• 01.02.2016
  • Praxis
Patientensicherheit

„Fehler sind kein Weltuntergang“

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2016

Seite 12

Intensivstationen sind Risikobereiche, die mit einer hohen Fehleranfälligkeit einhergehen. Ein reflektierter Umgang mit unerwünschten Ereignissen kann erheblich dazu beitragen, die Sicherheit zu verbessern, sagt die frühere Charité-Pflegedirektorin und heutige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hedwig François-Kettner.

Frau François-Kettner, angenommen, mir unterläuft als Intensivpfleger ein Fehler, der folgenlos bleibt – sollte ich dies dennoch mit dem Patienten und meinen Kollegen besprechen?

Ganz klar: ja. Je nach Situation sollte jedoch überlegt werden, wie und mit welchem Tenor die Information an den Patienten erfolgt und ob er es überhaupt sofort erfahren sollte. Im Team sollten unerwünschte Ereignisse auf jeden Fall besprochen werden, damit jeder daraus lernen kann.

Welche Form ist dafür geeignet?

Das muss jeder Mitarbeiter für sich selbst entscheiden. Sinnvoll ist beispielsweise, sich an den Vorgesetzten zu wenden oder im multiprofessionellen Team darüber zu reden. Dienstübergaben wären ein geeigneter Rahmen. Zudem sollte möglichst immer eine CIRS-Meldung getätigt werden. Welche Form letztlich gewählt wird, hängt meines Erachtens stark vom Klima ab, das auf einer Station herrscht. Eine gute Sicherheitskultur ist leider Gottes noch nicht in in allen Einheiten einer Klinik gegeben. Insofern sollten Mitarbeiter, denen ein Fehler unterlaufen ist, abwägen, wie sie die Situation kommunizieren.

Was verstehen Sie unter Sicherheitskultur?

Wenn auf einer Intensivstation eine gute Sicherheitskultur herrscht, ist es für Mitarbeiter kein Problem oder gar Risiko, über Fehler offen zu reden. Diese Möglichkeit muss in der heutigen Zeit auf allen Stationen gegeben sein – ohne, dass die Betroffenen mit Sanktionen zu rechnen haben oder an den Pranger gestellt werden. Das darf nicht sein, so kann Vertrauen nicht wachsen.

Wie kann eine solche Atmosphäre geschaffen werden?

Das ist ganz klar eine Managementaufgabe. Die Leitung muss dafür sorgen, dass eine Atmosphäre entsteht, in der sich die Mitarbeiter angenommen fühlen und zu Fehlern stehen können.

Wie sollte ich mich als Mitarbeiter verhalten, wenn ich bei Kollegen Fehler oder Nachlässigkeiten bemerke, zum Beispiel bei der Hygiene?

Am besten ist, die Person im Vier-Augen-Gespräch anzusprechen. Wenn das nicht hilft, besteht die Möglichkeit, sich an die Stationsleitung zu wenden – vorerst ohne einen Namen zu nennen – und beispielsweise eine Fortbildung zum jeweiligen Thema anzuregen. Jeder Mitarbeiter sollte sich für solche Fälle eine abgestufte Vorgehensweise überlegen. Es kann auch im Team abgesprochen werden, wie über solche Vorkommnisse zu kommunizieren ist. Klar muss aber auch sein: Wenn ein Kollege fortwährend Fehler macht, muss das angesprochen werden – auch bei der Leitung.

Wie sollte diese auf eine solche Information reagieren?

Sie sollte darauf konstruktiv reagieren und Lösungen finden. Das hat auf das gesamte Team eine entlastende Wirkung. Nach Schuldigen zu suchen und sie an den Pranger zu stellen, ist der falsche Weg.

Wie kann ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter dazu ermutigen, zu Fehler zu stehen?

Die Leitung sollte mit gutem Beispiel vorangehen und Probleme offen ansprechen. Oft ist es schon strukturbedingt der Fall, dass es zu Nachlässigkeiten oder kleineren Fehlern kommt. Dieses Problem kann die Leitung deutlich ansprechen: „Ja, wir haben zu wenig Pflegepersonal in der Schicht, aber lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir dies auffangen können.“ Eine offene Sicherheitskultur muss letztlich trainiert werden. Und dieser Prozess muss von der Leitung und auch von den Mitarbeitern mit Leben gefüllt werden.

Was meinen Sie damit konkret?

Grundsätzlich muss jeder – von der Führungskraft bis zum Stationsmitarbeiter – verstehen, dass er eine Eigenverantwortung hat und achtsam sein muss, um eine gute Arbeitsqualität abzugeben. Ich bin mir sicher, dass dies der Anspruch ist, den jede Pflegeperson an sich selbst hat. Wenn dann trotzdem ein Fehler vorkommt, ist das kein Weltuntergang. Wichtig ist vielmehr, solche Situationen zu enttabuisieren und das Geschehene offen anzusprechen. Meine Erfahrung ist, dass Patienten und Angehörige durchaus Verständnis dafür haben, wenn ein Fehler passiert, dies aber gleichzeitig offen und ehrlich kommuniziert wird. Patienten erleben, dass es oft zu wenige Pflegende in einer Schicht gibt und Mitarbeiter unter einem hohen Arbeitspensum leiden. Hier gibt es sehr viel Sympathie für Pflegende. Umso wichtiger ist es, dass wir es nicht akzeptieren, wenn Dinge geschehen, die nicht sein sollten.

Ein bedeutsamer Aspekt ist die Ausstattung der Kliniken mit Pflegepersonal – Sie sprachen es vorhin an. Ist die Forderung nach mehr Patientensicherheit nicht ein Kampf gegen Windmühlen, solange die Arbeitsbelastung im Intensivbereich immer weiter steigt?

Es muss in der Tat zügig an der Struktur gearbeitet werden. Ich glaube aber dennoch, dass innerhalb der strukturellen Rahmenbedingungen viel möglich ist, wenn jeder seiner Verantwortung gerecht wird. Und die Intensivpflegenden leisten in den Kliniken wirklich eine hervorragende Arbeit. Dennoch: Personalmangel und Zeitdruck können dazu führen, dass Hygienestandards nicht eingehalten werden und das Ri- siko nosokomialer Infektionen steigt. Insofern fordert das Aktionsbündnis Patientensicherheit in einem im September 2015 veröffentlichten Positionspapier einen Personalschlüssel von mindestens einer Pflegefachperson für zwei Patienten in allen Schichten in der Standardversorgung auf einer Intensivstation. Für Intensivstationen mit besonderem Betreuungsaufwand – auf denen etwa Schwerbrandverletzte, Patienten mit ECMO oder viele Patienten mit Beatmung oder Dialyse versorgt werden – fordern wir, dass eine Pflegefachperson pro Patient in allen Schichten anwesend ist.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit, dessen Vorsitzende Sie sind, besteht seit elf Jahren. Wie haben sich deutsche Kliniken in dieser Zeit in Sachen Fehlermanagement weiterentwickelt?

Es hat sich viel getan. Vor fünf Jahren wurde eine bundesweite Erhebung zum Stand des Risikomanagements und der Patientensicherheit in den jeweiligen Einrichtungen durchgeführt. Rund 40 Prozent aller deutschen Kliniken hatten sich daran beteiligt. Diese Studie wurde in diesem Frühjahr wiederholt. Es wurde deutlich, dass das Thema Patientensicherheit einen deutlich höheren Stellenwert hat als noch vor fünf Jahren. Risiko- und Fehlermanagement sind heute wichtige Pfeiler, die das Klinikmanagement auf der Agenda hat. Die Wiederholungsstudie hat übrigens auch gezeigt, dass Kliniken heute neue Themen zur Sicherheit von Patienten angeben als noch 2010.

Was genau hat sich verändert?

Risikofaktoren wie Infektionen sind stärker in den Hintergrund gerückt. Heute stehen eher die Personalqualifikation und das Verhalten bei Notfällen im Vordergrund. Diese Aspekte haben deswegen an Brisanz gewonnen, weil sich gezeigt hat, dass sie ein großes Risikopotenzial bergen. Insgesamt ist beim Thema Patientensicherheit derzeit vieles in Bewegung. Das zeigt sich auch daran, dass es mittlerweile einen Lehrstuhl für Forschung zur Patientensicherheit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gibt. Dessen Professur wird vom Aktionsbündnis Patientensicherheit finanziert wird. Das ist eine große Errungenschaft, weil damit Forschung auf hohem Niveau sichergestellt ist. Zum Beispiel werden die von uns herausgegebenen Handlungsempfehlungen von Frau Professorin Tanja Manser, die das Institut leitet, und ihrem Team wissenschaftlich evaluiert. Ein drittes Beispiel für den Erfolg des Aktionsbündnisses Patientensicherheit ist die Aktion Saubere Hände, die 2008 mit dem Ziel gestartet ist, die hygienische Händedesinfektion als einen Schwerpunkt für mehr Qualität und Sicherheit in der Patientenversorgung zu etablieren. Bundesweit nehmen rund 1 300 Krankenhäuser, Rehabilitationskliniken, Pflegeheime und ambulante Dienste an dem Programm teil. Die Aktion Saubere Hände ist 2013 sogar als beste nationale europäische Kampagne zur Verbesserung der Händehygiene von der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet worden.

Wo sehen Sie aktuell Schwachstellen beim Thema Patientensicherheit?

Ein hoher Handlungsbedarf besteht bei der Arzneimitteltherapiesicherheit. Das internationale Projekt High 5s – dessen Bezeichnung sich von den Projektzielen ableitet, im Laufe von fünf Jahren die Häufigkeit von fünf bedeutsamen Patientensicherheitsproblemen in fünf Ländern signifikant zu reduzieren – zeigte deutliche Mängel bei der Medikamentenvergabe. In diesem Bereich werden wir künftig mehr investieren müssen, als dies bislang der Fall war.

Welche Mängel existieren noch?

Ein großes Problem sind Medi-zinprodukte-assoziierte Risiken. Hier gibt es noch viele Aspekte, über die zu wenig bekannt ist.

Zum Beispiel?

Zu wenig transparent ist etwa das Beschaffungsmanagement. Häufig ist es so, dass deutsche Kliniken Material und Geräte aus aller Herren Länder beziehen, aber die Qualität sich im Laufe der Zeit verändert. Es kommt auch vor, dass die importierten Artikel – zum Beispiel Handschuhe – den hiesigen Qualitätsanforderungen nicht genügen. In diesem Zusammenhang betone ich, dass es in der Gesundheitsversorgung nicht alleine um Kosteneffizienz gehen kann. Patientensicherheit, Qualität und die Kompatibilität der Produkte sollten Kriterien im Beschaffungsprozess sein, die ebenso wichtig sind wie die Ökonomie.

Frau François-Kettner, vielen Dank für dieses Gespräch.

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