Dass postoperative Infektionen zu erheblichem Leiden für Patientinnen und Patienten, längeren Krankenhausverweilzeiten und höheren Behandlungskosten führen, ist seit Langem bekannt. Neue Zahlen zum Ausmaß der klinischen und ökonomischen Folgen liefert nun eine neue Studie.
Europäische Surveillancedaten zeigen, dass die Häufigkeit postoperativer Wundinfektionen zwischen 2008 und 2016 nicht abgenommen hat [1, 4]. Das Auftreten einer Wundinfektion verursacht nicht nur für den betroffenen Patienten zusätzliche Schmerzen und Belastungen durch notwendig werdende Revisionseingriffe. Für das behandelnde Krankenhaus bringt eine solche Komplikation auch ein ökonomisches Problem mit sich. Die Ursache liegt darin, dass die Abrechnung der Fallkosten gegenüber der Krankenkasse auf den DRG (Diagnosis Related Groups) beruht. Diese bilden nur bei komplikationslosem Verlauf den ökonomischen Aufwand angemessen ab. Bei zusätzlichen Aufwendungen für einen verlängerten stationären Aufenthalt, zusätzliche Diagnostik und Therapie oder sogar erneute Operationen entsteht demgegenüber ein finanzieller Verlust für das Krankenhaus.
Methodik der Studie. Das klinische und ökonomische Ausmaß postoperativer Wundinfektionen wurde in einer retrospektiven Untersuchung an 79 Krankenhäusern untersucht [2]. Für die Studie wurden von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten DRG-Abrechnungsdaten für 79 Krankenhäuser zur Verfügung gestellt. In die Analyse einbezogen wurden Daten aus dem Zeitraum zwischen 2010 und 2016. Die ausgewählten Krankenhäuser wurden als repräsentativ für diejenigen 340 deutschen Krankenhäuser angesehen, die im Jahr 2016 anonymisierte Daten zur Ermittlung der DRG-Entgelte für chirurgische Erkrankungen und Operationen an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) lieferten. Diese Häuser werden auch als Kalkulationshäuser bezeichnet. Betrachtet wurden Operationen am Herzen, kolorektale Eingriffe, gynäkologische, spinale und thorakale Eingriffe sowie Operationen am oberen Verdauungstrakt. Ebenfalls einbezogen wurden unfallchirurgische Eingriffe.
Neben der chirurgischen Hauptdiagnose wurden die Variablen Alter, Geschlecht, Diabetes mellitus, Übergewicht, Immunsuppression, Peritonitis, Sepsis und der Charlson-Komorbiditätsindex (CCI) für jeden Patienten erfasst. Der CCI ist ein Indexwert, der aus dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von 19 verschiedenen Grundkrankheiten errechnet wird. Er bildet somit die chronische Krankheitslast des Patienten ab. Endpunkte der Studie waren die Letalität im Krankenhaus, die mediane Liegedauer der Patienten im Krankenhaus sowie die medianen Kosten für Fälle mit und ohne chirurgische Wundinfektion.
Ergebnisse. Insgesamt standen vollständige Daten von 221.113 Patienten für die Analyse zur Verfügung. Auffällige Unterschiede bezüglich der Primärdiagnosen fanden sich besonders für Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts sowie für Verletzungen oder Vergiftungen. Patienten mit Infektion waren signifikant häufiger übergewichtig beziehungsweise litten an Adipositas permagna, waren häufiger an einem Diabetes mellitus erkrankt oder waren immunsupprimiert.
Bezüglich der Endpunkte ergab die Studie, dass die mediane Liegedauer bei Patienten mit Infektion bei 28 Tagen lag, während sie bei Patienten ohne Infektion nur elf Tage betrug. Zu einer Sepsis – als schwere Organfunktionsstörung, die durch eine fehlregulierte Wirtsreaktion auf eine Infektion definiert wird – kam es bei 17,7 % der operierten Patienten mit Infektion, aber nur bei 2,1 % der operierten Patienten ohne Infektion. Die Sterberate im Krankenhaus lag bei 9,3 % (mit Infektion) versus 2,9 % (ohne Infektion), war somit 3,2-fach höher. Die medianen Fallkosten betrugen für die Patienten mit postoperativer Infektion 19.010 Euro versus 7.693 Euro für Patienten ohne Infektion. Obwohl ein Teil der erhöhten Kosten im DRG-System abrechenbar war, verblieben pro Fall mit Infektion immer noch 1.537 Euro nicht gedeckte Kosten. Bei Patienten ohne Infektion konnte dagegen ein geringer „Gewinn“ von 596 Euro erwirtschaftet werden. Damit lag die errechnete Kostendifferenz für infizierte versus nichtinfizierte Patienten bei 2.167 Euro.
Schlussfolgerung. Patienten mit postoperativer Wundinfektion hatten eine signifikant erhöhte Sepsisrate und wiesen eine um 17 Tage verlängerte mediane Liegedauer im Vergleich zu Patienten ohne Infektion auf. Die Mortalität war circa 3-fach höher. Für infizierte Patienten zeigte sich eine deutliche Unterfinanzierung im DRG-System. Die Unterschiede für die klinischen und ökonomischen Endpunkte blieben auch bei Adjustierung der Ergebnisse für die präoperativen Primärdiagnosen, Alter und Grundkrankheiten mit gleicher Signifikanz bestehen.
Es braucht einen ganzheitlichen Präventionsansatz
Postoperative Wundinfektionen sind nach wie vor ein hoch relevantes Thema, da diese nachweislich einen nachteiligen Einfluss auf das Patienten-Outcome und die Ökonomie haben. Zur postoperativen Wundinfektion kommt es durch ein Missverhältnis von Abwehrfunktion des Patienten und der Pathogenität des Erregers. Das wichtigste Erregerreservoir ist die körpereigene Flora des Patienten. In den meisten Fällen sind Bakterien die verursachenden Erreger. Dabei wird die höchste Anzahl postoperativer Infektionen im Operationsgebiet bei primärem Wundverschluss während des Eingriffs erworben. Diverse Risikofaktoren können mit einer erhöhten Wundinfektionsrate assoziiert sein, von denen aber nur ein Teil direkt beeinflussbar ist. Zu den relevanten Risikofaktoren zählen die durch die Art des operativen Eingriffs oder durch Verletzungen bestimmte Kontaminations- klasse, die Dauer der Operation und der anhand der ASA-Klassifikation definierte Allgemeinzustand beziehungsweise die vorbestehende Multimorbidität des Patienten. Weitere Risikofaktoren sind Hypothermie, Hypoxämie bei reduzierter Sauerstoffzufuhr und eine nicht bedarfsgerechte Volumentherapie – Gründe, die unter anderem durch eine überlegte Anästhesieführung vorteilhaft beeinflusst werden können. In diesem Zusammenhang sollte das Ziel der Erhalt der intraoperativen Hämostase sein, und zwar im Sinne von „Keep things normal“ unter Berücksichtigung der Baseline des jeweiligen Patienten hinsichtlich Normothermie, Normoglykämie, Normo- volämie, Normoxämie und Normokapnie. Vorbestehende Infektionen an anderer Körperstelle und nasale Besiedlung mit Staphylococcus aureus können ebenfalls Gründe für postoperative Wundinfektionen sein; Gleiches gilt auch für die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten, die nachteilige Auswirkungen auf die Infektionsrate haben können. Zu den bedeutenden Präventionsmaßnahmen gehören die etablierten Regeln der Asepsis beim Operieren und die besonders für einige operative Eingriffe in ihrer Effektivität belegte präoperative Antibiotikaprophylaxe. Die Surveillance postoperativer Wundinfektionen kann einen Beitrag zur Prävention postoperativer Wundinfektionen leisten, wenn die Operateure in die Surveillance einbezogen werden und kurzfristig Mitteilung über die auch Operateur-bezogenen erhobenen Ergebnisse erhalten. Bei Ausbrüchen postoperativer Wundinfektionen muss auch an asymptomatisch besiedelte Personen aus dem OP-Team gedacht werden, die unbemerkt potenziell pathogene Bakterien von Haut oder Schleimhäuten freisetzen können. Postoperative Verbandswechsel unter Beachtung aseptischer Maßnahmen sowie ausreichende Kenntnisse in der Wundversorgung sind Voraussetzung zur Vermeidung von Wundinfektionen. Sie sollen deshalb idealer- weise durch erfahrene Operateure, Wundtherapeuten und Hygienefachkräfte begleitet und nicht an unerfahrenere Mitarbeiter delegiert werden. Die Ursachen von postoperativen Wundinfektionen sind multifaktoriell bedingt, sodass zum einen die Er- höhung der Vigilanz für diese Komplikation wichtig ist und auch nur ein ganzheitlicher Ansatz unter Einbeziehung aller an der Patientenversorgung Beteiligten zur Reduktion der Infektionsrate und damit zur Optimierung von Outcome und Ökonomie beitragen kann.
Kommentar Prof. Dr. med. Stefan Schröder
[1] European Centre for Disease Prevention and Control. Healthcare-associated infections: surgical site infections. Annual Epidemiological Report for 2017
[2] Eckmann C et al. Clinical and economic burden of surgical site infections in inpatient care in Germany: a retrospective, cross-sectional analysis from 79 hospitals. PLOS One 28. Dezember 2022
[3] Charlson ME et al. A new method of classifying prognostic comorbidity in longitudinal studies: development and validation, J Chronic Dis 1987; 40: 373–383
[4] Daschner F. Krankenhaus-Infektionen. Eine Herausforderung für Ärzte, Politiker und Krankenkassen. Symposium der Medical Informations Dienst GmbH in Frankfurt, 19.–20. November 1987