• 15.08.2022
  • Interview
Leiharbeit in der Charité

"Wir müssen Teamarbeit neu gestalten"

Carla Eysel ist Mitglied des Vorstands der Charité – Universitätsmedizin Berlin und verantwortet den Vorstands bereich Personal und Pflege. Die 50-jährige Juristin ist auf Arbeitsrecht und Arbeitspolitik spezialisiert.

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2022

Seite 15

Der ursprüngliche Zweck und die Vielseitigkeit der Leiharbeit seien weitgehend verloren gegangen, sagt die Vorständin für Personal und Pflege an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Carla Eysel. Da auch eines der größten Krankenhäuser Europas auf die Arbeitnehmerüberlassung angewiesen ist, sucht Eysel nach Mitteln und Wegen, das Stammpersonal zu binden. Wie ihr der Spagat gelingt, alle Arbeitnehmenden zufriedenzustellen, und wie davon auch die Intensivpflege profitiert, beschreibt sie in unserem Interview.

Wie notwendig sind in der Charité Mitarbeitende aus der Arbeitnehmerüberlassung, um den Pflegebetrieb adäquat aufrechtzuerhalten?

Grundsätzlich kann Arbeitnehmerüberlassung dazu beitragen, ein stabiles Dienstplanmanagement und eine stabile Personalsteuerung zu unterstützen und damit Verlässlichkeit und Stabilität in die Arbeitszeiten der Stammbelegschaft zu bringen. Mit dem Einsatz von Leasingmitarbeitenden konnten wir in der Vergangenheit vielseitige Zielsetzungen verfolgen. Zu den wesentlichen Vorteilen zählten und zählen die Abdeckung krankheitsbedingter Ausfälle und die Kompensation kurzfristiger Belastungsspitzen, die beispielsweise infolge eines erhöhten Patientenaufkommens oder kurzfristig erforderlich werdender Eins-zu-eins-Betreuungen von Patientinnen und Patienten auf­treten können. Auch die vorübergehende Abdeckung offener Stellen, bis wir eine potenzielle Bewerberin oder einen potenziellen Bewerber rekrutieren konnten, war noch vor einigen Jahren über den Einsatz von Leiharbeitnehmenden möglich.

Carla Eysel

ist Mitglied des Vorstands der Charité – Uni­versitätsmedizin Berlin und verantwortet den Vorstands­bereich Personal und Pflege. Die 50-jährige Juristin ist auf Arbeitsrecht und Arbeits­politik spezialisiert.

Und diese Vielseitigkeit ist inzwischen nicht mehr gegeben?

Die Leiharbeit in der Pflege hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden und elementaren Wandel vollzogen, die benannte Vielseitigkeit geht immer mehr verloren. Während die Zahl der Stammmitarbeitenden in den Kliniken immer weiter abnimmt und die Auswirkungen des Fachpersonalmangels allgegenwärtig sind, hat der Markt der Arbeitnehmerüberlassung einen stetigen Personalzuwachs. Im Jahr 2004 waren rund 2.400 Menschen in der Zeitarbeit im Gesundheitswesen tätig. In den folgenden 15 Jahren stieg die Zahl auf über 22.440 an. Zudem hat sich auch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage zugunsten der Leasingfirmen verändert. Seit einigen Jahren verstetigt sich der massive Nachfrageüberhang immer mehr. Das liegt vor allem daran, dass die Verleihfirmen sehr attraktive außertarifliche Vergütungen und Vergünstigungen anbieten können, da sie nicht den Tarifverträgen der Entleihenden unterliegen. Dazu kommt, dass sich Leiharbeitnehmende aufgrund des Personalmangels aufseiten der Entleihenden ihre Schichten aussuchen und damit ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen können. Damit werden Mitarbeitende der Leiharbeit gegenüber den Stammkolleginnen und -kollegen privilegiert. Der Grundgedanke, der dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zugrunde liegt und den rechtlichen Rahmen dafür bestimmt, nämlich Leiharbeitnehmende vor Ausbeutung zu schützen, ist im Gesundheitswesen nicht mehr einschlägig.

Der Anteil der Leiharbeitnehmenden an der Pflege beträgt bundesweit circa zwei Prozent. Wie viel Prozent des Pflegepersonals in Ihrem Haus stammen von Leasingdiensten? Und wie viel Leiharbeitnehmende sind in der Intensivpflege tätig?

Der Anteil von Mitarbeitenden aus Leasingdiensten schwankt bei uns und ist daher sehr heterogen, sodass eine pauschale Antwort hier nicht zweckdienlich wäre. In der Personalsteuerung und im Dienstplan­management setzen wir in der Besetzung der Schichten den Fokus sehr stark auf ein ausgewogenes Verhältnis aus Stamm- und Leiharbeitnehmenden. Wir haben in unserem Tarifvertrag Entlastung, der seit Beginn dieses Jahres in der Umsetzung ist, vereinbart, dass die Leasingquote im stationären Bereich 25 Prozent und in den OP-Bereichen 30 Prozent der Stamm­belegschaft nicht überschreiten darf. Bei einer Überschreitung dieser Quoten entsteht Belastung für die Stammbelegschaft und diese kann sich dann nach den Regeln des Tarifvertrags entlasten.

Welchen Einfluss hatte die Coronapandemie auf diese Situation?

Während der Pandemie war der Einsatz von Leiharbeitnehmenden schwieriger zu organisieren, da der wechselnde Einsatz natürlich auch Risiken im Hinblick auf die Verbreitung des Virus barg, sodass wir besondere Hygieneregelungen mit den Verleihenden vereinbart haben. Insgesamt haben wir während der Pandemie weniger Leiharbeitnehmende beschäftigt als im Regelbetrieb, weil in dieser Zeit das elektive Programm ja nur eingeschränkt möglich war.

Wie gewinnen Sie Intensivpflegende?

Wir arbeiten an einem umfassenden Programm, um unsere Pflegefachpersonen an uns zu binden und neue Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen. Zum einen haben wir seit Januar den Tarifvertrag für die Gesundheitsfachberufe, der gerade mit einem Schwerpunkt auf den Intensivstationen Patient-zu-Fachkraft-Schlüssel (Ratios) festlegt, die wir mittels intensivem Recruitment und Ausbildung erreichen werden. Mit der Festlegung fachgebietsspezifischer Ratios und der Messung ihrer Einhaltung bekommen wir eine bislang nicht dagewesene Transparenz für alle Beteiligten. Darauf aufsetzend können wir neue Arbeitszeitmodelle entwickeln und für gute Stabilität und Verlässlichkeit in der Dienstplanung sorgen.

Was unternehmen Sie, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und Abwanderungen zu verhindern?

In einer aktuellen Vollbefragung wollten wir von den Kolleginnen und Kollegen erfahren, an welchen Stellen wir ansetzen müssen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zwei Aspekte, die sich herauskristallisieren, sind unterbrechungsfreies Arbeiten und Wirksamkeit in der Teamarbeit. Das heißt, dass wir Prozesse hinterfragen und Teamarbeit neu gestalten müssen. Um dies praxisbezogen und professionsübergreifend zu tun, starten wir dieses Jahr drei Strategiestationen, die Prozesse, Rollen und Kompetenzen im Team neu festlegen und anwenden werden. Unser Ziel ist es hier, ausgerichtet an den Patientinnen und Patienten aus einer Kombination von Lean Management und Personal- und Organisationsentwicklung veränderungsrelevante Hebel in der Aufstellung der Teams zu identifizieren. Die Erkenntnisse sollen mittels eines entwickelten Toolsets anschließend idealerweise auf große Teile unserer Organisation angewendet werden. Damit schaffen wir die Grundlage für einen Kultur- und Strukturwandel. Aus- und Weiterbildung in allen Bereichen sowie die Qualifizierung von Führungspersonal flankieren das Vorgehen.

Leasingunternehmen bezahlen ihren Mitarbeitenden meist deutlich über Tarif liegende Vergütungen. Welche finanzielle Mehrbelastung ergibt sich daraus?

Der systemwidrige Einsatz von Leasingpersonal führt zu einer Belastung des solidarisch finanzierten Gesundheitssystems. Dieser Weg schadet dem Pflegebudget. Kliniken bekommen – richtigerweise – Kosten für Leiharbeit nur bis zur Höhe der tarifüblichen Vergütung erstattet. Durch die übertarifliche Bezahlung der Verleihenden und deren Marge bleiben die Kliniken auf den Mehrkosten sitzen, was den positiven Effekt der Herausnahme des Pflegebudgets aus den DRG beschädigt. 

Das Stammpersonal in den Kliniken ist meist sehr kritisch gegenüber Leiharbeitnehmenden eingestellt, wirft ihnen „Rosinenpickerei“ vor und fühlt sich eher mehrbelastet statt entlastet. Wie kommunizieren Sie die Bedeutung der Leiharbeitnehmenden gegenüber der Belegschaft?

Wir werben aufgrund unseres Versorgungsauftrags und im Interesse der zu behandelnden Patientinnen und Patienten um Verständnis unter unseren Kolleginnen und Kollegen. Außerdem arbeiten wir mit Hochdruck daran, unsere Bedingungen – auch mit neuen Arbeitszeitmodellen, Kinderbetreuung, der Möglichkeit, Sabbaticals zu nehmen sowie für einen außerplanmäßigen Einsatz besonders vergütet zu werden und nicht zuletzt mit positiver Kultur und Teamspirit – so attraktiv zu gestalten, dass Leiharbeitnehmende zu uns kommen und unsere Kolleginnen und Kollegen bei uns bleiben. Natürlich gelingt uns das erst über die Zeit. Und es ist in der Tat für unsere Kolleginnen und Kollegen sehr ärgerlich, dass Leiharbeitnehmende sich die Rosinen herauspicken können, und führt immer wieder zu Unmut und Demotiva­tion. Dies aufzufangen, kostet alle sehr viel Kraft, die gerade im hoch belasteten Versorgungsteam nicht vorhanden ist beziehungsweise sinnstiftender eingesetzt werden könnte.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte im März 2020 eine Bundesratsinitiative zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege angestrengt. In der Folge haben einige Leasingfirmen eine Preisobergrenze festgelegt. Löhne für geleastes Pflegepersonal sollen in Berlin nicht mehr höher liegen als das Tarifentgelt des Stammpersonals. Auch der DPR hat sich 2019 für eine Eindämmung der Leiharbeit ausgesprochen. Wie steht die Charité dazu?

Die Preisobergrenze wird nach meiner Wahrnehmung immer weiter nach oben verschoben und gerade durch unseren guten Tarifabschluss haben jetzt viele Verleihunternehmen wieder die Bedingungen für ihre Anwerbung verbessert. Ich halte eine Regulierung hier für erforderlich. Ein Ansatz könnten „equal pay“ und „equal treatment“ als Maßgabe ab Tag eins des Einsatzes in der tarifgebundenen Gesundheitsbranche sein, sodass die Tarifvergütung für Leiharbeitnehmende und Stammpersonal überall gleich gilt und auch das Schichtsystem des jeweiligen Unternehmens zur Anwendung kommt. Das würde auch dem Gedanken des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes Rechnung tragen. 

Arbeiten Sie in der Personalsuche mit mehreren Zeitarbeitsfirmen zusammen? Haben diese sehr unterschiedliche Konditionen? 

Wir arbeiten über Rahmenverträge mit unterschied­lichen Firmen zusammen, die Konditionen sind Gegenstand bilateraler Vereinbarungen und sind daher vertraulich.

In Baden-Württemberg haben sich 44 Kliniken zusammengeschlossen, um sich gegenseitig mit Personal auszuhelfen. Tauschen auch Sie Pflegepersonal im Verbund mit anderen Kliniken aus beziehungsweise wäre das eine Option für Sie?

Eine solche Lösung wäre charmant, da aktuell jedoch alle Kliniken Personalmangel haben, wird diese allein sicher nicht ausreichend sein. Und dabei ist auch eine gewisse Vorsicht geboten. Mitarbeitende wünschen sich nicht nur eine stabile Dienstplanung, sondern der Großteil der Belegschaft auch einen gleichbleibenden Einsatzort und eine Einbindung in ein Team. Mit Sicherheit gibt es Schichten, die mit einer sehr guten Personaldecke ausgestattet sind. Unsere Auswertung der belasteten Schichten nach unserem Tarifvertrag für Gesundheitsfachberufe zeigt, dass die anspruchsvollen Ziele aus dem Tarifvertrag schon bei circa 40 Prozent der Schichten erreicht werden können. Die so erlangte Stabilität muss zur nachhaltigen Zufriedenheitssteigerung erhalten bleiben. Da es auch Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich Flexibilität bei den Einsatzorten wünschen, haben wir seit Langem einen Mitarbeiterpool an der Charité. Dort können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse mit Arbeitszeiten und Einsatzorten verbinden.

Interview: Mark Sleziona

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