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  • 29.01.2018
  • Management

Einarbeitung ausländischer Pflegefachpersonen

Integration mit Hand und Fuß

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2018

Seite 72

Einfach einstellen und nach Deutschland holen? So leicht funktioniert es nicht, wenn ausländische Pflegende bestmöglich in den Pflegealltag eingebunden werden sollen. In der Pflegedirektion der Uniklinik RWTH Aachen wurde deshalb ein eigenes Integrationsprogramm entwickelt. Der Leitfaden zur sprachlichen Einarbeitung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Einstellung europäischer Pflegefachpersonen ist auf dem Papier ein verhältnismäßig simpler Akt. Skype-Gespräche minimieren den Reiseaufwand für Auswahlgespräche, und es gibt klare Vorgaben zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Für Mitglieder der Europäischen Union gilt zudem die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit, das heißt, es werden weder Aufenthaltserlaubnis noch Arbeitsgenehmigung benötigt. Und trotzdem: Es reicht in der Regel nicht, die Fachkräfte einfach einzustellen und nach Deutschland zu holen!

Der große Aufwand beginnt tatsächlich erst nach der Einstellung, denn die betriebliche Integration ausländischer Fachkräfte ist weit mehr als der Erwerb eines Sprachzertifikates. Gesundheits- und Krankenpflege ist professionelle Beziehungsarbeit. Sie ist eng verbunden mit einem kulturell-normativ aufgeladenen Berufs- und Selbstverständnis der Pflegenden. Diesem Berufs- und Selbstverständnis wird oftmals nicht oder nicht ausreichend Rechnung getragen, und der Nachweis über ein gewisses Sprachniveau bedeutet noch lange nicht, dass jemand über eine arbeits- und fachsprachliche Routine verfügt. Diese Erkenntnis führt in der Realität auf Seiten aller Beteiligten zu Ernüchterung und Frustration. Um dem vorzubeugen, braucht es tragfähige Strukturen, die eine individuelle Begleitung und Unterstützung ermöglichen.

Integrationsprogramm in vier Phasen 

Aus diesem Grund hat die Pflegedirektion der Uniklinik RWTH Aachen für ihre Kooperation mit spanischen Hochschulen im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege ein eigenes Integrationsprogramm entwickelt. Ziel ist zum einen, Anknüpfungspunkte zu schaffen, die alle Beteiligten darin unterstützen, eine gemeinsame Identität zu entwickeln. Gleichzeitig soll das Programm beim Erwerb der arbeits- und fachsprachlichen Routine unterstützen.

Das Integrationsprogramm verläuft in vier Etappen (Abb. 1). Es beginnt mit einer Intensivbeschulung zum Erwerb der deutschen Sprache. Nach erfolgreichem Erwerb des B1-Sprachniveaus wechseln die spanischen Pflegekräfte dann auf sogenannte Integrationsstationen. Hier werden sie – parallel zum weiteren Spracherwerb in der Sprachenschule – auf die Arbeit auf ihrer Zielstation vorbereitet. Das alles geschieht unter Anleitung geschulter Pflegekräfte, die als Tutoren agieren.

In der Vergangenheit wurde jedoch immer wieder deutlich, dass die sprachliche Unsicherheit der ausländischen Pflegekräfte die Tutoren vor eine große Herausforderung stellt. Deshalb wurde ein Leitfaden zur sprachlichen Einarbeitung entwickelt, der als Handreichung und Methodenpool dienen soll.

Leitfaden zur sprachlichen Einarbeitung

Die Erfahrungen aller Beteiligten wurden in den Entwicklungsprozess eingebunden. Es fanden diverse Gespräche mit Tutoren, Lehrkräften der Sprachenschule sowie spanischen Pflegekräften aus den früheren Jahrgängen des Programms statt. Zudem erfolgte eine Hospitation auf einer der Integrationsstationen sowie des Fachsprachenunterrichts.

Schon früh wurde im Prozess deutlich, dass eine der wichtigsten Aufgaben des Leitfadens sein würde, klar zwischen der sprachlichen und der fachlichen Einarbeitung abzugrenzen. Auch die Rolle der Tutoren wurde eindeutig definiert (Abb. 2), und es wurden sprachliche Lernziele fixiert. Diese nach Sprech-, Lese-, Schreib- und Höraktivitäten gegliederte Liste stellt nun im Rahmen eines Lernzielkatalogs eines der Herzstücke des Leitfadens dar (Abb. 3).

Mit seinen insgesamt 40 Lernzielen bietet dieser Lernzielkatalog nicht nur die Möglichkeit, die sprachliche Einarbeitung zu strukturieren und zu dokumentieren, sondern auch den spanischen Mitarbeitenden konstruktives Feedback zu ihrem Sprachfortschritt zu geben und das Feedback schriftlich festzuhalten. Dies bezieht sich auf sozial-kommunikative Kompetenz, zum Beispiel Empathie gegenüber Patienten, aber auch auf das sprachliche Verhalten, zum Beispiel: Wird bei Nicht-Verstehen nachgefragt?

Um für das jeweilige Berufs- und Selbstverständnis der Pflege in Spanien und Deutschland zu sensibilisieren, wird im Leitfaden auch über die wichtigsten Unterschiede aufgeklärt: die Ausbildung, das Gesundheitssystem sowie die organisatorischen Unterschiede im Krankenhaus. Informationen, beispielsweise zu Unterschieden hinsichtlich der Einbindung von Angehörigen in die Pflege, sollen helfen, Irritationen und Missverständnisse zu vermeiden. Außerdem wurde ein Abschnitt zum Thema „Korrigieren und Kritisieren“ eingefügt, um noch einmal auf die Wichtigkeit eines respektvollen und wertschätzenden Umgangs miteinander hinzuweisen. Dieser Abschnitt bietet einen wichtigen Baustein, um die Zusammenarbeit zu verbessern und kulturelle Unterschiede in Feedback- und Konfliktkultur abzufedern.

Auch die spanischen Mitarbeitenden erhalten einen eigenen Leitfaden, der eine Übersicht über die Lernziele bietet. Neben vielen Überschneidungen enthält dieser auch zusätzliche Inhalte, zum Beispiel zu den Aufgaben und Erwartungen an die spanischen Pflegekräfte sowie Tipps und Hinweise zum Thema Integration ins Team. Hier wird ermutigt nachzufragen, wenn etwas nicht verstanden wurde, angeregt, möglichst viel Deutsch zu sprechen, und festgehalten, dass man sich für sprachliche Fehler nicht schämen muss.

Zusätzlich wurde als Begleitmaterial ein Lernposter gestaltet, das die wichtigsten Tipps zum sprachlichen Umgang mit Nicht-Muttersprachlern aufgreift. Dieses kann zum Beispiel im Stationszimmer oder Aufenthaltsraum aufgehängt werden. Ein solches Poster lädt auch andere Mitarbeitende auf der Station dazu ein, ihren sprachlichen Umgang mit den ausländischen Kolleginnen und Kollegen zu reflektieren.

Ein hohes Maß an Partizipation erforderlich

Um den Leitfaden zu evaluieren, wurde ein erster Fragebogen an die Tutoren verschickt. Auch in Zukunft werden wir regelmäßige Evaluierungen vornehmen, um das Material weiter an die Bedürfnisse aller Beteiligten anzupassen.

Wir möchten Einrichtungen, die planen, ausländische Fachkräfte einzustellen, auffordern, sich reflektiert mit ihrem Integrations- und Einarbeitungskonzept auseinanderzusetzen. Integration ist ein Prozess, der wiederholende Feedbackschleifen und ein hohes Maß an Partizipation erfordert.

Hilfsmittel wie der an der Pflegedirektion der Uniklinik RWTH Aachen entwickelte Leitfaden können erheblich dazu beitragen, sowohl den ansässigen als auch den ausländischen Pflegekräften im Prozess der Einarbeitung und Integration bestmöglich gerecht zu werden. Auf diesem Weg kann die Einstellung ausländischer Pflegefachkräfte zu einem Win-Win für alle werden.