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  • 01.12.2016

Pflegestudium

„Wir brauchen die hochschulische Erstausbildung“

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2016

Seite 90

In Deutschland gibt es eine Vielzahl an Pflegestudiengängen. Die Mehrheit dieser Studiengänge wird an Fachhochschulen angeboten, nur wenige sind an Universitäten verortet. Doch für eine zeitgemäße, zukunftsfähige und qualitativ hochwertige pflegerische Versorgung ist das unabdingbar – darin sind sich Experten einig.

Mit mehr als 100 Bachelor- und etwa 53 Masterprogrammen gibt es deutschlandweit unterschiedlichste Studiengänge, die sich mal mehr, mal weniger intensiv mit praktischer Pflege befassen. Sie reichen von Gesundheits- und Pflegemanagement über Pflegepädagogik bis hin zu evidenzbasierter Pflege. Was sich auf den ersten Blick viel anhört, zeigt sich bei näherer Betrachtung jedoch als eher ernüchternd. Der Wissenschaftsrat (WR) empfahl 2012, zehn bis 20 Prozent der Pflegefachpersonen zur Tätigkeit in der patientennahen Versorgung in Studiengängen mit einem Bachelorabschluss zu qualifizieren. Laut Statistischem Bundesamt begannen im Schuljahr 2014/2015 rund 50.000 Auszubildende ihre Ausbildung in einem Pflegefachberuf. Setzt man die Quote des WR an, wären rund 5.000 bis 10.000 Studienplätze erforderlich. Nach Daten der Hochschulstatistik gibt es gegenwärtig allerdings nur etwa 3.000 Studienplätze in Pflegestudiengängen. Es wäre also mindestens eine Verdopplung dieser Plätze erforderlich. 2014 waren nach groben Schätzungen von Prof. Dr. Michael Simon von der Hochschule Hannover rund 7 000 bis 8 000 Pflegende mit einem abgeschlossenen Pflegestudium in Einrichtungen des Gesundheitswesens tätig. Bezogen auf die Gesamtzahl aller Pflegenden entspricht das laut Simon einem Anteil von nicht einmal 0,5 Prozent.

Im „Wirrwarr“ der Begrifflichkeiten

Beschäftigt man sich mit Studiengängen in der Pflege, trifft man immer wieder auf Begriffe wie „dual“, „primärqualifizierend“, „ausbildungsintegrierend“ oder „grundständig“. Einheitlich verbindliche Definitionen dieser Termini gibt es nicht, nachfolgende Beschreibung soll deshalb helfen, die Begriffe einordnen zu können.

Besonders komplex ist der Begriff „dual“, weil er auf zweierlei Weise verwendet wird: Entweder ist das sogenannte duale Ausbildungssystem als Teil des staatlichen Bildungssystems gemeint. Dann ist der Begriff fest definiert über das Berufsbildungsgesetz sowie die Ausbildungsordnungen der jeweiligen Berufe. Oder es ist ganz allgemein die Verknüpfung von Theorie und Praxis gemeint. Da die Berufsfachschulen für Pflege beinahe ausnahmslos nicht im dualen System verortet, sondern privatrechtliche Fachschulen für Gesundheitsberufe sind, macht der Begriff „dual“ im pflegerischen Kontext nur im zweiten Verständnis Sinn. Demnach sind also all jene Studiengänge dual, die eng mit Praxiseinrichtungen kooperieren.

„Primärqualifizierend“ heißt, dass die Ausbildung komplett an einer Hochschule absolviert wird und die Hochschule mit Praxis- einrichtungen kooperiert, um die Praxiseinsätze sicherstellen zu können.

„Ausbildungsintegrierend“ bedeutet im Allgemeinen hingegen, dass es drei Lernorte gibt: Praxiseinrichtung, Fachschule und Hochschule. Alle drei Einrichtungen können unterschiedliche Träger haben. Die Pflege ist aber auch hier aufgrund der Modellklausel ein Sonderfall: Eine reine Primärqualifizierung, also die hochschulische Erstqualifizierung mit Berufszulassung, kann es in der Pflege auf der derzeitigen rechtlichen Grundlage nicht geben. Alle Studiengänge müssen stets die Regelungen für die Berufsausbildung integrieren, insofern sind alle Studiengänge ausbildungsintegrierend, auch wenn sie ausschließlich an einer Hochschule angeboten werden.

„Grundständig“ qualifizierend sind die früheren Diplom- und jetzigen Bachelor-Studiengänge, die zu einem ersten hochschulischen Abschluss führen. Zusätzlich zum ersten berufsbefähigenden Hochschulabschluss wird dabei in der Pflege über eine staatliche Prüfung noch die Berufszulassung erworben.

 

Mehr Angebote an Hochschulen

Doch es bewegt sich etwas. „In den kommenden Jahren wird es verstärkt Angebote an Hochschulen geben und das vor allem auch an Universitäten beziehungsweise Medizinischen Fakultäten“, stellt Prof. Dr. Gabriele Meyer, Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle-Wittenberg, fest. Einen bundesweit ersten Modellstudiengang bietet die MLU selbst an: Der aus- bildungsintegrierende Bachelor-Studiengang „Evidenzbasierte Pflege“ ist zum Wintersemester 2016/2017 gestartet und führt zu zwei Abschlüssen – dem Bachelor und der Berufszulassung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Das Besondere: Der Studiengang befähigt die Absolventen, heilkundliche Tätigkeiten in der Dia- betes- und Wundversorgung zu übernehmen.

Bislang werde die Mehrzahl pflegewissenschaftlicher Studiengänge an Fachhochschulen angeboten. Nur wenige seien an Universitäten verortet. Die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Inhalten der Pflegewissenschaft und die direkte Nähe zu pflegewissenschaftlicher Forschung komme deshalb zu kurz, sagt Meyer.

Der traditionelle Weg der Akademisierung geht derzeit häufig über das Studium nach der dreijährigen fachschulischen Berufsausbildung. Daneben gibt es die Studienangebote, die in Kooperation mit Pflegeschulen durchgeführt werden. Sie erfolgen an drei Ausbildungsorten: Fachschule, Hochschule und betrieblicher Praxisort. Die ausbildungsintegrierenden Studiengänge an Hochschulen haben bislang nur Modellcharakter und bedürften der Genehmigung der Länder. Der neue MLU-Studiengang benötigte sogar die Genehmigung des Bundesministeriums für Gesundheit sowie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgrund der Übertragung der heilkundlichen Tätigkeiten.

„In der Politik dürfte sich inzwischen auch in Deutschland die Ansicht durchgesetzt haben, dass Pflegehandlungen durch aussagekräftige wissenschaftliche Erkenntnisse legitimiert werden sollten. Doch genau hier liegt der Knackpunkt“, beschreibt Meyer, warum es künftig primärqualifizierende Studiengänge als regelhaftes Angebot braucht. Pflegeforschung sei bislang wenig systematisch entwickelt und kaum an klinischen Bedarfen orientiert, kritisiert Meyer. Sie bleibe auf der beschreibenden Ebene. „Und wenn Wissen vorliegt, das die Versorgungssituation verbessern kann, wird es kaum in die Praxis überführt. Die Voraussetzungen für eine evidenzbasierte Pflegepraxis sind denkbar schlecht.“ Zwar wiesen die Curricula der Pflegefachschulen Begriffe wie Evidenz oder Wissenschaft auf. Von einer wissenschaftlichen Grundausbildung und einer grundlegenden Förderung des Wissenschaftsverständnisses könne jedoch nicht die Rede sein. In der Summe sei die Pflege hierzulande gekennzeichnet durch fehlende wissenschaftliche Grundkompetenz, kaum Zugang zu Angeboten des Kompetenzerwerbs in evidenzbasierter Pflege sowie eine fehlende Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Implementierung in die Pflegepraxis.

Patientenanforderungen immer komplexer

Die Akademisierung sei auch deshalb dringend nötig, weil die Patientenanforderungen immer komplexer würden, sagt Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. Patienten mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen, Migrationshintergrund, ausgeprägter Vulnerabilität und Multimorbidität verlangten nach Fachpflegenden, die Routinen hinterfragten und an diese Zielgruppe angepasste Lösungen entwickeln könnten. „Je komplexer sich die Situation der Patienten gestaltet, desto anspruchsvoller wird ihre Versorgung.“ Pflegende müssten künftig verstärkt in der Lage sein, ihre Entscheidungen wissenschaftlich zu begründen, interprofessionell zusammenzuarbeiten und sektorübergreifende Fallsteuerungen zu übernehmen. Die bisherige Pflegeausbildung könne diesem Anspruch nicht gerecht werden. „Wir brauchen die hochschulische Erstausbildung als zweites Standbein zu der beruflichen Ausbildung“, betont Darmann-Finck. Dafür müssten sich auch die meisten Studiengänge weiterentwickeln und das sei nur möglich, wenn das Pflegeberufereformgesetz entsprechend angepasst würde. „Der Entwurf sieht klar eine primärqualifizierende Pflegeausbildung an Hochschulen vor. Das ist auch wichtig, denn langfristig können wir es uns nicht leisten, an einer rein beruflichen Ausbildung festzuhalten“, betont die Pflegewissenschaftlerin. Additive und ausbildungsbegleitende Studiengänge führten primär zu einer „beruflichen Sozialisation“. „Das wieder aufzulösen oder um wissenschaftliches, kritisches Denken zu ergänzen, ist so gut wie unmöglich.“ Die gegenwärtigen Studiengänge litten vor allem darunter, dass man die für die berufliche Aus- bildung vorgeschriebenen Prüfungen anbieten müsse. Das erschwere die hochschuldidaktische Gestaltung des Studiums.

Eine aktuelle Studie der Universität Bremen zeigt, dass Bachelor-Absolventen in der Pflege derzeit in der Praxis mehrheitlich genauso eingesetzt werden wie ihre beruflich ausgebildeten Kollegen. „Sie befinden sich in einer Zwickmühle: Von ihnen wird erwartet, dass sie wissenschaftlich fundierter arbeiten. Das können sie aber nicht, wenn die Rahmenbedingungen nicht entsprechend angepasst werden“, kritisiert sie. Zwar gebe es einige gute theoretische Konzepte, wie Akademiker in die Praxis sinnvoll eingebunden werden könnten. Dennoch fehle es an entsprechenden Initiativen seitens des Managements. Oft werde den jungen Akademikern weder die Zeit für wissenschaftliches Arbeiten zugestanden, noch sei die Infrastruktur vorhanden, um an neue Erkenntnisse zu gelangen. „Die Zusammenarbeit der Pflegeteams muss grundlegend überdacht werden.“

Wie das künftig aussehen könnte, sei beispielsweise am Universitätsklinikum Freiburg zu sehen. Dort hat man auf den meisten Stationen hochschulisch ausgebildete Pflegeprozessverantwortliche implementiert, die für den Pflegeprozess von Patienten mit instabilen und komplexen medizinischen oder psychosozialen Problemen zuständig sind. Weitere Aufgaben können zum Beispiel in der Fallsteuerung, der Qualitätsentwicklung oder der Schulung und Beratung von Patienten wie auch Kollegen bestehen.

„Von Proletarisierung der Pflege lösen“

Doch bevor die primärqualifizierende Pflegeausbildung an Hochschulen komme, müsse noch eine ganz andere Hürde genommen werden, weiß Prof. Dr. Astrid Elsbernd, Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen. „Wenn das Gesetz kommt, stehen die Verhandlungen mit den Ministerien an, ob und inwiefern sie diese Pflegeausbildung überhaupt finanzieren.“ Denn diese Studienplätze seien mit rund 50 000 Euro pro Anfängerplatz um ein vielfaches teurer als Studiengänge, die in Zusammenarbeit mit Fachschulen angeboten würden und lediglich rund 12 000 Euro kosteten.“ „Die praktische Ausbildung wird dann vom Staat bezahlt. Das Umlageverfahren, wonach Ausbildungsstätten aus einem Ausbildungsfonds bezahlt werden, muss dann weiterentwickelt oder abgeschafft werden“, sagt Elsbernd.

„Wenn wir eine Akademisierung auf Ausbildungsebene hinbekommen, dann haben wir vielleicht auch die Chance, weitere Personen für den Pflegeberuf zu begeistern.“ Denn momentan würden andere soziale Berufe diese potenziellen Akademiker „abjagen“, die gerne studieren wollten, ist sich Elsbernd sicher. „Wir müssen uns lösen von einer, wie ich es nenne, Proletarisierung des Pflegeberufs. Wir haben bislang hinsichtlich der ausbildungsintegrierenden Studiengänge auf akademischer Ebene Sonderbedingungen, die weit unter dem Niveau anderer Studiengänge liegen. In dieser Form ist ein Pflege-studium nicht zukunftsfähig“, betont sie. Diesen Missstand könne man nur ändern, wenn man ausbildungs- integrierende Studiengänge beende. Die Forderung vieler Hochschulen, die Modellphasen innovativer Studiengänge für die primärqualifizierenden Studiengänge in den Gesundheitsberufen zu beenden und diese in reguläre Studiengänge zu überführen, sei zusammen mit der Gesetzesänderung eine wichtige Weichenstellung für ein zeitgemäßes Pflegestudium. Denn auch die als dual betitelten Studiengänge entsprächen „keinem richtigen Studium“, sondern dort sei immer noch die Fachschulausbildung stark.

Handlungsbedarf auch auf Masterebene

Elsbernd sieht auch auf Masterebene Handlungsbedarf. Dort müsse verstärkt auf Spezialisierungen fokussiert werden. Vor allem mangele es schon jetzt an Pflegewissenschaftlern und Pflegepädagogen. „Das führt dazu, dass die Universitäten massive Probleme haben, Professuren zu besetzen. Das ist ein hausgemachtes Problem und Folge der zu niedrigen Qualifizierung.“ Auch die reine Pflegewissenschaft, die es auf Master-Niveau brauche, sei Mangelware. „Die Lösung ist simpel: Wir brauchen das neue Berufegesetz“, so Elsbernd. Die ersten Absolventen primärqualifizierender Studiengänge stünden jedoch nicht vor 2020 zur Verfügung. Dann müsse man allerdings auch überlegen, einzelne Studiengänge zusammenzuführen und nicht flächendeckend bundesweit anzubieten. „Die Einzelstandorte mögen gut sein, aber bestimmt nicht kräftig genug. Ich würde mir wünschen, dass mehr Synergien gebündelt würden und dass vor allen Dingen ein Zusammenschluss der Gesundheitsfachberufe inklusive der Medizin erfolgt.“ Eine hochschulische Erstausbildung in der Pflege ohne medizinischen Kontext könne sie sich nicht vorstellen. „Das halte ich tatsächlich auch für falsch.“


Simon, Michael (2016): Ökonomische Dimensionen der Etablierung einer hochschulischen Erstausbildung in der Pflege. In: DGP, Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft (Hg.): Die Zukunft der Gesundheitsversorgung – der Beitrag akademisierter Pflegender. Tagungsdokumentation zur Fachtagung am 5. November 2015. Berlin: Robert Bosch Stiftung, S. 39–42