• Pflegeimpuls
Internationale Pflegekräfte

So gelingt Integration im Pflegeteam

Integration internationaler Pflegekräfte: 7 Praxistipps

Internationale Pflegekräfte leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung in Deutschland. Doch viele fühlen sich in ihrem neuen Arbeits- und Lebensumfeld nicht ausreichend unterstützt. Erfahrungen aus der Praxis und aktuelle Umfragedaten zeigen, was Kliniken und Pflegeteams tun können, damit Integration gelingt.

 

Ausländische Pflegekräfte in Deutschland leben ein Paradoxon, sagt Nancy Bravo, Expertin für die Integration internationaler Fachkräfte. Sie kämen, um Menschen zu helfen, zu heilen und zu pflegen, fühlten sich jedoch selbst im neuen Arbeitsalltag oft verloren. "Sie berichten mir immer wieder von Schwierigkeiten in der Kommunikation, von Diskriminierung und Isolation", erklärt Bravo, die unter anderem Krankenhäuser in interkulturellen Fragen berät. Auch der Aufbau eines neuen Lebens mit neuen Kontakten sei für die Zugewanderten oft nicht einfach.

Diese Beobachtungen decken sich mit den Ergebnissen einer Erhebung des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) aus dem Jahr 2025. Demnach erhielt rund ein Fünftel der befragten Pflegefachpersonen mit Berufszulassung aus dem Ausland keinerlei Unterstützung beim Ankommen in Deutschland, etwa durch Sprachkurse, Hilfe bei der Wohnungssuche oder Unterstützung bei der Berufsanerkennung.

Was können Kliniken tun, um ihre internationalen Pflegekräfte besser einzubinden? Sieben Impulse aus der Praxis.

1. Noch bevor internationale Pflegekräfte starten: Team vorbereiten

Gelungene Integration beginnt schon lange bevor die Neuen ihren Job antreten – und zwar in der Vorbereitung des Bestandspersonals. Die Teams sollten erfahren, wer sie künftig ergänzt, aus welchen Ländern die Kolleginnen oder Kollegen kommen und welche berufliche Geschichte sie mitbringen. Wie steht es um die Sprachkenntnisse? Welche Qualifikationen liegen vor? Wo wird Unterstützung benötigt? Ebenso wichtig ist die Frage, welche besonderen Kompetenzen und Erfahrungen die neuen Mitarbeitenden mitbringen.

Eine solche Vorbereitung kann Unsicherheiten verhindern und möglichen Vorurteilen vorbeugen. Die BG Klinik Hamburg habe damit ebenso gute Erfahrungen gemacht wie die Asklepios Klinik Altona, berichtet Nancy Bravo aus ihrer Beratungspraxis. "Internationale Zusammenarbeit funktioniert immer besser, wenn beide Seiten vorbereitet sind."

2. Mehr als eine nette Begrüßung: Internationale Pflegekräfte kontinuierlich begleiten

Das BG Klinikum Hamburg hat sogenannte innerbetriebliche Willkommenspaten eingeführt: Mitarbeitende, die die Neuen an die Hand nehmen, ihnen als Ansprechpersonen zur Seite stehen und der Anonymität der ersten Tage und Wochen etwas entgegensetzen. "Die erste Begegnung kann entscheidend dafür sein, ob Vertrauen und Zugehörigkeit entstehen", sagt Bravo.

Wichtig sei dabei, dass diese Patinnen und Paten über interkulturelle Kompetenzen verfügen und wissen, wie sie deutsche Arbeits- oder Kommunikationsgewohnheiten sensibel vermitteln können. Fehlen personelle Ressourcen, sollten zumindest klare Zuständigkeiten definiert werden. Bravo bringt es auf den Punkt: "Eine Willkommenskultur braucht konkrete Strukturen." Keiner der Neuen sollte sich verloren fühlen.

3. Interkulturelles Training für alle

Sprachkurse, eine innerbetriebliche Einweisung, klassisches Onboarding – all das ist wichtig. Für eine gelingende Zusammenarbeit mit internationalen Fachkräften reicht das aber nicht aus, sagt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Stammteams, Führungskräfte und Multiplikatoren sollten interkulturell und möglichst gemeinsam geschult werden.

In einem viermoduligen Programm der BGW werden Beschäftigte unter anderem für Risiken sensibilisiert, die durch Kommunikationsschwierigkeiten, unterschiedliche Werthaltungen oder kulturelle Missverständnisse entstehen können. Die Teilnehmenden lernen, Belastungen und Konflikte im internationalen Team frühzeitig zu erkennen. Auch offener und subtiler Rassismus werden thematisiert.

4. Sprache, Fachlernen und Praxiseinsatz verbinden

Sicher könnte man neue Kolleginnen und Kollegen zunächst am Patientenbett beobachten lassen. Immerhin beherrschen die wenigsten von Beginn an die deutsche Sprache, auch Abläufe und Routinen sind häufig neu. Doch Integration gelingt besser, wenn Sprache, Fachlernen und Praxiseinsatz nicht nacheinander, sondern parallel organisiert werden.

Diese Erfahrung macht der Klinikverbund Gesundheit Nord in Bremen, der am Modellprojekt Integrierte Ausgleichsmaßnahme Pflege (INGA Pflege) des Deutschen Kompetenzzentrums für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) sowie des Bundesgesundheitsministeriums teilnimmt. Dort werden Sprache und Fachpraxis gleichzeitig vermittelt. Die Teilnehmenden erlebten unmittelbar, wofür sie Deutsch im Pflegealltag benötigen, und entwickelten sich gleichzeitig fachlich weiter, berichtet Daniela Wendorff, Leiterin der Bildungsakademie Gesundheit Nord: "Dieses Zusammenspiel wirkt enorm beschleunigend und stärkt die Selbstständigkeit."

5. Sprachstand nicht mit Fachkompetenz verwechseln

Viele Pflegekräfte bringen aus ihrem Herkunftsland ausgeprägtes Fachwissen mit. Wegen sprachlicher Unsicherheiten sind diese Kompetenzen im deutschen Arbeitsalltag jedoch nicht immer sofort sichtbar. Im BGW-Podcast "Herzschlag" nennt Dominik Stark, Fachgesundheits- und Krankenpfleger sowie Vorstandsmitglied der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, Indien als Beispiel: Kolleginnen und Kollegen von dort seien "top motiviert, fachlich sehr stark"; Pflege werde dort studiert.

Umso wichtiger sei es, Sprachstand und fachliche Kompetenz auseinanderzuhalten. "Ein häufiger Fehler ist, die berufliche Kompetenz internationaler Pflegekräfte zu stark anhand ihrer Grammatik, ihres Schreibens oder ihrer mündlichen Ausdrucksfähigkeit zu beurteilen", sagt Nancy Bravo. Die Folge: Fachkräfte werden unterschätzt. "Gerade in der Pflege müssen fachliche Kompetenz und Sprachentwicklung differenziert betrachtet werden."

6. Akademische Pflegekompetenz anerkennen und nutzen

Überhaupt sollten mitgebrachte Kompetenzen nicht brachliegen, sondern gezielt genutzt werden.

Das zeigt ein Projekt der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) in Cottbus. Das Haus gewinnt internationale Pflegekräfte aus Ländern wie Vietnam, Polen, der Ukraine oder Brasilien. Manche bringen neben klinischer Erfahrung auch Bachelorabschlüsse mit. In ihren Herkunftsländern übernehmen diese Pflegefachpersonen häufig weitergehende, eigenverantwortliche Aufgaben, berichtet Pflegevorständin Andrea Stewig-Nitschke.

Für brasilianische Bachelor-Pflegekräfte hat die MUL-CT gemeinsam mit der Brandenburgischen Technischen Universität und dem zuständigen Landesamt ein Verfahren entwickelt, das die Anerkennung der Abschlüsse unterstützt. Die akademischen und praktischen Kompetenzen werden bewertet, ergänzend absolvieren die Teilnehmenden einen Anpassungslehrgang. Davon profitiert auch das Klinikum: Die Pflegefachkräfte können ihre wissenschaftliche Expertise und Berufserfahrung künftig stärker in interprofessionelle Projekte einbringen.

7. Auch außerhalb der Station für Integration sorgen

Integration endet nicht an der Klinikpforte. Wer aus einem anderen Land kommt, braucht auch außerhalb des Arbeitsplatzes Orientierung, Austausch und soziale Kontakte.

Das Universitätsklinikum Essen organisiert dafür beispielsweise einen interkulturellen Pflegestammtisch, bei dem sich Mitarbeitende aus unterschiedlichen Ländern kennenlernen und vernetzen können. Das Klinikum Saarbrücken arbeitet mit lokalen Partnern und Kulturvereinen zusammen und plant bereits vor der Ankunft neuer Pflegekräfte gemeinsame Freizeitaktivitäten.

Internationale Pflege in Zahlen

  • Rund jede fünfte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Pflegekraft in Deutschland hatte 2025 eine ausländische Staatsangehörigkeit.
  • Zehn Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei rund sieben Prozent.
  • Knapp 80 Prozent der vom DBfK befragten Pflegekräfte halten internationale Kolleginnen und Kollegen für wichtig.
  • 46 Prozent bezeichnen sie sogar als unentbehrlich.
  • Knapp vier von zehn Pflegefachpersonen mit Berufszulassung aus dem Ausland würden Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Herkunftsland die Arbeit in der deutschen Pflege nicht empfehlen.

Quellen: Bundesagentur für Arbeit und DBfK-Erhebung

Internationale Pflege bleibt Zukunftsthema

Einrichtungen, die Diversität "nicht als Problem, sondern als Vorteil begreifen und aktiv gestalten", davon ist die BGW überzeugt, haben gute Chancen, Beschäftigte mit Migrationshintergrund erfolgreich einzubinden und langfristig zu halten.

Oder wie Nancy Bravo es formuliert: "Internationale Pflegekräfte kommen nach Deutschland, um Menschen zu versorgen." Sie sollten nicht gleichzeitig damit beschäftigt sein müssen, allein herauszufinden, "wie sie in ihrem neuen beruflichen und sozialen Umfeld funktionieren können".

Bonus-Tipp: Zwei Veranstaltungen für weitere Informationen

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