• 06.02.2017
  • Praxis
Keimausbrüche

An einem Strang gezogen

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2017

Seite 18

Im Januar 2015 geschah am Universitätsklinikum Schleswig- Holstein in Kiel das Unfassbare: Auf der internistischen Intensivstation brach eine schwere Epidemie aus, die auf den multiresistenten Keim Acinetobacter baumannii zurückzuführen war. Auslöser war ein Notfallpatient, der sich während eines Türkei-Urlaubs mit dem gefürchteten Erreger angesteckt hatte. Binnen weniger Tage infizierten sich 30 weitere Patienten.

Der Patient, von dem die Epidemie ausging, war schon in der Türkei wegen einer Pneumonie auf einer Intensivstation behandelt worden. Er wurde der Kieler Uniklinik als nicht-isolationspflichtig angekündigt. Bei der Übernahme erfolgte sofort ein Routine-Screening auf die gängigen Keime. Nach einer Woche lag der Acitenobacter- Nachweis mittels PCA vor. Die Verantwortlichen trauten ihren Augen nicht.

Renovierung bis in jede Ritze

Umgehend wurden Schutzmaßnahmen getroffen, um den Schaden möglichst gering zu halten: Die betroffene Abteilung wurde sofort für Neuaufnahmen gesperrt. Es wurde lediglich eine kleine Satellitenstation mit drei Betten eingerichtet, um dort Notfallpatienten behandeln zu können. Ab sofort galt ab dem Eingang der Intensivstation eine Isolationspflicht. Innerhalb der Abteilung wurde eine sofortige Eins-zu-eins-Betreuung eingeführt. Um dafür genügend Personal vorzuhalten, wurden alle Mitarbeiter zum Dienst verpflichtet. Das Team wurde zudem von Kollegen anderer Intensivstationen personell unterstützt.

In den folgenden Tagen offenbarte sich das wahre Ausmaß des Keimausbruchs. 30 weitere Patienten infizierten sich mit dem multiresistenten Erreger, weite Teile der Intensivstation durften aufgrund der massiven Keimbelastung nicht mehr genutzt werden.

Schnelles Handeln war erforderlich. So beschloss die Landesregierung und Klinikleitung innerhalb kürzester Zeit ein Maßnahmenpaket, das im Kern die Erweiterung der alten Intensivstation um einen zweistöckigen Interimsbau mit zwölf Einzelzimmern vorsah.

Zudem wurde umgehend ein neues Hygienekonzept auf der Station eingeführt: Ausgesuchte Mitarbeiter wurden in diesem Rahmen zu Hygienebeauftragten ausgebildet und zu einer erweiterten Hygienegruppe zusammengeschlossen. Zusätzlich wurde das sogenannte HyHelp-System eingeführt, das die Händedesinfektionshäufigkeit der Mitarbeiter anonymisiert aufzeichnet. Das Ziel war, die Sensibilität der Mitarbeiter bezüglich der Händedesinfektion zu steigern.

Alle Maßnahmen mussten in Windeseile umgesetzt werden, während zeitgleich die Patientenversorgung weiterlief und die gesamten Räumlichkeiten der Station umfangreich – bis in jede Ritze – renoviert wurden. Die Dreibettzimmer wurden auf Zweibettzimmer reduziert, um künftig nosokomiale Infektionswege zusätzlich zu minimieren.

„Es war eine extrem belastende und beängstigende Situation für das gesamte Team“, sagt der pflegerische Stationsleiter Steffen Ochs rückblickend. „Wir alle waren schockiert, dass eine solche Katastrophe überhaupt passieren konnte, und hatten zudem Angst um unsere eigene Gesundheit. Die Klinikleitung hat jedoch über Informationsveranstaltungen und individuelle Gespräche viele Befürchtungen auffangen können. Zusätzlich hat das lückenlose Hygienekonzept Sicherheit geboten.“

Innerhalb eines halben Jahres sind alle infizierten Patienten auf der Station verstorben. Die Todesursachen konnten in keinem Fall auf den Keim zurückgeführt werden, die Patienten verstarben aufgrund der Ursprungs- und Begleitdiagnosen.

„Seitdem der letzte Patient im August 2015 verstarb, haben wir den Acinetobacter baumannii auf unserer Station nicht mehr nachweisen können“, berichtet Ochs. Während die Station in diesen Wochen immer leerer wurde, um die die aufwendigen Renovierungsmaßnahmen durchführen zu können, seien im Team durchaus ambivalente Gefühle aufgetreten. „Einerseits mussten wir erst einmal verkraften, dass fast alle infizierten Patienten verstarben, was nicht leicht war – andererseits waren wir natürlich froh, als der Keim nicht mehr nachweisbar war und wir allmählich zur Normalität zurückkehren konnten.“

Acinetobacter baumannii: Weltweit gefürchteter Krankenhauskeim

Acinetobacter baumannii ist ein weltweit vorkommender multiresistenter Krankenhauskeim. Er gehört zur Gruppe der sogenannten MRGN-Erreger (MultiResistenz von GramNegativen Stäbchen), die gegen die meisten zur Verfügung stehenden Antibiotika wie Penicilline, Cephalosporine, Fluorchinolone und Carbapeneme resistent sind.

Ausbrüche des Keims Acinetobacter baumannii lassen sich häufig auf zuvor in ausländischen Krankenhäusern behandelten Patienten oder auf Patienten zurückführen, die eine chronische Atemwegserkrankung aufweisen und bereits mit dem Keim besiedelt sind.

Acinetobacter baumannii ist für gesunde Menschen meist ungefährlich. Bei abwehrgeschwächten Patienten auf Intensivstationen kann der multiresistente Keim jedoch zu schweren Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Sepsis führen.

 

Reinigungs-, Desinfektions- und Isolationsmaßnahmen sind wichtig, um den Keim einzudämmen. Eine zentrale Bedeutung hat die Händehygiene. Patienten müssen isoliert werden, wenn bei ihnen der Keim nachgewiesen wurde oder wenn der Verdacht einer Besiedelung besteht.

   

Interimsbau bietet gute Voraussetzungen

Mittlerweile ist der Erweiterungsgebäude der Intensivstation in Betrieb genommen worden. Der Anbau soll eine Übergangslösung für die kommenden Jahre darstellen, bis die internistische Intensivstation in das neue Zentralklinikum auf dem Campus Kiel zieht, das derzeit im Rahmen eines baulichen Masterplans entsteht.

Im Erweiterungsbau stehen auf rund 950 Quadratmetern Grundfläche zwölf Einzelzimmer und die erforderlichen Nebenräume zur Verfügung. „Dies ermöglicht uns, alle aufgenommenen Patienten zu isolieren“, beschreibt Ochs die Vorteile der neuen Räumlichkeiten. Der Interimsbau und die bestehende Intensivstation sind im Erdgeschoss miteinander verbunden, um eine effiziente medizinische Versorgung zu ermöglichen. Die Station ist mit Geräten auf dem neuesten technischen Stand ausgestattet, damit alle Arten von schweren internistischen Erkrankungen optimal intensivmedizinisch behandelt werden können.

Aus Ochs heutiger Sicht ist die Kieler Uniklinik gestärkt aus der Hygienekrise hervorgegangen. „Die Klinikverantwortlichen sind schnell in die Offensive gegangen und haben sowohl den Beschäftigten und der Öffentlichkeit nichts verschwiegen“, sagt der Teamleiter. „Diese Offenheit hat intern für Vertrauen gesorgt und sich somit als richtige Vorgehensweise herausgestellt.“

Auf der Intensivstation sind alle Voraussetzungen geschaffen worden, damit sich ein solch schwerwiegender Vorfall nicht wiederholt. „Dies wäre ohne das Pflegeteam niemals gelungen“, gibt Ochs zu bedenken. „Alle haben an einem Strang gezogen, sich gegenseitig unterstützt und alle Kräfte gebündelt. Das ist ein toller Erfolg, auf den wir stolz sein können. Ein positiver Nebeneffekt ist dabei, dass wir als Team unglaublich zusammengewachsen sind.“

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