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  • 26.09.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Statements

Ausbildungsreform: Wie bereiten Sie sich vor?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2018

Seite 90

Die generalistische Pflegeausbildung startet zum 1. Januar 2020. Pflegeschulen müssen sich darauf sorgfältig vorbereiten. Doch welche Maßnahmen machen zum jetzigen Zeitpunkt Sinn? Hierzu haben wir vier Schulleitungen befragt, die in Modellprojekten bereits erfolgreich generalistisch ausgebildet haben.

Roland Schaefer ist Schulleiter der Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus Kliniken GmbH im saarländischen Lebach. Zwischen 2010 und 2016 wurden hier drei Modellkurse nach dem genannten "Lebacher Modell" generalistisch ausgebildet: 

Von 2010 bis 2016 hatten 60 junge Damen und Herren in drei Lehrgängen an der Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus Kliniken GmbH im saarländischen Lebach eine generalistische Pflegeausbildung absolviert. Die theoretische und die praktische Ausbildung waren auf das Ziel ausgerichtet, gleichwertige Ausbildungsanteile in der Versorgung von Patienten und Bewohnern aller Altersbereiche anzubieten. Die Ergebnisse waren sehr gut und können im Evaluationsbericht auf der Homepage der Verbundschule eingesehen werden.

Das Pflegeberufegesetz und die Ausbildungs- und Prüfungsordnung sind verabschiedet. Jetzt gilt es bis 2020, oder besser auch schon früher, die Weichen zu stellen. Ein Erfolgsgarant war und wird eine gut strukturierte und vernetzte Praxisanleitung in allen Ausbildungsbereichen sein. Die verschiedenen Einrichtungen der praktischen Ausbildung müssen in diesem Vorbereitungsprozess eingebunden werden. Alle Gruppen benötigen die Informationen, um sich auf eine neue Form der praktischen Ausbildung vorbereiten zu können. In einer Arbeitsgruppe bereiten sich die Leitungen der Bildungseinrichtungen, Vertreter der Pflegedirektoren der Kliniken und der Altenhilfeeinrichtungen auf die neuen Aufgaben vor. Die Bedenken und auch die Ängste aller Berufsgruppen kommen zur Sprache. Ein Ziel ist die zeitnahe Information und der Austausch mit allen beteiligten Stellen.

Der Rahmenlehrplan wird aller Voraussicht nach erst im Laufe des Jahres 2019 verfügbar sein. Ein auf die jeweilige Bildungseinrichtung abgestimmtes Curriculum muss in nur sechs bis neun Monaten erstellt und angepasst werden. Es gibt einige gute Curricula aus Modellprojekten zur generalistischen Ausbildung – unter anderem auch das Curriculum aus dem Lebacher Modell –, die als Grundlage herangezogen werden können. Es reicht nicht aus, nach dem Motto „Aus drei macht eins“ die Inhalte der bisherigen Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflege zu gleichen Teilen zu verbinden. Ein Scheitern wäre unvermeidbar. Es gilt, Synergien und gemeinsame Wissenselemente zu vernetzen. Die Reduzierung der Inhalte und der Komplexität in der Vertiefung zur Altenpflege muss in jedem Fall vermieden werden.

In der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung haben die Experten große Zeiträume der praktischen Ausbildung zur freien Verfügung gestellt. Es ist sinnvoll, diese Freiräume nach Absprache mit den Ausbildungsträgern zu einer echten generalistisch ausgerichteten Ausbildung zu nutzen. Das Modellprojekt an unserer Verbundschule hat gezeigt, dass die Absolventen gute bis sehr gute Kompetenzen entwickeln können, um Menschen aller Altersklassen und in allen Einrichtungen versorgen zu können.

Die Zeit drängt. Wenn die ersten Auszubildenden am 1. April 2020 hoffnungsvoll in eine neue Pflegekarriere starten werden, haben sie ein Anrecht auf eine gute strukturelle wie inhaltliche Vorbereitung der jeweiligen Bildungseinrichtung. Diese Absicht muss frühzeitig den neuen Kolleginnen und Kollegen mitgeteilt werden. Die potenziellen Bewerber müssen bereits 2019 begeistert werden, aber nicht mit leeren Versprechungen, die sich spätestens 2020 oder 2023 als Seifenblasen in Luft auflösen. Das Modellprojekt hat uns sehr viel Mut auf Neues gegeben. Wir starten hoffnungsvoll in die neue Pflegezukunft.

Hinweis: Ein Artikel über das „Lebacher Modell“ ist in der Ausgabe 8/2016 dieser Zeitschrift erschienen. 


Christine Vogler ist Schulleiterin der Pflegeschulen der Wannsee-Schule e.V. in Berlin. Für ihr Modellprojekt in der Pflegeausbildung erhielt Vogler im März 2018 den Berliner Frauenpreis:

Aufgrund unseres Modellprojekts haben wir schon lange Erfahrung mit der Umsetzung einer generalistischen Pflegeausbildung. Trotzdem gibt es auch bei uns vieles zu verändern und anzupassen. Schwerpunkte zurzeit sind Kooperationen und die Erstellung eines Curriculums.

Wir erweitern unseren Kooperationsverbund, um die Pflicht-, Orientierungs- und Vertiefungsstunden innerhalb des Verbundes anbieten zu können. Dazu sprechen wir Einrichtungen an, die Träger der praktischen Ausbildung sein können. Im Rahmen künftiger Kooperationsverträge legen wir zum Beispiel fest, wer die Akquise betreibt, wie viele Auszubildende der Träger ausbildenden kann, wer die Ausbildungsplanung übernimmt und so weiter.

Das Team, allen voran die Arbeitsgruppe Curriculum, baut um. Dabei nutzen wir die Kompetenzen der Anlagen der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, sortieren das bisherige um, erweitern die Perspektive auf die verschiedenen Pflegesettings und schärfen weiter den Blick auf das neue Berufsbild. Das funktioniert zum Beispiel über Teamtage, in denen die weiteren Schritte gemeinsam besprochen und sukzessive umgesetzt werden. Die „neuen“ Inhalte erobern wir uns als Team im Rahmen von Arbeitsprozessanalysen vor Ort.

Langsam beginnen alle zu verstehen, dass das Pflegeberufegesetz einschneidende Veränderungen mit sich bringen wird. Durch Informationen, Einbindung aller Beteiligten, kreative Ideen und Vernetzung – auch mit anderen Schulen – wird die Umsetzung machbar sein. Ein wichtiger Appell geht allerdings nochmal an die Länder: Umstellung und Entwicklung – und das auch noch in angemessener Qualität – gibt es nicht zum Nulltarif! Wir benötigen angemessene Anschubfinanzierungen für die Schulen und Träger. Sonst wird es eng werden – und wir können es uns nicht erlauben, auch nur einen Ausbildungsplatz zu verlieren.

Hinweis: In der Ausgabe 5/2016 dieser Zeitschrift ist ein Artikel über das Modellprojekt der Wannsee-Schule zur generalistischen Pflegeausbildung erschienen. 

Carsten Drude ist Geschäftsführer der Canisius Campus Dortmund gGmbH und Vorsitzender des Bundesverbands Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS) e.V.: 

Eine der häufigsten Fragen im beruflichen und berufspolitischen Umfeld, die mir derzeit gestellt wird, ist die nach dem Umsetzungsstand der generalistischen Pflegeausbildung. Einerseits ist damit die gesetzliche Lage gemeint, andererseits wird aber auch nach konkreten Schritten zur Vorbereitung in der eigenen Bildungseinrichtung gefragt.

Der Fahrplan des Gesetzgebers ist eindeutig: Die neue Pflegeausbildung beginnt ab dem 1. Januar 2020; für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung zum Pflegeberufereformgesetz (PflBRefG) fehlte bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch die Zustimmung des Bundesrats, diese ist aber für die Sitzung am 21. September 2018 vorgesehen. Weitere Infos gibt es unter www.bundesrat.de.

Bei den Lernorten Schule und Betrieb sind aber einige Entscheidungen und vorbereitende Maßnahmen zu treffen, die bereits jetzt angegangen werden können:

  • Welche Ausbildungsform biete ich zukünftig an? Meine Empfehlung: Es sollte ausschließlich die dreijährige, generalistische Ausbildung zum Pflegefachmann bzw. zur Pflegefachfrau angeboten werden, denn diese bietet den Absolventen die besten Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und spiegelt den Kerngedanken des Pflegeberufereformgesetzes wider.
  • Welche praktischen Einsatzorte habe ich im Port­folio? Bei großen Bildungseinrichtungen existiert bereits heute schon ein breites Netz an möglichen Einsatzgebieten in allen Sektoren. Kleinere Schulen und Einrichtungen sollten sich auf den Weg machen und jetzt Kooperationen mit den Einrichtungen und Schulen schließen, die nach traditioneller Aufteilung der Sektoren nicht in den eigenen Reihen vorhanden sind.
  • Wer kümmert sich um curriculare Entwicklungen in der Schule? Existiert eine „Curriculum-AG“ mit entsprechender Entscheidungskompetenz in der Bildungseinrichtung? Wenn nicht – gründen Sie diese! Suchen Sie Schulen, die bereits Erfahrungen mit mehreren Ausbildungsgängen bzw. mit generalistischen Ausbildungen haben. Nehmen Sie Kontakt zu diesen auf. Das Curriculum für die neue Ausbildung muss nicht bereits jetzt fertig vorliegen – hier wird auch die Fachkommission des Gesetzgebers mit dem Rahmenlehrplan noch einmal Vorgaben liefern, aber dennoch kann man sich auf den Weg machen.
  • Welches Verständnis von Generalistik herrscht vor? Die generalistische Pflegeausbildung ist etwas wirklich Neues und nicht die kumulative Zusammenführung dreier ehemals getrennter Ausbildungen. Welches Verständnis von Kompetenzorientierung herrscht vor? Wie weit ist das Team im Sinne der Lernfelddidaktik? Wird noch fachsystematisch oder eher handlungssystematisch unterrichtet? Wie steht es um das Thema „exemplarisches Lernen“? Müssen noch Fortbildungen zum Thema Generalistik besucht werden?

Dieses sind nur einige Fragen, die sich jede Schule aber auch jeder Ausbildungsträger stellen muss, um für die neue Pflegeausbildung vorbereitet zu sein. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich bereits jetzt mit dem Thema zu beschäftigen, denn 2020 kommt schneller als man denkt.

Kerstin Bugow ist Schulleiterin der Pflegeschule des Klinikums der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Pflegeschule der MHH bietet 220 Ausbildungsplätze, davon 70 in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Die Ausbildung erfolgt integrativ. Die Altenpflegeschule der Johanniterakademie bietet 60 Ausbildungsplätze in der Altenpflege: 

An der Medizinischen Hochschule Hannover haben wir bereits 2015 entschieden, dass wir eine von Grund auf neue Pflegeausbildung gestalten wollen, die generalistisch und kompetenzorientiert ausgerichtet ist. So wurde das Projekt KraniCH (Kompetenzorientiertes und anschlussfähiges Curriculum Hannover) mit dem Team der Altenpflegeschule der Johanniterakademie in Hannover ins Leben gerufen. Die wissenschaftliche Begleitung wird gemeinsam mit Frau Professor Schneider und ihren Mitarbeiterinnen Frau Kuckeland und Frau Hatziliadis vom Institut für Berufliche Lehrerbildung (IBL) in Münster durchgeführt.

In einer umfassenden Berufsfeldanalyse wurde den Fragen nachgegangen, welche allgemeinen bzw. speziellen Aufgaben und Herausforderungen Pflegende in den verschiedenen Pflegesettings mit Blick auf die Lebensspanne der zu pflegenden Menschen übernehmen. Die Beobachtungen und Interviews wurden von jeweils zwei Lehrenden durchgeführt, die sich aus den Teams der unterschiedlichen Fachrichtungen – Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege – rekrutierten. Die Auswertungen wurden sowohl von den Mitarbeitern des IBL als auch von der Steuerungsgruppe, bestehend aus Schulleitungen der beiden Schulen, vorgenommen.

Derzeit erstellt die Steuerungsgruppe ein generalistisches Curriculum für die dreijährige Ausbildung. Nur durch die kontinuierliche Begleitung des Teams, die permanente Auseinandersetzung um das eigene Pflegeverständnis und die Schaffung von Freiräumen zur aktiven Mitarbeit in dem Forschungsprojekt ist es möglich, alle Beteiligten „ins Boot zu holen“ und sie zu motivieren, an dem wichtigen Prozess der Veränderung aktiv teilzunehmen. Derartige Veränderungsprozesse benötigen eine hohe Eigenmotivation und die absolute Überzeugung der Schulleitung, dass in der Generalistik – die nur von der Pflege aus gedacht werden kann – die Zukunft für die nachfolgende Generation von Pflegefachfrauen und Pflegefachmännern liegt.

Wichtig ist zudem, die an der praktischen Ausbildung beteiligten Personen, wie die Praxisanleitenden sowie das „mittlere Management“ für die Vorzüge der neuen Ausbildung zu gewinnen und sie ebenfalls bei Entscheidungen mit einzubeziehen.

Aber nicht nur die Pflegenden selbst sollten sich mit dem neuen Berufsbild auseinandersetzen, auch die zukünftigen Bewerberinnen und Bewerber sowie deren Eltern und Berufsberater benötigen umfassende Informationen, damit der neue Pflegeberuf zu einem attraktiven Ausbildungsberuf mit Zukunftsperspektive wird.

Generalistik: Die 5 wichtigsten Änderungen

Allgemeines

  • Als Zugangsvoraussetzung ist ein mittlerer Schulabschluss erforderlich, das heißt eine mindestens zehnjährige allgemeine Schulbildung; auch ein neunjähriger Hauptschulabschluss in Verbindung mit einer Helferausbildung ist möglich,
  • Die Ausbildung soll zur Pflege von Menschen aller Altersgruppen in allen Versorgungsbereichen befähigen,
  • Die Berufsbezeichnung lautet: „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“,
  • Es handelt sich um eine „quasi-duale Ausbildung“, die in Schule und Betrieb erfolgt,
  • Die praktische Ausbildung erfolgt zum überwiegenden Teil bei dem Träger, mit dem der Ausbildungsvertrag geschlossen wurde (= Ausbildungsbetrieb),
  • Der Abschluss ist automatisch EU-weit anerkannt.

Neu: Mögliche Spezialisierung nach zwei Jahren

  • Alle Auszubildenden starten generalistisch (2 Jahre),
  • Für das dritte Jahr können die Auszubildenden wählen, ob sie weiter den generalistischen Abschluss anstreben oder den Berufsabschluss „Altenpfleger/in“ oder „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in“ (ohne automatische EU-weite Anerkennung); die bisherige Gesundheits- und Krankenpflege gibt es nicht mehr,
  • Für die Spezialisierung sollten sich die Auszubildenden in der Regel vier Monate und frühestens sechs Monate vor dem dritten Ausbildungsjahr entscheiden,
  • Sechs Jahre nach dem Start der Generalistik, also im Jahr 2026, wird geschaut: Wie viele haben den generalistischen Abschluss gewählt? Dann wird der Bundestag erneut entscheiden: Bleiben die Abschlüsse Altenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege weiter bestehen?

Neu: Vorbehaltsaufgaben für die Pflege

  • Erstmalig werden Vorbehaltsaufgaben für Pflegefachpersonen definiert,
  • Dazu gehören die Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, die Organi- sation des Pflegebedarfs sowie die Evaluation und Qualitätssicherung.

Finanzierung

  • Die Ausbildung ist für alle Auszubildenden kostenfrei, es muss eine angemessene Vergütung bezahlt werden,
  • Finanzierung erfolgt über Umlageverfahren,
  • Auf Landesebene gibt es Ausgleichsfonds für die Ausbildung,
  • Die Kostenträger werden grundsätzlich prozentual wie bisher beteiligt,
  • Es findet keine Deckelung der Ausbildungszahlen statt

Hochschulische Ausbildung

  • Eine primärqualifizierende hochschulische Ausbildung auf Bachelor-Niveau mit staatlicher Prüfung zur Erlangung der Berufszulassung ist möglich,
  • Die Zugangsvoraussetzung ist Hochschulreife mit Abitur oder eine gleich- wertige Qualifikation je nach Landesrecht,
  • Die Dauer der hochschulischen Ausbildung beträgt (unverkürzt) mindestens drei Jahre; es gibt keinen Ausbildungsvertrag und keinen Vergütungsanspruch,
  • Die Finanzierung obliegt den Ländern,
  • Die Berufsbezeichnung lautet: „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ in Verbindung mit dem akademischen Grad (B.A. oder B.Sc.).

Quelle: Vortrag auf dem Hauptstadtkongress 2017: „Das Pflegeberufegesetz – neue Perspektiven für die Pflege“ von Dr. Matthias von Schwanenflügel, Leiter der Abt. Demografischer Wandel, Ältere Menschen, Wohlfahrtspflege im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin