• News
Nachhaltigkeit

Weniger OP-Abfall: Einfluss auf Arbeitsabläufe

Neue Ansätze in der Anästhesie sollen Medikamentenabfälle im OP deutlich reduzieren. Welche Folgen das für Arbeitsabläufe haben kann.

Der Druck auf Kliniken, nachhaltiger zu arbeiten, wächst – auch im Operationssaal. Neue Forschung aus der Anästhesie zeigt, wie sich der Medikamentenverbrauch deutlich senken ließe. Für das Pflegepersonal könnte das Auswirkungen haben, vor allem bei Abläufen, Materialeinsatz und Organisation im OP.

Viel Abfall – auch im Klinikalltag

Das Gesundheitssystem verursacht laut Schätzungen rund vier bis fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Besonders ressourcenintensiv sind Bereiche wie Anästhesie und Intensivmedizin. Darauf verweist das Universitätsklinikum Bonn (UKB) in einem aktuellen Beitrag. 

Hinzukommt: Im Klinikalltag entstehen große Mengen an Abfall. Allein auf Intensivstationen können pro Patient täglich bis zu 17 Kilogramm Müll anfallen. Ein Teil davon stamme aus nicht verbrauchten Medikamenten, so das UKB.

Für die Pflege ist das kein abstraktes Problem: Sie ist direkt in Materialbereitstellung, Entsorgung und Abläufe eingebunden.

Propofol: Häufig genutzt – oft verworfen

Als Beispiel führt das UKB das Narkosemittel Propofol an. Es gilt als Standard in vielen Operationen, etwa weil es eine schnelle Erholung und weniger Übelkeit ermögliche. 

Gleichzeitig zeige aber die Forschung nach UKB-Angaben:

  • 23 bis 50 Prozent des aufgezogenen Propofols werden nicht verwendet und entsorgt
  • damit ist es einer der größten Posten beim Medikamentenabfall im OP

Für die Praxis bedeutet das: Ein erheblicher Teil der vorbereiteten Medikamente wird routinemäßig verworfen – und verursacht Kosten sowie Müll.

Neue Ansätze: Weniger Verbrauch durch bessere Steuerung

Ein Forschungsteam am UKB hat untersucht, wie sich dieser Verbrauch reduzieren lässt. Ein Ansatz: die Nutzung moderner, automatisierter Infusionssysteme (sogenannte Target Controlled Infusion, TCI).

Diese Systeme berechneten den Bedarf individueller und passten die Dosierung während der Narkose an. Laut den vorliegenden Analysen könnte das:

  • den Medikamentenverbrauch besser vorhersagen
  • den Verwurf deutlich senken
  • den Materialeinsatz reduzieren

In Simulationen habe sich der Propofol-Verwurf so um 30 bis 50 Prozent verringern können. 

Allerdings: Die Ergebnisse basieren bislang überwiegend auf Modellrechnungen und retrospektiven Daten. Ob sich die Effekte im Alltag eins zu eins bestätigen, werde aktuell noch klinisch überprüft.

Das UKB erprobt aktuell zudem bereits Konzepte wie "Reduce, Reuse, Recycle" in einzelnen Teams. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Prozesse:

  • Wie viel Material wird vorbereitet?
  • Was wird wirklich gebraucht?
  • Wie lassen sich Abläufe effizienter gestalten?

Pflegekräfte sind hier oft zentral beteiligt, etwa bei:

  • Vorbereitung von Medikamenten
  • Organisation im OP
  • Umsetzung von Hygienestandards und Entsorgung

Was bedeutet das für Pflegepersonal im OP?

Auch wenn die Entscheidung für Anästhesieverfahren primär ärztlich getroffen wird, hat sie direkte Auswirkungen auf die Pflegepraxis im OP:

1. Veränderungen bei Abläufen

  • Weniger Medikamentenverwurf könnte bedeuten: präzisere Vorbereitung statt "auf Vorrat"
  • automatisierte Systeme verändern den Umgang mit Infusionspumpen

2. Materialmanagement

  • Reduzierter Verbrauch könnte Müllmengen senken
  • gleichzeitig könnten andere Prozesse (z. B. mehr Pumpeneinstellungen) an Bedeutung gewinnen

3. Arbeitsaufwand – nicht eindeutig

  • Einige Maßnahmen (z. B. kleinere Ampullen) könnten den UKB-Angaben zufolge mehr Spritzenwechsel und zusätzlichen Kunststoffabfall bedeuten
  • neue Technik kann grundsätzlich entlasten – erfordert aber auch Schulung und Eingewöhnung

Weniger Medikamentenabfall im OP ist also letztlich ein relevantes Ziel – auch aus Sicht der Pflege. Neue Anästhesieverfahren könnten dazu beitragen, Ressourcen zu sparen.

Ob und wie stark sich das im Pflegealltag bemerkbar macht, hängt jedoch davon ab, wie praktikabel die Lösungen sind. Für Pflegende bedeutet das vor allem eins: Nachhaltigkeit wird zunehmend Teil ihrer täglichen Arbeit – mit direkten Auswirkungen auf Abläufe, Verantwortung und Organisation im OP.

Nachhaltigkeit als Teil der Pflegearbeit

In vielen Häusern wird Nachhaltigkeit bereits systematisch in Prozesse, Schulungen und Qualitätsmanagement integriert, wie das Beispiel UKB zeigt.

Auch am Universitätsklinikum Halle (Saale) wird sie systematisch in Klinikstrategie, Prozesse und Pflegepraxis integriert, etwa durch Minimal-Flow-Narkosen, Recyclingmaßnahmen und einen bewussteren Materialeinsatz. Ziel ist dort, CO₂-Emissionen und Ressourcenverbrauch deutlich zu senken, ohne die Patientensicherheit zu beeinträchtigen.

Gleichzeitig brauche es kulturelle Veränderungen im Team, schreibt die Umweltmanagementbeauftragte Annett Christel vom Uniklinikum Halle in ihrem Beitrag. Nachhaltiges Arbeiten sei im Alltag zu verankern – trotz Zeitdruck, Personalmangel und hoher Verantwortung. Und auch wenn nachhaltige Veränderungen im Klinikalltag  herausfordernd seien – etwa durch hohe Hygienestandards, fehlende Daten, wirtschaftlichen Druck und nötige Schulungen.

Für die Pflege bedeutet das eine wachsende Rolle bei der Umsetzung, Organisation und Weiterentwicklung nachhaltiger Abläufe im OP und auf Intensivstationen, wodurch ökologische Verantwortung zunehmend Teil der täglichen Arbeit wird.

Kostenloser Newsletter

  • 2x Wöchentlich News erhalten
  • garantiert kostenlos, informativ und kompakt
* Ich stimme den Bedingungen für den Newsletterversand zu. 

Bedingungen für Newsletterversand:

Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig pflegerelevante News aus Politik, Wissenschaft und Praxis zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen.