• 29.01.2025
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Berufsbegleitendes Studium

"Das ist auch ein bisschen Hobby"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 2/2025

Seite 26

Teilzeitjob und parallel den Bachelor oder Master absolvieren? In der Pflege keine Seltenheit – und eine Karrierechance, denn Pflegeexperten werden dringend gesucht. Trotz aller Vorteile, die ein berufsbegleitendes Studium bietet: Die Belastungen schultern die Studierenden meist noch allein. 

Rein rechnerisch kommt Vanessa Franke auf ein Pensum von 140 Prozent. An der Universitätsmedizin Frankfurt arbeitet sie mit 65 Prozent. Zeitgleich absolviert sie ein Masterstudium, das 75 Prozent eines Vollzeitstudiums umfasst. Sie studiert „Angewandte Versorgungsforschung“ an der Katholischen Stiftungshochschule in München. Die meisten Vorlesungen sind online – pendeln muss sie daher kaum.

Ausbildung und Studium begleiten Franke seit dem Abitur: zuerst eine Ausbildung zur Chemielaborantin, anschließend ein duales Pflegestudium – 2019 machte sie ihr Examen zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, 2020 den Bachelor. Seitdem arbeitet sie in der Pädiatrie der Universitätsmedizin Frankfurt. Über die Mitarbeit an einer Studie wuchs ihr Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten. So kam sie etwas später zur Abteilung Pflegeentwicklung und wurde als Pflegepraxisentwicklerin eingestellt. Die damit verknüpfte Bedingung: ein Masterstudium zu beginnen.

Studium lebt von Praxisnähe

Seitdem sind die Wochen für Vanessa Franke eng getaktet. Es gibt feste Arbeits- und Studientage, an manchen Tagen mischt sich auch beides. Daneben muss sie für Prüfungen lernen, Hausarbeiten schreiben und Projekte durchführen. Freie Zeit gibt es wenig. „Studieren ist auch ein bisschen Hobby“, so sieht sie es. Trotz der zeitlichen Beanspruchung macht ihr das Studium viel Spaß. „Es ist schön, neue Methoden zu lernen, sich im Kolloquium auszutauschen und Projekte zu planen, die ich mit meiner Arbeit verbinden kann.“ In ihrer jetzigen Position als Pflegepraxisentwicklerin ist sie Bindeglied zwischen Theorie und Praxis – und kann so das gelernte Wissen aus dem Studium direkt anwenden. Dabei arbeitet sie einerseits in der direkten Pflegepraxis und übernimmt andererseits Aufgaben, die den Theorie-Praxis-Transfer fördern. Das sind zum Beispiel Schulungen oder die Mitarbeit in Arbeitsgruppen und interprofessionellen Projekten.

Auch Pflegefachfrau Larissa Kuzma hat sich für ein berufsbegleitendes Studium entschieden. Ihren Master in Palliative Care hat sie im letzten Sommer gemacht. Sie hat zusammen mit Medizinern, Psychologinnen, Soziologen und Erziehungswissenschaftlerinnen studiert und findet, dass das Studium besonders von der Praxisnähe und der interprofessionellen Ausrichtung lebt: „Jeder hat seine Probleme, Erfahrungen und Fälle mit in die Seminare gebracht“, sagt sie. „Das war wie eine Art Supervision.“

Kuzma hatte vor ihrem Masterstudium ebenfalls Pflege dual studiert und danach auf einer Palliativstation gearbeitet. Als die Entscheidung Fachweiterbildung anstand, entschied sie sich für den berufsbegleitenden Masterstudiengang an der Fachhochschule Münster. Parallel arbeitete sie mit 50 Prozent weiter auf ihrer Station in einem kleinen Haus in Osnabrück. Sie wollte bewusst nicht Vollzeit studieren. „Mir war wichtig, neben dem Studium Berufserfahrung zu sammeln“, sagt sie. Die übliche Kritik an akademisierten Pflegekräften – „die haben von der Praxis wenig Ahnung“ – hatte sie schon in ihrer dualen Ausbildung erlebt. Sie weiß: „Ich möchte immer in irgendeiner Art in der direkten Patientenversorgung arbeiten.“ Und gleichzeitig ihre praktischen Erfahrungen in die Wissenschaft und die Wissenschaft in die Praxis bringen.

Weiterqualifizierung muss selbstverständlich werden

Es brauche mehr qualifizierte Pflegefachpersonen wie Franke und Kuzma, die in der direkten pflegerischen Versorgung tätig sind, findet Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR) und Bildungsexpertin. „Wir brauchen Qualifizierungen, die an die Ausbildung anschließen.“ Das sei auch die Idee des Pflegeberufegesetzes. Dafür brauche es Studiengänge und Bildungswege, die für spezialisierte pflegerische Bereiche weiterqualifizieren. Mehr Qualifizierung bedeute mehr Wissen, mehr Versorgungssicherheit und mehr Karriereoptionen – das mache den Pflegeberuf auch attraktiver.

Vogler wünscht sich, dass Qualifizierung ganz selbstverständlich zum Berufsleben dazugehört. „Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir in drei Jahren ausgelernt haben.“ Das stecke in Deutschland oft noch in den Köpfen fest. Im Gegensatz zu anderen Ländern gebe es hier bislang auch keine Fort- oder Weiterbildungspflicht. „Bildungswege müssen in der Pflege eine Selbstverständlichkeit werden, die wir uns bewusst vornehmen und gönnen“, sagt sie. Vor allem die Masterstudiengänge, die für übergeordnete Aufgaben in der direkten Patientenversorgung qualifizieren, sind laut Vogler von besonderer Bedeutung, wie Advanced Practice Nursing oder auch Studiengänge in palliativer oder psychiatrischer Pflege.

Für die Studierenden ist ein berufsbegleitendes Studium jedoch eine Doppelbelastung, die viel Motivation und Durchhaltevermögen erfordert. „Wäre ich nicht absolut von dem Studium überzeugt gewesen, wäre mir der Aufwand zu hoch gewesen“, sagt Larissa Kuzma. Job und Studium gleichzeitig zu stemmen, gehe mit hohen zeitlichen und finanziellen Einbußen einher. Eine halbe Stelle bedeute auch nur ein halbes Gehalt – und das meist über zwei oder drei Jahre. Zudem müssten Studiengebühren und weitere Auslagen finanziert werden. „Mein Mann und ich hatten gerade ein Haus gekauft, das wir nun abbezahlen mussten“, erzählt sie. „Allein hätte ich das gar nicht stemmen können.“ Sie sei von ihrem Arbeitgeber zwar unterstützt worden, aber das vor allem, indem er ihr mit der Arbeitszeit entgegengekommen sei und sie Projekte während der Arbeitszeit durchführen konnte.

Ähnlich ist es bei Vanessa Franke. „Ich profitiere vor allem von den flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, mein Wissen aus dem Studium direkt anwenden zu können“, sagt sie. Zudem gebe es in der Universitätsmedizin Frankfurt bereits einige akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, mit denen sie sich austauschen könne. Auch seien Konzepte vorhanden oder werden gerade erarbeitet, wie diese Spezialisten in der Praxis eingesetzt werden können.

In kleineren Häusern, wie bei Larissa Kuzma, ist das nicht der Fall. Kuzma hat kurz nach Abgabe ihrer Masterarbeit eine Tochter bekommen und möchte im April 2025 wieder einsteigen. In ihrem Haus werden die Onkologie und Pneumonologie erweitert und es soll eine palliative Pflegeberatung eingeführt werden. Eine solche Position wäre für sie ideal. Trotzdem sieht sie es als Nachteil, dass man als Masterabsolventin oft gefordert sei, sich seine eigene Stelle samt Stellenbeschreibung zu schaffen.

Große Auswahl an berufsbegleitenden Studiengängen

Wer als Pflegefachperson berufsbegleitend studieren möchte, findet ein großes Angebot: Neben Pflegewissenschaft, -management und -pädagogik sind das zahlreiche Studiengänge, die speziell für die klinische Versorgung qua­lifizieren, zum Beispiel Advanced Practice Nursing, Community Health Nursing und Gerontologie. Auch Spezialisierungen, die im Moment noch überwiegend über Weiterbildungen abgedeckt werden, können mittlerweile als Studium absolviert werden wie Psychiatrische Pflege, Palliative Care, Intensiv- und Anästhesiepflege oder auch Notfallpflege.

Je nach Bundesland, Hochschule und Studiengang variieren die Kosten für ein Studium stark. An staatlichen Hochschulen sind berufsbegleitende Studiengänge in der Regel kostenfrei, es fallen lediglich geringe Semesterbeiträge zwischen rund 160 Euro und 400 Euro pro Semester an (inklusive Semesterticket). Wer an einer privaten Hochschule studiert, muss mit sehr viel höheren Kosten rechnen. Je nach Studiengang können diese bis über 800 Euro pro Monat liegen. Allerdings gibt es auch deutlich günstigere private Anbieter.

Insgesamt ist das Angebot an Studienmöglichkeiten für Pflegefachpersonen breit und wenig überschaubar. Das sei aber grundsätzlich nicht negativ, meint DPR-Präsidentin Christine Vogler. Sie kritisiert vielmehr, dass es in Deutschland an einer geordneten Bildungsstruktur fehle, bei der anerkannte Bildungsformate aufeinander aufbauen. Der DPR hat daher das Projekt „BAPID – Bildungsarchitektur der Pflege in Deutschland“ in Auftrag gegeben. „Mit diesem Konzept schaffen wir eine durchlässige und moderne Bildungsstruktur“, sagt Vogler. „Gleichzeitig sind wir damit sehr gut auf das Pflegekompetenzgesetz vorbereitet.“

Sich nicht vom Pensum abschrecken lassen

Mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen sind also dringend nötig. Der häufige Weg dorthin – ein berufsbegleitendes Studium – ist für die Studierenden jedoch anspruchsvoll. Aktuell schultern die Studierenden die Belastungen wie Verdienstausfall oder reduzierte Freizeit meist allein. Je besser jedoch die Unterstützung während und nach dem Studium, desto eher werden Pflegefachpersonen bereit sein, diese Doppelbelastung auf sich zu nehmen.

Vanessa Franke und Larissa Kuzma sind froh, dass sie diesen Weg gegangen sind. Man müsse sich aber sehr gut strukturieren können und Auszeiten gezielt einplanen. Wer sich für ein Studium interessiere, solle sich auch nicht vom Pensum abschrecken lassen oder Angst haben, dass es nicht funktioniere, sagt Franke. „Und falls es doch mal hakt oder sehr anstrengend ist, sollte man offen mit seinem Arbeitgeber sprechen. Meine Erfahrung: Für stressige Phasen findet sich immer eine Lösung.“

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