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  • 01.07.2016

Bauchdeckentlastende Mobilisation nach Abdominalchirurgie

Raus aus dem Bett

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2016

Nach einer Bauch-OP sollte die abdominelle Muskulatur möglichst nicht beansprucht werden. Für die Mobilisation steht deshalb – gerade in den ersten Tagen – die Entlastung der Wundnaht an erster Stelle.

Nach abdominalchirurgischen Eingriffen gilt als Grundprinzip der Mobilisation, Bewegungsabläufe mit dem Patienten einzuüben beziehungsweise durchzuführen, die die Bauchdecke ent- lasten. Zusätzliche Schmerzen oder andere Komplikationen können damit vermieden werden.

Die Narbenhernie als typische Komplikation

Eine häufige Früh- oder Spätkomplikation sind Herniationen von Bauchwunden oder Bauchnarben (Steffens/Langen 2002). Eine Narbenhernie ist im Bereich von Operationsnarben ein Eingeweidebruch der Bauchdecke. Die Narbenhernie tritt als Folge einer nicht unzureichenden Festigkeit von Bauchwand und Operationsnarbe nach vorangegangenen Bauchoperationen auf.

Klinisch zeigt sich eine Narbenhernie durch Vorwölbung in der vorderen Bauchwandregion nach körperlicher Anstrengung, beim Sport oder Husten. Diagnostisch ist sie darstellbar durch Kernspin- und Computertomographie.

Ob es zu einer Narbenhernie kommt, hängt von chirurgisch-technischen Faktoren ab, wie der Operationsmethode oder der Naht- und Knotentechnik. Aber auch individuelle Ursachen können eine Rolle spielen, zum Beispiel die Qualität des Bindegewebes (van den Berg 2010). Zudem kann eine Narbenbruch mit ausgelöst werden durch

  • eine postoperative Infektion mit Ausbildung eines Seroms,
  • eine Nekrosenbildung bei zu hoher Nahtspannung,
  • ein Lebensalter von über 45 Jahren,
  • eine Adipositas per magna oder
  • eine Dialysepflichtigkeit.

Negativ auswirken können sich zudem ein reduzierter Ernährungs- und Allgemeinzustand, eine Anämie, ein malignes Grundleiden, Diabetes mellitus, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie bestimmte Medikamente wie ACE-Inhibitoren, Corticosteroide oder Chemotherapeutika.

Mobilisation nach Wundphasen

Bei der Mobilisierung des Patienten sollten die einzelnen Wundstadien der Wundheilung mitbedacht werden. Die Wundheilung der meisten Gewebe durchläuft drei Phasen: 1. Entzündungsphase mit vaskulärer und zellulärer Phase, 2. Proliferationsphase sowie 3. Umbauphase mit Konsolidierungs- und Reifungsphase (van den Berg 2010, Diemer/Sutor 2007). Während aller Phasen ist es wichtig, das verletzte und regenerierende Gewebe des Patienten richtig zu ent- und belasten (ebd.). Auf eine frische Operationsnarbe sollte wenig Zug, Druck oder Dehnung ausgeübt werden. Während der Entzündungsphase – bis zum fünften postoperativen Tag – muss die Entlastung prioritär sein.

Für einen bauchdeckenentlastenden Bewegungsablauf sollte es weitestgehend vermieden werden, die abdominelle Muskulatur zu beanspruchen. Das Sitzen am Bettrand und das Aufstehen aus dem Bett sollten daher ausschließlich über die Seite erfolgen. Die Beine haben hier eine Hebelwirkung. Vor Beginn der Mobilisation sollte eine ausreichende Schmerzmittelgabe erfolgen, um den Erfolg der Bewegungsabläufe mit zu unterstützen (DNQP 2011).

Für die unmittelbaren postoperativen Tage ist eine Mobilisation mit Physiotherapeuten und/oder Pflegenden von Bedeutung. Hier stehen nicht nur das schrittweise Erklären und Einüben von Bewegungsabläufen im Vordergrund, sondern auch die Vermittlung von Sicherheit für den Patienten (siehe Bilderabfolge S. 37).

In der Proliferationsphase, die etwa vom sechsten bis zum 21. postoperativen Tag dauert, haben die Patienten in der Regel keinen Ruhe- beziehungsweise Nachtschmerz mehr. Wenn Schmerzen auftreten, sind diese intermittierend mechanisch ausgelöst. (Diemer/Sutor 2007).

Die Bauchdecke des Patienten kann mittlerweile dosiert belastet werden. Vermieden werden sollten schnelle und endgradige Bewegungen, also jene, die bis zur äußersten Beugung und Streckung eines Gelenks gehen. Wichtig ist eine regelmäßige physiologische Belastung während der gesamten Wundheilung, um so die Bildung von Gewebe zu stimulieren (van den Berg 2010).

In der Konsolidierungsphase – etwa bis zum 60. postoperativen Tag – ist die Belastbarkeit des Gewebes deutlich erhöht (van den Berg 2010). In der Umbauphase bis zum 360. Tag verändert sich der ursprünglich „verletzte" Bereich von einem größtenteils zellulären Gewebe zu einem normalen kollagenen Bindegewebe (ebd.). Es bestehen keine Einschränkungen mehr bei der Ausdauer. Endgradige sowie schnelle Bewegungen sind erlaubt. Je nach Anamnese, klinischem Verlauf sowie individuellem Befinden kann die Belastung gesteigert werden. Erst ab drei Monaten ist eine maximale Belastbarkeit der Narbe vorhanden.
 

Diemer, F.; Sutor, V. (2007): Praxis der medizinischen Trainingstherapie. Stuttgart/New York: Thieme Verlag
DNQP (Hrsg.) (2011): Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen. 1. Aktualisierung. Fachhochschule Osnabrück
Steffens, J.; Langen, P.-H. (Hrsg.) (2002): Komplikationen in der Urologie. Berlin/Heidelberg: Springer Verlag

Van den Berg, F. (2010): Angewandte Physiologie, Band 1. 3., überarbeitete Auflage. Stuttgart/New York: Thieme Verlag
www.operation-hernien.de/hernien- arten/narbenbruch-narbenhernie

Weiterführende Literatur über die Autorin.