• 01.02.2016
  • Praxis
Psychische Auswirkungen

Wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2016

Seite 16

Jedem Pflegenden kann ein Fehler unterlaufen. In gravierenden Fällen drohen rechtliche Konsequenzen. Doch was bedeutet es für die Psyche eines Mitarbeiters, wenn es zu einem Zwischenfall kommt? Wie können Betroffene mit dem schweren inneren Konflikt umgehen?

Ein Beispiel aus dem Stationsalltag: Vor zwei Wochen hat eine hochengagierte neue Mitarbeiterin in der Anästhesieabteilung ihre Arbeit aufgenommen. Täglich waren Fortschritte erkennbar. So war sie schon nach kurzer Zeit in der Lage, den Einleitungsraum für den nächsten Patienten zu richten, Zugänge zu legen sowie Maskenbeatmung und Intubation vorzubereiten.

Während der Zeit der Mittagsauslöse, als ein „freier Anästhesist“ den „Saalanästhesisten“ und die Bezugspflegekraft ablöste, musste der nächste Patient mit Oberarmfraktur eingeschleust werden. Die neue Kollegin wurde gebeten, „fünf Sufenta“ aufzuziehen und an die Schleuse zu bringen. Da keine weitere Pflegeperson zur Schleuse kam, verabreichte sie dem Patienten fünf Milliliter Sufenta. Gemeint waren jedoch fünf Mikrogramm Sufenta.

In der Einleitung wurde der Fehler glücklicherweise rasch bemerkt, sodass der Patient keinen Schaden erlitt. Die Mitarbeiterin machte sich dennoch schwere Vorwürfe. Mit Tränen in den Augen stand sie in der Einleitung, weil sie glaubte, den Patienten „fast umgebracht“ zu haben.

In der Akutphase

Eine solche Reaktion ist in einer Situation, in der ein Mensch plötzlich und unerwartet mit dem (Beinahe-) Tod einer anderen Person konfrontiert wird, durchaus normal. Man spricht von einer akuten Belastungsreaktion. Es handelt sich um eine nachvollziehbare emotionale Antwort auf ein außergewöhnliches Ereignis.

Der Mensch ist daran gewöhnt, in einer sicheren Umgebung zu leben. Hören wir in den Nachrichten von tragischen Ereignissen – egal ob ein, zwei oder Tausende von Menschen betroffen sind –, ziehen wir daraus keine Konsequenz für unser tägliches Handeln. Denn das Ereignis bezieht sich gewöhnlich nicht auf unsere nächste Umgebung. Gleiches gilt für die tägliche Arbeit. Wir hören zwar von Zwischenfällen, gehen aber nicht davon aus, dass wir selbst eines Tages betroffen sein könnten. Deswegen setzen wir uns nicht damit auseinander, was passiert, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt.

Eine akute Belastungsreaktion, ausgelöst von einer heftigen Stresssituation, bewirkt sofortige hormonelle Veränderungen im Körper. Es werden große Mengen an Katecholaminen, wie Adrenalin und Cortisol, ausgeschüttet.

Schon während des tragischen Vorfalls findet bei vielen Menschen eine veränderte Wahrnehmung statt. Dies kann als Schutzreaktion der Psyche gesehen werden. Man spricht auch von einer inneren Distanzierung vom Erlebten; der Betroffene nimmt Einzelheiten gar nicht mehr oder nur noch zum Teil wahr. Experten bezeichnen dies als peritraumatische Dissoziation. Der Betroffene versucht, sich unbewusst vor einer Reiz- und Stressüberflutung zu schützen. Menschen wirken in dieser Phase oft teilnahmslos, als sei ihnen die Situation nicht richtig bewusst.

Es folgen unterschiedliche Gefühlsregungen, die teilweise bereits während des Ereignisses einsetzen. Die Aufmerksamkeit reduziert sich; betroffene Menschen wirken desorientiert und unruhig. Manche sind wie erstarrt und können das Erlebte nicht in eigenen Worten wiedergeben. Typisch sind zudem vegetative Symptome wie Tachykardie, Schwitzen, Erregung sowie gerötete oder blasse Haut. Manchmal tritt auch Übelkeit auf. Die Gefühlslage kann sich immer wieder rasch verändern – angefangen bei Trauer, Wut und großer Besorgtheit bis hin zu völliger Teilnahmslosigkeit.

Im Gehirn sind dabei drei verschiedene Strukturen aktiv: der Hippocampus für die sachliche Erinnerung, die Amygdala (Mandelkern) für Gefühle und Erinnerung, das Stirnhirn für die Koordination und Handlungsplanung.

Die Amygdala ist nach einem traumatischen Erlebnis überaktiv und verändert das Abspeichern des Erlebten in charakteristischer Weise. Dies führt zu sogenannten Flashbacks und Intrusionen. Die in der Folge auftretenden Bilder erscheinen immer wieder und können so das Angstgefühl zusätzlich verstärken.

Im Hippocampus werden normalerweise Informationen gespeichert und an den Neocortex weitergegeben. Dieses kann aufgrund des traumatischen Erlebnisses gestört sein und zu einer Erinnerungslücke führen, dem sogenannten Filmriss.

Andauernde Alarmbereitschaft

Über die akute Belastungsreaktion hinweg kann das sympathische Nervensystem über einen längeren Zeitraum überaktiv sein. Betroffene Personen kommen kaum oder nicht mehr zur Ruhe, weil dies eine andau­ernde Alarmbereitschaft des Körpers verhindert.

Charakteristisch für diese Phase sind Symptome wie Schreckhaftigkeit, diffuse Ängste, Schlafstörungen und Überwachheit. Die traumatisierten Personen haben häufig Schwierigkeiten, relevante und weniger bedeutsame Reize voneinander zu unterscheiden.

Es kommt zur Reizüberflutung, die sich beispielsweise als Konzentrationsstörung äußern kann. Darüber hinaus können Schlafstörungen auftreten: Die Schlaftiefe nimmt ab, Betroffene bewegen sich viel mehr im Schlaf und finden somit weniger Erholung. Wiederkehrende Albträume können zur Angst vor dem Einschlafen führen.

Für Außenstehende wirken die betroffenen Menschen emotional abgestumpft, fast gefühllos. Die Umwelt wird von ihnen völlig anders wahrgenommen als wie vor dem Ereignis. Viele fühlen sich, als sei ein böser Traum Realität geworden, und sie wünschen sich, dass dieser möglichst bald vorbei ist.

Ein weiteres typisches Symptom ist das sogenannte Vermeidungsverhalten. Betroffene versuchen, das Problem und alles, was damit zusammenhängt, zu verdrängen. Sie möchten mit keinem darüber sprechen.

Antriebslosigkeit kommt ebenfalls häufig vor. Diese äußert sich meist darin, dass die traumatisierten Personen an ihrer Arbeit keinen Spaß mehr haben und sich auch im Privatleben immer weiter zurückziehen. Konflikte mit anderen Menschen sind die häufige Folge. Die Betroffenen haben ein Gefühl der Leere und sehen häufig keinen Sinn mehr darin, was sie tun.

Chronischem Verlauf vorbeugen

Für einen bestimmten Zeitraum können die beschriebenen Reaktionen als normal angesehen werden. Es besteht jedoch die Gefahr, dass sie in einen chronischen Verlauf übergehen, einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von diesem Begriff, wenn die charakteristischen Merkmale länger als vier Wochen auftreten.

In den ersten vier Wochen nach einem schwerwiegenden Ereignis ist nahezu jede Reaktion wie die oben beschriebenen möglich. Das heißt jedoch nicht, dass diese auch eintreten müssen. Menschen reagieren völlig unterschiedlich auf unvorhergesehene Ereignisse. Genauso gut kann auch keins der beschriebenen Symptome eintreten; oftmals hängt dies von den äußeren Umständen zur Zeit des Zwischenfalls ab. Eine Vorhersage ist unmöglich. Wichtig ist jedoch, dass Fachpflegende für solche Symptome bei sich selbst und bei Kollegen sensibel sind.

Nach vier Wochen sollte ein „normales“ Leben, so wie vor dem Ereignis, wieder weitgehend möglich sein. Ist dies nicht der Fall, kann eine therapeutische Hilfe notwendig werden. Anlaufstellen sind im Internet beziehungsweise in Telefonbüchern zu finden. Eine weitere Möglichkeit sind Trauma-Ambulanzen, in denen Betroffene sofortige Hilfe in Anspruch nehmen können.

Professionelle Hilfe benötigt jedoch nur ein kleiner Teil der Menschen, die einem traumatisierenden Ereignis ausgesetzt waren. Oftmals ist auch ein kollegiales Gespräch im Team oder mit Personen hilfreich, die bereits ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Nach dem Zwischenfall ist es wichtig, wachsam zu sein. Dabei gilt es, eine gesunde Balance zwischen dem Auseinandersetzen mit dem Vorfall und einer Verdrängung zu finden. Die goldene Mitte ist – wie oft im Leben – am besten. Sich zeitweise mit dem Thema auseinandersetzen und dann ganz bewusst auch Ruhephasen zu schaffen, hilft in der Regel am besten.

Gefährlich ist die Ablenkung mit Genuss- und Suchtmitteln. Ein Glas Wein zum Beispiel hilft eventuell beim Einschlafen – irgendwann kommt jedoch der Punkt, wo ein Glas nicht mehr ausreicht und die Kontrolle über das richtige Maß verloren geht.

Nach einem dramatischen Erlebnis fällt es oft schwer, sich etwas Gutes zu tun. Betroffene sind angespannt und vergessen, auf Warnsignale des Körpers zu achten. Doch genau dies ist wichtig. Der Körper ist gestresst und kommt von selbst nicht zur Ruhe. Auch wenn die Person ein noch so schlechtes Gewissen hat, ist es essentiell, dass sie wieder zur Ruhe kommt, um Folgeerscheinungen gut zu verarbeiten. Ein Wellnesstag könnte beispielsweise hilfreich sein oder eine gemütliche Laufrunde. Bei einer leichten bis mittleren sportlichen Betätigung wird der Katecholaminabbau beschleunigt. Sport wird in solchen Lebensphasen oft dazu genutzt, sich richtig auszupowern und bis an die Grenzen zu gehen.

Ab und zu kann dies auch gut sein. Danach sollte man dem Körper aber wieder Zeit zur Regeneration geben. Körper und Geist laufen ohnehin schon auf Hochtouren. Weitere Leistungssteigerungen können hier negativ wirken und zu einer Rückbildungsstörung führen.

Jeden kann es treffen

Fehler sind keine Seltenheit und können jeden Pflegenden treffen, ohne sich vorher darauf vorbereiten zu können und ohne zu wissen, wie es danach weitergeht. Abgesehen von allen rechtlichen Konsequenzen kann es Betroffenen schwer fallen, das Erlebte zu verarbeiten und zu vergessen.

Auch wenn es schwerfällt: Betroffene sollten sich überwinden, etwas für sich selbst zu tun. Wichtig ist, sich nicht davor zu scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn nach vier Wochen immer noch keine selbstständige Alltagsbewältigung möglich ist. Oftmals helfen auch Gespräche mit Kollegen – ein guter Teamgeist kann manchmal wahre Wunder bewirken.

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