• 08.02.2021
  • PflegenIntensiv
Advanced Nursing Practice in der Pandemie

Ein Spagat für alle Beteiligten

In der COVID-19-Pandemie sind Einsatz und Flexibilität gefragt – das gilt auch für Advanced Practice Nurses (APN). Eine APN berichtet.

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2021

Seite 10

In der COVID-19-Pandemie sind Einsatz und Flexibilität gefragt – das gilt auch für Advanced Practice Nurses (APN). Das Team benötigt zusätzliche Schulung, das Krankheitsbild erfordert neue pflegerische Interventionen und die Kollegen haben mehr Redebedarf – denn die psychische Belastung ist immens. Eine auf der Intensivstation tätige APN berichtet.

Von der „ersten“ Pandemie-Welle sind wir weitgehend verschont geblieben. Das verschaffte mir – als APN der Interdisziplinären Intensivstation am St. Josefs-Hospital Wiesbaden – einen wesentlichen Vorteil. Ich konnte diese Zeit sinnvoll nutzen, um Trainings, Kurzfortbildungen und eine praxisnahe Beratung rund um das Thema COVID-19 einzuführen.

Als zusätzliche Instrumente verwendete ich das „One Minute Wonder“, eine einmütige pflegerische Fortbildung, sowie ein COVID-19-Infoboard, das im Aufenthaltsraum steht und das ich fortlaufend aktualisiere. Darüber hinaus tausche ich mich in diversen Netzwerken aus, um Erfahrungswerte und praxisnahe Tipps zu sammeln.

Während im Frühjahr des vergangenen Jahres die Operationssäle stillstanden, konnten wir Vorbereitungen treffen, die uns für die bevorstehende Krise wappnen sollten. Doch bei uns blieb sie, wie in manch anderen Häusern, aus. Die Patientenzahlen lagen im Rahmen und das beruhigte uns, dass Bilder, wie wir sie in italienischen Kliniken gesehen hatten, nicht auf uns zukommen werden.

Mit dem Rückschritt zum regulären Klinikalltag wurden wir vor neue Herausforderungen gestellt. Die Farben grün (negativer Corona-Befund), gelb (ausstehender Befund, Verdacht) und rot (positiver Befund) nahmen im täglichen Kampf um die freien Betten einen herausragenden Faktor ein. Die Frage „Hat der Patient schon einen Abstrich?“ schien von größerer Bedeutung zu sein, als warum ein Patient oder eine Patientin (im Folgenden: Patient) intensivstationär aufgenommen werden muss.

Von der Ruhe im Sommer in die zweite Welle

In dieser Zeit hieß es vor allem, aufmerksam zu bleiben, keinen zu übersehen und die vorgeschriebenen Hygieneregeln trotz der vermeintlichen „Sicherheit“ einzuhalten. Mit jedem weiteren Patienten, der als hochgradiger Verdacht aufgenommen wurde und sich als negativ erwies, lag mein Hauptaugenmerk als APN darin, die Sensibilität für COVID-19 aufrechtzuerhalten. Auch galt es, die praktischen Fertigkeiten zu trainieren, Wissen aufzufrischen oder zu ergänzen und die Infektionsgefahr nicht außer Acht zu lassen. Letztlich ist die Pandemie für uns alle ein stetiger Wegbegleiter in unserem Alltag geworden.

Denn nicht nur in der Klinik, sondern auch außerhalb des Dienstes sind wir täglich mit den Auswirkungen der Pandemie konfrontiert. Jeder Einzelne hat damit zu kämpfen. Ein stetig offenes Ohr mit einem hohen Maß an Sensibilität und Empathie ist bis heute unerlässlich. Meine Hauptaufgabe in der Krise war von Anfang an die Kommunikation, und das ist bis heute so geblieben. Es gilt, Ängste, Sorgen, Nöte und Unsicherheiten wahrzunehmen und aktiv nach einer Lösung zu suchen.

Zum Herbst erweiterte sich meine Position: Zusätzlich zu meiner Funktion als APN übernahm ich die stellvertretende Stationsleitung. Dieser Schritt war bereits Monate zuvor geplant worden, um eine Tandemführung aus Pflegefachlichkeit und Management zu erreichen.

In Zeiten von COVID-19 stellte dies aber mein Team und mich vor große Herausforderungen. Die APN-Tage, die sich der reinen Pflegefachlichkeit widmeten, wurden nun durch Bürotage ergänzt, um einen Einblick in die Managementaufgaben zu erhalten. Mit Beginn der zweiten Welle war das ein Spagat für alle Beteiligten – immer mehr COVID-19-Patienten wurden aufgenommen, ebenso wie die für diese Jahreszeit typischen Notfallpatienten. Bereits nach wenigen Wochen waren wir mit immer mehr Patienten konfrontiert und litten unter personellen Ausfällen.

Ein Springer zwischen den Bereichen

Jetzt wäre mehr denn je eine tägliche Begleitung durch die APN notwendig gewesen. Das komplette Leitungsteam inklusive mir war jedoch ausgelastet mit dem Ausfallmanagement, der Erstellung von Kontaktlisten, Krisenbesprechungen, intensiver Zusammenarbeit mit der Leitung der Anästhesiepflege und nicht zuletzt dem Einspringen in offen gebliebene Dienste. Egal, in welcher Funktion ich im Dienst bin – ob als Fachpflegekraft in der direkten Versorgung oder als stellvertretende Stationsleitung im Bürodienst –, ich bin eine APN. Schließlich lege ich meine pflegefachliche Expertise nicht mit dem Titel des Dienstes ab. So stand ich während der Bürodienste je nach Möglichkeit der Praxis beratend zur Seite, analysierte die Probleme und ermittelte Lösungen.

Die Dienste in der direkten Praxis nutzte ich, um die Versorgung der COVID-19-Patienten zu evaluieren. Leider muss ich berichten, dass es die freigestellten APN-Tage im Verlauf der letzten Monate schlichtweg nicht mehr gab, sie wurden ersetzt durch die offenen Dienste. Als APN bin ich ein ständiger Springer zwischen allen Bereichen, die meine Unterstützung benötigten.

Mit dem Eintreffen von immer mehr COVID-19-Patienten erlangte das Team zeitnah eine gewisse Routine. Dennoch ergaben sich mit jedem weiteren Patienten neue pflegerische Problemstellungen. Auch stieg der Bedarf, Pflegeinterventionen zu modifizieren und neue zu entwickeln. Dazu gehörte zum Beispiel, wie nicht beatmete Patienten zur Bauchlage angeleitet werden.

Zudem stellten wir fest, dass die Patienten zunehmend unter Angst- und Panikattacken litten. Das ist nur allzu verständlich, wenn man in einem Zimmer mit Patienten isoliert ist, die unter der gleichen Erkrankung und einem schweren Verlauf leiden. Zusätzlich sind die Patienten geprägt von der Berichterstattung der Medien. Teilweise wird ein Bild von den Intensivstationen vermittelt, das Angst bereits im Vorfeld schürt. Wird eine Intubation notwendig, benötigen die Patienten zumeist hohe Dosierungen an Sedativa. In meinem Team hält sich die Theorie, dass dies an der vorherigen Angst und Panik liegt – ganz nach dem Sprichwort: So wie man sich bettet, so schläft man.

Aus dem Team sprießen eine Vielzahl von Ideen, um für die Patienten so viel Normalität wie möglich aufrechtzuerhalten und ihnen die Ängste zu nehmen. Dazu gehören Telefonate mit den Angehörigen, Videotelefonie, Tonaufnahmen der Familie, Traumreisen, Atemübungen, Kreuzworträtsel lösen oder das Abspielen der Lieblingsmusik. Neben meiner wissenschaftlichen Recherche greife ich diese Ideen auf, integriere sie in die Praxis, erschaffe die notwendigen Strukturen und verteile die Informationen im Team.

Einzelschicksale treffen ins Mark und Bein

Als unser größter Belastungsfaktor kristallisierte sich nicht das Krankheitsbild COVID-19 und die vielen Dienste am Stück heraus, sondern die emotionalen und ethischen Herausforderungen. Die Tragweite der Einzelschicksale traf uns ins Mark und Bein: Kinderstimmen von Tonbandaufnahmen an den Papa, Unterstützung bei Abschiedsbriefen der Patienten an die Familie, Begleitung der letzten Telefonate vor der Intubation, Verhandlungsprozesse mit Patienten, ob die Intubation wirklich notwendig ist, Begleitung der Angehörigen, der Austausch, ob ein Versterben nach 48 Stunden in Bauchlage pietätvoll ist, die palliative Begleitung eines Patienten ohne seine Familie und vieles mehr.

Die psychische Belastung für alle Teammitglieder während dieser Phase der Pandemie ist immens angestiegen. Erschwerend kommen die fehlenden Sonnenstrahlen hinzu und dass es während des erneuten Lockdowns an Möglichkeiten mangelt, die eigenen Widerstandsressourcen aufzufüllen.

Bereits vor der Pandemie haben wir täglich interdisziplinäre Besprechungen über die einzelnen Patientenfälle abgehalten. Wenn ich im Dienst bin, nehme ich immer an diesen Besprechungen teil. Diese bereits implementierte Struktur ist mehr denn je Gold wert. Wir nutzen diesen Raum, um neben den pflegerischen und medizinischen Gesichtspunkten unsere emotionalen Belastungen aufzugreifen und ethische Grenzsituation gemeinsam zu lösen.

Zusätzlich suchen wir nach Maßnahmen, um die Situation für die Patienten und Angehörigen erträglicher zu gestalten. Aktuell befinden sich Postkarten im Druck mit einem Foto des gesamten Teams, das wir an die Familien versenden. Damit möchten wir wenigstens einen kleinen Einblick ermöglichen, wie die Menschen aussehen, die sich um die Liebsten kümmern. Bereits jetzt versuchen wir, an die Zeit nach der Pandemie zu denken und planen ein Wiedersehen mit unseren Patienten und deren Familien, wenn dies gewünscht ist. Bis dahin erfreuen wir uns an unseren kleinen Trophäen – handgeschriebene Briefe von Patienten, die wir erfolgreich auf die Normalstation verlegen konnten.

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