• 10.11.2021
  • PflegenIntensiv

„Ich hoffe, wir kehren bald zurück“

Carsten Jehle (mit Zertifikat) und sein Team: Die Intensivstation im EVK möchte möglichst schnell wieder zum Status quo von früher zurückkehren.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2021

Seite 44

Die Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses in Hattingen ist seit 2007 die erste angehörigenfreundliche Intensivstation in Deutschland. Auch hier hat sich durch die Pandemie vieles geändert.
 

Seit Corona ist es ruhig geworden auf der Hattinger Intensivstation. Vor der Pandemie waren immer viele Angehörige da – einige kamen schon morgens vor der Arbeit vorbei oder abends, um noch mal schnell gute Nacht zu sagen. Oft waren mehrere Angehörige gleichzeitig da, auch Enkelkinder waren gerne gesehen. Manchmal blieben die Angehörigen sogar über Nacht. Die Station hält dafür zwei bequeme, elektrisch verstellbare Liegestühle und immer ausreichend Kissen und Decken bereit, damit es für die Angehörigen so angenehm wie möglich ist.

Die Interdisziplinäre Intensivstation in Hattingen wurde 2007 als erste angehörigenfreundliche Intensivstation vom Pflege e. V. zertifiziert. „Bei uns gab es schon immer offene Besuchszeiten und das rund um die Uhr“, sagt Carsten Jehle, der seit 1994 auf der Intensivstation arbeitet und seit 1999 stellvertretender Stationsleiter ist. „Wir hatten 30 Jahre einen leitenden Oberarzt, der eine klare Haltung zur Wichtigkeit von Angehörigen hatte. Diese Einstellung und Haltung wurden von der pflegerischen Leitung immer unterstützt und geteilt. Und alle neuen Pflegenden und Ärzte sind so sozialisiert worden; sie kennen es gar nicht anders.“ Angehörige seien oft erstaunt, wie offen die Regelungen in Hattingen seien. „Viele haben noch keine Erfahrung mit der Intensivmedizin, wissen aber von Freunden und Bekannten, wie schwierig es sein kann, jederzeit zu seinem kranken Angehörigen zu dürfen“, berichtet Jehle. „Bei uns ist das anders und wir erfahren dafür viel Dankbarkeit.“

Bis ungefähr Mitte Mai 2021 herrschte auch auf der Hattinger Intensivstation ein Besuchsverbot. Nur selten gab es Ausnahmen, z. B. bei sterbenden und desorientierten Patienten. Mittlerweile hat sich die Sta­tion langsam wieder für Besucher geöffnet – sofern ein ärztliches Besuchsattest vorliegt. Allerdings sei es noch lange nicht wie vorher, sagt Jehle. In der Regel sei noch immer nur ein Besucher pro Patient erlaubt, wenngleich es hierzu auch Ausnahmen gibt.

Hinzu kommen die Einschränkungen durch Masken und Schutzanzüge. „Es ist schwieriger, mit den Patienten zu kommunizieren, die Arbeitsabläufe haben sich geändert und die häufigen Isolierungen bedeuten viel Mehrarbeit“, sagt Jehle. „Durch die fehlenden Angehörigen erfahren wir auch viel weniger über die Patienten. Uns fehlen also wichtige Hintergrundinformationen.“

Zum Glück seien die meisten Patienten mittlerweile digital gut vernetzt, sodass die fehlenden Kontakte über Telefonate, Whatsapp und FaceTime überbrückt werden können. Trotzdem sei ein Tag ohne Besuche für die Patienten oft zu lang. Und für die Angehörigen sei die Situation ebenfalls belastend. „Wir haben viel häufiger mit den Familien telefoniert, um sie ausreichend zu informieren und zu beruhigen“, sagt Jehle. Auf der Hattinger Intensivstation gibt es dazu ein Codewort, das mit den Angehörigen vereinbart und in der Patientenakte dokumentiert wird. In Telefonaten ist dieses Codewort die Voraussetzung, um Auskunft zu erhalten.

„Ich hoffe, wir kehren bald zum Status quo von früher zurück“, sagt Jehle. Seine Befürchtung: Nach dieser langen „Pause“ könnten sich einige an die Abwesenheit der Angehörigen gewöhnt haben. Dann könnte es eine Herausforderung werden, wieder die Situation von vorher hinzubekommen, glaubt Jehle. Denn Angehörigenintegration sei vor allem eine Frage der Haltung. Dazu brauche es viele Unterstützer im Team und auf der Leitungsebene. Wenn es funktioniert, profitierten alle Beteiligten. „Wir haben nahezu keine Fluktuation im Team, daran ist unser Konzept nicht unbeteiligt“, ist sich Jehle sicher. „Viele Pflegende, aber auch Ärzte sagen: Wenn meine Mutter oder mein Vater auf der Intensivstation wären, würde ich es mir ganz genauso wünschen.“

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