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Wundmanagement

Lagophthalmus: Augen schützen mit Hydrogel

Hydrogelwundauflagen mit Kleberand im Praxiseinsatz: Die wasserreichen, biokompatiblen Polymernetzwerke fördern ein feuchtes Wundmilieu und eignen sich besonders für die schonende Versorgung sensibler Wunden.

Ein unvollständiger Lidschluss kann die Hornhaut nachhaltig schädigen – insbesondere bei neurologisch schwer beeinträchtigten oder komatösen Patienten. Ein Praxisbericht aus der außerklinischen Intensivpflege zeigt, wie sich Hydrogelverbände als transparente, feuchtigkeitsspendende und alltagstaugliche Maßnahme zum Schutz der Augen bewährt haben.

 

Der vollständige Lidschluss ist eine der wichtigsten Schutzfunktionen des Auges. Beim Lagophthalmus, also einem unvollständigen oder fehlenden Lidschluss, trocknet die Hornhaut aus, entzündet sich und kann bis hin zu Ulzera und dauerhaften Sehschäden geschädigt werden. Besonders häufig tritt das Problem bei neurologisch schwer beeinträchtigten oder komatösen Patienten auf, da der Lidschlussreflex fehlt und die Tränenproduktion reduziert ist. In der außerklinischen Intensivpflege des Zentrums für Beatmung und Intensivpflege in Berlin gehört der Schutz der Augen deshalb zu den zentralen pflegerischen Aufgaben. Herkömmliche Maßnahmen wie Okklusionsschalen oder Fixiervliese bieten Schutz, schränken jedoch das Sehen ein, können beschlagen oder Hautreizungen verursachen. Daher wurde der Einsatz von Hydrogelverbänden erprobt. Diese bestehen aus wasserreichen Polymernetzen, spenden kontinuierlich Feuchtigkeit, sind transparent und lassen sich schonend applizieren. Bei korrekter Anlegetechnik zeigten die in Berlin durchgeführten Behandlungen gute Ergebnisse: Rötungen verbesserten sich rasch, der Lidschluss wurde wiederhergestellt und die Akzeptanz war hoch. Die Methode erwies sich damit als wirksam, gut verträglich, alltagstauglich und wirtschaftlich. Sie schützt die Hornhaut zuverlässig vor Austrocknung, Reizungen und Infektionen und ermöglicht gleichzeitig eine kontinuierliche Sichtkontrolle des Auges.

Warum fehlender Lidschluss riskant ist

Das Augenlid schlägt beim Menschen bis zu 20.000-mal täglich. Dadurch wird der präkorneale Tränenfilm erneuert und gleichmäßig verteilt. So werden Austrocknung und Infektionen verhindert. Auch nachts unterstützt das geschlossene Lid die Regeneration der Augenoberfläche.

Ist der Lidschluss gestört und bleibt ein Auge ganz oder teilweise geöffnet, spricht man von Lagophthalmus. Der Begriff bedeutet wörtlich "Hasenauge". Ein unvollständiger Lidschluss führt dazu, dass der Tränenfilm nicht mehr gleichmäßig verteilt wird. In der Folge kommt es zu Austrocknung, Expositionskeratopathie, Keratitis und in schweren Fällen zu Hornhautulzera. Dauerhafte Hornhautschäden können Narben verursachen und das Sehvermögen bleibend beeinträchtigen. Eine zeitnahe Versorgung ist daher entscheidend.

Die Ursachen lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  • Funktionelle oder physiologische Ursachen, etwa altersbedingte Liderschlaffung, starke Erschöpfung oder nächtlicher Lagophthalmus.
  • Mechanische Ursachen, beispielsweise Narben nach Operationen oder Verletzungen, ein stark vorgewölbter Augapfel bei Morbus Basedow oder Veränderungen der Lidhaut.
  • Neurologische Ursachen, insbesondere Faszialisparesen infolge von Schlaganfällen, Tumoren oder Schädel-Hirn-Traumata.

Die Therapie richtet sich nach Ursache und Ausmaß. Möglich sind operative Maßnahmen wie implantierte Lidgewichte oder Teilvernähungen. Häufiger kommen konservative Verfahren zum Einsatz, etwa künstliche Tränenflüssigkeit, Gele, Fettsalben oder Uhrglasverbände.

Lagophthalmus bei Komapatienten

Besonders häufig tritt ein gestörter Lidschluss bei Komapatienten auf. Ursachen des Komas können medizinisch induzierte Sedierung, Schädel-Hirn-Trauma, Stoffwechselentgleisungen, Vergiftungen oder Sauerstoffmangel sein. Im Koma ist die willkürliche Muskelaktivität aufgehoben, ein bewusstes Schließen der Augen nicht möglich. Zudem kann der Lidschlussreflex abgeschwächt sein oder fehlen. Gleichzeitig ist die Tränenproduktion durch Sedierung, Medikamente oder Beatmung oft reduziert.

Das Zentrum für Beatmung und Intensivpflege in Berlin ist seit 20 Jahren auf ambulante und stationäre Versorgung solcher Patienten spezialisiert. In der außerklinischen Intensivpflege spielt das Wundmanagement eine wichtige Rolle. Neben Dekubitusprophylaxe, Tracheostomaversorgung und chronischen Wunden gehört auch die Versorgung der Augen zu den Aufgaben.

Viele Patienten leiden an schweren neurologischen Erkrankungen oder Verletzungen des Gesichtsnervs. Beim Großteil ist die Bewegung der Augenlider beeinträchtigt. Ein unvollständiger oder fehlender Lidschluss birgt erhebliche Risiken: Der Tränenfilm verdunstet, die Hornhaut wird nicht mehr ausreichend versorgt, Rötungen treten auf und der Augenfilm wird stumpf. Fremdkörper und Mikroorganismen werden nicht mehr entfernt. Es drohen Expositionskeratopathie, Hornhautulzera und im Extremfall Erblindung.

Erste Maßnahme ist die Befeuchtung des Auges mit physiologischer Kochsalzlösung oder Augentropfen. Um dies nicht dauerhaft wiederholen zu müssen, stehen weitere Methoden zur Verfügung. Okklusionsaugenverbände erzeugen ein feuchtes Milieu und erlauben die Sichtkontrolle, können aber beschlagen. Fixiervliese schließen das Auge mechanisch, schränken jedoch die Sicht komplett ein und können Hautreaktionen auslösen.

Erfahrungen aus der außerklinischen Intensivpflege mit Hydrogelverbänden

Deshalb wurden in der erwähnten Einrichtung Hydrogelwundauflagen mit Kleberand erprobt. Hydrogele bestehen aus hydrophilen Polymerketten mit hohem Wasseranteil. Sie sind weich, biokompatibel und werden in der Wundtherapie vor allem bei trockenen oder schwach exsudierenden Wunden eingesetzt. Sie geben über mehrere Tage Feuchtigkeit ab und können überschüssiges Exsudat sowie Keime, Detritus und Geruchsmoleküle in ihrer Gelstruktur binden.

Für die Augenversorgung wurde eine Hydrogelauflage genutzt mit semipermeabler, keim- und wasserdichter Deckschicht und hautfreundlichem Kleberand. Die Gasdurchlässigkeit der Rückseite ist wichtig, da die Hornhaut keine eigenen Blutgefäße besitzt und auf Sauerstoffzufuhr angewiesen ist. Verwendet wurde eine Größe von 4,5 x 6,5 cm.

Vorteilhaft sind die irritationslose Entfernung, die Formstabilität auch nach längerer Verweildauer und vor allem die Transparenz. Dadurch kann das Auge jederzeit kontrolliert werden, ohne den Verband zu entfernen. In der praktischen Anwendung bewährte es sich, die Hydrogelauflage zunächst am Oberlid zu fixieren, dann in der Bewegung nach unten das Lid mitzunehmen und zu schließen und schließlich unter dem Auge zu befestigen. Wichtig ist, die Augenbrauen nicht mitzukleben, da dies als unangenehm empfunden wurde.

Im Unterschied zu Hydrogel in Gelform oder viskösen Augentropfen benötigen Hydrogelauflagen keine zusätzlichen Materialien, um sowohl den mechanischen Lidschluss als auch ein feuchtes Milieu zu gewährleisten.

Methodik und Ergebnisse

Die Behandlung mit Hydrogelverbänden wurde bei drei Patienten durchgeführt.

Fall 1: Ein 45-jähriger Patient mit peripherer Faszialisparese konnte das linke Augenlid nicht mehr bewegen. Zunächst wurde der Lagophthalmus mit Kompresse und Fixiervlies versorgt, was vom Patienten als stigmatisierend empfunden wurde. Die Umstellung auf Hydrogel wurde gut akzeptiert, insbesondere wegen der Transparenz und weil keine Klebereste zurückblieben. Die Behandlung wurde jedoch auf Wunsch des Patienten beendet, da die mitverklebten Augenbrauen als unangenehm empfunden wurden. Daraus ergab sich die Anpassung der Applikationstechnik.

Fall 2: Ein 55-jähriger Patient mit hypoxischem Hirnschaden, dauerhafter Beatmung und perkutaner endoskopischer Gastrostomie litt an beidseitigem Lagophthalmus. Der Lidschlussreflex war aufgehoben, die Hornhaut trocken, das rechte Auge gerötet und gereizt. Nach Reinigung des Auges und Anpassung der Verbandgröße wurde der Hydrogelverband so appliziert, dass die Augenbrauen ausgespart blieben. Bereits nach 24 Stunden zeigte sich eine Besserung: links kam es zum Lidschluss, rechts nahm die Rötung ab und das Auge zeigte wieder Glanz. Nach etwa einer Woche war der vollständige Lidschluss erreicht. In dieser Zeit fanden mehrfach Verbandwechsel mit Reinigung und Kontrolle statt. Der Hydrogelverband kann grundsätzlich zwei bis drei Tage auf dem Auge verbleiben, sofern keine Hautreaktionen auftreten oder sich die Auflage löst.

Fall 3: Eine 67-jährige Patientin mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen und langjähriger schwerster Pflegebedürftigkeit zeigte am rechten Auge fehlenden Lidschluss, Rötung, eingetrübte Linse und gelbliches Sekret. Auch hier wurde dieselbe Hydrogelauflage eingesetzt. Im Verlauf kam es am rechten Auge zu einer größeren Flüssigkeitsansammlung. Das Auge wurde gereinigt und antibiotisch behandelt; vorübergehend blieb es ohne Abdeckung. Nach einigen Tagen konnte die Behandlung fortgesetzt werden. Im Vergleich zum Ausgangsbefund verbesserte sich der Zustand deutlich: Das Auge war klarer und weißer, das Ergebnis insgesamt sehr zufriedenstellend.

Fazit

Lagophthalmus stellt besonders bei neurologisch schwer beeinträchtigten Patienten eine komplexe pflegerische Herausforderung dar. Ohne adäquaten Lidschluss ist die Hornhaut dauerhaft gefährdet.

Die Anwendung von Hydrogelauflagen mit Kleberand hat sich in unserer Einrichtung bewährt. Die drei Fallbeispiele zeigen, dass die Therapie ein zuverlässig feuchtes Milieu schafft und die Hornhaut vor Austrocknung, Irritationen und Ulzerationen schützt. Die Behandlung in der empfindlichen Augenregion war schonend und für Patienten angenehm.

Entscheidend ist die richtige Anwendung: Der Verband sollte am Oberlid fixiert, in der Bewegung nach unten mitgeführt und anschließend unter dem Auge befestigt werden. Die Augenbrauen sollten dabei ausgespart bleiben. Wichtig ist außerdem, dass die Hornhaut keinen direkten Kontakt mit dem Hydrogelkissen hat. Bei bereits vorhandenen Keimen im Auge sollten Hydrogelverbände nicht eingesetzt werden, da sich diese im feuchten Milieu vermehren könnten.

Insgesamt zeigte sich: Der Hydrogelverband verbessert den Lidschluss und die Befeuchtung, schützt vor äußeren Reizen, lässt sich gut in den Pflegealltag integrieren, ermöglicht eine einfache Sichtkontrolle und wird von Patienten wie Angehörigen gut akzeptiert. Zudem ist er durch die mehrtägige Verweildauer auch wirtschaftlich sinnvoll.
 

Interessenkonflikt: Dieser Artikel wurde mit Unterstützung der Paul Hartmann Ag erstellt.

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