein Sog nicht immer indiziert ist und oftmals die Schwerkraft – insbesondere zur Ableitung von Flüssigkeiten – ausreicht.

Die modernsten Systeme sind schließlich digitale Drainagesysteme. Waren diese zunächst noch zwischen klassischem System und Wandabsaugung zwischengeschaltet, gibt es mittlerweile digitale Vollsysteme, in die auch eine eigene Vakuumpumpe verbaut ist.

Vorteile digitaler Drainagesysteme

Einfache digitale Systeme boten bereits den Vorteil einer direkten Messung des Luftflusses und einer Aufzeichnung des Verlaufs von Luftleckagen, die mithin auch quantitativ und dynamisch auszuwerten waren [9]. Die neueren Geräte erlauben nicht nur die direkte Einstellung des gewünschten Unterdrucks – dank Ausstattung mit einem Akku erlauben sie auch die Mobilisation, da weder eine Steckdosenverbindung noch eine Verbindung zur Wandversorgung notwendig ist.

Digitale Systeme sind keine passiven Thoraxdrainagesysteme mehr, die regelmäßiger Kontrolle und Betreuung bedürfen, um mögliche Ausfälle und Fehlfunktionen zu vermeiden. Anstelle dessen handelt es sich um aktive Geräte, die zu einer Steigerung der Patientensicherheit beitragen. Ein Beispiel für einen solchen Sicherheitsbeitrag ist das intermittierende Spülen des Drainageschlauchs, um Verstopfungen zu verhindern und somit die Notwendigkeit des Melkens des Sekretschlauchs zu eliminieren.

Zudem können digitale Systeme viele mögliche Probleme identifizieren und das Personal mithilfe eines Warntons alarmieren, zum Beispiel wenn der Sekretschlauch verstopft ist oder das Drainagesystem versehentlich diskonnektiert wurde. Moderne digitale Drainagesysteme verfügen über einen doppellumigen Verbindungsschlauch zum Patienten, der aus einem Schlauch mit größerem Durchmesser (Sekretschlauch) besteht und effektiv Luft und Flüssigkeit drainiert, sowie einem Schlauch mit kleinerem Durchmesser (Mess- und Spülschlauch), der zum Spülen des Sekretschlauchs und zur Überwachung des intrathorakalen Drucks dient. Eine genaue Überwachung des intra­thorakalen Drucks ist wichtig, um die Saugleistung zu erhöhen oder zu drosseln und somit das eingestellte Vakuum zu erzeugen.

Auch die Siphonbildung (Bild) in einem durchhängenden Schlauchstück lässt sich so anhand der resultierenden Druckdifferenz und -änderung erkennen und das Gerät kann selbstständig mittels Anpassen der Saugleistung reagieren. Damit ist auch die Kontrolle des Schlauchverlaufs (s. u.) nicht mehr zwingend notwendig.

Die bisherigen digitalen Thoraxdrainagesysteme haben den Nachteil, dass diese auch im sogenannten „Schwerkraftmodus“ einen – wenn auch reduzierten – Unterdruck aufbauen müssen, um eine entsprechende Ableitung zu gewährleisten. Somit baut sich im Thorax immer ein negativer Druck auf. Für bestimmte Patientenkollektive (zum Beispiel sekundärer Spontanpneumothorax bei Emphysempatienten oder nach Lungenvolumenreduktion) ist häufig eine soglose Luftableitung gewünscht.

Die aktuellen Weiterentwicklungen der digitalen Thoraxdrainagesysteme kombinieren eine digitale Pumpe mit allen Vorteilen mit einem Wasserschloss in einem einzigen System. Ohne das Thoraxdrainagesystem wechseln zu müssen, ist somit ein Wechsel von einem negativen intrathorakalen Druck zur reinen Wasserschlossableitung möglich.

Pflegerische Aspekte

Der grundsätzliche Umgang mit den verschiedenen Drainagekathetern und -systemen unterscheidet sich kaum. Unterschiede und Besonderheiten in der Versorgung bestehen insbesondere in der Verwendung von Schwerkraftsystemen zu aktiven Sogsystemen. Digitale Systeme sind wiederum gesondert zu betrachten, da viele Punkte, die in klassischen Systemen von Bedeutung sind, hier nicht zur Anwendung kommen.

Dichtigkeit kontrollieren. Für alle Systeme gilt: Auf eine sichere Verbindung zwischen Katheter und Drainagesystem achten. Klassische Flaschen- und Mehrkammersysteme sind zudem unbedingt auf Standsicherheit zu prüfen. Infolge eines Umkippens ließe sich das gesammelte Flüssigkeitsvolumen nicht mehr bestimmen und die Funktionsfähigkeit des Wasserschlosses wäre gefährdet. Darüber hinaus ist das Wasserschloss regelmäßig auf Zeichen für Luftleckagen (Blasenbildung) zu überprüfen. Allerdings ist zu beachten, dass im Falle eines Pneumothorax die Blasenbildung erwünscht ist, da ja Luft aus dem Pleuraspalt entweichen soll. Bei rein flüssigkeitsableitenden Drainagen wäre dies aber ein Zeichen für weitergehende Lungenverletzungen oder eine Undichtigkeit im System.

Zwar haben digitale Systeme üblicherweise kein Wasserschloss, die Anpassung des Drucks zur Kompensation von Leckagen ist aber zum einen akustisch aufgrund der Pumpenleistung wahrnehmbar und zum anderen messen die meisten Systeme diese Anpassung und zeigen sie auch an. Die Sogregulierungskammer nasser Systeme ist auf gegebenenfalls infolge Verdunstung verursachte Volumenänderungen hin zu überprüfen, da diese ohne entsprechendes Nachfüllen zu einer Änderung der Sogstärke führen [3].

Siphonbildung verhindern. Im Drainageschlauch befindliches Sekret ist, sofern keine automatische Spülfunktion gegeben ist, zwingend regelmäßig in den Sammelbehälter abzuleiten, um eine Siphonbildung zu verhindern. Fälschlicherweise gilt eine Siphonbildung teilweise als notwendig zur Interpretation der korrekten Lage des Drainagekatheters, um atem­abhängige Schwankungen im Schlauch sichtbar zu machen. Tatsächlich kann die sich in einem durchhängenden Schlauchstück sammelnde Flüssigkeit zu einer Abweichung des Pleuradrucks von dem vom Arzt verordneten Druck, schlimmstenfalls sogar zum kompletten Kollaps des Unterdrucks in der Pleura mit Gefahr eines Spannungspneumothorax führen.

Sekretverschluss vermeiden. Auch verkrustetes Blut und Sekret können zu einem vollständigen oder teilweisen Verschluss führen. Entgegen landläufiger Meinung hilft das sogenannte „Melken“ oder „Stripping“, das mechanische Verbringen der Verstopfung, den Patienten aber nicht. Vielmehr stellt die damit verursachte Druckveränderung (tatsächlich ist ein Unterdruck von bis zu -100 mmHg und mehr erreichbar und birgt eine enorme Verletzungsgefahr) eine weitere Gefahrenquelle für die Patienten dar und sollte unbedingt unterbleiben [10, 11]. Alternativ wäre ein steriles Absaugen der Koagel denkbar. Aufgrund hygienischer Gesichtspunkte ist auch ein Ausspülen nur bei komplett geschlossenen Systemen möglich – die meisten konventionellen Systeme leisten das nicht.

Punktionsstelle untersuchen. Für die Pflege der Einstichstelle und der Drainagekatheter sind die allgemeinen Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) zur Prävention Gefäßkatheter-assoziierter Infektionen zu beachten und Standardhygienemaßnahmen vorzu­nehmen [12]. Die Punktionsstelle ist täglich durch den Wundverband zu palpieren. So lässt sich auch ein subkutanes Emphysem ausschließen oder aber finden. Für den Verbandswechsel ist die Punktionsstelle zusätzlich auf Rötungen und Schwellungen zu untersuchen.

Patienten mit einer Thoraxdrainage haben ein erhöhtes Risiko für Schmerzen. Die Punktion kann zu Verletzungen von Interkostalnerven und/oder umliegendem Gewebe führen. Ziel einer Thoraxdrainage ist das Drainieren von Sekreten oder Luft. Gelingt dies, kann der einliegende Fremdkörper eine Reibung an der Pleura verursachen.

Schmerz erfassen. Auf der Intensivstation und im Schockraum sollte eine adäquate Schmerzerfassung via Assessments erfolgen. Sind die Patienten wach und orientiert, sollten sie vorzugsweise eine Selbst­einschätzung, zum Beispiel anhand der numerischen Rating-Skala (NRS, Selbsteinschätzungsinstrument) [13, 14], vornehmen. Für Patienten, die intubiert sind, ist zum Beispiel die Behavior Pain Scale (BPS, Verhaltensschmerzskala als Fremdeinschätzungsinstrument) anwendbar [15]. Falls die Patienten desorientiert sind und/oder einen veränderten Bewusstseinszustand haben, aber nicht beatmet sind, ist eine Schmerzeinschätzung mithilfe der BPS für Nicht­intubierte (BPS-NI) [16] möglich.

Schmerzen lindern. Für eine adäquate Schmerzbehandlung und Prävention ist die Verabreichung von Schmerzmitteln nach dem WHO-Stufenschema sinnvoll. Vorzugsweise ist mit der niedrigsten Stufe zu beginnen, bei Bedarf ist auf die nächsthöhere Stufe zu eskalieren. Hierbei ist zu beachten: Am besten liegt schon vor der Anlage einer Thoraxdrainage eine großzügige ärztliche Anordnung vor, gemäß der ein breites Spektrum an Bedarfsmedikation nutzbar ist. Pflegefachpersonen können den Schmerz so via Schmerzassessment adäquat therapieren und haben einen Handlungsspielraum. Auch die kontinuierliche Gabe von alpha2-Agonisten ist eine Möglichkeit zur Schmerzlinderung.

Ein weiterer Faktor ist die Positionierung der Patienten. Einliegende Katheter sollten frei zugänglich und ohne äußere Druckeinwirkung gelagert sein. Eine Veränderung der Lagerungsposition kann Schmerzen lindern oder diese präventiv vermeiden.

Abklemmen abwägen. Auf das Abklemmen einer Thoraxdrainage ist nach Möglichkeit generell zu verzichten. Unter den positiven Beatmungsdrücken einer maschinellen Beatmung kann es sehr schnell zu einem Spannungspneumothorax bis hin zur Schädigung des Lungengewebes samt Emphysem kommen.

Falls eine Drainage ihr Sekretmaximum erreicht hat oder umgefallen ist, ist ein Wechsel des Systems vorzusehen. In diesem Rahmen ist für eine sehr kurze Zeit eine Abklemmung denkbar. Eine weitere Ausnahme ist der Dichtigkeitstest: Falls eine unerwartete Luftleckage samt „Fisteln“ im Wasserschloss auftritt, darf für einen kurzen Moment patientennah eine Abklemmung erfolgen, um das System auf seine Dichtigkeit zu testen.

Transport vorbereiten. Für den innerklinischen Intensiv- und Notfalltransport ist generell die hauseigene Standard Operating Procedure (SOP, Standardvorgehensweise) vorzusehen. Bei vermehrtem Sekret oder Luftansammlungen ist ein extern angeschlossener Sog oft obligat. Auf diesen ist während eines Transports zu verzichten. Um die Zeit ohne externe Sogquelle so gering wie möglich zu halten, sollte der Transport vollständig vorbereitet sein und erst im abschließenden Schritt die Sogquelle entfernt werden.

Sogwirkung beachten. Eine Thoraxdrainage kann auch ohne externe Sogquelle als eine passive Drainage dienen und somit Sekret und Luft nach dem Prinzip der Schwerkraft drainieren. Würde nun die Drainage abgeklemmt, könnte dies zu einer raschen Verschlechterung des Patientenzustands führen. Wichtig zu beachten ist zudem das passende Niveau. Die Thoraxdrainage ist möglichst immer unterhalb des Thorax zu platzieren. Hierfür bieten sich die vom Hersteller angebrachten Betthalterungshaken an. Der vorher aufgebaute Sog bleibt ohne Nutzung teilweise in der geschlossenen Thoraxdrainage erhalten. Da dieser aber je nach drainiertem Sekret und Luft verloren geht, verbleibt er meist nur wenige Minuten.

Frühmobilisierung anpassen. Die Frühmobilisierung zählt zu den wichtigsten Maßnahmen auf der Intensivstation. Eine einliegende Thoraxdrainage ist keine Kontraindikation für eine Mobilisierung [17]. Im Falle der Anwendung einer externen Sogquelle, lässt sich deren Einstellung bei Bedarf etwas reduzieren, um ein Ansaugen während der Mobilisation zu vermeiden. Elektronisch gesteuerte Thoraxdrainagen verfügen meist über einen „Physio-Modus“; dieser ermöglicht Druckschwankungen während der Mobilisation. Um Stolperfallen oder die Diskonnektion der Drainage zu vermeiden, ist ein gutes Lifeline-Management obligat.

Fazit für die Praxis

Eine Thoraxdrainage findet sich häufig im Setting der Intensivstation und der zentralen Notaufnahme, doch ebenso häufig ergeben sich Berührungsängste und ein fehlerhafter Umgang. Es empfehlen sich regelmäßige interprofessionelle Fortbildungen rund um die Thematik Thoraxdrainage. Generell zählen ausreichende Ausbildung, ausreichend Personal und ausreichend Zeit zu den wichtigsten Faktoren für Erfolg und Sicherheit in der Patientenversorgung.

 

[1] Faller A, Schünke M. Der Körper des Menschen. 18., unveränderte Edition. Stuttgart New York: Thieme 2020

[2] Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung (31.12.2022) (AWMF Registernummer 187–023), Version 4.0

[3] Friedrich MG. Kompendium Thoraxdrainage. ATMOS 2021

[4] Seitz S, Kanz KG, Huber-Wagner S et al. Der Präklinische Pneumothorax – Indikation und Technik für die Dekompression. Notarzt 2005; 21 (4): 125–129. doi: 10.1055/s-2005–866821

[5] Kiefer T. Thoraxdrainagen. 1. Aufl. Berlin Heidelberg: Springer 2016

[6] Rozenman J, Yellin A, Simansky DA, Shiner RJ. Re-Expansion Pulmonary Oedema Following Spontaneous Pneumothorax. Respir Med 1996; 90 (4): 235–238. doi: 10.1016/s0954–6111(96)90293–0

[7] Baumann MH, Strange C, Heffner JE et al. AACP Pneumothorax Consensus Group Management of Spontaneous Pneumothorax: An American College of Chest Physicians Delphi Consensus Statement. Chest 2001; 119 (2): 590–602. doi: 10.1378/chest.119.2.590

[8] Feller-Kopman D, Light R. Pleural Disease. N Engl J Med 2018; 378 (8): 740–751. doi: 10.1056/NEJMra1403503.

[9] Cerfolio RJ, Varela G, Brunelli A. Digital and Smart Chest Drainage Systems to Monitor Air Leaks: The Birth of a New Era? Thorac Surg Clin 2010; 20 (3): 413–420. doi: 10.1016/ j.thorsurg.2010.03.007

[10] Halm M. To Strip or Not to Strip? Physiological Effects of Chest Tube Manipulation. Am. J. Crit. Care Off. Publ. Am. Assoc. Crit.-Care Nurses 2007; 16 (6): 609–612. doi:10.4037/ajcc2007.16.6.609

[11] Gökgöz G, Karabacak Ü, Onturk Z. The Effects of Milking and Suction Drain Management Methods in Paediatric Patients after Cardiac Surgery. Int J Nurs Pract 2022. doi: 10.1111/ijn.13122

[12] RKI – Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention – Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern Ausgehen (02/2017). Im Internet: www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Tabelle_Gefaesskath_Rili.html; Zugriff: 24.03.2023

[13] McCaffery M, Beebe A. Pain: Clinical Manual for Nursing Practice. Baltimore: C. V. Mosby Company; 1993

[14] Lütz A, Schiemann A, Weiß B, Spies C. Analgosedierung und Delir. In: SOPs in Intensivmedizin und Notfallmedizin – Alle relevanten Standards und Techniken für die Klinik. Thieme; 2013

[15] Payen JF, Bru O, Bosson JL et al. Assessing Pain in Critically Ill Sedated Patients by Using a Behavioral Pain Scale. Crit Care Med 2001; 29 (12): 2258–2263 doi: 10.1097/00003246–200112000–00004

[16] Chanques G, Payen J-F, Mercier G et al. Assessing Pain in Non-­Intubated Critically Ill Patients Unable to Self Report: An Adaptation of the Behavioral Pain Scale. Intensive Care Med 2009; 35 (12): 2060–2067. doi: 10.1007/s00134–009–1590–5

[17] Ochmann T, Hermes C, Weeverink N, Wittler T. Mobilisation mit Drainagen. Ein Wichtiger Baustein Im Behandlungsprozess. PflegenIntensiv 2022; 19 (4): 40–44

Hinweis: Das Kompendium Thoraxdrainage (Hrsg. Friedrich MG) kann kostenlos beim Erstautor angefordert werden.

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