• 24.07.2018
  • PflegenIntensiv
Komplementäre Maßnahmen

Schmerzen sanft bekämpfen

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2018

Seite 18

Die professionelle Schmerzbehandlung hat einen hohen Stellenwert auf Intensivstationen. Es muss jedoch nicht immer ein Medikament sein, denn zahlreiche komplementäre Pflegemaßnahmen versprechen ebenfalls eine deutliche Schmerzlinderung. Wichtig ist jedoch, die Interventionen richtig anzuwenden.

Im Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen“ des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) wird ausdrücklich gefordert, dass Pflegende über ein zielgruppenspezifisches Wissen zu nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Schmerzlinderung inklusive der Kontraindikationen verfügen sollen. Diesbezügliche Fachkenntnisse sind bei Pflegenden aber häufig nur lückenhaft vorhanden – insbesondere im Funktionsbereich, wo häufig die moderne Hochleistungsmedizin im Vordergrund steht. Es lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen, dass sich immer mehr Patienten und auch Angehörige für komplementäre, heilkundliche Pflegemaßnahmen interessieren und begeistern. Gerade auf Intensivstationen erfahren die „sanften Maßnahmen“ zur Schmerzbekämpfung und zur Förderung des Wohlbefindens großen Zuspruch und hohe Akzeptanz. Entscheidend ist folgender Grundsatz: Erfolgreich ist eine Anwendung immer dann, wenn der Patient sie als hilfreich erlebt. Denn die Schmerzlinderung ist oftmals eine indirekte Wirkung.

Ein weiterer Grundsatz: Bei Patienten mit Schmerzen sollten nicht ausschließlich Medikamente zum Einsatz kommen – aber auch nicht nur nicht-medikamentöse Maßnahmen. Die Mischung macht´s – das eine sollte das andere nicht ausschließen und sich gegenseitig sinnvoll ergänzen.

Ein wichtiger Aspekt hin zu einer guten Schmerztherapie ist es darüber hinaus, den Menschen als Ganzes zu sehen und ihn nicht auf seine Krankheit oder das Symptom Schmerz zu reduzieren.

Natürlich darf auch die Wichtigkeit einer guten Schmerzanamnese und einer adäquaten Schmerzmessung nicht vergessen werden. Auch die Unterscheidung, ob ein akutes oder chronisches Schmerzgeschehen vorliegt, spielt bei der Auswahl eines geeigneten Therapieverfahrens eine Rolle, da chronische Schmerzen eher mit multimodalen Konzepten behandelt werden.

Viele Möglichkeiten

Für den Intensivbereich gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die sich zur Schmerzbekämpfung beziehungsweise -linderung eignen.

Musik: Musik erzeugt eine Fülle von positiven Einflüssen im menschlichen Körper. Die Beeinflussung von Opioid-Signalen und die Erhöhung der Dopamin-Produktion sind nur zwei Beispiele für die Wirkansätze von Musik. Die Senkung des Opiatbedarfs durch Musik ist evidenzbasiert. Gerade zur Entspannung und Reduktion von Stress ist Musik sehr gut geeignet. Entspannungsmusik beispielsweise ist für viele Patienten hilfreich, um sich gedanklich vom Schmerzgeschehen zu entfernen. Dies ist bei Intensivpatienten ein wichtiger Faktor. Durch Alarme und Geräte entsteht häufig eine für den Patienten schädliche Geräuschkulisse. Musik kann hier zur Stressreduktion beitragen, was sich dann auch positiv auf das Schmerzempfinden auswirken kann.

Aromapflege: Speziell bei Schmerzen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, mit ätherischen Ölen einen positiven und präventiven Einfluss auf das Schmerzempfinden zu nehmen. Pflegende können mit der Aromapflege zum Wohlbefinden des Patienten effektiv beitragen. Einreibungen, aromatisierte Wickel und Auflagen, Waschungen sowie eine Verbesserung des Raumklimas sind nur einige Anwendungen, die nebenwirkungsfrei helfen können, Schmerzen zu reduzieren.

Akupressur: Durch einen stumpfen Druck auf bestimmte Punkte, die aus der Akupunktur bekannt sind, können positive Effekte auf das Schmerzgeschehen erzielt werden. Die Akupressur basiert auf dem Phänomen, dass Menschen instinktiv auf schmerzhafte Köperstellen drücken oder diese reiben. Auch Hilfsmittel, wie Pflaster mit kleinen Magnetkügelchen, können gut mit eingesetzt werden. Eine Akupressur-Anwendung zur Schmerzreduktion kann zum Beispiel gut in den morgentlichen Pflegeprozess integriert werden, gerade auch auf der Intensivstation.

TENS: Bei der Transcutanen Elektrischen Nervenstimulation (TENS) werden mittels Strom elektrische Impulse in der Körperperipherie erzeugt. Diese künstlich herbeigeführten Reize aktivieren das körpereigene schmerzhemmende System, indem über Nervenbahnverknüpfungen die Schmerzweiterleitung auf Rückenmarksebene blockiert wird. So erreichen weniger Schmerzimpulse Thalamus und Großhirn.

Licht und Farben: Das ganze menschliche Leben ist von Licht und Farben umgeben. Diese bestimmen die Emotionen. Daher können sich Licht und Farben positiv auf das Gemüt auswirken und helfen, Schmerzen zu reduzieren. Auch Tageslicht und Natur sind für Patienten im Krankenhaus sehr wichtig. Ein farbig gestalteter Raum oder das Aufstellen geeigneter Farblampen sind weitere Möglichkeiten, durch Farben positive Effekte zu erzielen. Das Schaffen einer positiven Patientenumgebung und eines Wohlfühleffekts ist das Ziel. Erste Pilotprojekte mit völlig neu gestalteten Intensivzimmern laufen bereits, etwa an der Charité in Berlin. Eine über dem Patientenbett verbaute und steuerbare Lichtdecke soll unter anderem Stress reduzieren und positive Effekte erzielen.

Ablenkung und Imagination: Eine adäquate Ablenkung kann den Patienten vom Schmerzgeschehen wegführen. Hier gibt es viele Möglichkeiten: Vom Fernsehen über taktile Reize bis hin zur Imagination – die Methoden sind sehr vielfältig. Einfach mal den Schmerz „vergessen“ – ein Benefit für die Schmerztherapie.

Wärme und Kälte: Ob der Coolpack bei Frakturen oder ein warmer Wickel bei Verspannungen – die Möglichkeiten der Anwendung von Wärme und Kälte sind sehr vielfältig. Oft können damit gute Ergebnisse zur Schmerzreduktion erzielt werden. Dies setzt jedoch ein profundes Fachwissen voraus.

Haltung und Gesprächsstrategien: Eine positive Haltung ist eine wichtige Eigenschaft, die Pflegende im Umgang mit Schmerzpatienten brauchen. Im Mittelpunkt steht der Patient. Ein emphatisches Verhalten ist oft eine zentrale Voraussetzung, um mit Schmerzpatienten positiv umgehen zu können. Aber auch die Kenntnis über spezielle Wortbausteine, aktives Zuhören und Strategien für schwierige Gespräche sollten zum Handwerkzeug aller Pflegenden, die Umgang mit Schmerzpatienten haben, gehören. Hier ist auch an Abbau von Ängsten bei Intensivpatienten zu denken.

Taping: Beim Taping können mittels elastischer und selbstklebender Pflaster mit unterschiedli- chen Techniken schmerzhafte Erkrankungen des Muskel-, Sehnen und Skelettapparates behandelt werden. Diese Methode fällt zwar eher in den Zuständigkeitsbereich der Physiotherapie, es ist jedoch wichtig, dass im Sinne eines interprofessionellen Schmerzmanagements auch Pflegende über Grundlagen des Tapings Bescheid wissen.

Schmerzreduzierende Lagerungen und Mobilisation: Die Veränderung der Lageposition ist eine in der Pflege häufig anzutreffende Maßnahme. Mit diversen Lagerungshilfen und den richtigen Handgriffen ist es oft sehr gut möglich, Schmerzen zu reduzieren. Auch die Vermittlung schmerzarmer Bewegungsabläufe kann für den Patienten sehr hilfreich sein.

Kombination verschiedener nicht-medikamentöser Anwendungen: Um die Effektivität der einzelnen Methoden zu erhöhen, macht es sehr häufig Sinn, mehrere nicht-medikamentöse Maßnahmen miteinander zu kombinieren. Musik und Aroma lassen sich beispielsweise mit vielen anderen Prozeduren zusammenführen. Ein harmonisches Miteinander, um Körper, Geist und Seele des Schmerzpatienten zu stärken, ist das Ziel. Ist ein Patient entspannt und fühlt sich wohl, wird sich aller Voraussicht nach auch eine Schmerzreduk- tion einstellen.

Intensivstation ist ideales Setting

Der Intensivbereich hat sich erfahrungsgemäß als ideal für ergänzende nicht-medikamentöse Methoden zur Schmerzbekämpfung erwiesen. Künftig wird der Fokus sicherlich mehr auf die sanften Maßnahmen gerichtet sein. Die gute Umsetzbarkeit auf den Intensivstationen liegt wohl zum einen im besseren Personalschlüssel als auf den Allgemeinstationen. Die Pflegekraft ist mehr am Patientenbett und für den Patienten präsenter. Zum anderen ist das Intensivpersonal häufig mit erweiterten Kompetenzen ausgestattet. Dieser Umstand fördert auch ein größeres Mitspracherecht der Pflege bei der Therapieplanung, was der Umsetzung dieser Methoden zugute kommt.

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