Auf den Intensivstationen des Universitätsklinikums Regensburg werden alle Patienten mit wasserfreien Waschsystemen auf Basis des Inhaltsstoffs Octenidin gewaschen. Dieses Verfahren soll das Risiko nosokomialer Infektionen deutlich senken.
Nicht nur Methicilin- resistente Staphylokokken (MRSA) spielen als Infektionserreger auf Intensivstationen eine ernstzunehmende Rolle. Auch weitere multiresistente Erreger (MRE), wie Clostridium difficile und Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), treten zunehmend in Erscheinung (Geffers/Gastmeier 2011, Maechler et al. 2014). Diese gefährlichen Krankenhauskeime sind für steigende Morbiditäten und Mortalitäten bei Patienten auf Intensivstationen verantwortlich.
Standard für alle Intensivpatienten
Die Therapie nosokomialer Infektionen ist teuer und aufwendig – wenn sie überhaupt gelingt. Viele Krankenhäuser sind daher dazu übergegangen, gezielt präventive Maßnahmen zu ergreifen. Hierzu gehört die sogenannte Generelle Dekolonierung mittels wasserfreier Waschsysteme. Diese Maßnahme soll insbesondere bei Patienten auf Intensivstationen, die einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, zu einer geringeren Keimlast führen. Das Ziel: Eine Infektion soll gar nicht erst entstehen. Bei der Generellen Dekolonisierung werden der Nasenvorhof, die Haut und andere Körperregionen, in denen sich multiresistente Keime aufhalten können, mithilfe von dekolonisierenden und dekontaminierenden Präparaten behandelt. Mit dieser Maßnahme sollen nicht nur potenzielle MRE, sondern auch die patienteneigene Keimlast soweit gesenkt werden, dass eine Übertragung der Keime auf andere Patienten nicht mehr möglich ist. Durch diese Unterbrechung der Transmission können Infektionsereignisse, zum Beispiel Blutstrom- und Wundinfektionen, reduziert werden (Evans et al. 2010).
Bislang wurden Patienten in deutschen Krankenhäusern gezielt dekolonisiert, wenn zuvor ein multiresistenter Keim durch einen positiven Abstrich nachgewiesen wurde. Seit einiger Zeit sind jedoch einige Kliniken dazu übergegangen, alle Patienten auf Intensivstationen einer ganzheitlichen Keimlast-Reduktion zu unterziehen. Die Generelle Dekolonisierung zielt darauf ab, Infektionsereignisse im Präventiv- Ansatz zu verhindern. Diese auch als präventives Waschen bezeichnete Maßnahme wurde in den vergangenen Jahren in großen klinischen Untersuchungen eindrucksvoll belegt (Climo et al. 2013, Huang et al. 2013, Huang et al. 2014).
Während international Chlorhexidin als antimikrobieller Wirkstoff eine wichtige Rolle spielt, setzen sich in Deutschland zunehmend Präparate auf Basis von Octenidin durch. Verschiedene Untersuchungen mit Octenidin-haltigen Präparaten bei MRSA-besiedelten Patienten haben bereits in der Vergangenheit gute Ergebnisse bei der Sanierung geliefert (Krishna und Gibb 2010, Tanner et al. 2012, Spencer et al. 2013). Aufgrund seiner Eigenschaften (Hübner et al. 2010, Koburger et al. 2010) wird Octenidin für diese Art der Anwendung als mindestens gleichwertig zu Chlorhexidin angesehen (Siegmund-Schultze 2013). Das präventive Waschen mit Octenidin etabliert sich für die Generelle Dekolonisierung auf Intensivstationen daher immer mehr.
Die Wichtigkeit alternativer Wirkstoffe wird dadurch unterstrichen, dass gehäuft Resistenzen gegen bedeutsame antimikrobielle Substanzen wie Mupirocin und Chlorhexidin auftreten (Poovelikunnel et al. 2015, Kampf 2016) – also Substanzen, die aktuell international maßgeblich für die Dekolonisierung von Keimträgern eingesetzt werden.
Das Universitätsklinikum Regensburg (UKR) hat in einem Pilotprojekt auf zwei seiner fünf Erwachsenen-Intensivstationen das präventive Waschen mit Octenidin bei MRE-besiedelten Patienten eingeführt. Die im Oktober 2014 gestartete Maßnahme wurde sukzessive auf alle Erwachsenen- Intensivstationen mit insgesamt 85 Betten ausgeweitet. Heute ist das Vorgehen als Standard für alle Patienten der Intensivstationen festgelegt.
Die Ausgangssituation sah folgendermaßen aus: Auf allen Intensivstationen des UKR werden Patienten behandelt, die mit MRE besiedelt sind; auf der gastroenterologischen Intensivstation wurde bei rund 40 Prozent der Patienten VRE und MRSA nachgewiesen. Aber auch Clostridium difficile und 3-/4-MRGN sind Keime, deren Vorkommen zunehmend durch Laborberichte belegt werden.
Die Einführung des präventiven Waschens hatte zum Ziel, durch die generelle Reduktion der Keimlast die nosokomialen Infektionen, etwa Septikämien und Wundinfektionen, auf den Intensivstationen zu senken. Da es sich bei den Räumlichkeiten der Intensivstationen im UKR meist um Drei- und Vier-Bett-Zimmer handelt, sollten die Maßnahmen dazu beitragen, die Transmission von Keimen zu unterbinden und damit das Risiko einer Infektion für den Patienten herabzusetzen. Zudem sollte die Zahl der Isolationstage gesenkt werden, weil diese mit hohen Mehrkosten einhergehen. Ein weiteres Ziel war, mit der Umstellung der Patienten- waschung durch auf gebrauchs-fertige, mit Octenidin-getränkte Waschhandschuhe und -hauben unter pflegerischen Gesichtspunkten deutlich zu erleichtern – sowohl für den Mitarbeiter als auch für den Patienten (VWS 2005).
Waschung in einem Arbeitsgang
Für das präventive Waschen werden Octenidin-getränkte Einmalwaschhandschuhe und Haarwaschhauben verwendet, die die Waschung in einem Arbeitsgang ermöglichen. Bei der Verwendung von dekontaminierenden Waschlotionen müssen diese unverdünnt mit einem getränkten Waschlappen auf die Haut aufgetragen und wieder abgewaschen werden. Abschließend erfolgt das Abtrocknen. Somit ist dies ein dreistufiger Prozess. Mit den wasserfreien Waschsystemen ist lediglich ein Schritt nötig, nämlich das Einreiben. Durch die pflegende Komponente des Allantoins wird zusätzlich die Hautpflege des Patienten unterstützt. Aufgrund des Verzichts auf Wasser werden weitere potenzielle Kontaminations- und Transmissionsquellen vermieden, etwa die Wasserentnahmestelle und der Siphon.
Pro Patientenwaschung wird je ein Päckchen der Einmalwaschhandschuhe – in einem Päckchen befinden sich zehn Waschhandschuhe – und eine einzeln verpackte Haarwaschhaube verwendet. Die Durchführung erfolgt nach Herstellerangaben. Bei den Waschungen werden Kittel und Handschuhe getragen. Um dem Patienten die Anwendung so angenehm wie möglich zu machen, werden die geschlossenen Packungen vor der Anwendung im Wärmeschrank bei 39 Grad oder kurzfristig in der Mikrowelle für 30 Sekunden bei 600 Watt erwärmt. Im Sommer empfinden manche Patienten die Durchführung ohne Erwärmen als angenehm kühlend. Die pflegerische Maßnahme erfolgt individualisiert.
Erhebliche Zeitersparnis
Da beim Waschen die Lösung auf der Haut verbleibt und nicht nachträglich wieder mit Wasser entfernt wird, können bei längerer Anwendung auf der Haut Rückstände entstehen. Patienten, die 21 Tage oder länger auf der Station bleiben, werden daher je nach Bedarf zusätzlich mit Wasser gewaschen.
Hierzulande ist das präventive Waschen zur Infektionsprävention noch wenig etabliert. Anders sieht dies im Ausland aus: In den Niederlanden etwa werden wasserfreie Waschsysteme schon seit mehreren Jahren erfolgreich eingesetzt. Die niederländischen Kollegen heben unter anderem die erleichterten Arbeitsvorgänge hervor, die sowohl von den Patienten als auch von den Pflegenden positiv bewertet werden. Auch im UKR können wir auf allen Intensivstationen beobachten, dass die Maßnahme von Patienten und Mitarbeitern gut angenommen wird und dass der pflegerische Aufwand der Patientenwaschungen sinkt.
Beispielsweise gestaltet sich das sonst häufig aufwendige Waschen der Haare mit den getränkten Haarwaschhauben sehr einfach und effektiv. Sie werden dem Patienten lediglich aufgesetzt. Nach dem Einmassieren der Tränkflüssigkeit wird die Haube wieder entfernt und die Haare werden getrocknet.
Vorteilhaft ist auch, dass der gesamte zeitliche Aufwand einer Patientenwaschung, inklusive Vor- und Nachbereitung, deutlich sinkt. Ein positiver Nebeneffekt ist auch, dass mit der Anwendung des wasserfreien Waschsystems eine weitere potenzielle Kontaminationsquelle vermieden wird: die fehlerhafte Aufbereitung von Mehrfachsystemen. Denn gerade in Waschschüsseln wurden in Deutschland bereits mehrfach unerwünschte Keime nachgewiesen.
Projekt soll ausgeweitet werden
Die Waschungen mit den Octenidin-getränkten Einmalwaschhandschuhen führen auf den Intensivstationen des UKR zu einer Verbesserung der Patientenversorgung und zu einer Optimierung des Stationsalltags. Zudem zeigen sich klare Rückgänge in der MRE-Last und ein Absinken der Transmissionsrate ausgewählter Erreger.
Zu Beginn des Projekts wurde das dekontaminierende Waschen nur bei MRE-besiedelten Patienten auf zwei Intensivstationen des UKR durchgeführt. Seit Mitte vergangenen Jahres ist das Projekt auf alle Intensivstationen ausgeweitet worden. Aktuell wird jeder Patient auf den Intensivstationen des UKR mit octenisan®-Waschhandschuhen und -Waschhauben versorgt.
Am UKR wird derzeit rege diskutiert, ob das präventive Waschen zur Vermeidung nosokomialer Infektionen auch auf weitere Bereiche des Hauses ausgeweitet werden soll, etwa auf die operativen Abteilungen.
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Koburger, T.; Hübner, N.O.; Siebert, J.; et al: Standardized comparison of antiseptic efficacy of triclosan, PVP-iodine, octenidine dihydrochloride, polyhexanide and chlorhexidine digluconate. J Antimicrob Chemother. 2010; 65 : 1712–1719
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Geringer pflegerischer Aufwand
Für die Generelle Dekolonisierung werden Octenidin-getränkte Einmalhandschuhe und Haarwaschhauben verwendet. Die Packungen, die jeweils zehn Waschhandschuhe und eine Haarwaschhaube enthalten, werden vor der Anwendung im Wärmeschrank bei 39 Grad erwärmt