• News
COVID-19

RKI schwächt Empfehlungen für Pflegende ab

Carsten Hermes, Sprecher der Sektion Pflege in der DGIIN, kritisiert die aktuellen Optionen scharf, die das RKI für medizinisches Personal mit COVID-19-Kontakt nun erlaubt.
Carsten Hermes, Sprecher der Sektion Pflege in der DGIIN, kritisiert die aktuellen Optionen scharf, die das RKI für medizinisches Personal mit COVID-19-Kontakt nun erlaubt.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat seine Empfehlungen für COVID-19-Kontaktpersonen unter medizinischem Personal gelockert und an Situationen mit "relevantem Personalmangel" angepasst. Aus seinen am Montag veröffentlichten "Optionen zum Management von Kontaktpersonen unter medizinischem Personal bei Personalmangel" geht u. a. hervor, dass Pflegende z. B. nach engem ungeschütztem Kontakt zu COVID-19-Erkrankten nicht mehr so lange in Quarantäne müssen und bei dringendem Bedarf arbeiten dürfen – solange keine Symptome auftreten.

Quarantäne wird für Pflegende nicht mehr so strikt empfohlen

Mit diesen neuen Empfehlungen "soll die Balance zwischen Praktikabilität und Patientenschutz gewahrt bleiben", verdeutlichte RKI-Präsident Lothar Wieler am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin. Er betonte, dass das Vorgehen möglichst mit dem zuständigen Gesundheitsamt abgesprochen werden sollte und ausschließlich bei Personalmangel infrage komme.

Die vom RKI vorgeschlagenen Optionen unterscheiden zwischen 2 Risikovarianten:

1. Vorgehen bei hohem Expositionsrisiko

  • War eine Pflegefachperson einem hohen Expositionsrisiko ausgesetzt, z. B. Sekreten oder Aerosolen eines Erkrankten, erfolgt eine häusliche Quarantäne. Diese kann statt der bisherigen 14 Tage auf 7 Tage reduziert werden.
  • Zeigt die Kontaktperson anschließend keine Symptome, kann sie mit Mund-Nasen-Schutz arbeiten.
  • In Ausnahmefällen ist eine Versorgung ausschließlich von COVID-19-Patientinnen und -Patienten denkbar.
  • Bis 14 Tage nach der Exposition soll sich die Kontaktperson selbst beobachten und Symptome dokumentieren.
  • Treten Symptome auf, muss sofort auf SARS-CoV-2 getestet werden.

2. Vorgehen bei begrenztem Expositionsrisiko

  • Pflegende mit begrenztem Expositionsrisiko, z. B. bei Kontakt unter 2 m zu COVID-19-Erkrankten ohne Schutzausrüstung oder mind. 15 Min. Face-to-face-Kontakt, können bei Symptomfreiheit mit Mund-Nasen-Schutz weiterarbeiten.
  • Falls möglich sollte aber der Einsatz dieser Personen in der Versorgung vulnerabler Patientengruppen vermieden werden.
  • Auch diese Kontaktpersonen müssen sich selbst beobachten, Symptome dokumentieren und beim Auftreten von Symptomen umgehend einen Test auf SARS-CoV-2 vornehmen lassen.

Das RKI betont zu diesen Optionen ausdrücklich: "Die folgenden Handlungsoptionen sollen nur in Situationen zur Anwendung kommen, in denen ein relevanter Personalmangel (adäquate Versorgung der Patienten nicht gewährleistet) vorliegt und andere Maßnahmen zur Sicherstellung einer angemessenen Personalbesetzung ausgeschöpft sind."

Hermes fordert: Pflegende nach intensivem Kontakt mit COVID-19-Erkrankten flächendeckend testen

Die aktuellen RKI-Optionen riefen weitere bizarre Situationen hervor, kritisiert der Sprecher der Sektion Pflege in der Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Carsten Hermes, gegenüber BibliomedPflege. Es sei "sehr zu befürchten", dass Kliniken die RKI-Begründung für die gelockerten Quarantäne-Empfehlungen großzügig auslägen und generell anwendeten - selbst ohne relevantem Personalmangel oder Ausschöpfung anderer Optionen.

Außerdem fragt der Intensivpfleger, wie es sein könne, dass einerseits die Bundeskanzlerin nach einem vermeintlichen Kontakt mit infiziertem Personal in Quarantäne komme, um Menschen nicht zu gefährden, andererseits aber Pflegepersonal u. U. weiter arbeiten dürfe – wohlwissend, dass "ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung ohne COVID-19-Symptome ist und bleibt und dennoch infektiös sein kann".

"Pflegende, die nachweislich länger als 15 Minuten Kontakt zu einer am Coronavirus infizierten Person hatten, werden derzeit oft weder getestet noch kommen sie in Quarantäne, so lange sie keine Infektionszeichen haben", verdeutlicht Hermes besorgt und stellt die Forderung: "Wichtig wäre jetzt, das Personal in Pflege und Medizin nach Kontakt mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten flächendeckend zu testen." Dazu gehöre auch, die Möglichkeit zu nutzen, herauszufinden, wer ggf. bereits immunisiert sei. "Natürlich wird es Situationen geben, in denen wir flexibel sein und Anpassungen treffen müssen. Aber ist das zum jetzigen Zeitpunkt schon in dieser Form  notwendig? Der Gipfel der Pandemie-Welle kommt erst noch. Wir könnten die Zeit jetzt noch nutzen, um Personal auch zu schonen", so Hermes weiter. 

Hermes fürchtet einen "Bumerang an Frust, Ausfall und Jobflucht"

"Ein nicht unerheblicher Teil von Pflegenden zählt zudem zur COVID-19-Risikogruppe, ist vorerkrankt oder bereits etwas älter", gibt Hermes zu bedenken. Es sei betreffenden Kolleginnen und Kollegen schwierig zu vermitteln, "wenn möglich in Bereichen, in denen ein geringes Infektionsrisiko vorherrscht" (RKI), zu arbeiten. "In der Intensivpflege gibt es kein solches geringes Risiko und die Kliniken setzen diese Mitarbeitenden nicht in anderen Bereichen ein", so Hermes.

Zudem sieht Hermes den Einsatz unerfahrener Pflegender in der Intensivpflege, ohne dem Stammpersonal zusätzliche Kompetenzen und Verantwortung zu geben, kritisch. "Gerade jetzt sollten Fachpflegende mit langjähriger Erfahrung und Spezialisierung entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden“, sagt Hermes gegenüber BibliomedPflege. "Unsere Arbeit braucht mehr als eine technische Einweisung in Geräte und Grundeinstellungen, vor allem wenn die Patientinnen und Patienten wieder auf die Beine gebracht werden müssen."  

"Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die Arbeitsbedingungen für Pflegende konsequent verschlechtern (--> Personaluntergrenzen sind für die nächsten 6 Monate ausgesetzt) und Kolleginnen sowie Kollegen über ihre eigenen Grenzen hinaus einsetzen. Besonders jetzt, wo die richtigen Belastungen noch vor uns liegen. Das kann einen Bumerang an Frust, Ausfall und Jobflucht geben", fürchtet Hermes.

In anderen Ländern, z. B. Italien, würden die Personalschlüssel in der Intensivpflege oder anderen Bereichen der Pflege nicht aufgeweicht. In den Niederlanden gebe es sogar kostenlose Verpflegung und Obstkörbe für die Belegschaft.

DIE SCHWESTER | DER PFLEGER

12x jährlich

Die Schwester | Der Pfleger 
Deutschlands meistabonnierte Pflegezeitschrift

Zeitschriftencover

PflegenIntensiv

4x jährlich

PflegenIntensiv ist das Spezialmagazin für Pflegende auf Intensivstationen, in der Anästhesie und im OP

Zeitschriftencover

Angehörige pflegen

4x jährlich

Angehörige pflegen ist auf die Bedürfnisse und Fragen pflegender Angehöriger zugeschnitten

Deutsches Pflegeblatt

halbjährlich

Hautnah dabei - das Magazin für alle Akteure in der Pflege an der Seite der Kammern, Berufsverbände und Politik 

DPB_01-2019-Titel.jpg

PKR Pflege- & Krankenhausrecht

6x jährlich

Einschlägige Gerichtsurteile, wichtige Entscheidungsgründe und Kommentierungen prägen die Inhalte dieser anerkannten Fachzeitschrift

Zeitschriftencover

f&w führen und wirtschaften im Krankenhaus

12x jährlich

Deutschlands meistgelesene Fachzeitschrift für das Management im Krankenhaus 

Zeitschriftencover