• 07.11.2022
  • PflegenIntensiv
Überwachungsstation unterstützt Intensivstation

Arbeitsbelastung neu verteilt

Um Personal zu entlasten, hat die Pflegedienstleitung am Klinikum Memmingen eine neue sogenannte Überwachungsstation eingeführt.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2022

Seite 74

Immer ältere und multimorbidere Patienten belasten die Intensivstationen von Jahr zu Jahr zunehmend – zulasten einer professionellen pflegerischen Versorgung. Um das Personal dort zu entlasten, hat die Pflegedienstleitung am Klinikum Memmingen eine neue sogenannte Überwachungsstation eingeführt. Diese übernimmt Patienten, die bisher auf Intensiv lagen, aber keiner intensivpflegerischen Versorgung bedürfen. Die neue Station entspannt nicht nur die Personalsituation, sie schafft auch Planungs­sicherheit und erhöht die Attraktivität des Pflegeberufs.

Im Jahr 2020 habe ich im Klinikum Memmingen, einem Krankenhaus der Schwerpunktversorgung mit insgesamt 500 Betten, als Pflegedienstleiter begonnen – u. a. mit dem Ziel, die personellen Ressourcen auf der Intensivstation zu stärken und für eine stabile Belegungssituation zu sorgen.

Aufgrund von Personalausfällen waren Bettenschließungen in der Vergangenheit teilweise unabwendbar. In vielen gemeinsamen Gesprächen mit den chirurgischen Abteilungen und der Pflege kristallisierte sich schnell heraus, dass das Pflegefachpersonal auf der Intensivstation neben größeren operativen Eingriffen auch sog. „kleinere“ Operationen post­operativ überwachen musste. Gerade diese kleineren Operationen verursachten eine hohe Arbeitsbelastung im Alltag, denn sie führten aufgrund der kürzeren Verweildauern und damit vielen Wechseln der Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) in den Intensivbetten zu einem erhöhten „Durchlauf“.

Hier trafen zwei Probleme aufeinander: Neben der Überlastung des Pflegefachpersonals kam es oft zu verschobenen „großen“ Operationen, da keine Intensivbetten mehr zur Verfügung standen. Alle Berufsgruppen forderten eine Lösung. Diese bot sich in der Einführung und Etablierung einer Überwachungsstation zur Entlastung der Intensivstation. Über verschiedene Umstrukturierungen innerhalb des Stockwerks der Intensivstation schafften wir räumliche Kapazitäten, um die geplante Überwachungsstation dort zu realisieren.

Humanressourcen optimiert

Im Zuge der Evaluation des Personalbedarfs ließen sich alle Beteiligten davon überzeugen, dass die Patienten auf der neu geschaffenen Überwachungsstation zwar nichtintensivpflichtig sind, aber auch nicht weniger pflegerischen Anspruch haben. Als pflegerische Ausstattung favorisierten wir einen Pflegepersonalschlüssel von 1:3. Geplant haben wir ursprünglich mit zehn Behandlungsplätzen, inzwischen haben sich neun Betten fest eingespielt. Unsere Personalbedarfsplanung sah 19,3 vollzeitäquivalente Stellen (VK) vor. Mit nun einem Bett weniger sind derzeit 18 VK eingesetzt. Eine Schichtbesetzung von 4–3–3 hat sich derweil etabliert.

Die Besetzung der VK-Stellen in der Überwachungsstation hat sich als absoluter Selbstläufer herausgestellt. Sämtliche Stellenanteile konnten über Werbung im eigenen Haus und durch Mundpro­paganda in die Öffentlichkeit binnen drei Monaten besetzt werden. Spätestens nach Bekanntwerden der Stationsleitung – ein absoluter Glücksgriff von extern – haben sich viele Kandidatinnen und Kandidaten gemeldet. Der neuen Leitung und dem hoch qualifizierten Team ist es zu verdanken, dass die Station heute so gut läuft und die Intensivstation deutlich entlastet.

Auch die Zusammenarbeit mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen läuft sehr gut. Die medi­zinische Leitung der Station hat die Abteilung der Anästhesie und operativen Intensivmedizin inne – zum einen aufgrund der Nähe zur Intensivstation, zum anderen, um die Bettenbelegung für beide Bereiche aus einer Hand zu regeln.

Lohnkosten angeglichen

Gemäß Tarifvertrag öffentlicher Dienst werden die Mitarbeitenden auf den Intensivstationen im Klinikum Memmingen regulär nach der Entgelttabelle Pflegeberufe (TVöD P-Tabelle) bezahlt. Zu den regulären Schichtzulagen kommen Zulagen hinzu für die Übernahme der Tätigkeiten Praxisanleiterin bzw. -anleiter, Praxisanleiterin bzw. -anleiter für die Fach­weiterbildung sowie Beauftragte bzw. Beauftragter für die Medizinproduktesicherheit gemäß Medizinproduktegesetz (MPG). Um eventuelle Personalausfälle schneller kompensieren zu können, wird auf den Intensivstationen eine gesonderte Einspringpauschale vergütet – unterschieden nach regulären Tagdiensten, Nachtdiensten und Schichten am Wochenende oder an Feiertagen.

Zur Steigerung der Attraktivität der neuen Überwachungsstation wird das gleiche Vergütungssystem wie auf den Intensivstationen nach TVöD angewandt. Lediglich die Einspringpauschalen gestalten sich anders: Eine Intensivzulage entfällt, da die Patienten keiner intensivpflegerischen Behandlung bedürfen.

Rahmenbedingungen verbessert

Mit der Umverteilung von nichtintensivpflichtigen Patienten auf die Überwachungsstation konnten die Pflegefachpersonen ihr Hauptaugenmerk wieder auf die tatsächlichen Intensivpatienten legen. Für weitere Entlastung des intensivpflegerischen Personals sorgte die Einführung eines unter der Woche regelhaften Zwischendienstes, der die Koordination der Station übernimmt. Dazu gehören u. a. Patiententransporte, Untersuchungen und Diagnostik.

Wir können mit Stolz sagen, dass wir aktuell wohl eines der wenigen Krankenhäuser in der gesamten Bundesrepublik sind, das seine Stellenpläne auf den Intensivstationen nicht nur erfüllt, sondern auch deutlich (teilweise mit acht VK) überschritten hat.

Planungssicherheit. Dank des nunmehr ausreichenden Personals besteht für die Kolleginnen und Kollegen auf Intensiv- und Überwachungsstation eine hohe Dienstplansicherheit und eine hohe Garantie für freie Tage. Seit der Umstrukturierung müssen deutlich weniger Springer eingesetzt werden und die krankheitsbedingten Personalausfälle sind signifikant rückläufig. Ein weiterer Pluspunkt ist eine ruhigere Atmosphäre auf Station; die Kolleginnen und Kollegen sind spürbar entspannter.

Mit der neu gewonnenen Planbarkeit, dem geregelten Frei und einer fairen Wochenendverteilung können wir unser Personal nicht nur halten, sondern v. a. neues hinzugewinnen. Denn sind Stationen personell permanent am oberen Limit geplant, steigt auch die Personalfluktuation. Das zeigte sich z. B. noch in dem Jahr vor Einführung der Überwachungsstation: Immer wieder gab es Rufe nach mehr Personal und Probleme wegen der vielen Springerdienste. Doch mit der neu geschaffenen Entlastung ist der Personalspiegel von Monat zu Monat angestiegen. Den Stationsleitungen ist es nunmehr möglich, auf den Großteil der Mitarbeiterwünsche einzugehen. So ist auf den Stationen inzwischen geplant jedes zweite Wochenende sicher frei – Ausnahmen gibt es natürlich weiterhin.

Verzicht auf Zeitarbeit. Dank dieser ausgezeichneten personellen Situation ist es uns möglich, in Gänze auf Leiharbeit im Intensivbereich zu verzichten. Lediglich in der Hochphase der SARS-CoV-2-Deltavariante haben wir für unsere Intensivstation auf Zeitarbeitende zurückgegriffen, um das Stammpersonal zu entlasten und diesem eine „Verschnaufpause“ zu ermöglichen. Die Erfahrungen waren jedoch nicht wirklich positiv, sodass wir schnell wieder auf Zeitarbeitende verzichtet haben, da mit diesen eine qualitativ hochwertige Arbeit nicht immer gegeben war.

Rotation geplant

Trotz anfänglicher Skepsis des Pflegefachpersonals auf den Intensivstationen sowie der Ärztinnen und Ärzte hat sich unsere Überwachungsstation innerhalb eines Jahres sehr gut etabliert. Alle Kolleginnen und Kollegen auf der Überwachungsstation haben Spaß an der neuen Tätigkeit. Auch auf der Intensivstation sorgt der sehr gute Personalschlüssel für viel Zufriedenheit und die Stimmung innerhalb des Teams ist sehr ausgeglichen.

Da die VK-Zahl der Intensivstation sehr hoch ist, haben wir uns dazu entschlossen, ab diesem Herbst mit einer Rotation in den Überwachungsbereich zu starten. Eine erste Kollegin hat sich bereits freiwillig gemeldet und wird die Überwachungsstation ab sofort unterstützen. Wir erhoffen uns von dieser Rotation, noch mehr Fachwissen, Praxiserfahrung und Toleranz einbringen zu können. Eine gute Zusammenarbeit zwischen beiden Bereichen ist unser oberstes Ziel, dazu gehört auch der beidseitige Personalwechsel zwischen Intensiv- und Überwachungsstation.

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