• 17.08.2017
  • Praxis
Einsatz studierter Pflegender auf der Intensivstation

"Eine Bereicherung für das Team"

Young nurse in blue tunic against green

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2017

Seite 22

Am Universitätsklinikum Regensburg wurde ein Konzept entwickelt, wie Pflege-dual-Studierende auf der Intensivstation integriert werden können und welche Aufgaben sie künftig übernehmen. Wir sprachen mit Initiatorin Claudia Bogner über das Projekt und die Herausforderungen für die Studierenden.

Frau Bogner, was war der Anlass für das Projekt „Wir gehen einen neuen Weg!“?

Das Thema Akademisierung ist im Moment allgemein hochaktuell und besonders auf unserer Station. In Zukunft wird es immer mehr akademisierte Pflegekräfte in Krankenhäusern geben. Ich finde, man muss sich deswegen mit dem Thema auseinandersetzen. Als sich zwei unserer Schüler für das Studium Pflege dual entschieden haben, lag es deswegen auch nahe, diese nach dem Examen zu übernehmen und mit ihnen zusammen eine möglichst gute Einarbeitung zu realisieren.

Was bedeutet es, Pflege dual zu studieren?

Im Prinzip bedeutet das, dass die Studierenden eine dreijährige Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege absolvieren und parallel dazu ein Studium beginnen. Das ist in den ersten drei Jahren der Ausbildung in Form von Blockseminaren. In der Zeit ist es also ein Teilzeitstudium. Nach dem Examen beginnt dann das Vollzeitstudium für 1,5 Jahre. Das schließt mit einem Bachelor of Nursing.

Müssen die Studierenden während des Vollzeitstudiums in der Pflege arbeiten?

Nein, müssen sie nicht, das ist freiwillig. Auch wie viel sie arbeiten, entscheiden die Studierenden selbst. Wir haben für das Klinikum aber entschieden, dass es bei weniger als 50 Prozent keinen Sinn macht, auf einer Intensivstation anzufangen.

Warum?

Das liegt einfach daran, dass es eine Zeit lang dauert, bis man die Grundlagen verinnerlicht hat, die Strukturen im Haus kennt, et cetera. Wenn jemand nur selten da ist und immer nur einen Tag, dann fehlt es einfach an der notwendigen Routine. Die ist aber für die Arbeit auf Station sehr wichtig.

Unterscheidet sich die Einarbeitung von Pflege-dual-Studierenden von einer „regulären“ Einarbeitung?

Zunächst einmal bekommen alle die gleiche Einarbeitungszeit. Bei uns sind das drei Monate. Pflege-dual-Studierende müssen also mit einer 50-Prozent-Stelle dasselbe schaffen wie 100-Prozent-Kräfte. Die Einarbeitung wurde aber für die Studierenden optimiert.

Was bedeutet das konkret?

Die Studierenden bekommen zum Beispiel einmal pro Monat eine spezielle Anleitung von der Praxisanleiterin, quasi ein Coaching, in dem sie auch Routinetätigkeiten durchgehen. Darüber hinaus gibt es noch Skills-Lab-Trainings. Die finden in der Einarbeitung auch einmal im Monat an einem Tag statt. Durchgeführt werden sie durch einen Praxisanleiter, der zusätzlich noch Reanimationstrainer ist.

Wie sehen diese Skills-Lab-Trainings aus?

In diesen Trainings werden in kleinen Gruppen verschiedene Sequenzen an einer Reanimationspuppe geübt. Da werden Notfallsituationen genauso durchgespielt wie eine normale ZVK-Anlage, ein Trachealkanülenwechsel oder auch die Aufnahme oder Entlassung von Patienten. Alles was so außenrum laufen muss. Das Wichtigste ist, Routine und Sicherheit in den Tätigkeiten zu bekommen.

Was sind die Herausforderungen für Pflege-dual-Studierende während der Einarbeitung auf der Intensivstation?

Am schwierigsten ist es, Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Sie arbeiten schließlich 150 Prozent! Oftmals müssen sie nach dem Frühdienst noch zur Uni oder nach der Vorlesung noch in den Spätdienst. Das ist auf Dauer natürlich anstrengend. Auch das Einstellen auf die Situation auf Station war für unsere Studierenden nicht immer einfach. Die fehlende Kontinuität hat sie belastet.

Inwiefern?

Wegen den Vorlesungszeiten ist es oft nicht möglich, mehrere Tage am Stück zu arbeiten. Hier mal ein Frühdienst, da mal ein Spätdienst – da fällt es schwer, „reinzukommen“, Routine zu bekommen. Die ist aber wichtig, um im Alltag sicher zu werden. Außerdem ist es normalerweise so, dass die Einarbeitung mit festen Mentoren erfolgt. Das funktioniert wegen den wechselnden Vorlesungszeiten aber nicht immer. Die Studierenden mussten sich deswegen immer wieder auf neue Mentoren einstellen. Das haben sie aber sehr gut gelöst und einfach mit dem Team kommuniziert und untereinander ausgemacht, mit wem sie am besten „mitgehen“.

Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Für mich war die größte Hürde das Dienstplanschreiben. Ich dachte anfangs, dass das gar nicht funktionieren kann. Aber es hat dann doch sehr gut geklappt, auch wenn es natürlich nicht immer einfach war.

Was war dafür ausschlaggebend?

Viel Kommunikation! Die Studierenden haben mir ihren Vorlesungsplan gegeben und der Dienstplan wurde dann drum herum gebastelt. Wichtig war es aber auch, mit dem Team zu kommunizieren und sie zu informieren.

Wie klappt denn die Zusammenarbeit mit den Kollegen?

Unsere Pflege-dual-Studierenden wurden von Anfang an super in das Team integriert. Man muss aber dazu sagen, dass sie vorher schon Schüler bei uns waren und daher zumindest das Haus bereits kannten. Wichtig glaube ich ist es auch, dass unsere Studierenden nicht „die Nase oben“ haben, sondern sich als gleichwertige Mitglieder im Team ansehen. Von daher kam da nie irgendein Konkurrenzdenken oder sowas auf.

Macht es für Sie Sinn, Pflege-dual Studierende auf der Intensivstation einzusetzen?

Das macht auf jeden Fall Sinn! Bei uns fangen im Oktober drei neue Pflege-dual-Studierende an. Ich denke, dass diese Kollegen ein großer Gewinn für die Station sind.

Warum?

Ich denke, durch das Studium wird der Stand der Pflege aufgewertet. Berufspolitisch halten sich Pflegende ja eher klein. Das ist zumindest mein Eindruck. Ein konkreter Vorteil ist aber auch, dass diese Kollegen wissenschaftliche Themen bearbeiten können, die für die Station einen Nutzen bringen.

Zum Beispiel?

Unsere Pflege-dual-Studierenden haben zum Beispiel für ihre Bachelorarbeit Ernährung und Weaning als Themen genommen. Diese Ergebnisse helfen uns direkt vor Ort weiter. Wir haben auch ein Forschungsprojekt zur Katheter-assoziierten Sepsis gestartet. Auch daran sind die Studierenden mit Begeisterung beteiligt.

Unterscheidet sich der Aufgabenbereich von Pflege-dual-Absolventen von Intensivkräften ohne Studium?

Aktuell arbeiten unsere Pflege-dual-Studierenden wie alle anderen Mitarbeiter auch. Zusätzlich bekommen sie aber kleine Aufgaben, wie sie ihr Wissen auf der Station einbringen können. Zum Beispiel durch das vorausschauende Handeln oder evidence-based Nursing.

Können Sie das konkret beschreiben?

Sie hinterfragen zum Beispiel gezielt Standards – warum, wieso, weshalb gibt es diese Standards? Müssen sie aktualisiert werden? Dafür werden sie auch freigestellt. Das Studium qualifiziert sie auch zum Wundexperten und Praxisanleiter. In diesen Bereichen ist noch viel möglich. Darüber hinaus können sie kleinere Studien durchführen, zum Beispiel, ob die kontinuierliche Cuffdruckmessung sinnvoll ist. Das hilft dann der ganzen Station.

Es müssen also keine Extra-Stellen für Pflege-dual-Studierende geschaffen werden?

Nein. Für Pflege-dual-Studierende braucht es keine speziellen Stellen, die erst geschaffen werden müssen. Die sind zum Beispiel auf einer Intensivstation ganz richtig. Ziel des Pflege-dual-Studiums ist es ja nicht, dass die Absolventen später Case-Manager werden oder in Führungspositionen kommen. Sie wollen nach dem Studium nicht in der Wissenschaft arbeiten, sondern haben sich bewusst für die Pflege „am Bett“, wie man so schön sagt, entschieden. Dort wollen sie ihre Fachexpertise einbringen. Bei anderen Pflegestudiengängen kann das aber anders sein.

Welches Fazit ziehen sie aus dem Projekt?

Das Projekt hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wir haben auf unserer Station das Motto: miteinander und offen für Neuerungen. Beide Aspekte spielen auch bei der Integration von Pflege-dual-Studierenden eine große Rolle und sind maßgebend dafür, ob diese gelingt. Die Rückmeldung von unseren Studierenden war sehr positiv. Am Ende bin ich sicher, dass das Unternehmen von dem Einsatz von Pflege-dual-Studierenden gewinnt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bogner.

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