In den vergangenen Wochen ist es gelungen, die Intensivstationen vor der gefürchteten Überlastung zu schützen. Dennoch sei es zum Aufatmen noch zu früh, sagt der 1. DGF-Vorsitzende Lothar Ullrich. Alle Kliniken sollten auf eine mögliche zweite Corona-Welle vorbereitet sein.
Herr Ullrich, wie sieht die Situation auf deutschen Intensivstationen jetzt zum Zeitpunkt Ende April aus?
Es ist weiter relativ ruhig. Wir haben mit einem großen Ansturm von Corona-Patienten gerechnet, dieser ist aber glücklicherweise – abgesehen von einigen Krisenregionen – nicht eingetreten. Viele Kliniken hatten ab März 2020 ihre Intensiv- und Beatmungskapazitäten hochgefahren, diese wurden aber größtenteils nicht abgerufen. In Nordrhein-Westfalen waren zum Beispiel laut dem NRW-Gesundheitsministerium 2.927 von 7.815 Intensivbetten frei (Stand: 21. April) – das sind 37 Prozent. Auch das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, hat für diese Zeit angegeben, dass von den 30.058 Intensivbetten in Deutschland rund 42 Prozent frei waren.
Wie kam es zu dieser geringen Auslastung?
Viele planbare Operationen wurden verschoben und 50 Prozent der Intensivbetten wurden vorsorglich für Corona-Patienten freigehalten. Ab Mai ist nun eine schrittweise Rückkehr in einen „normalen Klinik- betrieb“ geplant. Laut dem Konzept des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn sollen für COVID-19-Erkrankte in der Startphase zunächst nur noch 25 statt bisher 50 Prozent der Intensivbetten reserviert werden. Die OP-Kapazitäten sollen in einem ersten Schritt zu 70 Prozent für planbare Operationen geöffnet werden.
Ist denn noch mit einem starken Anstieg von Corona-Patienten zu rechnen?
Das weiß niemand, aber die Krise ist noch nicht vorbei. Ob es zu einer zweiten Welle mit einem starken Anstieg von Corona-Patienten kommt, hängt wohl vor allem davon ab, wie diszipliniert die Bevölkerung die Hygienemaßnahmen und Regeln der sozialen Distanzierung einhält und wie sich die derzeitigen Lockerungsmaßnahmen auswirken. Trotzdem muss man sagen: Falls es zu einer zweiten Welle kommt, wäre das leichter zu organisieren als beim ersten Mal. Die Kliniken haben sich umfassend auf den Ernstfall vorbereitet, und das war eine gute Übung.
Wie sah diese Vorbereitung in den Kliniken aus?
Die Beatmungskapazitäten sind deutlich hochgefahren worden, und es wurde mit einer Art Stufenstrategie zusätzliches Personal für die Unterstützung auf den Intensivstationen akquiriert und trainiert. Das ist in der Regel in drei Stufen abgelaufen: 1. Es wurde sämtliches hoch qualifiziertes Personal rekrutiert, das derzeit in Teilzeit oder in anderen Arbeitsfeldern wie der Anästhesie tätig ist. 2. Es wurden Pflegende mit weniger Intensiverfahrung rekrutiert und diese in Crashkursen auf den Einsatz vorbereitet. 3. Es wurden Medizinstudierende und ehemalige Pflegefachpersonen angeschrieben, die beruflich nicht mehr in der Pflege tätig sind. Die Pflegekammern und auch einige Kliniken haben dazu Aufrufe gestartet.
Die Bereitschaft zu helfen, war insgesamt sehr groß. Wie beurteilen Sie einen Einsatz unerfahrener Kräfte in der Intensivpflege?
Das ist wirklich die allerletzte Eskalationsstufe, die nur gerechtfertigt ist, wenn die Versorgung sonst nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Dabei muss dann klar definiert sein, wer was macht und wer was darf. Wenn die Situation eskaliert, wie in Italien und Spanien, muss eine hoch qualifizierte Pflegefachperson vier bis sechs Patienten versorgen. Hierbei ist sie auf Unterstützung angewiesen. Je besser die „Assistenten“ vorbereitet sind, desto effizienter lassen sie sich – unter der Leitung und Gesamtverantwortung der zuständigen Pflegenden – einsetzen.
War die Belastung der Intensivpflegenden in den vergangenen Wochen größer als sonst?
Nur auf den Intensivstationen, die komplett mit COVID-19-Patienten belegt waren, so wie es in einigen Krisenregionen der Fall war. Dann ist die Arbeitsbelastung wirklich enorm. Bei diesen Patienten ist in der Regel eine Eins-zu-eins-Betreuung erforderlich. Menschen mit einem schweren Verlauf von Corona entwickeln ein akutes Lungenversagen, also ein ARDS, das mit Beatmung, Bauchlagerung und Multiorganversagen einhergeht. Allein die regelmäßige Umlagerung bei Bauchlagerung ist sehr personal- und zeitintensiv. Zudem ist bei Bauchlagerung fast immer eine Analgosedierung und Katecholamintherapie erforderlich, oft werden auch extrakorporale Verfahren eingesetzt, zum Beispiel ECMO. Hinzu kommt die erforderliche Schutzausrüstung, die durchgehend zu tragen und die körperlich extrem belastend ist. Die Pflegenden kommen für viele Stunden, oft für die ganze Schicht, nicht aus dem Zimmer raus. Aus Sicht des Arbeitsschutzes müssten sie eigentlich alle drei bis vier Stunden abgelöst werden.
Die Versorgung mit Schutzmaterialien war in fast allen Kliniken ein Problem. Das Robert Koch-Institut hat daraufhin einige Hygieneregeln gelockert. Wie bewerten Sie das?
Das war der Krisensituation geschuldet, aber daraus müssen wir natürlich lernen. Es wird sehr wichtig sein, dass bei der Auswertung der Krise auch Vertreter der Pflege mit am Tisch sitzen und nicht nur Virologen, Mediziner und Politiker. Die mangelhafte Versorgung mit Schutzausrüstung ist ein wichtiges Thema, das wir gut evaluieren müssen.
Warum hatten die Kliniken nur so geringe Vorräte an Schutzausrüstung?
Das hängt in den meisten Kliniken mit der unzureichenden Lagerkapazität zusammen. Lagerung ist teuer, und so haben viele Kliniken in ihrem Zentrallager nur Vorräte für etwa eine Woche. Das betrifft auch Einmalmaterialien, Infusionslösungen und so weiter. Dieser Mangel an Schutzausrüstung ist aber mehr als gefährlich. Das Robert Koch-Institut ging bereits Mitte April davon aus, dass sich rund 6.400 Pflegende und Ärzte mit dem Coronavirus infiziert hätten, acht seien bereits gestorben. Dabei wird, vor allem in der Altenpflege, eine viel höhere Dunkelziffer befürchtet. Es darf nicht sein, dass gerade diejenigen, die sich in erster Reihe gegen die Pandemie einsetzen, nicht ausreichend geschützt sind.
Wie war die psychische Belastung für die Pflegenden?
Die Intensivpflegenden, die COVID-19-Patienten betreuen, sind nicht nur durch das Infektionsrisiko stark belastet. Der Krankheitsverlauf mit ARDS ist meist rasant, viele COVID-19-Patienten versterben. Intensivpflegende können somit zu zweiten Opfern werden, weil diese starke psychische Belastung oft nicht aufgefangen wird.
Gibt es Supervision für Intensivpflegende?
Nein. Wir als DGF haben das lange gefordert, es hat im Intensivbereich aber nie regelhaft stattgefunden. Es wäre jedoch zwingend erforderlich, solche Angebote zu etablieren, damit die Betroffenen keine dauerhaften Schäden entwickeln. Ein regelmäßiges Reflektieren und Aufarbeiten belastender Situationen innerhalb des Teams könnte eine Art mentale Schutzausrüstung sein, von der alle Beteiligten profitieren. Gerade in der Intensivpflege arbeiten viele junge Kollegen. Gelingt es nicht, belastende Situationen gut zu verarbeiten, kann das ein Grund für den Berufsausstieg sein.
Wie geht es in den Kliniken nun weiter?
Wir wissen nicht, ob es zu einer zweiten Welle an Corona-Patienten kommen wird, wir müssen aber darauf vorbereitet sein. Jede Klinik sollte damit rechnen, um im Ernstfall schnell reagieren zu können. In einer Zeit, wo niemand wusste, mit welchem Ansturm zu rechnen ist, haben das alle Kliniken gut hinbekommen. Sehr positiv ist zum Beispiel auch, dass sich durch Corona telemedizinische Anwendungen in den Kliniken, zum Beispiel in Form von Televisiten, etabliert haben und sehr gut funktionieren. Da beraten Mediziner aus großen Kliniken andere Kliniken im Hinblick auf die intensivmedizinische Versorgung von COVID-19-Patienten. Wünschenswert wäre, dass auch Pflegende an solchen Televisiten beteiligt wären. Oft geht es ja auch um fachgerechte Pflegeinterventionen wie zum Beispiel die Bauchlagerung bei ARDS. In der Charité ist das in einem Modellprojekt bereits der Fall.
Was sind Dinge, die wir schon jetzt aus der Corona-Krise lernen können?
Wichtig ist definitiv, dass wir eine gute Lagerkapazität für Schutzausrüstung haben. Das ist zentral. Dann gilt es aber auch, die Sinnhaftigkeit bestimmter Entscheidungen, die innerhalb der Krise getroffen oder in Betracht gezogen wurden, zu reflektieren. Das betrifft zum Beispiel das Aussetzen der Personaluntergrenzen, Hygieneregelungen, die aufgrund der Krise gelockert wurden, oder die Überlegung in NRW zur Zwangsrekrutierung von medizinischem und pflegerischem Personal. Nach dem Abklingen der Krise – so weit sind wir aber noch nicht – wird es ganz wichtig sein, dass alle Maßnahmen der Patientensicherheit wieder vollständig in Kraft gesetzt werden. Das heißt, die Personalgrenzen müssen wieder umfänglich gelten und die RKI-Richtlinien eins zu eins umgesetzt werden.
Was bedeutet die Krise im Hinblick auf den Fachkräftemangel?
Die intensivpflegerische Versorgung ist in den vergangenen Jahren immer am Limit gefahren worden. Das ist uns in der Corona-Krise vor die Füße gefallen. Wir wussten am Anfang überhaupt nicht, wie viele Corona-Patienten auf die Kliniken zukommen. Wenn die Kliniken randvoll gewesen wären, hätte das – allein aufgrund des Fachkräftemangels – auch bei uns eskalieren können. Schwerwiegend war in dieser Situation auch, dass wir keine belastbaren Zahlen haben: Wie viele Intensivpflegende gibt es in Deutschland? In den Medien wurde immer nur über die Anzahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte gesprochen. Wer mit welcher Qualifikation die Intensivpatienten in diesen Betten versorgen kann, wurde nicht thematisiert. Wir brauchen also dringend Zahlen – das ist ein wichtiges Argument für Pflegekammern, die diese Zahlen liefern können. Zu sehen ist aber auch: Die Intensivpflegenden haben eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Corona-Krise. Sie müssen – je nach Eskalationsstufe – mehrere Patienten übernehmen, die geringer Qualifizierten und Assistenten einweisen und überwachen und die Gesamtverantwortung tragen. Je mehr hoch qualifizierte Pflegende da sind, desto sicherer ist die Situation.
Was ist Ihr Fazit nach gut acht Wochen Corona-Krise?
Es ist gelungen, die Intensivstationen vor einer Überbelastung zu schützen, und das ist durchaus als Erfolg zu werten. Die Organisation in den Kliniken lief insgesamt gut und die Pflegenden haben sich sehr solidarisch gezeigt, mit einer hohen Bereitschaft, in anderen Bereichen auszuhelfen. Im Moment sind die Pflegenden in der öffentlichen Diskussion leider etwas aus dem Fokus geraten – jetzt geht es vor allem um Lockerungsmaßnahmen, wirtschaftliche Folgen und die Rückkehr in die Normalität. Der Anteil der Pflege bei der Bewältigung dieser Krise darf aber nicht in Vergessenheit geraten. Wenn die Situation – wie zuvor vielerorts befürchtet – eskaliert wäre, würden wir heute über ganz andere Dinge sprechen.