Nach der jüngsten Hitzewelle fordern Pflegeorganisationen und Pflegekammern verbindlichere Schutzmaßnahmen für Pflegebedürftige und Beschäftigte. Auslöser sind Berichte über Versorgungsengpässe, hitzebedingte Notfälle in Einrichtungen und die wachsende Belastung des Personals.
Während Bund, Länder und Einrichtungen bereits Hitzeschutzpläne entwickelt haben, kritisieren mehrere Akteure fehlende Verbindlichkeit bei deren Umsetzung. Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen (NRW) fordert automatische Schutzmechanismen bei definierten Temperatur- und Risikoschwellen. Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz verlangt eine bessere personelle und bauliche Vorbereitung auf künftige Extremwetterlagen. Auch aus Bremen kommt Kritik an aus Sicht von Patientenvertretern unzureichenden Vorgaben für Pflegeeinrichtungen.
Pflegekammern fordern feste Auslösekriterien
Die Pflegekammer NRW sieht im Umgang mit Hitze ein strukturelles Problem. Vorstandsmitglied Dominik Stark sagte: "Hitze ist die vorhersehbarste aller Krisen. Wir kennen die Risiken seit Jahren, es gibt Aktionstage und Empfehlungen – und trotzdem greifen die Systeme zu spät."
Die Kammer fordert, Hitzeschutzmaßnahmen verbindlich an Warnstufen des Deutschen Wetterdienstes zu koppeln. Pflegefachpersonen sollten zudem in Ausnahmesituationen mehr Handlungsspielräume erhalten, um Schutzmaßnahmen eigenständig einleiten zu können.
Auch die Präsidentin der Pflegekammer NRW, Sandra Postel, drängt auf automatisierte Verfahren: "Wir brauchen Systeme, die ab definierten Schwellenwerten automatisch greifen – zum Beispiel ab 38 Grad oder bei klar definierten Risikokonstellationen."
Rheinland-Pfalz richtet Notfallmeldesystem ein
Die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz hat als Reaktion auf die jüngsten Ereignisse ein Notfallmeldesystem für Pflegefachpersonen eingerichtet. Hintergrund ist unter anderem ein Großeinsatz in einem Seniorenheim im Donnersbergkreis, nachdem mehrere Bewohner infolge der Hitze kollabiert waren. Feuerwehr, Rettungsdienst und Notärzte waren im Einsatz.
Kammerpräsident Markus Mai sieht darin ein Warnsignal für das gesamte Versorgungssystem. "Hitzeperioden dieser Intensität sind keine Ausnahme mehr", sagte er. Die Kammer fordert unter anderem verbindliche Hitzeschutzkonzepte, klare Abläufe bei Hitzewarnungen, bauliche Anpassungen wie Verschattung und Kühlung sowie Personalreserven für Belastungsspitzen.
Kritik an fehlenden Vorgaben für Pflegeheime
Auch die Bremer Initiative "Heim-Mitwirkung" fordert mehr verbindliche Standards in der stationären Langzeitpflege. Patientenvertreter Reinhard Leopold kritisierte, dass Hitzeschutz bei Änderungen der Bauvorschriften für Pflegeeinrichtungen nicht ausreichend berücksichtigt worden sei. Nach seiner Auffassung fehlen verbindliche Vorgaben für Verschattung, Kühlung und bauliche Vorsorge gegen Überhitzung.
Leopold verweist zudem auf die Belastung der Beschäftigten. "Pflegekräfte arbeiten ohnehin am Limit. Wenn zur chronischen Unterbesetzung noch extreme Hitze hinzukommt, steigt das Risiko für körperliche Zusammenbrüche massiv."
Damit verschiebt sich die Debatte zunehmend von kurzfristigen Verhaltensmaßnahmen hin zu der Frage, wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen organisatorisch, personell und baulich auf häufigere Hitzewellen vorbereitet werden können.