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Akademisierung

Jeske: "Evidenz muss in der Versorgung ankommen"

Robert Jeske ist seit 2021 Pflegedirektor am Universitätsklinikum Ulm.

Am Universitätsklinikum Ulm (UKU) sind mittlerweile rund fünf Prozent der Pflegefachpersonen in der direkten Patientenversorgung akademisch qualifiziert. Ein externes Gutachten bescheinigt dem Universitätsklinikum Ulm Fortschritte bei der Einführung hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen sowie der akademischen Pflege und empfiehlt den weiteren Ausbau entsprechender Strukturen. Wir sprachen mit Pflegedirektor Robert Jeske über die Bedeutung der Analyse für die Pflegepraxis und die nächsten Entwicklungsschritte.

Herr Jeske, was sind die zentralen Ergebnisse und Empfehlungen des Gutachtens?

Mit der Integration der ehemaligen RKU – Universitäts- und Rehabilita­tionskliniken Ulm als Campus Nord in das Universitätsklinikum Ulm zu Beginn dieses Jahres wurden unterschiedliche Entwicklungspfade akademischer Pflege zusammengeführt. Der Campus Nord bringt langjährige Erfahrungen aus einer Magnet-orientierten Organisationsentwicklung sowie etablierte pflegewissenschaftliche Strukturen und Netzwerke ein. Das Gutachten bewertet den aktuellen Entwicklungsstand vor dem Hintergrund, dass die strukturierte Implementierung von Rollenprofilen für Pflegefachpersonen mit Bachelor- und Masterabschluss am Universitätsklinikum Ulm Ende 2023 begonnen hat. Es kommt zu dem Ergebnis, dass die Aufbauleistung beim Einsatz hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen in dieser kurzen Zeit gelungen ist. Strukturen für Praxisentwicklung, Evidenzbasierung und pflegewissenschaftliches Arbeiten wurden erfolgreich implementiert. Das UKU verfügt einschließlich Campus Nord über eine tragfähige Ausgangsbasis. Unternehmensweit haben etwa fünf Prozent der Pflegefachpersonen in der direkten Patientenversorgung einen in Deutschland anerkannten oder erworbenen Bachelor- oder Masterabschluss. Die Empfehlung lautet, hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen als Bestandteil einer strategischen Organisationsentwicklung weiterzuführen und bei der Zusammenführung der Standorte eine gemeinsame universitätsklinische Rollen-, Qualifikations-, Karriere- und Governance-Architektur zu entwickeln. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen dabei systematisch in die Patientenversorgung übertragen werden.

Warum das Gutachten erstellt wurde

Anlass für das Gutachten war eine geplante Evaluation der am Universitätsklinikum Ulm eingeführten Rollenprofile für hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen nach einer rund zweijährigen Implementierungsphase. Die Pflegedirektion wollte die Entwicklung von externen Expertinnen und Experten bewerten und in den nationalen sowie internationalen Kontext einordnen lassen.

Nach Einschätzung des UKU gewinnt der gezielte Einsatz akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen angesichts der GKV-Finanzreform, zunehmender Arbeitsverdichtung und möglicherweise sinkender Ausbildungskapazitäten weiter an Bedeutung. Das Gutachten empfiehlt unter anderem, pflegesensitive Outcome-Indikatoren künftig systematisch zu erfassen, um den Beitrag akademischer Pflege zur Versorgungsqualität messbar zu machen.

Erarbeitet wurde die Analyse von einem externen Gutachterteam um Andreas Kocks vom Universitätsklinikum Bonn und Marcel Sailer von der Technischen Hochschule Rosenheim. Grundlage waren Dokumentenanalysen, Kennzahlen, Fokusgruppen und eine Mitarbeitendenbefragung. Im Fokus stand nicht die Bewertung einzelner Projekte oder Personen, sondern die organisationsweite Entwicklung der akademischen Pflege am Universitätsklinikum Ulm.

Welchen Nutzen sollen Pflegefachpersonen, Patientinnen und Patienten davon im Alltag haben?

Das Gutachten bestätigt, dass wir auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen sollten. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass vorhandene Kompetenzen dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen für Patientinnen und Patienten stiften. Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen können dabei eine wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Versorgung bilden.

Akademisch qualifizierte Pflege im gesamten Klinikum

Welche Rolle spielt akademische Pflege künftig am Universitätsklinikum Ulm? 

Die besondere Aufgabe hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen besteht darin, wissenschaftliche Evidenz systematisch in die klinische Versorgung zu übertragen. Dadurch entwickeln sie die Pflegequalität kontinuierlich weiter und stärken die Patientensicherheit. Sie übernehmen bereits heute Aufgaben in der direkten Patientenversorgung, Forschung, Lehre und Führung. Wir verfolgen bewusst einen Ansatz, der akademisch qualifizierte Pflegende in einem von der Pflegedirektion zentral koordinierten Netzwerk über das gesamte Universitätsklinikum hinweg einsetzt. Dadurch können insbesondere komplexe Versorgungssituationen, interprofessionelle Zusammenarbeit, Innovationen und die Einführung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse unterstützt werden. Das betrifft beispielsweise die Intensivmedizin, Onkologie, Gynäkologie, das Wundmanagement oder die sektorenübergreifende Versorgung. Unsere Endometriose-Nurse etwa sorgt für einen erheblichen Mehrwert aus Sicht der Patientinnen und entwickelt das Versorgungskonzept kontinuierlich weiter. Unser Ziel ist immer der qualifikationsgerechte Einsatz vorhandener Kompetenzen zum Nutzen der Patientinnen und Patienten.

Welche Rolle APN künftig spielen sollen

Was muss sich konkret ändern, damit akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen dauerhaft im Klinikalltag verankert werden?

Das Gutachten empfiehlt eine langfristige, organisationsweite Pflegearchitektur. Dazu gehören insbesondere verbindliche Rollenprofile, transparente Karrierewege, klare Verantwortlichkeiten, sowie ausreichende Ressourcen für Praxisentwicklung und wissenschaftliches Arbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der noch besseren Verzahnung von Versorgung, Wissenschaft, Lehre und Qualitätsentwicklung. Hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen sollen ihre Kompetenzen systematisch in die Weiterentwicklung der Patientenversorgung einbringen können. Gleichzeitig empfiehlt das Gutachten, die Entwicklung anhand geeigneter Qualitäts- und Outcome-Indikatoren kontinuierlich zu evaluieren.

Welche Bedeutung haben dabei Advanced Practice Nurses, kurz APN?

Das Gutachten beschreibt den differenzierten Einsatz hochschulisch qualifizierter Pflegefachpersonen von Bachelorabsolventinnen und -absolventen bis hin zu APN-Rollen am UKU. Advanced Practice Nurses sind besonders dort von Bedeutung, wo hochkomplexe Versorgungssituationen, klinische Expertise, Beratung, Koordination oder die Entwicklung neuer Versorgungskonzepte erforderlich sind. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Gesamtarchitektur, aber nicht der alleinige Schlüssel für den erfolgreichen Einsatz akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen. Die akademische Pflegeentwicklung gelingt nur nachhaltig, wenn sämtliche Qualifikationsniveaus sinnvoll aufeinander abgestimmt sind und Mitarbeitende ihren Kompetenzen entsprechend eingesetzt werden.

Ergebnisse sollen veröffentlicht werden

Werden die Ergebnisse des Gutachtens öffentlich zugänglich sein?

Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit dem Gutachterteam an wissenschaftlichen Veröffentlichungen und einer Managementpublikation, um die gewonnenen Erkenntnisse einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Über Form und Zeitpunkt der Veröffentlichung wird noch entschieden. Unser Ziel ist, die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie auch anderen Einrichtungen Impulse für die Weiterentwicklung akademischer Pflege und evidenzbasierter Versorgungsstrukturen geben können.

Wo soll das UKU bei der akademischen Pflege in fünf Jahren stehen?

Unser Ziel ist, dass in fünf Jahren akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen als eine tragende Säule des Qualifikationsmixes fest etabliert sind. Sie sind intern wie extern hervorragend vernetzt, treiben Innovationen voran, engagieren sich wissenschaftlich und übernehmen Verantwortung in Lehre, Praxisentwicklung und Koordination. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen sorgen sie dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse noch konsequenter in die direkte pflegerische Versorgung einfließen. Die Wirksamkeit ihrer Tätigkeit wollen wir mit geeigneten Qualitäts- und Outcome-Indikatoren transparent und messbar machen. Darüber hinaus kann ich mir gut vorstellen, dass wir bei der Übertragung heilkundlicher Aufgaben weitere Fortschritte erzielen. Insgesamt eröffnen sich für Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner attraktive Entwicklungsperspektiven, während sich die Versorgungsqualität und die Behandlungsergebnisse der Patientinnen und Patienten kontinuierlich verbessern.

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