• 22.09.2017
  • PflegenIntensiv
Angehörigenintegration

Studie: Längere Besuchszeiten senken Delirrate und -dauer

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2017

Seite 49

Zur Delirprophylaxe und -therapie wird allgemein empfohlen, vertraute Personen in die Versorgung eines Intensivpatienten zu integrieren. Dass dies eine sinnvolle Intervention ist, unterstreicht eine aktuelle Studie aus Brasilien. Dennoch bleiben Fragen offen.

Rosa et al. (2017) haben zum Einfluss von Besuchszeiten auf das Delir auf einer medizinisch-chirurgischen Intensivstation mit 31 Betten eine Vorher-Nachher-Studie durchgeführt. Die Besuchszeiten in der Vorher-Phase betrugen 4,5 Stunden am Tag, verteilt auf drei Zeitfenster: 9 bis 11 Uhr, 16 bis 17.30 Uhr und 21 bis 22 Uhr. In der Nachher-Phase betrug das Zeitfenster zwölf Stunden, von 9 bis 21 Uhr. Eingeschlossen wurden alle erwachsenen Patienten mit einer erwarteten Aufenthaltsdauer von 24 Stunden oder mehr, die auf ein Delir hin untersuchbar waren. Ein Delir wurde einmal pro Zwölf-Stunden-Schicht von geschulten Pflegenden mit der Confusion Assessment Method for the Intensive Care Unit (CAM-ICU) untersucht. In der Vorher-Phase wurden 141 Patienten betrachtet, in der Nachher-Phase 147 Patienten. Die in der Nachher-Phase in Anspruch genommene Besuchszeit betrug im Mittewert länger als vorher: 245 Minuten versus 133 Minuten. Die Delirrate war in der Nachher-Phase signifikant geringer – 9,6 Prozent versus 20,5 Prozent – und die Delirdauer kürzer: 1,5 Tage versus 3,0 Tage. Auch der Aufenthalt auf der Intensivstation war in der Nachher-Phase kürzer. Andere sekundäre Parameter wie Infektionsrate, Pneumonien und Mortalität blieben unverändert. Das Risiko, ein Delir zu erleiden, konnte im Vergleich zu den restriktiven Besuchszeiten um 50 Prozent gesenkt werden.

Die Autoren erklären die Effekte mit der längeren und flexibler gehandhabten Gegenwart naher Angehörigen, was eine patienten- und familienzentrierte Pflege ermöglichte. Stress und Angst von Patienten kann so reduziert werden, zudem ist die Anwesenheit von Familienmitgliedern sinnvoll für die Reorientierung der Betroffenen. Einschränkend muss erwähnt werden, dass es sich um eine Studie handelt, die auf einer einzelnen Intensivstation durchgeführt wurde. Dies kann die Ergebnisse beeinflusst haben, zudem wurden nicht die Mitarbeiter zu den veränderten Besuchszeiten befragt. Insgesamt handelt es sich dennoch um eine sehr vielversprechende Untersuchung, denn sie zeigt, dass längere Besuchszeiten ein Potenzial für die Delirprävention und -therapie darstellt.

Aus pflegewissenschaftlicher Sicht stellen sich nun weitere Fragen, etwa ob „Dosierungseffekte“ denkbar sind – zum Beispiel, dass ein dreimal so häufiger Besuch von Angehörigen den delirpräventiven Effekt weiter steigern würde. Oder ob auch die Qualität der Angehörigenschulung eine Rolle spielt. Die Autoren berichteten, dass alle Angehörigen mündlich und schriftlich informiert worden seien – unklar ist jedoch, was das genau heißt. Und was ist mit den 14 Patienten, die trotz der längeren Besuchszeiten delirant geworden sind? Welche Faktoren spielten bei diesen Patienten eine Rolle, warum funktionierte die Intervention bei ihnen nicht?

Fazit: Die Studie lässt einige Fragen offen. Sie zeigt, dass Besuchszeiten allein kein allgemeingültiges Präventions- und Heilmittel gegen ein Delir ist. Und doch zeigt die Untersuchung aus Brasilien, dass Angehörigenintegration wichtig ist und wir uns diesbezüglich in Deutschland in die richtige Richtung bewegen.

Rosa RG, Tonietto TF, da Silva DB, Gutierres FA, Ascoli AM, Madeira LC, Rutzen W, Falavigna M, Robinson CC, Salluh JI, Cavalcanti AB, Azevedo LC, Cremonese RV, Haack TR, Eugênio CS, Dornelles A, Bessel M, Teles JMM, Skrobik Y, Teixeira C; ICU Visits Study Group Investigators. Effectiveness and Safety of an Extended ICU Visitation Model for Delirium Prevention: A Before and After Study. Crit Care Med. 2017 Jun 30. DOI: 10.1097/CCM.0000000000002588

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