• 15.08.2022
  • PflegenIntensiv
Zeitarbeit aus Sicht einer freien Pflegefachperson

"Mir hat der Schritt in die Arbeitnehmerüberlassung sehr geholfen"

Sascha Rüscher ist Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie. Nach seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg spezialisierte er sich ab 2012 im Universitätsklinikum Münster. Während seines Pflegemanagement - studiums wechselte er 2019 in die Arbeitnehmerüberlassung zu einem Personaldienstleister für stationäre Intensivpflege, die Björn Henneke GmbH. Rüscher ist Praxisanleiter (DKG), Wundexperte (ICW) und Pflegeexperte Schmerzmanagement.

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2022

Seite 10

Die Arbeitnehmerüberlassung in der Intensivpflege biete Vorteile für beide Seiten – für Pflegefachpersonen wie für Kliniken –, sagt Sascha Rüscher, der 2019 von einer renommierten Universitätsklinik in die Zeitarbeit wechselte. Der Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie berichtet in PflegenIntensiv exklusiv von seinem Werdegang, seinen persönlichen Erfahrungen und seiner Motivation.

Im Jahr 2009 habe ich mit 17 Jahren meine berufliche Laufbahn in der Pflege gestartet. Die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger absolvierte ich an einem überregionalen Traumazentrum in Norddeutschland. Mit dem Abschluss der Ausbildung war klar: Ich möchte andere Strukturen kennenlernen, neue Herausforderungen entdecken und mich im Bereich der Intensivpflege entwickeln.

Sascha Rüscher

ist Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie. Nach seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg spezialisierte er sich ab 2012 im Universitätsklinikum Münster. Während seines Pflegemanagement­studiums wechselte er 2019 in die Arbeitnehmerüberlassung zu einem Personaldienstleister für stationäre Intensivpflege, die Björn Henneke GmbH. Rüscher ist Praxisanleiter (DKG), Wundexperte (ICW) und Pflegeexperte Schmerzmanagement.

Nach zwölf Bewerbungen an größere Kliniken Deutschlands, zwölf Hospitationen von Kiel bis Freiburg und zwölf Zusagen war ich verwundert über den offensichtlich großen Bedarf an Personal in der Pflege. Das war im Jahr 2012. Meine Noten waren eher durchschnittlich, ich hatte keine Vorerfahrung in der Intensivpflege mangels Einsatzzeit auf einer Intensivstation im Rahmen der Ausbildung.

Im Rahmen der Hospitationen habe ich erfahren, dass auf einigen Stationen zum Teil bis zu 15 Vollzeitkräfte fehlten. Auf meine Frage nach den Gründen erhielt ich die immer gleiche Antwort, dass die Arbeit selbst zwar großartig sei, die Rahmenbedingungen jedoch von Jahr zu Jahr schwieriger würden und einige Mitarbeitende aufgegeben hätten.

Trotz dieser Umstände in vielen deutschen Kliniken entschied ich mich für eine Stelle im Universitätsklinikum Münster. Eine der besten beruflichen Entscheidungen meines Lebens. Dort lernte ich das Handwerk der Intensivpflege, konnte mich persönlich und beruflich weiterent­wickeln und mit pflegerischer Arbeit und fachlicher Expertise Menschen spürbar helfen. Ich hatte mein „pflegerisches Zuhause“ gefunden sowie wundervolle Kolleginnen und Kollegen (im Folgenden: Kollegen) – aber auch weitere Stolpersteine.

Trotz Weiterbildung keine Perspektive

Ich bildete mich stetig weiter und erwarb Zusatz­qualifikationen (Fachweiterbildung, Praxisanleiter, Pflegeexperte im Schmerzmanagement etc.). Doch trotz eines breiten Angebots an Qualifizierungskursen gestaltete sich die Teilnahme an diesen immer wieder schwierig und war stets verknüpft mit Herausforderungen, Verpflichtungen und Verbindlichkeiten.

Hinzu kam, dass sich die neu erworbenen Kompetenzen nur mit viel Aufwand – wenn überhaupt – in den stationären Alltag integrieren ließen. Veränderungsprozesse gestalteten sich sehr zäh und die Strukturen änderten sich nur widerwillig. Es war wie ein frustrierendes Rauschen im Hintergrund des beruflichen Alltags. Ich war mir lange Zeit nicht sicher, ob Veränderungen seitens der Klinikleitung überhaupt gewollt waren, sobald die Inspektoren der Zertifizierungsagenturen die Räumlichkeiten der Klinik verlassen hatten. Dazu kam die stetig wachsende, persönliche Belastung.

Nach zwei Jahren Fachweiterbildung, einem intensiven Lernprozess, diversen praktischen Prüfungen, Klausuren, langwierigen Projekten und Kolloquien hatte ich 155,27 Euro (brutto) mehr Gehalt [1] und beruflich das exakt gleiche Arbeitsprofil wie vor der Fachweiterbildung. Generell erhält fachweitergebildetes Pflegepersonal kaum eine weitere berufliche Perspektive. Häufig wird versucht, ambitionierten Kollegen eine Position im Leitungsteam einer Station anzubieten. Mir erschien das als äußerst unattraktiv in dem Bewusstsein um die enorme Belastung für Leitungs- und Führungspersonal im Gesundheitswesen.

Mich auch künftig von Weiterbildung zu Weiterbildung zu hangeln, die mir weder mehr Gehalt noch eine andere Tätigkeit versprachen, war ebenfalls keine Option. Förderungen für Qualifizierungen außerhalb der Klinik (z. B. Studium) gab es damals nicht. Außerdem musste ich erleben, dass das Management mit Kollegen getroffene Absprachen nicht einhielt. Viele meiner Kollegen in einer ähnlichen Situation verließen die Station, die Klinik oder gaben den Job auf – trotz ihrer Liebe zum Beruf.

Die Rahmenbedingungen verschlechterten sich von Jahr zu Jahr spürbar. Die Zahl der Kollegen verringerte sich stetig und die Arbeit gestaltete sich zunehmend technischer und komplexer. Neben der enormen pflegerischen Arbeitsbelastung waren Unterbesetzungen und permanente Anleitungen von Rotantinnen und Rotanten, Praktikantinnen und Praktikanten, Hospitantinnen und Hospitanten sowie neuen Kollegen an der Tagesordnung. Keine Zeit mehr für die Pflege der Patienten.

Der durchschnittliche Krankenstand in den Pflegeberufen war 2018 um 53,78 Prozent höher als im Durchschnitt aller Berufstätigen [2] – Tendenz steigend. Das Management der Kliniken reagierte kaum auf die hohe Zahl an Meldungen von Belastungsspitzen, wachsende Krankenstände und Überstunden.

Wechsel in die Zeitarbeit

Die Rahmenbedingungen zwangen mich 2019 zu der Entscheidung, die Festanstellung in der Klinik zu verlassen und in die Zeitarbeit zu wechseln. Ein schwerer Schritt. Aber es war damals ein Schritt, der mich heute den Beruf, den ich erlernt habe und liebe, weitermachen lässt, mir Belastungen nimmt, die ich in Festanstellung erfahren musste, und mir berufliche Perspektiven eröffnet. Er ist ein stummer Streik gegen die Arbeitsbedingungen in den Kliniken [5]. Ohne die Option Zeitarbeit wäre für mich nur ein Berufswechsel in­frage gekommen, um mich und meine Gesundheit zu schützen. Bis zu meinem beruflichen Wechsel war ich etwas mehr als sieben Jahre im Krankenhaus tätig. Das entspricht ziemlich genau der durchschnittlichen Verweildauer in der Krankenpflege von 7,5 Jahren [3].

Zeitarbeit ist immer wieder vorschnell von vielen Vorurteilen begleitet. Dazu gehören:

  • Kein Einsatz, kein Geld
  • Ständiges Wechseln der Kliniken und Stationen
  • Kein richtiges Team mehr
  • Keine Rechte auf den Stationen
  • Negatives Erscheinungsbild im Lebenslauf


Mit dem Wechsel waren in meinem Fall auch Sorgen und Ängste verbunden, die sich in Fragen äußerten wie: Reicht die fachliche Kompetenz aus? Kann ich mich schnell in neue Teams integrieren? Werden die Kollegen mich und meine Arbeit entsprechend akzeptieren?

Nach rund zweieinhalb Jahren in der Arbeitnehmerüberlassung stehen den genannten Vorurteilen folgende Fakten gegenüber:

  • Durchschnittliche Verweildauer in einer Klinik: 10–12 Monate
  • Durchschnittliche Einarbeitungszeit pro Klinik: 6 Tage
  • Durchschnittlicher Einsatzradius: 45 Kilometer/ca. 20–30 Minuten Fahrzeit
  • Teams interessieren sich für die Erfahrungen aus anderen Kliniken
  • Rollengerechte Integration in ein Team ist Alltag


Intern haben wir in der Personalagentur einen Einarbeitungsleitfaden erstellt, mit dessen Hilfe Kollegen sich schneller und leichter in die Teams der jeweiligen Kliniken integrieren können. Voraussetzung für eine gelingende Integration ist der offene und selbstreflektierte Umgang mit den eigenen Fähigkeiten, denn nur so können die Kollegen einschätzen, was sie von dem Zeitarbeitnehmenden erwarten können.

Der Einfluss als Zeitarbeitnehmender auf die Dienstplangestaltung reduziert die Gefahr von Burn­out-förderlichen Dienstplänen enorm und ermöglicht es, den Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit besser zu koordinieren. Jedem Zeitarbeitnehmenden stehen ähnliche Rechte zu wie dem Stammpersonal und diese sind rechtlich und vertraglich verankert in dem Fürsorge- und Schutzpflichtverhältnis. Damit ist eine ausgeprägte unterschiedliche Behandlung ausgeschlossen.

Mir persönlich hat der Schritt in die Arbeitnehmerüberlassung sehr geholfen, weiter an meinen Beruf zu glauben und den Spaß an der Arbeit zu erhalten. Ohne Arbeitnehmerüberlassung wäre ich nicht mehr beruflich in der Pflege tätig.

Rahmenbedingungen verbessern und den Markt regulieren

Grundsätzlich bin ich bereit, wieder als festangestellte fachweitergebildete Pflegeperson in einer Klinik zu arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen in der Pflege ganzheitlich reformiert werden. Eine Rückkehr in die Klinik ist unter diesen Voraussetzungen nicht nur für mich, sondern auch für viele weitere Pflegepersonen, v. a. für komplett ausgestiegene und Teilzeitkräfte mit einer Aufstockung der Stunden, realistisch[4].

Umgekehrt wird die Beschränkung von Alterna­tiven, z. B. ein Verbot der Arbeitnehmerüberlassung, sicherlich nicht zu einer großen Rückwanderung von fachweitergebildeten Pflegepersonen an die Kliniken führen, sondern viele werden dann der Pflege vollständig den Rücken kehren.

Arbeitnehmerüberlassung ist sicherlich nicht die allumfassende Lösung für die Probleme in der Pflege – und erst recht nicht selbst das Problem. Warum nicht versuchen, Ansätze aus der Leiharbeit in der Klinik umzusetzen, wenn doch so viele Pflegepersonen dahin wechseln? Diese Frage kann Hinweise darauf geben, wie die Arbeit der Pflege und der Pflegeberuf selbst besser gestaltet werden können, um dem Beruf eine realistische Perspektive zu geben [5].

Wünschenswert wären bis dahin eine weitere Regulierung des Markts der Arbeitnehmerüberlassung und ein verstärkter Fokus der Kliniken auf Qualität, Ausbildung und Erfahrung des gebuchten Fachpersonals. Ausbeutung von Personal und Klinik durch Personalagenturen muss verhindert werden. Die Vermittlung von unerfahrenen Kollegen in Zentren ist sehr kritisch zu bewerten. Darum setzen wir als Personalagentur uns dafür ein, zertifizierte und transparente Strukturen zu etablieren, die es allen Markteilnehmenden ermöglichen, „fair“ zu pflegen. Pflege braucht Zukunft – nicht nur Köpfe.

Flucht in die Zeitarbeit verhindern

Arbeitnehmerüberlassung in der Intensivpflege ist nicht zu vergleichen mit Zeitarbeit in anderen Wirtschaftszweigen. Sie ist losgelöst von den üblichen Stigmata zu betrachten. Natürlich gibt es auch im Gesundheitssektor einige schwarze Schafe, denen der persönliche Profit über dem Wohl der Mitarbeitenden und Patienten steht.

Dennoch bietet die Arbeit als Leiharbeitnehmender für die einzelne Person eine anspruchsvolle, abwechslungsreiche Tätigkeit und ermöglicht Einblicke hinter die Stationstüren diverser Krankenhäuser mit unterschiedlichen Strukturen und Ansätzen. Gebuchte Pflegepersonen erhalten die Chance, viele Kliniken im Alltag kennenzulernen und diese auch als neue Arbeitgebende für sich zu entdecken. Zugleich bauen sie ein großes Netzwerk an Kollegen mit unterschiedlichsten Erfahrungen auf.

Auch Krankenhäuser und insbesondere die Intensivstationen selbst können von den Erfahrungswerten und dem Netzwerk des Leiharbeitnehmenden profitieren. Bestehende Arbeitsabläufe können „von außen“ kritisch hinterfragt werden und gelebte Standards anderer Stationen oder Kliniken können spannende Entwicklungsfelder für die eigene sein. Leider werden diese Potenziale zu selten genutzt.

Auch darf die Arbeitnehmerüberlassung nicht dazu führen, dass sich die Bedingungen der Stammbelegschaft deutlich verschlechtern. Es sind klare Aufgaben und Strukturen für Zeitarbeitnehmende in die Klinik zu integrieren, damit deren Einsatz nicht in direkter Konkurrenz zu den Ressourcen des Stammpersonals stehen. Es gilt, eine umfängliche „Flucht in die Zeitarbeit“ zu verhindern. Arbeitnehmerüberlassung darf nur als ein temporärer Baustein für das bestehende Team gelten.

Wünschenswert wären außerdem weitere Forschungen zu Zeitarbeit, v. a. zur Motivation von Pflegepersonen und zur Optionen der langfristigen Mitarbeiterbindung für Kliniken.

Tipps für Wechselwillige in die Zeitarbeit

Für den richtigen Start in die Zeitarbeit sollten Wechselwillige vorher gründlich überlegen, welche eigenen Erwartungen sie an die Tätigkeit und die neue Arbeitgeberin bzw. den neuen Arbeitgeber haben. Hilfestellung bieten folgende Fragen:

  • Verstehen meine Vorgesetzen meine Arbeit oder sind es völlig fachfremde Personen
  • Sind die Gehaltsstrukturen transparent?
  • Wird Wert auf fachliche Kompetenz gelegt? Wenn ja, inwiefern?
  • Wie sind die durchschnittlichen Einsatzzeiträume bei den Kundinnen bzw. Kunden?
  • Wie groß darf die Firma sein?
  • Bin ich für das Alter richtig abgesichert?
  • Gibt es ein Einarbeitungskonzept?

[1] Öffentlicher-Dienst. Info. Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst, P-Tabelle 2022. Im Internet: oeffentlicher-dienst.info/c/t/rechner/tvoed/p; Zugriff: 21.06.2022

[2] Techniker Krankenkasse. Gesundheitsreport. Pflegefall Pflege­branche? So geht´s Deutschlands Pflegekräften (2019). Im Internet: www.tk.de/resource/blob/2066542/2690efe 8e801ae831e65fd251cc77223/gesundheitsreport-2019-data.pdf; Zugriff: 06.06.2022

[3] DBfK. Manifest der Pflegeberufe. Informationen zum ktuellen Stand der Pflegeberufe. Im Internet: www.dbfk.de/manifest/der-hintergrund; Zugriff: 30.06.2022

[4] Auffenberg J, Becka D, Schleicher S et al. „Ich pflege wieder, wenn…“ (04.2022). Im Internet: www.arbeitnehmerkammer.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Politik/Rente_Gesundheit_Pflege/Bundes weite_Studie_Ich_pflege_wieder_wenn_Kurzfassung.pdf; Zugriff: 05.07.2022

[5] Riedlinger I, Fischer G, Lämmel N et al. „Leasing ist wie ein stummer Streik“ – Zeitarbeit in der Pflege. Arbeits- und Industriesoziologische Studien 13 (2) 2020: 142–157. Im Internet: www.ssoar.info ssoar/bitstream/handle/document/70996/ssoar-ais-2020–2- riedlinger_et_al-Leasing_ist_wie_ein_stummer.pdf?sequence= 1&isAllowed=y&lnkname=ssoar-ais-2020-2-riedlinger_et_al- Leasing_ist_wie_ein_stummer.pdf; Zugriff: 21.06.2022

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