Zwar gewinnt die ganzheitliche Betrachtung der Patienten heute gegenüber der rein schulmedizinischen Behandlung immer mehr an Bedeutung, und insbesondere in der Onkologie und der palliativen Pflege sind Begriffe wie Aromatherapie, Basale Stimulation und Akupunktur schon lange etabliert. Doch auch in der Intensivmedizin scheinen solche Therapien einen Stellenwert zu haben.
Auf der Intensivstation des Kinderkrankenhauses St. Marien in Landshut liegt ein zwei Monate altes Kind. Wegen einer schweren Lungenerkrankung wurde es lange Zeit beatmet und sediert. Nun hat sich sein Zustand soweit gebessert, dass es ohne Tubus atmet und die Medikamente ausgeschlichen werden. Eine Assistenzärztin befürchtet, dass der Säugling Entzugserscheinungen erleiden könnte. Deshalb fordert sie ein Konsil bei der Oberärztin, Dr. Catharina Amarell, an. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin ist Spezialistin für besonders schonende Therapien. Nach Landshut kam sie vor etwa zwei Jahren, als in der Klinik aufgrund einer Initiative der Carstens-Stiftung ein Projekt ins Leben gerufen wurde, um komplementäre Verfahren in die Akutmedizin einzuführen. Einige Zeit später entstand an der Klinik eine eigene Abteilung für Integrative Medizin. Dort ist Amarell seither zuständig für Naturheilverfahren und Akupunktur. Auch für Homöopathie und Phytotherapie gibt es hier spezialisierte Ärzte.
Für den beatmeten Säugling schlägt Amarell der Assistenzärztin beruhigende Herzauflagen mit verdünntem Lavendelöl und zur Schmerzbehandlung eine Akupunktur mit sogenannten Ohrkugeln vor. Das sind kleine Magnete, die eine Akupressur ohne Nadeln möglich machen und sich daher besonders für die Behandlung von Kindern eignen und die psychische und physische Anspannung lösen können.
Pflegende begeistert von neuem Weg
Die Landshuter Klinik ist hier ein Vorreiter – sie ergänzt die klassische Schulmedizin mit komplementären Maßnahmen. Zum Einsatz kommen neben Herzauflagen und Akupunktur etwa Phytotherapeutika, Fußreflexzonenmassagen, feuchtwarme Bauchauflagen, sogenannte „Pulswickel“ am Handgelenk sowie Quark- und Kohlwickel. Mitunter wirken sie laut Amarell sogar so gut, dass sie den kleinen Patienten Schmerzmittel oder andere Medikamente ersparen.
„In der Pädiatrie geraten wir oft an Punkte, an denen wir möglichst keine Medikamente verabreichen möchten“, sagt die Oberärztin. „Die Kinder reagieren außerdem häufig sehr rasch auf komplementäre Therapien, sodass herkömmliche Medikamente oft nicht nötig sind.“ Viele herkömmliche Wirkstoffe seien auch nur für erwachsene Patienten getestet und zugelassen. Zudem seien die Fachkräfte im Rahmen der komplementären Maßnahmen in der Lage, die Eltern der Kinder mit einzubeziehen und ihnen auch etwas für die folgende Zeit zuhause mit auf den Weg zu geben.
Von den Eltern bekomme sie in der Regel ein durchaus positives Feedback. Auch die Pflegenden seien von Anfang an aufgeschlossen gewesen. Cornelia Vogel ist eine von ihnen und begeistert von dem neuen Weg. Die Kinderkrankenschwester hat gleich mehrere Weiterbildungen jenseits der klassischen Medizin absolviert, zum Beispiel in Klangschalenanwendungen, Basaler Stimulation und Aromatherapie. Zudem ist sie Fachkraft für Wickel und Auflagen. Einmal im Monat trifft und bespricht sie sich mit Amarell. Ihre Kenntnisse kommen ihr auf der Intensivstation und auch in der Spezialambulanz Palliative Versorgung für Kinder und Jugendliche zugute. In beiden Bereichen arbeitet sie mit einer 50-Prozent-Stelle.
Dass die Kinder in beiden Abteilungen von den komplementären Maßnahmen profitieren, davon ist Vogel überzeugt. „Wenn wir einen Wickel anwenden, bekommen sie mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit, als wenn wir nur schnell eine Infusion anhängen“, sagt sie. Allerdings sind auch hier fundierte Fachkenntnisse nötig, denn auch bei Wirkstoffen aus der Natur sind „Nebenwirkungen möglich, so kann zum Beispiel Senfmehl zu Hautirritationen führen. Auch bei ätherischen Ölen müssen die empfohlenen Konzentrationen streng eingehalten werden.“ Die Frühchen seien besonders empfindlich, sagt die Pflegekraft. Schon kalte Anwendungen würden hier Stress verursachen.
„95 Prozent offen für ergänzende Therapien“
Eine Expertin auf dem Gebiet alternativer Maßnahmen in der Akutmedizin von Erwachsenen ist auch Birgit Plock. Die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege unterrichtet das Fach „Wickel und Auflagen“ an der Akademie für Pflegeberufe an der Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden. Diese ist eine von drei großen anthroposophisch ausgerichteten Krankenhäusern in Deutschland, die sich zum Ziel gesetzt haben, den Menschen als Einheit von Körper und Geist zu sehen und die Selbstheilungskräfte ihrer Patienten bestmöglich zu unterstützen. Neben ihrer Dozententätigkeit ist Plock als Pflegekraft auf der Intensivstation der Klinik tätig. Auch sie hat eine Reihe von Weiterbildungen absolviert und ist unter anderem Expertin für Rhythmische Einreibungen und Anthroposophische Pflege.
„Rund 95 Prozent unserer Patienten sind offen und auch dankbar für die ergänzenden Therapien“, schätzt Plock. Seit der Gründung der Klinik, vor über 40 Jahren, gehören Äußere Anwendungen, Kunsttherapie und Homöopathie zum integrativen Konzept der zugrundeliegenden schulmedizinischen Behandlung. Um auch eine wissenschaftliche Evidenz zu bekommen, forscht das an der Filderklinik gelegene Institut Arcim komplementäre Therapien, unter anderem auch die Wirkung von äußeren Anwendungen.
„Schwerkranke Intensivpatienten müssen meist viel Leid, Ängste und Schmerzen aushalten, dabei haben sie fast keine Intimsphäre“, sagt die Fachpflegerin. Die Anwendung zum Beispiel eines Wickels wirke da auf vielen Ebenen. Der Patient bekomme Zuwendung und Ruhe zum Entspannen. Die Tür bleibe, wenn die Behandlung es zulässt, geschlossen in dieser Zeit. Plock kann viele positive Beispiele nennen. Eine Patientin mit Colitis ulcerosa habe starke Bauchschmerzen gehabt. Unter einer Baucheinreibung mit Kamillenöl und angewärmten Tüchern sei sie ohne Schmerzmittel eingeschlafen. Einem Feuerschlucker, der aus Versehen Brandmittel aspiriert hatte, hätten Senfwickel das schmerzhafte Abhusten erleichtert.
Alternative Therapien scheinen also nicht nur in der Onkologie, sondern auch in der Intensivmedizin durchaus sinnvolle Therapieoptionen – insbesondere in der Linderung von Schmerzen, zur Beruhigung und für die Förderung des Schlafs und des psychischen Wohlbefindens – darzustellen.
Aromaöle in der Anästhesie
Auch in der Anästhesie kommen sie bereits zum Einsatz. Zum Beispiel in der Elblandklinik in Radebeul. Dort ist die Narkoseärztin Dr. Julia Neidel zuständig für integrative Schmerztherapie. Dabei arbeitet sie eng zusammen mit den Physiotherapeuten, die Wachs- und Fangoauflagen anwenden. Auch Aromaöle kommen routinemäßig zum Einsatz. Diese komplementären Maßnahmen sind oft eingebunden in einen Maßnahmenkatalog zur Linderung von Beschwerden. Damit alle Therapien sachgerecht erfolgen, gibt es an der Klinik entsprechende Standards.
„Organisatorisch stellt das schon einen Aufwand dar“, sagt Neidel. Manche Patienten, Ärzte oder Pflegekräfte seien auch ein wenig skeptisch. Aber insgesamt sei das integrative Konzept medikamentensparend und führe zu weniger Nebenwirkungen, zieht auch sie Bilanz.
1 Naturheilkundliche Therapien lassen sich
häufig mit einfachen Mitteln umsetzen
2 Mithilfe komplementärer Maßnahmen
wie Fußreflexzonenmassagen lassen sich
Medikamente oft reduzieren oder ersparen
3 Oberärztin Dr. Catharina Amarell ist für Naturheilverfahren
und Akupunktur im Kinderkrankenhaus St. Marien in
Landshut zuständig
4 Kinderkrankenschwester Cornelia Vogel hat Weiter-
bildungen in Basaler Stimulation, Klangschalenanwendungen
und Aromatherapie absolviert