• 28.02.2025
  • PflegenIntensiv
Konzept Fast-Track-Nurse

Komplikationen nach einer Operation entgegenwirken

Für die weiteren Schritte der Behandlung sichtet die Fast-Track-Nurse Grit Gebhardt die Unterlage eines Patienten.

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2025

Seite 76

Die Klinik für Chirurgie der Universitätsmedizin Greifswald hat mittels eines Fast-Track-Konzepts zu kolorektalen Erkrankungen die Genesung von Patienten beschleunigt und die Verweildauer reduziert. Zentral ist eine Fast-Track-Nurse, die als Schnittstelle zum Behandlungsteam fungiert.

Mit Fast Track lässt sich die Behandlungsqualität bei chirurgischen Eingriffen verbessern. Die Chirurgie der Universitätsmedizin Greifswald (Textkasten: Universitätsmedizin Greifwald) setzt die Fast-Track-Prinzipien eines beschleunigten Heilungsprozesses in einer sehr patientenorientierten Weise um. So haben wir mit dem Projekt Fast-Track-Behandlungspfad für kolorektale Erkrankungen begonnen, in dem wir jeden einzelnen Prozess, die Behandlungsschritte des stationären Aufenthalts der Patienten, abgebildet haben. Zu diesem Programm zählen heute bereits 150 Patienten.

Universitätsmedizin Greifswald

Die Universitätsmedizin Greifswald hat ihren Ursprung in der am 17. Oktober 1456 erfolgten Gründung der Universität, mit der die Medizinische Fakultät ins Leben gerufen wurde. Heute umfasst die Universitätsmedizin Greifswald ein weitreichendes Leistungsspektrum, in dem 21 Kliniken und Polikliniken, 19 Institute sowie weitere zentrale Einrichtungen zusammenarbeiten. Die Chirurgie zählt zu einer der größten Kliniken an der Universitätsmedizin Greifswald. Unter der Leitung von Professor Dr. Stephan Kersting legen wir als Team der Chirurgie großen Wert darauf, Patienten mittels Selbsthilfegruppen und strukturierter Nachsorge gut zu versorgen. Mit Eröffnung einer Prä-OP-Station im Mai 2023 bietet die Klinik für Chirurgie ein breites und planbares Angebot für die Bevölkerung in einem Einzugsgebiet von bis zu 100 Kilometern. Unser Fokus liegt auf einer sorgfältigen Planung und einem effizienten Care und Case Management.

Fast Track ist zwar schon seit Jahren bekannt, aber im internationalen Vergleich ist die Umsetzung dieses Konzepts in Deutschland noch nicht sonderlich fortgeschritten. In skandinavischen Ländern mit höherem Pflegeschlüssel ist es gängige Praxis. Wir haben im Projekt Wege gefunden, wie dies auch im deutschen Gesundheitssystem umsetzbar ist.

Unsere Patienten – häufig älter und mit langem Anfahrtsweg – sollen nicht nur medizinische Hilfe erwarten können. Sie verdienen das Gefühl, willkommen zu sein, umsorgt zu werden und nicht in einer anonymen Maschinerie verloren zu gehen. Von der ersten Sekunde an sollen sie spüren, dass sie Mit­sprache haben, dass ihr Weg zur Genesung maßgeblich von ihrem Engagement mitbestimmt wird. Jeder Schritt auf diesem Behandlungspfad soll ein Schritt in Richtung Hoffnung, Sicherheit und persönliche Fürsorge sein.

Unser interprofessionelles Team setzt ab der Erstsprechstunde in der Poliklinik bei den individuellen Bedürfnissen des Patienten an, sodass die Prozesse rund um den Patienten ineinandergreifen und vom Ersttermin bis hin zur Nachsorge ein sicheres Gefühl besteht und jederzeit ein festes Team als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Das Projektteam besteht aus dem ärztlichen Projektleiter, der Projektkoordinatorin der Chirurgie, der Fast-Track-Nurse, den Pflegefachpersonen der Poliklinik, der Intensiv- wie Wachstation, der Normalstation, der onkologischen Fachpflege und des OP. Dazu gehören ferner die Ärztinnen und Ärzte der Chirurgie, Kolleginnen und Kollegen der Anästhesie, der Psychotherapie, der Stoma- und Wundberatung, des Beratungs- und Informationszentrums sowie das Delirteam und der Sozialdienst. Hinzu kommen externe Partner.

Prozesse verbessern

Unser Projekt starteten wir im April 2023 mit der Analyse der Behandlungsdaten unserer Patienten­daten. Wir haben Verweildauern, nichtchirurgische Komplikationen und die Patientenzufriedenheit betrachtet. Zudem haben wir unsere standardisierten Prozesse überprüft. Mit der Dateneingabe in einer speziell dafür bestehenden Datenbank konnten wir sehr gezielt Adhärenzauswertungen vornehmen und so je Patient unsere Umsetzung analysieren und unsere Arbeit auswerten.

Die Adhärenzkriterien umfassen 24 Eckpunkte, die wir und unsere Patienten möglichst zu 100 Prozent zum Behandlungsplan umsetzen sollten. Dazu gehören unter anderem Mobilisation, frühe Entfernung des Peridualkatheters, Verzichten auf Drai­nagen, die Ernährung und Analgesie.

Wir haben in sehr vielen Besprechungen unsere aktuellen Arbeitsabläufe innerhalb des Behandlungspfads für kolorektale Erkrankungen immer wieder kritisch analysiert: Plan – Do – Check – Act. Wichtig waren dazu Transparenz, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit.

Ziel war und ist, die Behandlungsprozesse zu verbessern, basierend auf der Fragestellung: Was können wir individuell, bezogen auf unsere Klinik, anhand der Analysedaten einführen und verbessern, sodass wir als Team, als Klinik und vor allem unsere Patienten nachhaltig profitieren. Im Juli 2023 konnten wir mit un­serem neuen Konzept, den vielen Ideen, die wir in prakti­kable Hilfsmittel umgewandelt haben, starten. Von der Analyse- und Findungszeit bis zur Umsetzung des Projekts und dem damit einhergehenden Change-Prozess vergingen gut zwölf Monate. Nun gilt es, diesen Prozess nachzuhalten.

Aufgaben der Fast-Track-Nurse

In Vorbereitung auf das Projekt haben wir eine Stelle als Fast-Track-Nurse ausgeschrieben und mit einer erfahrenen chirurgischen Pflegefachfrau besetzt. Diese trat ihre Stelle im Sommer 2023 an.

Sie ist die Schlüsselfunktion für modernes, perioperatives Management am Patienten. Die Fast-Track-Nurse motiviert, zeigt auf, erklärt und berät. Sie unterstützt, dokumentiert, analysiert. Sie begleitet die Patienten auf ihrem Weg und doch bleibt sie in ihrer Rolle und greift nicht in den pflegerischen Alltag ein. Die Fast-Track-Nurse hat eine strukturbegleitende Funktion. Sie ist Anlaufstelle und Multiplikator, lädt aber auch mal auf einen gemeinsamen Spaziergang ein. Bereits vor dem stationären Aufenthalt nimmt sie sich für jeden Patienten mindestens 45 Minuten Zeit – zusätzlich zur ärztlichen Sprechstunde, die in der Poliklinik als Erstkontakt erfolgt.

Im Rahmen dieses ambulant geführten Gesprächs gibt sie den Patienten von uns erstellte Aufklärungsbroschüren für das Fast-Track-Konzept an die Hand, klärt sie über das Programm auf, stellt ihnen Ernährungsmöglichkeiten und Übungen vor, die ihnen zur Vorbereitung im häuslichen Umfeld dienen. Die Patienten erhalten einen Atemtrainer, ein Theraband, vorbereitende Medikamente und eine sehr genaue Beschreibung dessen, was im stationären Aufenthalt auf sie zukommt. Ferner bekommen sie erste Informationen über die voraussichtliche Dauer des stationären Aufenthalts. Unser Anliegen ist es, jeden Patienten so gut wie möglich aufzuklären, sodass ab dem ersten Kontakt eine Bindung und ein sicheres Gefühl bestehen.

Bereits während dieses Vorbereitungsgesprächs meldet die Fast-Track-Nurse anhand der individuellen Erkrankung jedes Patienten unterstützende Ange­bote via Krankenhaussystem an. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass Sozialdienst und Physiotherapie nach der Operation direkt vor Ort auf Station sind und bei den aktuellen Bedürfnissen ansetzen können. Ebenso sind Stoma- und Wundtherapeuten mit eingebunden und wir bieten bereits im stationären Aufenthalt den Kontakt und den Besuch unserer klinikeigenen Selbsthilfegruppen an.

Zudem haben wir Patiententagebücher erstellt, die die Patienten im stationären Aufenthalt begleiten. Sie können darin Ernährungs- und Mobilitätsziele lesen. Oder ihr Befinden und Schmerzskalen notieren, um die positive Entwicklung zu dokumentieren. Die Fast-Track-Nurse hilft ihnen dabei und ist als Ansprechpartnerin die Schnittstelle in der Kommunikation mit den Ärzten und allen anderen Mitgliedern des Behandlungsteams, um für die Patienten immer die optimale Behandlung sicherzustellen.

An den Wänden in den Patientenzimmern sind statische selbstklebende Folien angebracht, auf denen die Patienten ihre Behandlungsziele, ihren Behandlungsverlauf und den eigenen Fortschritt im Blick haben. Mit einem dafür ausgeteilten Stift notieren ­­sie jeden Gang selbstständig. Diese Fast-Track-Motiva­tionsfolien sind in den täglichen Visiten meist ein guter Ansatz für eine transparente Kommunikation.

In einer zusätzlichen Datenbank dokumentiert die Fast-Track-Nurse die einzelnen Behandlungsprozesse nach definierten Parametern. Diese Datenbank dient dem gesamten Team zur Qualitätskontrolle.

Nach der Entlassung vereinbart sie mit allen Patienten einen telefonischen Nachsorgetermin – 30 Tage nach der Entlassung – als zusätzliches Angebot zur im Arztbrief festgesetzten Nachsorge. In diesen Terminen erkundigt sich die Fast-Track-Nurse nach dem Befinden der Patienten.

Angehörige einbinden

Patienten sind unmittelbar nach der stationären Aufnahme auf einer Prä-OP-Station untergebracht, um die Wartezeit bis zur OP für sie so kurz und so an­genehmen wie möglich zu gestalten. Erst nach dem Eingriff kommen sie auf ihre Station. Wir ermutigen die Patienten ferner, Utensilien für ihr Hobby mitzubringen, und binden die Angehörigen in der Poliklinik frühzeitig aktiv mit ein.

Diese Angehörigen gilt es, als Mobilisationspaten zu gewinnen. Es bedarf Geschick und Zeit, um traditio­nellen Vorstellungen von Krankenhausaufenthalten und alten Mustern entgegenzuwirken: Besuche müssen nicht an der Bettkante erfolgen. Angehörige besitzen hier eine große Hebelwirkung. Ein Spaziergang, sei er noch so klein, löst bei Patienten ein positives psychologisches Gefühl aus, und aktive Mobilisation außerhalb des Bettes ist für den Heilungsprozess sehr förderlich.

Dank rascher Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts und frühzeitiger Mobilisation reduzieren wir allgemeine nichtchirurgische Komplikationen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfekte oder Thrombosen.

Weitere Projektinhalte

Für das Fast-Track-Projekt kamen noch weitere Ideen zur Umsetzung. Wir haben

  • für unsere Patienten zusätzliche Aufklärungs- und Unterstützungsangebote erstellt.
  • für die Teams der Ärzte, der Anästhesie und der Pflege Pocketcards erarbeitet, Aufklärungs­broschüren ausgelegt und Schulungen auf allen Stationen durchgeführt.
  • unsere Sprechstundenkapazität ausgebaut und halten zusätzliche Zeit für unsere Patienten und Angehörigen frei, die zur Aufklärung dient und um Fragen zu stellen.
  • einen sehr detaillierten Behandlungspfad erstellt, der den Erstkontakt in der Sprechstunde, den präoperativen Bereich, die Anästhesie, die OP und die Pflege an allen ihren Schnittstellen sehr genau ab­bildet.
  • die Begleitung der Fast-Track-Nurse in der täg­lichen Visite eingeführt.
  • einen Bewegungsparcours für ein erweitertes Mobilitätskonzept in enger Zusammenarbeit mit der Physiotherapie errichtet.

Entwicklung und Ziele

Im April 2024 wurden wir als Fast-Track-Zentrum zertifiziert. Die Verweildauer bei kolorektalen Eingriffen ist von durchschnittlich 8,5 Tagen auf 6 Tage postoperativ gesunken. Die Adhärenz an unseren Behandlungspfad haben wir von anfangs 56 Prozent (vor Einführung Fast Track, April 2023) auf 85 Prozent (Zertifizierung Fast Track, April 2024) gesteigert. Die Adhärenzwerte im operativen und postoperativen Bereich haben wir seither noch weiter steigern können. Somit funktioniert die Absprache untereinander immer besser und der gemeinsam entwickelte Behandlungsplan wird eingehalten.

Unsere Patienten sind schneller autonom, somit zufriedener und wieder früher in ihrer häuslichen Umgebung oder in der Anschlussbehandlung. Zugleich entlasten wir mit dem Projekt das Pflegepersonal. Das Projekt hat uns als Team gestärkt. Wir sind zusammengerückt, haben gemeinsam Erfolge erzielt und gehen gemeinsam diesen Weg. Nach über einem Jahr Expertise mit dem Behandlungspfad ist klar festzuhalten: Ohne Fast-Track-Nurse funktioniert es nicht!

Dank des Erfolgs dieses Projekts haben wir das Fast-Track-Konzept auf ein weiteres Behandlungsfeld ausgeweitet. Das im August 2024 gestartete Fast-Track-Pankreas-Programm beschäftigt sich mit deutlich schwerwiegenderen und aufwendigeren Erkrankungen und bedeutet auch höheren Aufwand im Behandlungsplan. Im Zuge dessen haben wir eine zweite Fast-Track-Nurse eingestellt.

Des Weiteren sehen wir eine gezielte Patienten-Zufriedenheitsevaluation vor. Außerdem werden wir eine Patienten-App einführen, die gerade im länd­lichen Raum einen großen Gewinn an Aufklärung und Information darstellt. Diese soll erkrankungsspezifische Themen verständlich und patientenfreundlich erklären.

Award Patientendialog

Für die Patientenkommunikation und -aufklärung in einem Fast-Track-Projekt zu kolorektalen Erkrankungen erhielt die Klinik für Chirurgie der Universitätsmedizin Greifswald jüngst die Auszeichnung „Award Patientendialog“. Dieser zeichnet seit 2018 gesundheitlich-medizinische Einrichtungen aus, die einen vorbildlichen Dialog mit Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen pflegen. Auch ein funktionierendes Beschwerdemanagement und eine gelebte, aktive Patienten- fürsprache fließen ein in die Bewertung der Jury – bestehend aus namhaften Persönlichkeiten des deutschen Gesundheitswesens. Preisträger 2024 waren das Pfalzklinikum, das Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart, das Universitätsklinikum Köln, die Universitätsmedizin Greifswald und das Klinikum Weser-Egge.

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