Können technische Hilfsmittel die druckentlastende Positionierung von Intensivpatienten sinnvoll unterstützen? Die Testung des Bettsensoriksystems "Mobility Monitor" auf zwei Intensivstationen des Neurozentrums des Universitätsklinikums Freiburg sollte diese Frage beantworten.
Laut der aktuellen europäischen Dekubitusleitlinie hat die druckentlastende Positionierung einen hohen Empfehlungsgrad, um Dekubitus zu vermeiden [1]. Die Autorinnen und Autoren des Expertenstandards „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ beschreiben dies ähnlich [2]. Das für die Vermeidung eines Dekubitus notwendige Zeitintervall zwischen den Positionierungen ist jedoch umstritten.
Das standardisierte Vorgehen am Universitätsklinikum Freiburg (UKF) sieht aktuell eine Druckentlastung dekubitusgefährdeter Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) alle zwei Stunden vor. Untersuchungen zeigen jedoch, dass vorgegebene Zeitintervalle insbesondere auf Intensivstationen aufgrund der individuellen Patientensituation und Schwierigkeiten im Patientenmonitoring oftmals nicht eingehalten werden (können) [3, 4].
Um zu klären, inwieweit der Einsatz technischer Hilfsmittel Pflegefachpersonen in der zeitgerechten druckentlastenden Positionierung unterstützt, wurde von November 2018 bis Mai 2019 auf zwei Intensivstationen im Neurozentrum des UKF das Sensoriksystem Mobility Monitor des auf die Dekubitus- und Sturzprävention spezialisierten Schweizer Unternehmens Compliant Concept evaluiert.
Das System wurde ausgewählt, nachdem ein Pilotprojekt auf neurochirurgischen und neurologischen Normalstationen des UKF bereits vielversprechende Hinweise zur Akzeptanz und zum Nutzen geliefert hatte.
Mobility Monitor liefert Informationen zur Häufigkeit und Qualität von Bewegung
Die IT-Lösung Mobility Monitor besteht aus einer Sensormatte, die unter der Matratze positioniert wird, und einem Bedienelement am Bett. Die zugehörige Software zeichnet die Bewegungen von Patienten im Bett auf und liefert auf einem Monitor Informationen zur Häufigkeit und Qualität von Patientenbewegungen. Das System unterscheidet dabei Mikro- von Makrobewegungen und zeigt an, ob diese druckentlastend wirken.
Ein integriertes Ampelsystem informiert Pflegefachpersonen am Bett und am Monitor, ob eine unterstützte druckentlastende Positionierung notwendig ist, ob Patienten eine ausreichende Eigenmobilität aufweisen und wie diese sich über die Zeit entwickelt.
Das zeitliche Intervall, ab wann das System eine entsprechende Warnung ausgibt, kann zwischen zwei, drei und vier Stunden ausgewählt werden. Optional verfügt das System auch über eine Bettausstiegsinformation. Diese wurde in der Studie nicht getestet.
Im Projekt sollte nicht nur untersucht werden, ob Mobility Monitor die druckentlastende Positionierung von Intensivpatienten sinnvoll ergänzt, sondern es sollten auch die Auswirkung auf die Dekubitusinzidenz und die Wirksamkeit der Druckentlastung durch die vom Personal vorgenommenen Positionierungen untersucht werden.
Zur Klärung dieser Fragen wurden die neurologische und neurochirurgische Intensivstation des UKF mit insgesamt 33 Mobility-Monitor-Systemen vollausgestattet und über den gesamten Erhebungszeitraum bei insgesamt 873 Patienten eingesetzt.
Die Studie erfolgte im sogenannten Stepped-Wedge-Forschungsdesign: In der ersten Phase, der Kontrollphase, wurde die Positionierung der Patienten entsprechend des kliniküblichen Standards vorgenommen. Die Informationen des Sensorsystems waren dabei nicht einsehbar. Die erhobenen Daten spiegelten somit den Praxisalltag ohne Hilfsmitteleinsatz wider und dienten als Referenz, um mögliche Effekte durch den Einsatz des Sensorsystems erkennen zu können.
In der zweiten Phase, der Interventionsphase, konnten Pflegefachpersonen auf die Informationen des Mobility Monitors zurückgreifen und die Positionierungen je nach individueller Situation der Patienten mithilfe der Bewegungsdaten und der Erinnerungsfunktion mittels Ampelsystem anpassen.
Dekubitusinzidenz nahm im Projektzeitraum ab
Die gesammelten Daten lieferten umfangreiche Erkenntnisse zur eigenständigen und unterstützten druckentlastenden Positionierung von Intensivpatienten. Hinsichtlich des primären Zielkriteriums zeigte sich, dass sich die Zeitdauer der Immobilität von Patienten, die über das zweistündige Standardintervall bis zu einer druckentlastenden Positionierung hinausgeht, verkürzte.
Ebenso nahm die Zahl der in der Klinik aufgetretenen Dekubitus ab. Jedoch ist eine deutlich größere Patientenzahl nötig, um bei beiden Phänomenen mit hoher statistischer Sicherheit einen Zusammenhang zu belegen.
Zusammenfassend kann daher festgehalten werden, dass in der Tendenz zwar positive Auswirkungen erfasst werden konnten, die allerdings nicht statistisch signifikant sind. Neben der bereits genannten Fallzahl spielt dabei auch eine Rolle, dass die Überschreitung des zweistündigen Zeitintervalls ohne druckentlastende Umpositionierung bereits in der Blindphase deutlich geringer ausfiel als in der Literatur beschrieben. Dies wiederum kann als Zeichen dafür interpretiert werden, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Dekubitusprophylaxe am UKF, die im Vorfeld der Studie durchgeführt wurden, bereits zu einer gegenüber der Literatur verbesserten Versorgungsqualität geführt haben.
Wie stehen Pflegende zu Technikeinsatz?
Parallel zum Hilfsmitteleinsatz wurde in einer formativen Evaluation die Sichtweise der Pflegefachpersonen hinsichtlich der Einstellung, Erwartung und Akzeptanz von intelligenten Technologien im Allgemeinen und hinsichtlich des Mobility Monitors im Speziellen untersucht. Dazu erfolgten zu verschiedenen Zeitpunkten Fragebogenbefragungen und Interviews.
Nach der initialen Geräteschulung wurde der künftige Nutzen des Geräts als eher positiv eingeschätzt. Die Intensivpflegenden sehen jedoch einen deutlich größeren Benefit auf den Normalstationen. Als Grund dafür wurde angegeben, dass das Monitoring bei nicht kontinuierlich überwachten Patienten noch sinnvoller in der Anwendung sei [5].
Im Zuge der engmaschigen Betreuung des Projekts durch die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegedirektion ergaben sich zudem wertvolle Hinweise zur Benutzerfreundlichkeit. Die Weiterentwicklung des Mobility Monitors auf Basis von Rückmeldungen aus der Pflege könnte einen Einfluss auf die Akzeptanz von Pflegefachpersonen des Sensorsystems in akutstationären Einrichtungen haben. Einer der wichtigsten Aspekte war z. B. die direkte Einbindung der Bewegungsdaten in die elektronische Patientenkurve über eine Schnittstelle. Dies wird in einem weiteren Projekt des UKF zur Weiterentwicklung der elektronischen Patientendokumentation aufgegriffen. Ziel ist hierbei, die Bewegungsdaten direkt im elektronischen Dokumentationssystem einsehen zu können und gleichzeitig Ansätze für eine automatisierte Dokumentation der Umpositionierungen zu schaffen.
Darüber hinaus wurde berichtet, dass die Bewegungsdaten auch in der Delirprävention und -behandlung von Nutzen sein können. Hierbei spielt insbesondere die Erkennung einer erhöhten Anzahl von Mikrobewegungen eine Rolle, die selbst in der engen Betreuung auf Intensivstationen nicht immer direkt zu erkennen sind. Hier ergeben sich auch für den Intensivbereich über die ursprüngliche Frage hinausgehende Ansätze einer multiprofessionellen Nutzung von Daten, die bislang nicht zur Verfügung standen.
Das System soll auch künftig in verschiedenen Bereichen des UKF eingesetzt werden, wobei auch die bislang nicht fokussierte Bettausstiegsinformation von Bedeutung sein wird. Unabhängig davon, ob das System im intensiv- oder normalstationären Bereich eingesetzt wird, ist es entscheidend, dass ein Algorithmus zugrunde gelegt wird, der einen zielgerichteten Einsatz sicherstellt und damit zu einer qualitativ hochwertigen klinischen Pflege im Sinne der Patientenversorgung beiträgt.
[1] European Pressure Ulcer Advisory Panel, National Pressure Injury Advisory Panel, Pan Pacific Pressure Injury Alliance. Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Quick Reference Guide; 2019
[2] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Ex- pertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“. Osnabrück: Hochschule Osnabrück; 2019
[3] Krishnagopalan S, Johnson EW, Low LL et al. Body positioning of intensive care patients: clinical practice versus standards. Crit Care Med 2002; 30: 2588–2592
[4] Pickham D, Ballew B, Ebong K et al. Evaluating optimal patient – turning procedures for reducing hospital-acquired pressure ulcers (LS-HAPU). Trials 2016; 17: 1–8
[5] Hempler I, Schäfer J, Ziegler S et al. Einsatz einer neuen Pflegetechnologie (Mobility Monitor) auf der neurologischen und neurochirurgischen Intensivstation. Erste Ergebnisse der formativen Evaluation; 2019
Hinweis: Die Testung des Mobility Monitors ist ein Projekt des Pflegepraxiszentrums Freiburg (PPZ-Freiburg), der Sektion Versorgungs- und Reha- bilitationsforschung (SEVERA) und des Zentrums Klinische Studien am Universitätsklinikum Freiburg (UKF). Projektpartner waren die Hochschule Furtwangen (HFU) und das Institut Alter, Gesellschaft, Partizipation (AGP) an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Das PPZ-Freiburg ist ein Konsortium aus dem Universitätsklinikum Freiburg (Projektleitung), der Universität Freiburg (Institut für Pflegewissenschaft), der Hochschule Furtwangen und dem Institut Alter, Gesellschaft, Partizi- pation an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Es ist neben drei weiteren Pflegepraxiszentren (Hannover, Berlin, Nürnberg) und dem Pflege innovationszentrum Oldenburg (PIZ) ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Clusters „Zukunft der Pflege – Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege“ gefördertes Projekt. Die Aufgabe der PPZ ist es, neue Pflegetechnologien im pflegerischen Alltag zu erproben. Im PPZ-Freiburg liegt der Fokus auf der Testung von innovativer Technologie im Akutkrankenhaus.
Erklärung zu möglichen Interessenskonflikten: Die Autorin und der Autor erklären, dass keine Interessenskonflikte bestehen.