Der Personalmangel in der Pflege lässt sich nicht mit neuen Regularien, sondern nur mit grundlegenden Veränderungen im Gesundheitssystem überwinden. Ein persönliches Statement von Tobias Ochmann und Carsten Hermes.
Seit Jahrzehnten reden wir über den Personalmangel in der Pflege. Die ohnehin schon prekäre Situation spitzt sich immer weiter zu und wenn wir überlegen, dass die Babyboomer bald in die wohlverdiente Rente gehen, während die Ausbildungsabsolventen nicht annähernd in gleicher Zahl nachkommen, scheint eine wirkliche Besserung nicht unbedingt in Sicht.
Dabei gab es doch in den zurückliegenden Jahren unterschiedliche Bemühungen vonseiten der Politik, um die Situation in den Pflegeberufen, besonders in den Krankenhäusern, zu stabilisieren und zu verbessern. Denken wir nur mal an die Konzertierte Aktion Pflege, an die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV), an die Herauslösung von Pflege aus den DRG oder die Schaffung neuer Stellen in der stationären Langzeitpflege. War das denn alles vergebens?
Wenn man sich etwas umhört, scheinen die Lösungsversuche nicht so richtig dort angekommen zu sein, wo sie gebraucht werden. Möglicherweise sind diese Lösungsansätze aber auch gar nicht unbedingt dazu geeignet, um die Situation tatsächlich und nachhaltig zu verbessern. Die Schaffung neuer Stellen klingt ja zunächst einmal super. Doch wer soll die besetzen? Die dafür nötigen (und qualifizierten) Personen gibt es nicht. Außerdem fehlen attraktive Anreize, um sich für die Arbeit im Bereich der professionellen Pflege zu entscheiden.
DGIIN – Sektion Pflege
Ziel der 2018 innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) gegründeten Sektion Pflege ist es, die Interessen von Intensivpflegenden und Angehörigen aller Gesundheitsfachberufe zu vertreten. Die Sektion Pflege bezieht Position, was intensivpflegerische Kompetenz bedeutet und unter welchen Rahmenbedingungen diese stattfinden muss – in enger Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften in Deutschland und Europa und im interprofessionellen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der internistischen Intensiv- und Notfallmedizin. Kontakt: sektion_pflege@dgiin.de
Es bräuchte grundlegende Veränderungen im gesamten Gesundheitssystem – mehr Entscheidungs- und Handlungsautonomie für Pflegefachpersonen mit entsprechender (hochschulischer) Qualifikation und das Aufzeigen möglicher Karrierewege statt kontinuierlicher, sukzessiver Deprofessionalisierung. Dazu zählt zum Beispiel die Idee des „3+1-Modells“ der Universitätskliniken in Baden-Württemberg. Unter dem Deckmantel der Qualitätsverbesserung soll sich an eine dreijährige generalistische Pflegeausbildung direkt eine einjährige Weiterbildung in der Intensivpflege anschließen. Die fachspezifische Weiterbildung, die bislang zwei Jahre umfasst, verkürzt sich damit um mindestens die Hälfte. Ein angemessener Bildungsstandard lässt sich in dieser kurzen Zeit allerdings nicht erreichen. Bereits jetzt ist es schwierig, alle theoretischen – und zunehmend auch wissenschaftlichen – Inhalte in der nötigen Tiefe zu vermitteln. Angesichts der weiterwachsenden Komplexität der Intensivpflege ist diese Verkürzung der Weiterbildung – scheinbar rein zu Zwecken des Erreichens festgeschriebener Quoten und ohne Rücksicht auf die notwendige Qualität – definitiv das falsche Signal.
Ja, wir brauchen Veränderungen und müssen die Weiterbildungen neu denken. Möglicherweise wird es eher eine notwendige Trennung zwischen Anästhesie-, Intensiv- und Notfallpflege brauchen. Unabhängig davon kann dies aber nur erfolgreich sein, wenn wir die Fachweiterbildungen mindestens auf Niveau 6 des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) etablieren. Eine Verkürzung der Gesamtdauer ist da nicht zielführend. Dies sollte ein klarer Auftrag für die neue und größte Berufskammer in Nordrhein-Westfalen sein, um eine bundesweite Strahlkraft hierfür zu entwickeln.
Währenddessen fehlen noch immer, auch und insbesondere im Intensivbereich, viele Pflegefachpersonen. Beinahe täglich ist von Kolleginnen und Kollegen zu hören, die gekündigt haben und beispielsweise in die Leiharbeit wechseln. Bessere Bezahlung für verlässlich planbare Dienste oder der Wunsch nach familienfreundlicheren Arbeitszeiten sind dabei oftmals die Argumente. Diese Bewegung ruft mittlerweile die Politik auf den Plan. Leiharbeit in der Pflege ist für die Häuser sehr teuer, die Bestrebungen danach, dies zu reglementieren, durchaus nachvollziehbar.
Doch kann das die Lösung sein? Ist eine strengere Reglementierung der Leiharbeit in der Pflege der Ausweg aus dem Fachkräftemangel in der (Intensiv-)Pflege? Wohl eher nicht. Dabei sollte man einerseits nicht vergessen, dass der Anteil der Leiharbeitenden in der Pflege mit zwei bis vier Prozent verschwindend gering ist. Und andererseits ist für viele von ihnen die Beschäftigung über eine Arbeitnehmerüberlassung der letzte Strohhalm, der sie überhaupt noch im Beruf hält.
Es ist wohl illusorisch zu glauben, mit einer (sich für die betreffenden Pflegenden verschlechternden) Regulierung zu bewirken, dass diese wieder in Scharen in die Krankenhäuser zurückkehren. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch diese Kolleginnen und Kollegen dem Beruf den Rücken kehren und somit verloren gehen, ist ungleich viel höher. Um in unserer Fachsprache zu bleiben: Der Wechsel in die Leiharbeit ist nicht die Erkrankung selbst, sondern nur ein Symptom eines krankhaften Systems und Ausdruck der prekären Arbeitssituationen. Was wir in diesem Bereich erleben, ist die Regulierung durch die Marktgesetze. Pflegende profitieren davon, dass die Nachfrage sehr hoch ist. Sie können ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmen und werden anständig vergütet.
Wieso sollte das beschnitten werden? Wie kommt man auf die Idee, dass ein Eingreifen in diesen Marktmechanismus – der überall anderswo genauso gewollt ist – dazu führt, dass die Pflegenden zu schlechteren Konditionen wieder zurück in eine Festanstellung wechseln?
Ein Umdenken muss her! Wer keine Leiharbeitenden buchen möchte und nicht will, dass Pflegende in Leiharbeitsfirmen wechseln, muss die Arbeitsbedingungen im eigenen Unternehmen so massiv verbessern, dass es gar keinen Anreiz zum Wechsel gibt. Dazu gehören unter anderem verlässliche Dienstpläne, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten, eine wirklich attraktive Vergütung und familienfreundliche Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle.
Dabei sollten Letztere jedoch nicht nur aus leeren Worthülsen bestehen und sich überwiegend auf die Wahl zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst beschränken, sondern viel mehr die individuellen Bedürfnisse berücksichtigen. Andernfalls wird uns das Thema Personalmangel in der (Intensiv-)Pflege künftig noch sehr viel intensiver beschäftigen, als uns allen lieb ist – und das nicht nur beruflich.
Neu: Politische Kolumne in PflegenIntensiv
An dieser Stelle lassen wir künftig Verbände zu Wort kommen. In PflegenIntensiv erhalten sie die Möglichkeit, im Rahmen einer Kolumne ein politisches Statement abzugeben zu Themen, die die (Intensiv-)Pflege bewegen.