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  • 23.05.2017
  • Story

Modellprojekt zur generalistischen Pflegeausbildung

Der Politik voraus

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2016

Die Berliner Wannsee-Schule bildet Pflegende schon seit Jahren generalistisch aus. Das Zaudern der Politik stößt dort auf Unverständnis.

Ich möchte nicht unbedingt im Krankenhaus arbeiten", sagt Sarah Kollei. Ihre Aussage überrascht, absolviert sie doch gerade eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Doch Kollei hat das Glück, nach einem besonderen Curriculum ausgebildet zu werden. Sie lernt an der renommierten Wannsee-Schule in Berlin. „Wir bilden hier seit zehn Jahren nach einem generalistischen Modell aus", erklärt Schulleiterin Christine Vogler. Das heißt: Die Auszubildenden schließen zwar mit der Qualifikation „Gesundheits- und Krankenpfleger" ab, erhalten aber an der Schule theoretischen Unterricht auch in den Bereichen Kinder- und Altenpflege und absolvieren einen Teil der praktischen Ausbildung in entsprechenden Einrichtungen. „Die Wannsee-Schule ist von Beginn an eine zentrale Kooperationsschule", erzählt Vogler. Partner und Träger sind etwa das Helios Klinikum Emil von Behring, das Evangelische Geriatriezentrum Berlin, das Paulinenkrankenhaus oder auch das Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Große Widerstände

„Unsere Partner wollen, dass wir generalistisch ausbilden, denn sie benötigen Nachwuchskräfte, die alle Bereiche der Pflege kennen", berichtet Vogler. Krankenhäuser behandeln immer mehr Patienten, die beispielsweise an Demenz leiden. Im Gegenzug müssen Einrichtungen der Altenpflege immer mehr Bewohner versorgen, die krankenpflegerische Kompetenzen erfordern. Dazu kommt: Die Kooperationspartner der Wannsee-Schule, die in einem gemeinsamen Verein zugleich die Träger der Schule sind, betreiben sowohl Krankenhäuser als auch Pflegeeinrichtungen, wollen Personal also flexibel einsetzen können. „Von den Trägern kam die Frage an uns, ob wir nicht so ausbilden können, dass unsere Absolventen in allen Bereichen der Pflege einsetzbar sind", sagt Vogler.

Dass Kollei und ihre Mitschülerinnen generalistisch ausgebildet werden können, verdanken sie einer Regelung aus dem Jahr 2003, die Modellausbildungsgänge in der Gesundheits- und Krankenpflege erlaubt. Seit 2009 bildet die WannseeSchule ausschließlich generalistisch aus. Die Curricula stehen im Internet. Doch warum dann allein der Abschluss Gesundheits- und Krankenpfleger? Vogler sagt: „Wir müssen unter der heute existierenden Gesetzgebung ausbilden." Und die sieht nun mal nur die drei Berufsbilder der Gesundheits- und Kranken-, Gesundheits- und Kinderkranken sowie Altenpflege vor. „Altenpflege und Kinderkrankenpflege sind international nicht als Abschlüsse anerkannt", erklärt Vogler. Deshalb sei es eine politische Entscheidung gewesen, den am besten anerkannten Abschluss zu vergeben.

Die Bundesregierung bemüht sich, diesen Umstand zu ändern. Die zuständigen Minister für Gesundheit und Familie, Hermann Gröhe (CDU) und Manuela Schwesig (SPD), haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der dazu führen soll, dass die bisherigen drei Ausbildungsberufe zu einem gemeinsamen Abschluss „Pflegefachfrau/Pflegefachmann" zusammenwachsen, also eine generalistische Pflegeausbildung entsteht. Das Gesetzesvorhaben steckt gerade im parlamentarischen Verfahren.

Und es stößt auf große Widerstände. Besonders die Parteien Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke lassen am Gesetzentwurf der Bundesregierung kein gutes Haar. In vielen Bundesländern sitzen Grüne und Linke mit in der Regierung. Sie haben dafür gesorgt, dass der Bundesrat als Vertretung der Länder in Berlin sich dafür ausgesprochen hat, die Einführung der generalistischen Ausbildung um ein Jahr zu verschieben. Noch ist nicht sicher, dass die Länderkammer der Reform am Ende überhaupt zustimmt. Legt sie ihr Veto ein, kann die Generalistik scheitern.

Auch im Bundestag kämpfen die Fraktionen der beiden Parteien gegen das Gesetz. Und sie haben Verbündete in der mächtigen CDU-Fraktion, der größeren der beiden Regierungsparteien. Auch dort herrscht Skepsis. Da die Christdemokraten aber mit Hermann Gröhe den Gesundheitsminister stellen, und dieser sich lautstark und eindeutig zur Generalistik bekannt hat, dürfte es im Parlament am Ende eine Zustimmung geben. Allerdings könnte es sein, dass die Generalistik nur teilweise kommt.

Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass etwa die Kinderkrankenpflege ihren eigenen Berufsabschluss behält. Es herrscht die Furcht, dass sich nicht ausreichend viele Ausbildungs- und Praktikumsstellen finden lassen, wenn jede auszubildende Pflegekraft eine Station auch in der Kinderkrankenpflege einlegen soll. Die Grünen favorisieren ein Modell, dass sie integrative Ausbildung nennen. Dabei lernen alle drei Berufsgruppen zwei Jahre gemeinsam, spezialisieren sich dann im dritten Jahr und erhalten einen Abschluss wie bisher auch in einem der drei Bereiche Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege.

Wannsee-Schulleiterin Christine Vogler erträgt diese Einwände kaum noch, macht sie doch in ihrer eigenen Schule vor, wie es gehen kann. Am Wannsee in Berlin funktioniert die Generalistik. Zu wenig Praxisplätze für Stationen in der Kinderkrankenpflege? Kein Problem! „Wir haben Kooperationen mit Kindergärten geschlossen. Da gehen unsere Auszubildenden hin, um zum Beispiel präventive Aufgaben im Bereich gesunde Ernährung zu übernehmen."

Prävention ist aus Voglers Sicht ohnehin ein gewaltiges Feld, auf dem Pflegende ihre Kompetenzen einbringen können. Aber kann eine so ausgebildete Fachkraft dann auf einer Intensivstation für Kinder arbeiten? Wohl kaum. Aber: „Wir müssen uns ohnehin von der Vorstellung verabschieden, dass Pflegekräfte nach einer dreijährigen Ausbildung alles können. Lebenslanges Lernen ist auch und gerade in der Pflege angesagt", erklärt Vogler.

Die Schulleiterin berichtet über Kritikpunkte von Absolventen. In regelmäßigen Umfragen nach ihrer Ausbildung haben die ehemaligen Schüler die Möglichkeit sich zu äußern, etwa zu der Frage, welche Inhalte ihnen in der Ausbildung gefehlt haben. „Da kommt dann beispielsweise die Rückmeldung, dass die ehemaligen Schüler Wissen über die Versorgung von Brandverletzen im Intensivbereich benötigen, das sie im Rahmen der generalistischen Ausbildung bei uns nicht bekommen haben. Oder sie hätten gerne mehr gelernt aus dem Bereich Medikamentenlehre in der Psychiatrie. Dann denke ich: Wir machen alles richtig. Denn diese Felder können wir nur begrenzt im Rahmen einer Grundausbildung abdecken."

Freiraum für flexible Einsatzgebiete

Die schärfste Kritik an der Generalistik kommt aus der Altenpflege. Ambulante Pflegedienste könnten es nicht leisten, nach dem geplanten neuen Pflegeberufegesetz auszubilden, lautet der Vorwurf. Damit gingen wertvolle Ausbildungsplätze verloren, der Mangel an qualifizierten Fachkräften würde sich verschärfen. Die Generalistik gleicht nach dieser Logik einer Förderung der Gesundheits- und Krankenpflege zu Lasten der Altenpflege. Außerdem drohen Kompetenzen verloren zu gehen. Vogler widerspricht. Das Curriculum an der Wannsee-Schule vermittle die Fähigkeiten nicht mehr, indem es Patienten nach Alter einteile sondern indem es Themenkomplexe abarbeite. Beispiel Ernährung: „Wir schauen uns die grundlegenden Fragen zu dem Thema an. Unserer Schüler lernen dann, wie sich die Bedarfe im Lebenszyklus wandeln, vom Säugling bis zum pflegebedürftigen alten Menschen."

Ein Großteil der Fachkompetenz entwickele sich jedoch ohnehin erst in der praktischen Tätigkeit. Es gehe in der Generalistik um eine andere Auseinandersetzung mit dem Beruf Pflege. Am Ende stünden etwa bessere Reflexionsfähigkeiten verbunden mit einem größeren Selbstbewusstsein. „Die Frage ist, ob ein Altenpflegeträger an einem dahingehend besser qualifiziertem Personal überhaupt Interesse hat, zumal wenn er unter Tarif bezahlt", sagt Vogler mit Blick auf die Generalistik-Gegner. „Es ist nicht in Ordnung, dass eine Fachkraft in einer von der Krankenkasse bezahlten Geriatrie-Klinik eine Zulage erhält, wogegen die Tätigkeit in einer Wachkoma-Station, die unter die Pflegeversicherung fällt, unter Tarif bezahlt wird."

Sie verweist auf ihre praktischen Erfahrungen. Viele der Kooperationspartner und Träger der WannseeSchule hätten auch Einrichtungen der ambulanten Pflege, etwa mobile Pflegedienste. Dort könnten die Schüler umfangreiche Erfahrungen sammeln, so wie es Pflegeschülerin Sarah Kollei getan hat. „Mir hat der Einsatz in der ambulanten Pflege sehr gut gefallen", berichtet sie und sagt weiter: „Schließlich bietet dieses Einsatzgebiet mehr Freiräume für eigenständige, selbstbestimmte Tätigkeiten." Noch weiß sie nicht, wo ihr Weg sie hinführen wird. Aber der generalistische Ansatz der Ausbildung schafft Freiraum für ein flexibles Einsatzgebiet und eine Basis für Weiterbildungen.

Gewaltiger Fortschritt

Auf diese setzt auch das Pflegeberufsgesetz. Schulleiterin Vogler hebt den gewaltigen Fortschritt hervor, den das Gesetz mit sich bringt. „Erstmals werden vorbehaltene Tätigkeiten definiert", erklärt sie. Es wird also genau festgelegt, welche Qualifikationen nötig sind, damit eine Pflegeperson bestimmte Aufgaben übernehmen darf. „Das stärkt die Profession der Pflege insgesamt", ist sich Vogler sicher. Am Ende könne dann auch neu über das Thema Bezahlung gesprochen werden.

Doch immer bessere Qualifikationen und stetig wachsende Anforderungen bergen auch die Gefahr, dass die Pflege sich zu einem Beruf entwickelt, den nur noch Abiturienten ergreifen können. An der Wannsee-Schule haben 75 Prozent der Schüler die Hochschulreife. Jedoch gibt es auch einen Einstieg für diejenigen, die das Bewerbungsverfahren für die generalistische Ausbildung nicht bestehen, sich diese nicht zutrauen oder aus anderen Gründen nicht beginnen. Sie können seit dem Jahr 2011 eine einjährige Ausbildung zur Pflegeassistenz starten. Das Besondere: Nach bestandender Ausbildung und mindestens einjähriger Berufstätigkeit können sie ohne neues Bewerbungsverfahren in die generalistische Ausbildung starten. So verstanden schafft die generalistische Ausbildung viel Flexibilität für die Pflege, was Qualifikationsgrad und -richtung angeht.

 

 

 

 

Christine Vogler ist Schulleiterin der Berliner Wannsee-Schule und überzeugt von den Vorteilen einer generalistischen Ausbildung.

"Unsere Kooperationspartner wollen, dass wir generalistisch ausbilden, denn sie benötigen Nachwuchskräfte, die alle Bereiche der Pflege kennen"