Der Pflegeprozess ist eine international etablierte Arbeitsmethode zur systematischen Planung, Durchführung und Überprüfung pflegerischer Handlungen. Während die ursprüngliche Fassung von der US-amerikanischen Pflegetheoretikerin Ida Jean Orlando aus dem Jahr 1961 drei Schritte umfasste und die Kommunikation und Beziehung zwischen Pflegefachperson und zu pflegender Person betonte, etablierte sich etwa zehn Jahre später ein stärker biomedizinisch orientiertes, aus vier Schritten bestehendes Modell der US-Pflegewissenschaftlerinnen Helen Yura und Mary B. Walsh.
Der vierphasige Pflegeprozess – bestehend aus Assessment (Einschätzung des Pflegebedarfs), Planning (Pflegeplanung), Implementation (Durchführung der Pflege) und
Evaluation (Beurteilung der Pflege) – wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Arbeitstechnik der professionellen Pflege anerkannt und propagiert. In den USA etablierte sich das WHO-Modell, das um eine weitere Phase erweitert wurde, um auf Grundlage der in der ersten Phase gewonnenen Erkenntnisse eine Pflegediagnose zu stellen.
Sechs Phasen im deutschsprachigen Raum
Im deutschsprachigen Raum hingegen verbreitete sich eine sechsphasige Variante, die Anfang der 1980er-Jahre von den Schweizer Pflegepädagoginnen Verena Fiechter und Martha Meier beschrieben wurde. Angesichts der Weiterentwicklung des pflegerischen Aufgabenspektrums und des evidenzbasierten Wissens in der Pflege empfiehlt die US-amerikanische Pflegewissenschaftlerin Mary Curry Narayan in einer aktuellen Veröffentlichung im American Journal of Nursing vier Anpassungen zur Erweiterung des Pflegeprozesses [1]:
- Der Pflegeprozess sollte in "Wissenschaftliche Methode der Pflege" ("Nursing’s Scientific Method") umbenannt werden. Denn auch wenn der Pflegeprozess eine wirksame Orientierungshilfe für Pflegefachpersonen darstelle, sei er mehr als ein Prozess. "Wir sollten ihn als das bezeichnen, was er ist: eine evidenzbasierte wissenschaftliche Methode, die Pflegefachpersonen dabei leitet, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patienten zu fördern", schreibt Narayan.
- Um die Patientenorientierung und -sicherheit zu stärken, solle der Pflegeprozess um zwei Schritte erweitert werden: um den Beziehungsaufbau ("Relationship Building") als neue erste Phase und Kommunikation ("Communication") als neue letzte Phase. Narayan zufolge stehe der Beziehungsaufbau vor der Einschätzung des Pflegebedarfs. Zudem sei Pflege erst dann abgeschlossen, wenn die nötigen Informationen an Patienten, Pflegefachpersonen und andere Mitglieder des interdisziplinären Teams weitergegeben worden seien.
- Die in den USA verbreitete Variante des Pflegeprozesses enthält die Phasen "Nursing Diagnosis"“ (dt.: Pflegediagnose) und "Outcomes Identification" (dt.: Outcome-Bestimmung). Diese Schritte sollen Narayan zufolge in "Problems/Strenghts Identification" (dt.: Identifizierung der Probleme und Stärken) und in "Goals" (dt.: Ziele) umbenannt werden, um die Mitwirkungsmöglichkeiten der Patienten zu stärken und damit die Outcomes zu verbessern. Die Umbenennung bedeute nicht, dass nicht mehr mit den Diagnosen der NANDA International gearbeitet werden solle.
- Narayan unterstreicht zudem, dass die Wissenschaftliche Methode eine Methode des kritischen Denkens sei, dass Pflegefachpersonen dazu anleite, zielgerichtet, kritisch, kreativ und effektiv zu analysieren, wie sie eine optimale gesundheitsförderliche Pflege leisten können.
[1] Narayan MC. Nursing’s Scientific Method. American Journal of Nursing 2025; 125 (10): 52–57