Was Pflegefachpersonen über Stomaarten, die richtige Versorgung und Pflege wissen sollten. Und wann es Zeit wird, spezielle Stomaexpertinnen und -experten hinzuzuziehen.
Für die meisten Patientinnen und Patienten ist es ein einschneidendes Ereignis: Wer im Krankenhaus mit einem Stoma versorgt wird, hat mit reichlich Unsicherheiten zu kämpfen, mit Scham, mit der Sorge vor Geruch und vor plötzlichen unkontrollierbaren Körpergeräuschen.
Pflegefachpersonen kommt in der Begegnung mit Stomapatienten eine wichtige Rolle zu. Bei der Versorgung, aber auch im Umgang mit den Betroffenen sind Aufmerksamkeit und Feingefühl gefragt – auch außerhalb spezialisierter Pflege, wie sie von speziell ausgebildeten Experten übernommen wird.
Stoma geht alle Pflegekräfte an
Die Fachgesellschaft Stoma, Kontinenz und Wunde (FgSKW) hat das Berufsbild der sogenannten Pflegeexperten Stoma, Kontinenz und Wunde (SKW) entwickelt und setzt sich für deren Weiterbildung ein. Dennoch betont die Fachvereinigung, dass ein gewisses Basiswissen über Stomata auch zur grundständigen Pflegeausbildung gehört. "Pflegekräfte erwerben in ihrer Pflegeausbildung oder in Fortbildungen grundlegende Kompetenzen zur Versorgung dieser Patienten."
Stoma: Wer bekommt es?
Über 150.000 Menschen in Deutschland tragen ein Stoma. Angelegt wird es aus unterschiedlichen Gründen: Ein großer Teil der Betroffenen erhält ein Stoma infolge einer Tumorerkrankung, etwa im Zusammenhang mit der Operation eines kolorektalen Karzinoms oder zur Harnableitung im Falle einer Zystektomie. Auch bei bauchchirurgischen Notfällen oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa kann eine Stomaanlage nötig sein. Je nach Situation wird das Stoma nur vorübergehend angelegt oder dauerhaft benötigt.
So funktioniert ein Stoma
Die künstlich angelegte Körperöffnung schafft eine Verbindung zwischen dem Hohlorgan, also etwa dem Dünn- oder Dickdarm, zur Körperoberfläche. Das Stoma selbst ist erkennbar als rote, feuchte, oft leicht vorstehende Schleimhaut. Auf der Haut rund um das Stoma, die sogenannte peristomale Haut, wird das Hilfssystem angebracht, je nach Art bestehend aus einer Platte, einem Hautschutz und einem Beutel, in dem die Ausscheidung sicher aufgefangen werden kann.
Gut zu wissen
Der Begriff Stoma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Öffnung oder Mund. Ein wichtiger Hinweis, denn: Ein medizinisch angelegtes Stoma ist, anders als häufig angenommen, keine Wunde, sondern eine künstliche Ausscheidungsstelle etwa für Stuhl, Harn oder Körpersekrete.
Die häufigsten Stomaarten im Überblick
Kolostoma: Beim Kolostoma wird ein Abschnitt des Dickdarms durch die Bauchdecke ausgeleitet. Die Ausscheidung ist – je nach Lage des Stomas – meist fester und geformter als bei einem Dünndarmstoma. Für die Pflege heißt das: Der Beutel muss nicht zwingend ausstreifbar sein; oft kommen geschlossene Systeme, sogenannte Kolostomiebeutel, zum Einsatz.
Wichtig zu wissen: Beim Kolostoma unterscheidet die Medizin je nach der Lage am Dickdarm weitere Unterformen, etwa das Aszendostoma (am aufsteigenden Dickdarm), das Deszendostoma (absteigend) und das Transversostoma (quer verlaufend). Stomata im Bereich des Blinddarms heißen Zökostomata, jene im letzten Abschnitt des Dickdarms vor dem Rektum Sigmoidstoma. Merke für die Pflege: Je tiefer liegend, desto geformter ist meist die Ausscheidung.
Ileostoma: Das Ileostoma ist ein künstlich angelegter Ausgang des Dünndarms, meist des letzten Abschnitts, des Ileums. Die Ausscheidung ist häufig dünnflüssig bis breiig und deutlich hautaggressiver. Deshalb sind hier ein gut sitzender Hautschutz, ein passgenauer Zuschnitt und der Blick auf die Ausscheidungsmenge besonders wichtig. Verwendet werden meist spezielle Ileostomiebeutel mit integriertem Auslass, über den die Ausscheidung entleert werden kann. Ein Ileostoma wird häufig auch als temporäres Schutzstoma angelegt, um einen tiefer gelegenen Darmabschnitt vorübergehend zu entlasten.
Merke: Das Kolostoma und das Ileostoma werden zusammen auch als Enterostomata bezeichnet. –
Urostoma: Beim Urostoma wird der Urin über die Bauchdecke in den Urobeutel abgeleitet. Anders als bei Darmstomata geht es hier also nicht um Stuhl, sondern um Harnflüssigkeit. Für die Pflege zählen vor allem ein dichter Sitz, ein sicherer Urinabfluss und eine gute Hygiene; nachts kann häufig ein zusätzlicher Ablaufbeutel angeschlossen werden.
Die Sache mit der Schlinge
Bei der Anlage unterscheidet die Medizin außerdem zwischen doppelläufig und endständig: Ein doppelläufiges Stoma entsteht aus einer ausgeleiteten Darmschlinge und wird im Klinikalltag häufig als vorübergehendes Schutzstoma angelegt – erkennbar daran, dass zwei Darmschenkel sichtbar sein können. Ein endständiges Stoma wird dagegen aus einem durchtrennten Darmende gebildet und kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn die Ausleitung längerfristig oder dauerhaft gebraucht wird.
Schon gewusst?
Die Anlage eines Stomas gehört zur ältesten Behandlungsform am Darm. Schon vor 2000 Jahren griffen Menschen auf eine ähnliche Methode zurück, um bei einer lebenserhaltenden Operation Ausscheidungen aufzufangen.
Aufgaben von Pflegefachpersonen
Nicht jede Pflegefachperson muss Pflegeexpertin oder Pflegeexperte SKW sein, um Stomabetroffene bis zu einem bestimmten Punkt gut zu versorgen. Aber es braucht verlässliches Basiswissen. Schließlich sind spezialisierte Kolleginnen und Kollegen nicht in jedem Haus, auf jeder Station und in jeder Schicht verfügbar.
Gefragt ist deshalb:
- Stomaart einordnen können,
- die Versorgung und peristomale Haut beobachten,
- das Stoma fachgerecht reinigen,
- Veränderungen erkennen,
- Betroffene anleiten
- früh Unterstützung holen, wenn die Versorgung nicht stabil funktioniert.
Das ist wichtig
Reinigung: "Eine gesunde, intakte Haut im Stomabereich ist die Grundlage für eine dauerhafte komplikationslose Versorgung", sagt Gabriele Gruber, FgSKW-Vorstandsmitglied und Buchautorin ("Ganzheitliche Pflege bei Patienten mit Stoma", Springer-Verlag, 2017). Anders als eine Wunde wird ein Stoma nicht steril versorgt. Die Reinigung sollte, so Gruber, mit weichen Einmalvlieskompressen und Leitungswasser in Trinkwasserqualität erfolgen; bei stärkerer Verschmutzung kann auch eine pH-neutrale, nicht rückfettende Seife verwendet werden.
Haut und Anlage beobachten: Die Haut des Stomaträgers braucht einen regelmäßigen Check. Ist sie unter oder direkt neben dem Stoma gerötet? Nässt sie? Klagt die Patientin oder der Patient über Schmerzen an dieser Stelle? Dann stimmt häufig etwas mit der Versorgung nicht. Ein toxisches Kontaktekzem kann etwa entstehen, wenn der Ausschnitt zu groß gewählt ist, die Anlage undicht ist oder nicht mehr passt.
Insbesondere in den ersten Wochen nach der OP verändert sich die Stomagröße häufig. Die Folge ist oft: Die Versorgung hält plötzlich nicht mehr dicht. Für Pflegefachpersonen heißt das, in den ersten drei Monaten nach dem Eingriff das Stoma regelmäßig zu kontrollieren. Bei Bedarf muss die Schablone angepasst werden. Der Hautschutz muss passgenau zugeschnitten sein: Die Haut rund um das Stoma sollte vollständig abgedeckt sein, sichtbar bleiben sollte nur die Schleimhaut. Nach dem Aufbringen wird der Hautschutz direkt um das Stoma herum angedrückt. Praxistipp: Ist der Ausschnitt bereits zu groß geraten, kann ein Hautschutzring vorübergehend helfen – die Schablone sollte dennoch zeitnah neu angepasst werden.
Ansprechbar und sensibel sein
Wichtig ist der Umgang mit den Betroffenen: Viele Stomaträgerinnen und Stomaträger schämen sich, fühlen sich entstellt. Manche können ihr Stoma nicht annehmen, nicht berühren oder gar nur ansehen, sagt Andrea Zöbele: "Ich habe schon erlebt, dass sich der Patient beim Versorgungswechsel die Bettdecke über den Kopf gezogen hat", berichtet die Stomatherapeutin im B. Braun-Podcast "Rund um Stoma". Pflegende sollten solche Abwehrreaktionen möglichst nicht wegmoderieren. Besser: ansprechbar bleiben, Scham ernst nehmen, Fragen zulassen und Schritt für Schritt Sicherheit vermitteln. Auch die Ernährung kann alltagstauglich besprochen werden.
Wann spezialisierte Unterstützung nötig ist
Speziell ausgebildete Kolleginnen und Kollegen sollten spätestens dann hinzugezogen werden, wenn die Versorgung immer wieder undicht wird, die Haut wund ist oder absehbar ist, dass Betroffene vor der Entlassung den Wechsel nicht selbst schaffen.
Ohnehin wird die Versorgung von Stomata zunehmend interdisziplinär ausgerichtet. So fordert es auch die S3-Leitlinie zum perioperativen Management bei gastrointestinalen Tumoren (POMGAT). Sie zielt darauf, die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit zu standardisieren und zu erleichtern – auch unter Einbezug von Stomatherapie und Pflege.
Große Häuser wie die Uniklinik Leipzig (UKL) stellen bereits eigene Expertenteams für Stomamanagement auf. Sie beraten nicht nur Betroffene: "Auch eine enge Zusammenarbeit und Anleitung von Kolleg:innen der verschiedenen Stationen liegt uns am Herzen", betont Damaris Herrmann, Leiterin des UKL-Stoma-Teams.
Die Stomaprofis übernehmen auch spezielle Aufgaben wie die präoperative Stomamarkierung: "Haben die Viszeralchirurg:innen die Entscheidung getroffen, dass eine Patient:in eine Stomaanlage erhalten soll, bekommen wir einen klinischen Auftrag", erklärt Herrmann. "Dann markieren wir vor der Operation die ideale Position des Stomas, damit der Patient dieses später so eigenständig wie möglich versorgen kann."
Stoma-Weiterbildung
Die zertifizierte Weiterbildung zur Pflegeexpertin oder zum Pflegeexperten SKW dauert zwei Jahre und findet berufsbegleitend statt. Weitere Informationen.
Stomaversorgung in der Pflege: Wissen schafft Sicherheit
Grundsätzlich ist die Stomaversorgung in einem multiprofessionellen Zusammenspiel vieler Beteiligter am besten aufgehoben, findet auch Gabriele Gruber: Pflege und spezialisierte Pflege, Medizin, Sozialdienst, Ernährungsberatung, Psychoonkologie, Onkologie, sie alle sollten zusammenarbeiten, um das Bestmögliche für den Stomabetroffenen herauszuholen. Und sie verweist auf die individuell nötige Herangehensweise: "Jeder Patient und jedes Stoma ist anders. Pauschallösungen gibt es nicht." Umso wichtiger ist es, dass Pflegefachpersonen im Pflegealltag über ein verlässliches Grundwissen zur Stomaversorgung verfügen.