Europa steht vor einem wachsenden Mangel an Pflegefachpersonen. Dennoch fehlen bislang belastbare Daten darüber, welche Kosten Krankenhäusern und Gesundheitssystemen durch die Abwanderung von Pflegekräften entstehen. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Wissenschaftsteam in einem aktuellen Beitrag der Fachzeitschrift "The Lancet Regional Health – Europe".
Bindung ist wichtigste Strategie gegen Fachkräftemangel
Das Autorenteam verweist darauf, dass Pflegekräfte die größte Berufsgruppe unter den Mangelberufen im Gesundheitssystem in Europa darstellen. Gleichzeitig seien viele Pflegende von Überlastung betroffen und zahlreiche Beschäftigte erwögen, ihren Arbeitsplatz oder sogar den Beruf zu verlassen. Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation sähen deshalb die Bindung vorhandener Pflegekräfte als wichtigste Strategie gegen den Fachkräftemangel an.
Nach Ansicht der Forschenden fehlt in Europa jedoch eine entscheidende Grundlage für wirksame Gegenmaßnahmen: wirtschaftliche Evidenz. Während in den USA, Kanada und Australien die Kosten von Personalfluktuation in der Pflege bereits untersucht wurden, existierten für Europa kaum aktuelle Daten. Die jüngste vom Autorenteam identifizierte europäische Studie zu den Kosten des Pflegepersonalwechsels stammt aus dem Jahr 1996 und wurde in Großbritannien durchgeführt.
Dabei seien die finanziellen Folgen erheblich. Zu den Kosten zählten nicht nur Stellenanzeigen, Rekrutierung und Einarbeitung neuer Mitarbeitender. Auch seien Produktivitätsverluste, Wissensabfluss und die Überbrückung von Vakanzen die kostspielige Folge. Ergebnisse aus anderen Weltregionen lassen sich nach Einschätzung der Forschenden jedoch nicht einfach auf europäische Gesundheitssysteme übertragen. Unterschiede bei Gehältern, Versorgungsstrukturen, Arbeitsorganisation und gesetzlichen Rahmenbedingungen führten zu erheblichen Abweichungen.
Kosten von Pflegepersonalfluktuation systematisch erfassen
Die Forschungsgruppe fordert daher eine europäische Forschungsagenda, die die Kosten von Pflegepersonalfluktuation systematisch erfasst und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit von Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung untersucht. Solche Daten könnten Krankenhäusern und politischen Entscheidungsträgern helfen, Investitionen in bessere Arbeitsbedingungen, Fortbildungsangebote oder andere Maßnahmen zum Verbleib von Pflegekräften im Beruf fundierter zu begründen.
Ohne belastbare ökonomische Daten bleibe die Forderung nach besseren Bedingungen für Pflegekräfte häufig ein Appell, so das Fazit des Autorenteams. Um die Pflege langfristig zu stärken, brauche Europa deshalb nicht nur politische Entschlossenheit, sondern auch eine solide Datengrundlage für Investitionsentscheidungen.