Die Personalsituation in der Intensivpflege hat auch das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) untersucht. Die Wissenschaftler kommen in ihrer Auswertung objektiver Belegungs- und Personaldaten zu anderen Ergebnissen als die Forscher des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP).
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) macht in verschiedenen Richt- linien konkrete Vorgaben zur Fachkraftquote und zur Personalbesetzung auf Intensivstationen. Darüber hinaus haben Fachgesellschaften wie die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Empfehlungen zur Personalausstattung auf Intensivstationen formuliert. Die Praktikabilität dieser Vorgaben und Empfehlungen sind angesichts des Personalmangels in der Intensivpflege fraglich.
Studie mit 314 Kliniken
Vor diesem Hintergrund hat das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) eine repräsentative Befragung zum Umsetzungsstand der pflegerischen Strukturvorgaben ausgewählter G-BA-Richtlinien und der DIVI-Empfehlungen sowie allgemein zur Personalsituation in der Intensivpflege und Intensivmedizin durchgeführt. Die standardisierte schriftliche Befragung erfolgte im letzten Quartal des Jahres 2016. Bundesweit haben 314 Krankenhäuser mit Intensivbereichen an der Erhebung teilgenommen.
Strukturdaten in der Intensivpflege: Zum Stichtag des 31. Dezember 2015 gab es auf den untersuchten Intensivstationen im Mittel 55,3 dreijährig ausgebildete Pflegefachpersonen (Köpfe) beziehungsweise 42,4 Vollkräfte pro Krankenhaus. Mit zunehmender Krankenhausgröße steigt die Zahl der Mitarbeiter. Im Jahr 2015 kamen im statistischen Durchschnitt 2,8 Pflegefachpersonen (Vollkräfte) auf ein belegtes Intensivbett.
Eine Pflegefachperson (Vollkraft) betreute im Jahr 2015 im Mittel 43 Intensivpatienten. Mit steigender Krankenhausgröße nimmt diese Verhältniszahl merklich ab. Dies hängt mit den kleineren Fallzahlen je Intensivbett beziehungsweise mit dem geringeren Patientendurchlauf auf Intensivstationen größerer Einrichtungen mit durchschnittlich längerer Verweildauer zusammen.
Standardisiert man die Belegungstage pro Jahr auf die durchschnittliche Personalbesetzung je Schicht, erhält man das Pflege-zu-Patient-Verhältnis je Schicht. Das Verhältnis von Intensivpatienten zu Pflegepersonen je Schicht und Intensivstation liegt demnach bei 2,2 Fällen pro Schicht und Pflegekraft (Vollkraft).
Nach der DIVI-Empfehlung ist in der Intensivpflege für zwei Behandlungsplätze beziehungsweise Fälle pro Schicht eine Pflegeperson erforderlich. Diese Vorgabe wird zumindest im Mittel in etwa erreicht. Die meisten Einzelwerte variieren in einem relativ kleinen Intervall um diesen Wert. Bei jeweils einem Viertel der Einrichtungen lag das Verhältnis bei 1,8 Fällen oder weniger (unterer Quartilswert) beziehungsweise 2,4 Fällen oder mehr (oberer Quartilswert).
Die Fachkraftquote in der Intensivpflege hat sich im Durchschnitt auf hohem Niveau stabilisiert. Ende 2015 hatten 44 Prozent (Vollkräfte) der Pflegenden auf der Intensivstation eine Fachweiterbildung in der Intensiv- und Anästhesiepflege abgeschlossen, bei insgesamt geringer Streuung nach Bettengrößenklassen.
Die DIVI-Empfehlung, wonach der Anteil der Intensivfachpflegepersonen mindestens 30 Prozent des Pflegeteams der Intensivtherapieeinheit betragen sollte, erreichten Ende 2015 rund 77 Prozent der Krankenhäuser.
Die Details der erhobenen Strukturdaten in der Intensivpflege sind Abbildung 1 zu entnehmen.
Qualifikationsabhängige Tätigkeitsfelder in der Intensivpflege: Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Qualifikationen von Pflegenden und unterschiedlicher Fachkraftquoten stellt sich die Frage, ob es auf den Intensivstationen Unterschiede in den vorherrschenden Tätigkeitsfeldern zwischen Pflegenden mit abgeschlossener Weiterbildung in der Intensivpflege und Pflegepersonen ohne Weiterbildung gibt.
Laut Angaben der Befragungsteilnehmer gibt es in 78 Prozent der Krankenhäuser in dieser Hinsicht faktisch keine Unterschiede. Lediglich bei einem Prozent der Einrichtungen variieren viele Tätigkeitsfelder der Intensivpflege in Abhängigkeit von der Qualifikation. In gut 22 Prozent der Einrichtungen beschränkt sich der qualifikationsabhängige Einsatz von Pflegenden in der Intensivpflege auf ausgewählte Tätigkeitsfelder.
Im Rahmen einer offenen Frage wurden hier im Wesentlichen drei Tätigkeitsschwerpunkte genannt:
- Beatmungspflege,
- Führungspositionen (Schicht- oder Stationsleitung),
- Qualifizierung von Mitarbeitern (Praxisanleitung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter).
Unterschiede in den Tätigkeitsfeldern betreffen also stärker organisatorische als rein fachliche Aspekte. Tendenziell variiert das Tätigkeitsprofil in Abhängigkeit von der Krankenhausgröße. Während es in kleineren Häusern unter 300 Betten weniger Unterschiede im Tätigkeitsprofil von Pflegefachpersonen mit und ohne Fachweiterbildung gibt, ist dies in größeren Häusern ab 600 Betten zumindest bei ausgewählten Tätigkeitsfeldern der Fall (Abb. 2).
Stellenbesetzungsprobleme und Fluktuation: Der Fachkräftemangel beziehungsweise Stellenbesetzungsprobleme sind eine zentrale Herausforderung für die stationäre Krankenhausversorgung in Deutschland. Zum Erhebungszeitpunkt im Herbst 2016 hatte mehr als die Hälfte der Krankenhäuser (53 %) Probleme, Pflegestellen in ihren Intensivbereichen zu besetzen. Im Vergleich zu früheren Erhebungen des DKI haben die Stellenbesetzungsprobleme in der Intensivpflege größenklassenübergreifend dramatisch zugenommen (Abb. 3). Hochgerechnet auf die Grundgesamtheit der Krankenhäuser blieben bundesweit rund 3 150 Vollkraftstellen in der Intensivpflege beziehungsweise rund sechs Prozent der bundesweiten Vollkraftstellen dort insgesamt unbesetzt. Damit haben sich die Stellenbesetzungsprobleme seit 2011 deutlich verschärft. Seinerzeit waren bundesweit rund 1 200 Vollkraftstellen in der Intensivpflege beziehungsweise gut zwei Prozent der bundesweiten Vollkraftstellen vakant.
Eine Ursache von Stellenbesetzungsproblemen bildet die Fluktuationsquote in der Intensivpflege respektive die altersbedingte Fluktuation. Im Jahr 2015 sind in 83 Prozent der befragten Krankenhäuser Pflegende aus den Intensivstationen ausgeschieden.
Gefragt nach den Gründen für das Ausscheiden, gab es keine eindeutig dominanten Motive. Gut ein Drittel der Häuser führte einen Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber als häufigen Grund für das Ausscheiden aus der Intensivpflege im jeweiligen Haus an, gefolgt von einem internen Stellenwechsel und dem Renteneintritt (jeweils rund 13 %). Im Rahmen einer offenen Frage wurde darüber hinaus noch überproportional häufig der Mutterschutz oder die Elternzeit als gegebenenfalls vorübergehender Ausscheidungsgrund genannt.
In den Häusern, wo 2015 Pflegende aus den Intensivstationen ausgeschieden sind, haben im Mittel 6,4 Pflegende (Köpfe) die Intensivstationen verlassen. Relativ gesehen, also bezogen auf die Gesamtzahl der Pflegenden in der Intensivpflege der jeweiligen Häu- ser (in Köpfen), entspricht dies einer Fluktuationsquote in der Intensivpflege von rund neun Prozent. Im Jahr 2015 hat somit jede elfte Pflegeperson die Intensivstation ihres Krankenhauses verlassen.
Dies bedeutet ausdrücklich nicht, dass neun Prozent aller Intensivpflegenden auch aus der Intensivpflege ausgeschieden sind. Bei externen Stellenwechseln ist auch ein Wechsel auf die Intensivstation eines anderen Hauses möglich. Bei Ausscheiden wegen Mutterschutz, Elternzeit, Kindererziehung und so weiter scheiden die Betroffenen gegebenenfalls nur vorübergehend aus der Intensivpflege aus.
Auch altersabhängig gibt es eine Fluktuation beim Intensivpflegepersonal. Rund drei Viertel der Intensivpflegenden (Köpfe) sind unter 50 Jahre alt, knapp ein Viertel ist 50 Jahre oder älter. In der Altersgruppe zwischen 50 und 59 ist der Anteil dieser Kohorte an den Pflegenden in der Intensivpflege insgesamt im Vergleich zu den jüngeren Kohorten rückläufig. Mitarbeiter über 60 Jahre gibt es in der Intensivpflege kaum noch. Ihr Anteil liegt bei nur bei rund drei Prozent. Insofern scheiden relativ viele Pflegende in ihrem fünften Lebensjahrzehnt aus der Intensivpflege aus. Bei insgesamt geringen Unterschieden nach Krankenhausgröße sind Intensivpflegekräfte in kleinen Krankenhäusern tendenziell etwas älter.
Personalsituation weiter verbessern
Die Personalsituation in der Intensivpflege ist ambivalent zu beurteilen. Auf der einen Seite hat sich die Fachkraftquote in der Intensivpflege auf hohem Niveau stabilisiert. Das Pflege-zu-Patient-Verhältnis entspricht annähernd den einschlägigen Empfehlungen von Fachgesellschaften.
Auf der anderen Seite streuen die genannten Kennwerte, sodass eine Reihe von Krankenhäusern Probleme hat, die entsprechenden Empfehlungen von Fachgesellschaften umzusetzen. Daneben erschweren vor allem Stellenbesetzungsprobleme und die Altersstruktur in der Intensivpflege sowie die Personalfluktuation die intensivpflegerische Versorgung der Patienten.
Vor diesem Hintergrund sind Krankenhäuser, Politik und Selbstverwaltung aufgerufen, die Personalsituation in der Intensivpflege weiter zu verbessern.
Auf Krankenhausseite sind insbesondere gezielte Aktivitäten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Personalentwicklung in der Intensivpflege gefragt. Politik und Selbstverwaltung haben die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Intensivpflegende in ausreichender Zahl eingestellt beziehungsweise weitergebildet werden können.