• 17.10.2016
  • Praxis
Mobilisierung von ECMO-Patienten

„Die Skepsis war groß“

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2016

Seite 24

Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass Patienten mit Extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) gut mobilisierbar sind. Doch dafür müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein, sagt Fachkrankenschwester Katja Warnke.

Frau Warnke, kürzlich haben Sie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eine Studie zur Mobilisierbarkeit von Patienten mit ECMO abgeschlossen. Hierzu wurden mehr als 300 Mobilisierungen bei 50 Patienten durchgeführt. Was ist das zentrale Ergebnis?

Die von unserem ehemaligen Oberarzt Stephan Braune initiierte Studie hat gezeigt, dass es sehr gut möglich ist, Patienten an der ECMO zu mobilisieren.

Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Es sollte immer ein interprofessionelles Team aus Pflegenden, Ärzten und Therapeuten gemeinsam entscheiden, ob ein Patient die erforderlichen Kriterien erfüllt.

Welche sind das?

Der Betroffene muss wach, ansprechbar und kardiopulmonal stabil sein. Die ECMO-Therapie muss ohne Probleme laufen. Sehr wichtig ist es auch, dass sich das Team genügend Zeit nimmt – zum Beispiel für die sorgfältige Vorbereitung des Patienten.

Inwiefern?

Der Patient sollte von allen Berufsgruppen beurteilt werden – das kostet Zeit, ist aber unumgänglich.

Wie sieht die Rolle der Pflege aus?

Die zuständige Pflegeperson und der Arzt besprechen im Konsens, ob der Patient alle Voraussetzung erfüllt, um mobilisiert zu werden. Es wird Augenmerk auf die kardiopulmonale Situation gelegt und ebenso darauf, wie die ECMO an sich läuft. Gibt es da keinerlei Bedenken, wird der Patient auf seine Vigilanz hin beurteilt. Er sollte wach, ansprechbar und gut führbar sein. Selbst Patienten im Delir, die jedoch nicht agitiert und nicht aggressiv sind, werden eingeschlossen. Der Patient selber sollte über die bevorstehende Maßnahme gut aufgeklärt werden. Gerade bei der Erstmobilisation haben die Betroffenen oft Angst vor der Bewegung – auch aufgrund vorheriger Hinweise von Pflegenden, sich im Bett nicht zu sehr zu bewegen.

Welche Aufgabe kommt der Physiotherapie zu?

Die Physiotherapie sollte schon im Liegen einschätzen, ob der Patient über genügend Kraft für eine Mobilisation verfügt.

Wie geht es dann weiter?

Im nächsten Schritt muss das Zeitmanagement gut abgesprochen werden. Alle Beteiligten sollten sich auf einen geeigneten Zeitpunkt der Mobilisation einigen. Es sollte keine Mobilisation mit Stress begonnen werden – das ist kontraproduktiv und gefährlich. Eine ruhige Atmosphäre ist sowohl für den Patienten als auch für die Sicherheit essentiell. Des Weiteren ist wichtig, dass die Arbeitsteilung im Vorfeld definiert wurde. Jedem muss klar sein, was er zu tun hat. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Fixierung der Kanülen und Sicherung der Schläuche gelegt werden. Es hat sich bei uns bewährt, dass der ärztliche Kollege die Sicherung der Kanülen übernimmt. Er gibt damit auch den Ablauf vor.

Wann kann noch getan werden, um die Sicherheit zu erhöhen?

Eine zusätzliche Sicherung der Kanülen mit einem Kopfband und eine doppelte Fixierung der Beinkanülen haben sich ebenso bewährt. Im Vorfeld sollte auch für genügend Platz gesorgt werden. Wahrscheinlich sind auch Checklisten hilfreich, wobei wir sie bislang nicht einsetzen. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, dass alle Beteiligten keine Angst, aber Respekt vor der Mobilisation haben. Selbstverständlich müssen sie wissen, was im Notfall zu tun ist. Stress und ungeplante Unterbrechungen sollten grundsätzlich vermieden werden.

Wo sehen Sie Kontraindikationen?

Patienten im akuten Delir und mit kardiopulmonaler Instabilität sollten nicht mobilisiert werden. Außerdem sollte bei großer Blutungsneigung sehr genau überlegt werden, ob der Patient von der Mobilisierung profitiert.

Die Studie startete 2014. Wie haben Sie und Ihre Kollegen reagiert, als Sie vom Vorhaben des Oberarztes erfuhren?

Die Skepsis war zunächst groß – obwohl die Frage, ob Patienten an der ECMO mobilisierbar sind, vorher schon häufiger diskutiert wurde.

Was waren Ihre Bedenken?

Die Angst vor versehentlichen Dislokationen der Kanülen und ähnlichen Zwischenfällen war groß. Außerdem hatten viele Bedenken aufgrund des vermuteten Mehraufwands. Doch als die Studie erst einmal angelaufen war, verflogen die Zweifel schnell. Heute ist die Mobilisierung von ECMO-Patienten fester Bestandteil unseres Arbeitsalltags. Ich gebe zu: Auch ich habe es vorher auch kaum für möglich gehalten, dass man so viele Patienten mit ECMO mobilisieren kann.

Vorher haben Sie ECMO-Patienten gar nicht mobilisiert?

Nur sehr, sehr selten. Ich kann mich in meiner gesamten Berufslaufbahn nur an maximal fünf Mobilisationen auf meiner Station erinnern. Wie gesagt, wir hatten große Angst vor einer Dislokation der Kanülen und anderen Komplikationen. Und dass Patienten so wach an der ECMO sind wie heute, ist auch erst seit relativ kurzer Zeit üblich. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ECMO-Patienten tief sediert wurden. Erst in den vergangenen Jahren wurde davon abgewichen. Inzwischen sind wir bestrebt, Patienten mit ECMO möglichst schnell wach werden zu lassen, oder sie gar nicht erst zu sedieren.

Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Mobilisierung ...

Genau. Ehrlich gesagt wären wir früher gar nicht auf die Idee gekommen, diese Patienten aus dem Bett zu holen. Unser Respekt vor der ECMO-Therapie war sehr hoch. Erst mit zunehmender Fallzahl und damit verbundener größerer Erfahrung stieg die Bereitschaft, neue Dinge zu wagen. Im Rückblick haben wir von der Studie enorm profitiert und unsere Expertise gesteigert. Definitiv werden wir die Patienten auch weiterhin mobilisieren.

Frau Warnke, dabei weiterhin viel Erfolg und danke für das Gespräch.

 

Hinweis: Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wann und wo die in diesem Interview thematisierte Studie von Braune et al. (2016) mit dem Titel „Durchführbarkeit und Sicherheit der Mobilisation von Patienten mit extrakorporaler kardiopulmonaler Unterstützung – prospektive Beobachtungsstudie“ veröffentlicht wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

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