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  • 26.07.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Sterbefasten

"Das Thema kommt auf uns zu"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2018

Seite 44

Es kommt vor, dass alte, oft schwerstkranke Menschen ihr Lebensende selbst bestimmen möchten. Ein möglicher Weg ist der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, das sogenannte Sterbefasten. Für Pflegende und Ärzte kann dieser Wunsch mit Konflikten einhergehen. Wir sprachen mit dem Neurobiologen und Buchautoren Christian Walther.

Herr Walther, das Thema selbstbestimmtes Sterben wird vielfach tabuisiert. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, darüber zu sprechen?

Es ist zunächst wichtig, dass darüber gesprochen und geschrieben werden darf. Es ist Fakt, dass heutzutage ein kleiner Teil der Bevölkerung wissen möchte, wie man sein Leben gegebenenfalls vorzeitig beenden könnte. In einer aufgeklärten Gesellschaft ist es angemessen, dass das Thema nicht unter den Teppich gekehrt wird, sondern jeder, der es möchte, sich darüber informieren kann. Es ist noch nicht besonders lange her, dass auch über Themen wie Sexualität und Empfängnisverhütung nicht frei gesprochen werden durfte. Für Pflegende ist es zudem wichtig, sich mit dem selbstbestimmten Sterben auseinanderzusetzen, weil Patienten oder Bewohner mit diesem Wunsch an sie herantreten können. Daher ist es gut, informiert zu sein und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ob wir es wollen oder nicht – das Thema kommt auf uns zu!

Sie haben ein Buch über den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, kurz FVNF, veröffentlicht. Was bedeutet FVNF genau?

Man stirbt vorzeitig, weil man bewusst nichts mehr trinkt und isst. Das muss zum einen unterschieden werden von einem eher unbewussten Nahrungs- und Flüssigkeitsverzicht, wie er vor allem bei Menschen mit Demenz vorkommen kann. Es muss aber auch unterschieden werden vom Sterbeprozess, wo der Sterbende ebenfalls aufhört zu essen und zu trinken. In letzterem Fall gilt: Man isst und trinkt nichts mehr, weil man stirbt. Beim FVNF hingegen stirbt man, weil man nichts mehr isst und trinkt.

Wie viele Menschen wählen diesen Weg?

Geschätzte Zahlen für die Niederlande und Belgien gehen davon aus, dass zwischen 0,5 und zwei Prozent aller Todesfälle pro Jahr auf FVNF beruhen. In Deutschland gibt es keine Versuche, die Häufigkeit des FVNF abzuschätzen.

In den Niederlanden und Belgien ist Beihilfe zum Suizid und sogar Tötung auf Verlangen erlaubt. Warum entscheiden sich dort schwerstkranke Menschen dennoch für FVNF?

Weil auch in diesen Ländern die gesetzlich erlaubte Sterbehilfe an feste Kriterien gebunden ist. Das heißt, der Betreffende muss sich in einer medizinisch ausweglosen Situation befinden, in der ein anhaltendes, unerträgliches physisches oder psychisches Leid besteht und nicht gelindert werden kann. Für Menschen, die diesen Kriterien nicht genügen und die dennoch zu sterben wünschen, kann FVNF ein Ausweg sein.

Welche Krankheitsbilder stehen hinter dem Wunsch, zu sterben?

Das ist ganz unterschiedlich. Eine wissenschaftliche Analyse von rund 100 Fallberichten zum Sterbefasten zeigt: Etwa 40 Prozent waren an Krebs erkrankt, weitere 32 Prozent litten an einer schweren somatischen, oft neurologischen Erkrankung, und die restlichen 28 Prozent hatten schwere Altersleiden wie Erblindung, Taubheit, Gehbehinderung oder chronische Schmerzen.

Wie lange dauert der Sterbeprozess beim Sterbefasten?

Bei sehr konsequentem Trinkverzicht – also von Anfang an nur etwa 50 Milliliter Flüssigkeit pro Tag – dauert er etwa zehn bis 14 Tage. Bei sehr schlechtem Gesundheitszustand kann er mit etwa einer Woche auch deutlich kürzer liegen. Manche wollen es nicht so hart angehen lassen und hören zunächst mit dem Essen und erst etwas später mit dem Trinken auf. Dann kann der Sterbeprozess etwa 20 bis 30 Tage dauern. Bei inkonsequentem Verhalten, also wenn zwischendurch doch gegessen und getrunken wird, kann er auch deutlich darüber liegen.

Was ist mit Hunger- und Durstgefühlen?

Wenn man konsequent fastet, also nichts isst und keine kohlenhydrathaltigen Getränke zu sich nimmt, hat man nach wenigen Tagen kein Hungergefühl mehr. Das Durstgefühl ist aber in jedem Fall ein Problem. Es kann mittels einer konsequenten Mundpflege gemildert werden. Das bedeutet, dass dem Sterbenden regelmäßig kleine Mengen Flüssigkeit zugeführt werden, zum Beispiel in Form von zerstoßenem Eis, getränkten Mullkompressen oder Sprühnebel – aber möglichst nicht mehr als 50 Milliliter pro Tag.

Sollten Pflegende regelmäßig Essen und Flüssigkeit anbieten?

In den ersten zwei, drei Tagen sollte man immer mal etwas zu essen und vor allem zu trinken hinstellen, für den Fall, dass der Betroffene seine Entscheidung revidieren möchte. In den ersten zirka fünf Tagen bei FVNF ist das noch ohne bleibenden Nierenschaden möglich. Wenn der Betroffene aber nicht möchte, dass man ihm etwas anbietet oder ein Glas Wasser auf den Nachttisch stellt, sollte man das respektieren.

Was sind Komplikationen, die auftreten können?

Es können Schlafprobleme, Unruhe, Ängste oder Verwirrtheitszustände auftreten. All das kommt aber auch sonst beim Sterbeprozess vor und lässt sich medikamentös weitgehend eingrenzen. Auch kann es zu Stürzen kommen, und in manchen Fällen muss mit Druckgeschwüren gerechnet werden, sofern hierzu keine Vorsorge getroffen wird.

Sind zusätzlich sedierende Medikamente indiziert?

Bei Ängsten und Unruhezuständen können auch sedierende Medikamente eingesetzt werden. Gegen das Durstempfinden helfen diese aber nicht wirklich – auch wenn eine leichte Sedierung vielleicht bewirkt, dass man es zeitweise besser beiseiteschieben kann. In den neuen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, kurz SAMW, zum Umgang mit Sterben und Tod heißt es: „Eine Sedierung zur Unterdrückung von Hunger- und Durstgefühlen ist nicht zulässig.“ Damit dürfte sehr wahrscheinlich eine tiefe, das Bewusstsein ausschaltende Sedierung gemeint sein.

Liest man die Fallberichte in Ihrem Buch oder auf der Webseite www.sterbefasten.org, so bekommt man den Eindruck, dass das Sterbefasten eine eher schwere, leidvolle Methode ist.

Ja, es ist kein leichter Weg. Wer ihn geht, möchte wirklich sterben. Wer damit quasi kokettiert oder Aufmerksamkeit erzielen möchte, wird das nicht durchhalten. Auch für jüngere Menschen ist dieser Weg nicht geeignet, weil diese von Natur aus mit dem Durstgefühl nicht zurechtkommen würden. Weitere Gründe, die für diesen Weg sprechen: Es ist eine absolut sichere Methode. Die Entscheidung kann revidiert werden. Der Abschied kann bewusst geplant und gestaltet werden. Viele Angehörige berichten von positiven Erlebnissen, die sie im Rahmen des Abschiednehmens erlebt haben.

Wie ist die rechtliche Situation für Angehörige und professionelle Helfer, die den Sterbenden auf diesem Weg begleiten?

Rechtlich kann FVNF als eine Selbsttötungshandlung betrachtet werden. Da diese nicht als Straftat gilt, ist auch eine Beihilfe zum Suizid nicht strafbar. Beihilfe ist immer nur dann strafbar, wenn auch die Tat, zu der Hilfe geleistet wurde, mit Strafe bedroht ist. In Deutschland gibt es seit Ende 2015 mit dem Paragraph 217 ein strafrechtliches Verbot der sogenannten geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid. Dies hat eine unklare Situation geschaffen für diejenigen, die rein beruflich nicht einmalig und sozusagen ausnahmsweise handeln, sondern „geschäftsmäßig“ – weil es eben zu ihren normalen Aufgaben gehört. Beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe liegen mittlerweile mehrere Beschwerden zu diesem Paragrafen vor. Mit einer Entscheidung ist aber nicht vor 2019 zu rechnen.

Das heißt, Ärzte und Pflegende dürfen das Sterbefasten rechtlich gesehen eigentlich nicht unterstützen?

Im Moment muss tatsächlich jeder für sich entscheiden, ob er das – vermutlich geringe – Risiko auf sich nehmen will, juristisch belangt zu werden, wenn er Leidenden beim Sterbefasten helfen möchte. Allerdings stellt sich die Frage: Wer hätte ein Interesse, so etwas anzuzeigen? Praktisch und rechtlich tun Pflegende und Ärzte nur das, was sie immer tun sollen und dürfen, wenn sie Sterbenden beistehen: Symptome und Schmerzen kontrollieren, Leiden lindern, eine gute Pflege leisten, vor allem Mundpflege, und für den Sterbenden da sein.

Pflegende möchten aber nicht dazu da sein, um einen Suizid zu begleiten.

Ja, das ist für Pflegende oft ein Dilemma. Dahinter steht häufig eine individuelle Moral, die meist historisch bedingt ist – aber doch jedem zusteht. Und es gibt die Berufs- und Standesorganisationen, die Sichtweisen vorgeben möchten, wie: Wir sind berufen, zum Leben, aber nicht zum Sterben zu helfen. Oder: Beihilfe beim Sterben –, aber nicht zum Sterben.

Können Sie denn nachvollziehen, dass Pflegende, die ihr Bestes geben, damit Patienten überleben, Schwierigkeiten haben, beim Sterben zu helfen?

Ich kann mich nur hypothetisch hineinversetzen. Ich glaube, man muss sehr gut zuhören können, um nachvollziehen zu können, was der Patient einem mitteilen möchte. Im nächsten Schritt kann man sagen: Ich verstehe das zwar, ich selbst würde in seiner Situation trotzdem noch nicht aufgeben wollen. Aber wenn er es will – wer bin ich denn, dass ich es ihm, überspitzt formuliert, verbieten will? Aber ich bin auch nicht verpflichtet zu helfen. Wichtig ist, dass Pflegende, die sich dafür entscheiden, das wirklich freiwillig tun und möglichst schon Erfahrungen in der Begleitung Sterbender haben. Hier kann man auch im Team austarieren: Wer kann sich das vorstellen, wer nicht?

Aber was passiert, wenn in einem Pflegeheim alle Pflegenden sagen: Ich bin dazu nicht bereit?

Eventuell gibt es ein Hospiz in der Nähe, das offener gegenüber diesem Weg ist. Oder man kann in Kliniken auf einer Palliativstation nachfragen. Es kommt aber auch vor, dass die Person mit Sterbewunsch dann zu einem Familienangehörigen geht. In der New York Times ist ein Fall beschrieben, in dem ein Ehepaar aus dem Heim geworfen wurde, als sie ankündigten, dass sie nun durch FVNF aus dem Leben scheiden würden. Die haben sich ein Ferienhaus gemietet, die Familie kommen lassen und es dann dort durchgezogen. Grundsätzlich sollte man sich immer fragen: Wieso sollte man jemandem, der stirbt, seine Unterstützung nur deshalb verweigern, weil er absichtlich stirbt?

Wie kann ich denn sicher sein, ob es sich bei dem Jemand mit Sterbewunsch wirklich um eine freie Entscheidung handelt? Hinter diesem Wunsch könnte doch auch eine Depression stehen, zum Beispiel nach dem Tod des Ehepartners.

Wer deprimiert ist aufgrund seiner Situation, ist deshalb nicht zwangsläufig depressiv. Zum Abklären einer eventuellen Depression kann man einen Arzt bemühen. Dafür kann ein Hausarzt, der den Patienten schon lange gut kennt, hinreichend qualifiziert sein. Im Zweifelsfall kann die betreffende Person auch psychiatrisch untersucht werden – und sei es nur zur Beruhigung der Angehörigen. Aber das ist nur in seltenen Fällen angebracht. Es wäre völlig absurd zu sagen: Jeder, der das macht, sollte erstmal untersucht werden, ob er „denn noch richtig tickt“.

Hängt der Wunsch für einen selbstbestimmten Tod nicht auch mit dem Gefühl der Einsamkeit im Alter zusammen? Oder mit dem Bedürfnis, niemandem zur Last fallen zu wollen – schon gar nicht der eigenen Familie?

Die Punkte, die Sie ansprechen, sind in den mir bekannten Fällen bisher nicht relevant gewesen. Den einzelnen Grund gibt es meistens nicht, sondern eine Konstellation von Gründen: Verlust des Ehepartners, geringe Eingebundenheit in eine Großfamilie, viele Freunde und Bekannte sind weggestorben. Dann können schwere gesundheitliche Einschränkungen hinzukommen, wie Amputation eines Unterschenkels bei Diabetes oder drohende Erblindung. Es gibt wohl nie nur einen einzigen Grund, der den Ausschlag für eine solche Entscheidung gibt. Der Faktor Einsamkeit kann natürlich den Todeswunsch verstärken.

Wie können Pflegende damit umgehen, wenn ein Bewohner mit dem Wunsch nach FVNF an sie herantritt?

Wenn die Philosophie des Heimes nicht grundsätzlich dagegen ist, ist es ratsam, dass eine schriftliche Willensbekundung zum FVNF des Bewohners vorliegt. Man sollte, so das möglich ist, auch andere Personen fragen, ob Zweifel an der Einsichtsfähigkeit des Bewohners bestehen, und, ob er tatsächlich gut informiert ist und aus eigenem Antrieb entschieden hat. Ein Arzt sollte möglichst hinzugezogen werden, zumindest dann, wenn ein Vertrauensverhältnis vorliegt. Und wie schon gesagt: Im Team sollte unbedingt Meinungspluralismus gewährleistet sein. Wer helfen will beziehungsweise nicht, sollte nicht bedrängt werden.

Was ist Ihnen beim Umgang mit dem Thema Sterbefasten besonders wichtig?

Ich wünsche mir eine gesellschaftliche Offenheit gegenüber diesem Thema. Die Möglichkeit, durch FVNF sein Leben vorzeitig und friedlich zu beenden, ist bisher in der breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt – und Informationen hierzu werden oftmals auch bewusst zurückgehalten. Ein wichtiger Aspekt für Pflegende und Ärzte: Die Entscheidung zum Sterbefasten erfordert eine hohe Entschlusskraft. Wer Menschen auf diesem Weg begleitet, kann sich in hohem Maße sicher sein, dass es sich hierbei um eine freiwillige Entscheidung und nicht um eine Kurzschlussreaktion handelt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Walther.

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